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Zwei gepanzerte Land Rover im Test

Schussfeste Land Rover-Versionen im Fahrbericht

Äußerst verschwiegen betreiben diverse Hersteller den Umgang mit einer außergewöhnlichen Kundschaft. Gepanzerte Sonderversionen von Serien-Fahrzeugen, die ihre Besitzer vor Angriffen schützen sollen. Land Rover hat uns einen exklusiven Einblick hinter die Kulissen gestattet.

"Move! Or you'll die!“. Die dramatische Anweisung stammt von Ian Halton. Den Wagen sofort in Bewegung zu setzen, um nicht zu sterben – in den Ohren eines ganz normalen Autofahrers klingt das außerordentlich skurril. Doch Ian ist das exakte Gegenteil eines Sprücheklopfers, er meint solche Anweisungen durchaus ernst. Auch wenn hier gerade definitiv keine Lebensgefahr droht.
Wir befinden uns in der Grafschaft Warwickshire in Mittelengland. Genauer gesagt auf dem Testgelände der britischen Kult-Marken Land Rover und Aston Martin nahe der Ortschaft Gaydon. Der ehemalige Flugplatz der Royal Air Force wird inzwischen hauptsächlich als Erprobungsgelände für die beiden Marken genutzt, stark getarnte Prototypen von Aston Martin ziehen gerade laut brüllend ihre Runden auf der Hochgeschwindigkeitsbahn. Als Außenstehender dieses abgeschirmte Gelände betreten zu dürfen ist ebenso ungewöhnlich wie die Bekanntschaft mit Ian Halton. Der Fahrtrainer hat in den historischen Tower des einstigen Luftwaffenstützpunkts gebeten.

Trainingsprogramm: Angriffs-Szenarien, ausweichen, Flucht nach hinten

Vor der Fahrpraxis mit den zwei Fahrzeugen, auf denen Ian uns an diesem Tag unterweisen wird, steht die Theorie. Und der Einstieg in eine Welt, die Normalbürgern so exotisch erscheint wie ein völlig ernst gemeinter Vortrag über den Alltag von James Bond. Ian spricht über Risiko-Vermeidung, erläutert Angriffs-Szenarien, skizziert Gefahrensituationen. Üblicherweise läuft die theoretische Einweisung über einen kompletten Arbeitstag, für uns hat Land Rover das Programm ein wenig gestrafft. Rund eine Stunde dauert das Referat über terroristische und kriminelle Attacken auf das eigene Leben. Danach ertappe ich mich, wie ich die Umgebung auf dem Weg zu den geparkten Spezial-Land Rover nach ungewöhnlichen Anzeichen scanne. Absurd, hier auf dem abgesperrten und streng bewachten Firmengelände. Aber durchaus beabsichtigt, wie Ian später erläutert. Awareness, Wachsamkeit - das sei die wichtigste Lektion, die er seinen Kunden antrainiere. Der theoretische Teil falle deshalb normalerweise noch erheblich drastischer aus als gerade erlebt.

Ian hat sein Handwerk in Diensten des britischen Verteidigungsministeriums gelernt. Das muss als Antwort auf die Frage nach seinen Qualifikationen genügen, mehr gibt der markige Trainer nicht über sein Vorleben preis. Man glaubt ihm auch ohne weiteres nachbohren, dass seine Vergangenheit im Auftrag Ihrer Majestät eher außergewöhnlich war.

Land Rover Discovery und Range Rover Vogue als gepanzerte Versionen

Zwei Land Rover-Versionen warten auf das Fahrtraining. Der Discovery TDV6 ist als Begleitschutz-Fahrzeug konstruiert, wiegt rund vier Tonnen. Sein Laderaum ist von einer zusätzlichen Panzerwand abgeschottet. Der Range Rover Vogue 4.4 ist für Selbstfahrer und als Chauffeurs-Auto ausgelegt. Er bringt rund 4,5 Tonnen auf die Waage. Auf rund 3500 Einheiten weltweit taxiert Land Rover den jährlichen Bedarf an solchen Sonderschutz-Modellen, Tendenz steigend. Das hohe Gewicht sieht man den Geländewagen von außen nicht an, erst bei näherem hinsehen fallen ein paar Details auf, die sich von den Serienversionen unterscheiden. Mit der so genannten Beschussklasse B6 sind die beiden Allradler in die zweithöchste von sieben Kategorien eingeordnet. Die zentimeterdicken Scheiben und unsichtbare Panzerungen am Karosserieblech lassen sie gegen den Angriff mit automatischen Handfeuerwaffen bis hin zur berühmt-berüchtigten „Kalaschnikow“ bestehen. Kurzfristig, wie Ian betont: „Es gibt keine schusssichere Panzerung!“ Mit einem solchen Auto erkaufe man sich stattdessen lebenswichtige Zeit für den Rückzug aus einer Gefahrensituation. Womit der Bogen zur eingangs erwähnten Fahranweisung geschlagen ist.

