Lambo Gallardo Superleggera

Weniger ist schwer

Foto: Hans-Dieter Seufert 21 Bilder

Als Superleggera kämpft der Lamborghini Gallardo ab sofort in einer niedrigeren Gewichtsklasse. Über 100 Kilogramm weniger, aber zehn PS mehr lassen die Performance des Mittelmotor-Zweisitzers explodieren. Erster Fahrbericht mit Messwerten.

Ein Hauch Benommenheit. Kurzes Sinnesrauschen. Atemstocken. Dann weicht das Schwächegefühl, und die Schärfe kehrt in den Verstand zurück. Doch der Tacho des Gallardo Superleggera zeigt bereits 60 km/h an, und das automatisierte E-Gear-Schaltgetriebe knallt den Passagieren den zweiten Gang um die Ohren. Kaum drin, ist er ausgedreht und die 100er-Marke erreicht.


Die brutale Beschleunigung hinterlässt eine angenehme Verstörung sowie die Erkenntnis, dass ein Zeitsprung wohl doch möglich ist. Ihn initiiert der Thrust Mode genannte Schub-Modus. Eine einfache Serie aus Knöpfedrücken aktiviert den virtuellen Beschleunigungs-Helfer des Lamborghini: ESP aus, Sport an, mittels Schaltwippe den ersten Gang einlegen.

Fuß von der Bremse und voll aufs Gas. Ab jetzt übernimmt das Steuergerät: Der Fünfliter-V10 grölt bei 5000/min, die Kupplung schlupft, dann die vier angetriebenen Räder. Der kleine Stier scharrt kurz mit den Hufen, lässt einen wuchtigen Satz zum imaginären Torero folgen, der ihn mit seinem Tuch reizt. Dabei wirkt er wie von einer Last befreit. Und auf dem Körper der Passagiere liegt ein lähmender Druck.

Tatsächlich schleppt der Superleggera (siehe Spotlight Seite 36) annähernd das Gewicht von zwei Männern weniger als der Gallardo: vollgetankt 1497 statt 1634 Kilogramm. Superleicht, wie das Präfix suggeriert, ist das nicht. Es würde eher zu einem Lotus Exige passen, denn schwerer als eineinhalb Tonnen sollten Supersportwagen prinzipiell nicht sein.

Beim Work-out trieben die italienischen Ingenieure den Gallardo nicht an die Grenzen der Belastung und haben ihm dennoch 37 Kilogramm mehr Fett als die versprochenen 100 abtrainiert. Ebenso wie der Rahmen sind die meisten Karosserieteile nach wie vor aus Aluminium.

Nur Heckdiffusor, Unterboden- Abdeckung, Außenspiegel sowie die Einfassung der Motorhaube sind aus kohlefaserverstärktem Kunststoff; lüsterne Blicke auf den V10- Schubgenerator gestattet ein durchsichtiges Polycarbonat. Landläufig kennt man diesen Kunststoff als Plexiglas. Er ersetzt auch das Glas im Heck-Sehschlitz sowie die hinteren Seitenscheiben.

Zusammen ergibt das jedoch erst 30 Prozent des Gewichtsverlusts. Allein die Hälfte lässt sich im Innenraum entdecken, wobei die meist reflexartig der Sportlichkeit geopferte Klimaanlage im Superleggera weiterhin geduldet wird. Sogar die elektrischen Fensterheber dürfen bleiben; so viel Alltags-Komfort muss sein.

Schlanke Felgen sowie der dünnwandigere Auspuff bringen die übrigen 20 Prozent Ersparnis. Lamborghini backt nicht nach dem Standard- Rezept für Renn-Semmeln, sondern wählt selbst für das kalorienreduzierte Menü Gourmet-Zutaten: Alcantara ersetzt Leder, eine Sichtcarbon-Wanne die Türverkleidung, eine Haube aus dem gleichen Material die Beplankung des Getriebetunnels.

Statt Navigations-Bildschirm prangt eine große Carbon-Platte mit stolzem Lamborghini- Schriftzug im Armaturenbrett. Bei der Lieblings-Diät der Sportfahrer ist der Jo-Jo-Effekt garantiert ausgeschlossen: Weniger Gewicht, mehr Leistung und die (Zehntel-)Sekunden purzeln. An den vier Antriebswellen reißen offiziell nur zehn PS mehr als bisher (520 PS), gewonnen durch geringeren Staudruck beim Ansaug- und Abgassystem sowie einer daran angepassten Motorsteuerung.

Tatsächlich beschleunigt der Superleggera den Gallardo geradezu aus. 3,7 statt 4,2 Sekunden von null auf 100 km/h, 12,8 statt 15 Sekunden auf 200 km/h. Endlich liefert Lamborghini die bislang nur versprochenen PS vollständig. Superleggera ist eine super-leckere Abmagerungskur und Lamborghinis Beitrag zur CO2-Reduktion: Geringeres Gewicht bedeutet einen Verbrauchsvorteil. 137 Kilogramm weniger dürften sich bei einem späteren ausführlichen Test in der Kraftstoff- Kalkulation positiv bemerkbar machen.

