Fisker Tramonto

Fiskerman’s Friend

Foto: Hans-Dieter Seufert 13 Bilder

Der Fisker Tramonto ist ein Rachenputzer. Optik und Antrieb des neu karossierten Mercedes SL 55 AMG sind scharf wie Minze. Das silbergraue Cabrio zieht durch. Sinnesstürme zischen wie Minze durch den Kopf. 835 Nm raffen die Zeit zwischen zwei Kurven, stampfen Geraden ein.

Das silbergraue Cabrio zieht durch. Sinnesstürme zischen wie Minze durch den Kopf. 835 Nm raffen die Zeit zwischen zwei Kurven, stampfen Geraden ein. Der Fahrer atmet bis tief hinunter ins Zwerchfell, liefert dem Hirn Brennstoff, damit der Arbeitsspeicher nicht stockt. Seine Leistungsorientierung trägt der Fisker Tramonto mit sportwagenartigem Ernst vor.

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Erst enge Radien offenbaren eine süß-schwere Balance: Der gedrungene Sportler ist mehr Bögen-Schwinger als Kehren- Schlinger – eben typisch Mercedes SL, der unter der Haut des Tramonto steckt. Ganz schön selbstsicher, Herr Fisker. Der ehemalige BMW- und Aston Martin-Designer nimmt das perfekt konstruierte Super-Cabrio von Mercedes, reißt ihm bis auf Frontscheibe und Faltdach das barocke Blechgewand vom Leib, kleidet ihn in Carbon und verkauft den kostümierten SL als eigene Kreation: als Fisker Tramonto, einen weiteren Repräsentanten der Welt der Schönen und vor allem Reichen.

Unter 104 300 Euro kommt man mit der neuen Autofirma nicht ins Geschäft – nur für den Karosserie-Umbau. Doch vorher muss der Kunde einen nagelneuen SL 55 AMG anliefern. Für 131 660 Euro. Soll sich der Fisker auch leistungsmäßig von der Spenderversion abheben, gibt es optionalen Boost von 110 PS. Macht noch einmal 41 800 Euro. Oder im Paket soviel wie drei Nobellimousinen: rund 277 000 Euro – für ein Auto ohne Historie, ohne Nimbus, ohne Image.

Doch Henrik Fisker belebt ein altes Handwerk mit der Souveränität eines Erfolgsmenschen: Coachbuilding, zu deutsch Karosseriebau. Oder auch auf die Spitze getriebene Individualität. Die Idee, sich als Auto-Aficionado ein Blechkleid als Maßanzug schneidern zu lassen, so wie die Käufer von Fünfziger-Jahre-Luxusmodellen.

Obwohl er die Aston Martin-Designsprache spricht, ist der Tramonto kein plumpes Plagiat. Schließlich stammen auch DB9 und Vantage aus Henrik Fiskers Feder. Und deren klassisches Profil findet sich im neuesten Werk wieder.

Nicht zu vergessen der schwärmerische Linien-Fluss, der die Entwürfe des großen Blonden eint – und beim Betrachter andächtige Stille auslöst.

Sieht kein bisschen nach umoperiertem SL aus, der Tramonto. Vielmehr so, als wäre er nie anders vom Band gelaufen: schlüssiges Design, hervorragende Verarbeitung – und dabei nicht einmal unpraktisch. Beim Fahren liegt das Stilelement der ausgeprägt gewölbten Fronthaube als Peilhilfe im Blickfeld.

Zur Silhouette des Kühlergrills inspirierte Fisker das Kampfflugzeug F/A 22 Raptor. Die beiden senkrechten Striche in der Mitte symbolisieren Zeichenstift und Modellierklinge als Werkzeuge des Designers, die Farben des Firmenlogos Sonnenuntergang und Pazifik, stellvertretend für das kalifornische Newport Beach als Unternehmenssitz. So einfach wie einprägsam.