Land Rover Discovery und Range Rover werden direkt bei der Herstellung umgebaut

Die Umbauten an den gepanzerten Land Rover-Modellen werden direkt bei der Produktion vorgenommen. Das macht sie preiswerter als nachträglich umgerüstete Fahrzeuge. Rund 125.000 Euro muss man für den Discovery investieren, die B6-Standard-Ausführung des Range Rover Vogue ist ab rund 220.000 Euro zu haben. Das ist der Basispreis, der sich mit zusätzlichen Installationen bis hin zur autarken Sauerstoff-Versorgung für die Insassen noch entsprechend steigern lässt. Neben der Karosserie-Panzerung, die selbst eine massiv verstärkte Einhausung des Batteriekastens umfasst, ist der Unterboden mit Kevlarmatten verkleidet, der Kraftstofftank selbstabdichtend, die Run-Flat-Reifen darauf ausgelegt, bis zu 50 Kilometer Wegstrecke im platt geschossenen Zustand zu bewältigen. „Die Detonation von 15 Kilo TNT-Sprengstoff in drei Meter Entfernung überlebt man“, so Ian. Eine Aussage, die man ungern in der Praxis nachvollziehen möchte.


Beim entern des Range Rover gibt es dennoch eine schmerzliche Erfahrung: Die Panzerung der A-Säule und die gegen eindringende Geschosse überlappenden Verkleidungen an den Türausschnitten tragen dicker auf, als man das vom hoch aufragenden Range Rover gewohnt ist. Die Kopfnuss erinnert daran, dass an diesem äußerlich so unscheinbaren Geländewagen einiges anders ist. Bei der Inspektion des Innenraums fallen weitere Besonderheiten ins Auge. Der Drehregler für das Terrain-Response-System, mit dem sich im Serienauto verschiedene Programme für die Geländefahrt aufrufen lassen, ist auf zwei Stellungen reduziert. Die serienmäßige Höhenverstellbarkeit des Luftfederfahrwerks entfällt ebenfalls, für das verdoppelte Gewicht des gepanzerten Allradlers wurde das gesamte Fahrwerk verstärkt und eine vergrößerte Bremsanlage eingebaut. Unauffällig im Armaturenbereich integriert finden sich Schalter für eine Gegensprechanlage (die Seitenscheiben lassen sich nicht öffnen), eine Feuerlöscheinrichtung, beim Discovery außerdem der Knopf für die im Stoßfänger verborgene Blaulicht-Signalanlage. Dass Geländewagen statt Luxuslimousinen für diesen Einsatz umgebaut werden, hat durchaus System: Die bessere Übersicht aus dem hohen Aufbau kann im Ernstfall entscheidend sein. Außerdem bringen die Allradler ein robustes Grundgerüst mit, das sich besser für die schwergewichtige Panzerung eignet.Schwergewichtiger Kampf mit der FahrphysikDer Begriff Fahrsicherheits-Training gewinnt in Gaydon eine neue Bedeutung. Auf dem Programm mit den beiden Schwergewichten stehen Praxisübungen der etwas anderen Art. Zwei Optionen haben dabei Priorität: Die erheblich veränderte Fahrdynamik der tonnenschweren Spezialfahrzeuge beherrschen und in Gefahrensituationen schnellstmöglich die Flucht anzutreten. Dazu gehört das ungewöhnliche Training, mit Vollgas rückwärts einen Zickzackkurs durch eine Pylonengasse zu absolvieren ebenso wie die korrekte Einschätzung des Anhalteweges aus hohem Tempo – immerhin erreicht der gepanzerte  Range Rover eine Höchstgeschwindigkeit von rund 180 km/h. Eine weitere Option der Spezialfahrzeuge, das kontrollierte Rammen von zu Barrikaden aufgestellten anderen Autos, erläutert Ian Halton dagegen diesmal nur in der Theorie.Gewöhnungsbedürftig ist einiges an diesen Land Rover-Geländewagen. Das durch die Panzerung erheblich niedrigere Innengeräusch erlaubt nur wenig Rückschluss auf die Fahrgeschwindigkeit. Wer das nicht beachtet, ist in Kurven mit der Physik konfrontiert und tritt den Gleitflug geradeaus an. Besonders spürbar ist das auf dem unbefestigten Parcours, der sich wie ein Feldweg rund um das Fahrgelände zieht. Biegungen, die man in einem serienmäßigen Range Rover unbekümmert mit hohem Tempo durchzirkeln kann, lassen den schweren Panzerwagen schon bei halber Geschwindigkeit unbarmherzig ins Abseits trudeln. Eine Erkenntnis, die sich auf den verschiedenen Straßenkursen wiederholt. Auf ihnen sind alle denkbaren Beläge vom Kopfsteinpflaster über mit Kanaldeckeln gespickte Schlaglochpisten bis hin zur griffigen Autobahn abgebildet. Künstlich beregnete Strecken gehören ebenso zum Repertoire wie mit Gleitfolien zur Glatteisbahn aufbereitete Abschnitte. Zwei bis drei Tage dauert das Standard-Training üblicherweise. Damit einher geht allerdings nicht nur das Erlernen der Fahrphysik. Auch der Blick wird geschult - schließlich könnte nach jeder schlecht einsehbaren Kurve ein Hinterhalt lauern.Wir hingegen treten abends in einem ganz normalen Range Rover den Rückweg zum Flughafen an. Das normale Leben jenseits hoch gefährdeter Prominenz hat uns wieder. So beruhigend ein gepanzerter Geländewagen für manche Klienten auch sein mag – irgendwie ist es schön, nicht auf diese Art der Lebensversicherung angewiesen zu sein.


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