Wer könnte an dieser Art von Verzicht keinen Gefallen finden? Wer wollte da kein Weight-Watcher werden? Und beinhaltet der Begriff Fasten nicht auch das englische fast, zu deutsch schnell? Test-Faster vor! Zeit wäre es für das so genannte Corvette- Experiment: Erwischt der Beifahrer bei Vollgas im ersten Gang einen am Armaturenbrett befestigten 100-Euro-Schein? Kann er seinen Arm gegen den Druck von 510 äußerst effektiv ausgeschwemmten Newtonmetern kontrollieren? Gerne nimmt der Autor Wetten an ...

Anders als der Murciélago verzichtet der Gallardo auf traditionelle Flügeltüren – so auch der Superleggera. Er setzt hier, ebenfalls markenuntypisch, auf den nach innen gewendeten Aha-Effekt: Türschlaufen statt -griffe, In- statt Exhibitionismus. Die erstaunlich bequemen Rennschalen bauen auf einem Gerüst aus carbonverstärktem Fiberglas auf und sind mit grauem Alcantara bezogen – leger wirkt allenfalls die manuelle statt elektrische Sitzverstellung, das Outfit mit dem gelben Nadelstreifen dagegen ist höchst elegant.

Geschönte Aggressivität, die vom eigentlichen Charakter ablenkt: Der Superleggera ist ein röhrender Balzer. Krachledern, raubeinig und radikal komprimiert. Seine glühende Haltung züngelt am Fahrer, springt über, entflammt ihn. Das Gaspedal dosiert Leistung und Adrenalin, mit dem Motor dreht der Puls hoch. Motor? Eher ein Treibsatz der Leidenschaft, ein Fünfliter- Reaktor.

Bei niedrigen Drehzahlen brodelt der V10 wie ein gedoppelter Audi 5E-Fünfzylinder, fährt in die Ton-Sättigung, übersteuert zunehmend, verzerrt schließlich noch eine Spur schmutziger als im Gallardo.

Man wird zum Drehzahl-Junkie, zappt sich mit den Schaltwippen durch die sechs Gänge (E-Gear aufpreisfrei) und lässt sich von der inneren Unruhe des Südländers anstecken. Sein heißer Atem ist im Nacken spürbar. Davon profitieren auch die straßenzugelassenen Semislicks Pirelli P Zero Corsa, die sich erst für den Grenzbereich erwärmen müssen.

Die steiferen Flanken walken weniger, das Limit ist schwerer auszumachen als das der P Zero Nero – bei abgeschaltetem ESP muss man das Gefühl fürs rutschende Auto neu erlernen und Vertrauen fassen. Hierbei hilft das allradtypische Kurveneingangs- Untersteuern, bei dem sich praktischerweise die Vorderreifen aufheizen und geschmeidig werden.

Auch mit Sportschuhen besohlt lässt sich der Superleggera gerne zum Tango auffordern – er erwartet nur eine führende Hand. Dann lassen die P Zero Corsa kaum mehr vom Asphalt ab, verzehren sich für eine innige Beziehung. Selbst in schnellen Kurvenkombinationen tanzt das Heck nicht aus der Reihe, nur das Lastwechsel-Nicken beim Schalten animiert es zum leichten Einknicken.

Traktionsverlust? Fehlanzeige. Obwohl an der Lenkung nichts geändert wurde, fühlt sie sich deutlich präziser und sogar ein wenig leichtgängiger an – die abgespeckte Karosserie folgt den Kommandos kaltschnäuzig, auch denen der optionalen Carbon-Keramik-Bremse. Die Verzögerung ist ähnlich schwindelerregend wie die Beschleunigung; der Superleggera steht bereits nach 34 Metern aus Tempo 100 (Gallardo: 36 Meter), während Hirn und Magen noch immer vorwärtsdrängen.

Der puristische Performer lässt sich ausdauernd an seine Grenzen treiben, fordert dabei allerdings echte Nehmerqualitäten ein. Da scheinen die 30 000 Euro Aufschlag für den Erlebnis-Zuwachs gegenüber dem ohnehin teuren Gallardo (154 700 Euro) sogar gerechtfertigt. Zumal die Lamborghini- Käufer im norditalienischen Rennen um die Pole Position bis zum Herbst vorne liegen. Erst für die IAA hat Erzkonkurrent Ferrari eine schlagkräftige Antwort angekündigt: die Extrem-Version des F430. Ein neuer Challenge Stradale.

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Technische Daten
Lamborghini Gallardo Superleggera
Grundpreis 191.786 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4300 x 1900 x 1165 mm
KofferraumvolumenVDA 110 l
Hubraum / Motor 4961 cm³ / 10-Zylinder
Leistung 390 kW / 530 PS bei 8000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 315 km/h
Verbrauch 17,0 l/100 km
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