Wie krampfhaft muten dagegen die Versuche einiger fernöstlicher Hersteller an, ihren Autos ein Familien-Gesicht zu verleihen. Berechtigter Stolz schwingt mit, wenn Fisker die Entwicklungszeit des Tramonto beziffert: sieben Monate. „So lange benötigen große Hersteller oft für die Konstruktion eines Türgriffs“, sagt der dänische Designer. Und weil alles so glatt lief, entstand parallel als zweites Modell der Fisker Latigo, ein umkarossierter BMW Sechser. Klingt unwirklich, diese Start-up-Story.

Vor allem, wenn Fisker seine Mitstreiter vorstellt: Ex-Designkollege Bernhard Köhler, für Technik und Geschäftsführung zuständig, sowie Cristina Cheever, verantwortlich für Werbung und Vertrieb. Nur diese drei sind Fisker Coachbuild. Zulieferer ersetzen fest angestellte Mitarbeiter, so bleiben die Kosten niedrig genug, dass bereits je 150 verkaufte Exemplare des Tramonto und des Latigo Gewinn erwirtschaften.

Mehr werden nicht aufgelegt: Sind beide ausverkauft, gibt es ein neues Modell. Exklusivität, Verknappung und Limitierung schüren Sammler-Begehren. 15 Stück sollen pro Monat gefertigt werden, und damit ist die Produktion bereits bis zum kommenden Juni ausverkauft. Allein 48 Fisker hat ein Autohändler in Beverly Hills geordert.

Dessen Klientel kauft Auto-Preziosen aus einer Laune heraus, bezahlt sie bar – und will sie natürlich auch gleich vom Hof fahren. Henrik Fisker attestiert seinen Kunden hohes Selbstbewusstsein: „Sie stellen Einzigartigkeit vor Image.“

In kalifornischen Reichenvierteln, wo der Bestseller Porsche Carrera GT statt VW Golf heißt, scheint ein Fisker als letzte Rettung vor drohender Proletarisierung des Luxus. Ein SL mit übergestülptem Sportwagen-Mantel bleibt trotzdem ein Mercedes mit kristallklarer Funktionalität:

Der Einstieg gelingt unverkrampft, das Dach faltet sich elektrisch, und das Schalten übernimmt die Automatik. Die Stern-Perfektion verströmt im Fisker Tramonto Heimeligkeit. Wobei die Schnittstellen Mensch–Maschine organischer werden.

Das Leder: riecht nach Tierhaut statt Gummi, fasst sich wie ein feiner Herrenschuh an. Patina erwünscht. Noch mehr Gefühl transportiert das Performance Package (siehe Spotlight) in den Fisker-SL. Mercedes-Ingenieure würden ihren Ohren nicht trauen: Big block-Bass, tief und fett, bollert aus ihrem 5,5-Liter-V8, macht die Landstraße zum Nascar-Oval. Wieviel Amerika in diesem urdeutschen Motor steckt, wenn man nur die Geräuschvorschriften großzügig auslegt.

Das Klang-Gewitter ist kein leeres Versprechen: So ungedämmt wie der Ton ist auch der Schub. Der Tramonto schmettert die Geraden entlang, sprotzelt beim Gaswegnehmen in der Anbremszone aus allen vier Rohren, schreddert unter metallischem Hämmern aus den Kurven.

Ein ausreichend bewegliches Muscle-Car, dessen größte Erfüllung jedoch der durchbeschleunigte Dragstrip mit weichen Bögen ist. 835 Nm rocken den SL, urwüchsig, urknallig und stampfend. So muss das früher im kraftmeiernden 7,4-Liter- Dodge Charger gewesen sein. Haben darauf nicht schon viele gewartet?

Auf einen Kleinserien-SL mit Tritt in den Hintern, aber ohne Zicken, für den verlässlichen Spaß in exotischem Ambiente? Einen Boulevard-Brenner, den der Mercedes-Händler ums Eck warten kann? Vordergründig erscheint der Karosserie-Umbau als autokulturelle Überfütterung.

Doch beim Fahren ist er da, der tiefere Sinn der Unvernunft: Fisker bringt pralles Leben in den sterilen Musterschüler SL. Rodeo Drive-Emotion. Abenteuer. Im Tramonto schmeckt der Herbstwind schärfer. Nach Minze extrastark.

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