Lamborghini Aventador im Fahrbericht

Murciélago-Nachfolger mit 700 PS

Lamborghini Aventador, Frontansicht, Teststrecke Foto: Karl-Heinz Augustin 22 Bilder

Der Lamborghini Aventador hat gegenüber dem Vorgänger Murciélago an Wildheit nichts verloren, doch an Verbindlichkeit viel gewonnen. Das einst kaum zügelbare Heck ist nun so stabil, dass es die 700 PS locker verträgt. Dem Markenkern entspricht der Mittelmotor-Zweisitzer zu 100 Prozent.

Wir geben zu, wir waren skeptisch. Lamborghini verspricht für den Murciélago-Nachfolger Lamborghini Aventador einen Sprint aus der Ruheposition auf Tempo 100 in 2,9 Sekunden; schneller als Extrem-Bikes. Die Kollegen vom auto motor und sport-Schwesterblatt „Motorrad“ zumindest hatten noch keinen Supersportler unter drei Sekunden gemessen. Doch nach einem Selbstversuch bei der Fahrpräsentation des neuen V12-Machos bezweifeln wir nicht mehr die Werksangaben – die Beschleunigung des Lamborghini Aventador hat uns fast die Sinne geraubt.

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Fahrbericht Lamborghini Aventador Stier-Gefühl
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Lamborghini Aventador – und es wird Dir schwummrig

Die Traktionskontrolle des Lamborghini Aventador ist abgeschaltet, der Getriebe-Modus Corsa eingelegt, der linke Fuß ruht auf der Bremse, der rechte gibt Vollgas, was den Drehzahlmesser bei etwa 4.000 Touren verharren lässt. Fuß von der Bremse heißt „Feuer frei“ und bedeutet: Es reißt den Körper erbarmungslos aus der Trägheit, der Kopf dotzt gegen die Stütze, wird schwummerig. Kurzes Staunen, schon kracht der zweite Gang in den Antrieb, zu spüren als wüster Ruck bis ins Genick – und wieder landet der Kopf an der Stütze. Den messbaren Beweis wird der Lamborghini Aventador zwar erst im Test liefern, doch den fühlbaren hat er bereits erbracht.

Lamborghini Aventador LP 700-4 in Genf 1:17 Min.

Lamborghini Aventador als Angebot an taffe Fahrer

Vor allem im Programm Corsa und jenseits von 6.000/min beeindruckt die Heftigkeit, mit der das Getriebe des Lamborghini Aventador die Gänge unter Vollgas unerbittlich hineinprügelt. Lamborghini gibt eine Schaltzeit von 50 Millisekunden an – das wäre sogar schneller als im Ferrari 430 Scuderia. Obwohl die sequenzielle Siebengang-Box komplett neu ist, schlagen Murciélago-Gene durch, und Entwicklungsdirektor Maurizio Reggiani ist stolz darauf: „Wir wollten den dramatischsten Gangwechsel der Klasse. Das sehen wir als Angebot an taffe Fahrer.“

Kaum eine Marke kokettiert so sehr mit dem Motto: Bin ich zu hart, bist du zu weich. Schließlich ist das Grundlayout des Supersportlers gleich geblieben: Der Lamborghini Aventador ist der letzte Mittelmotor-Macho in seiner Liga, paart seinen V12 mit Allradantrieb.

700 PS und 690 Nm

Dass das Triebwerk unverändert über 6,5 Liter Hubraum verfügt, sollte nicht zu falschen Schlüssen führen: Es ist neu und bringt 700 PS sowie 690 Newtonmeter mit, besitzt aber keine Direkteinspritzung oder ein Start-Stopp-System. Verglichen mit dem Murciélago soll einem Leistungs-Plus von acht Prozent trotzdem ein erfreuliches Minus von 20 Prozent beim Verbrauch gegenüberstehen (Schnitt: 17,2 Liter auf 100 Kilometer).

Und wie es sich gehört, grüsst der Lamborghini Aventador beim Start mit einem zünftigen Gebrüll. Der Zwölfzylinder leitet seine Kraft über ein sequenzielles Siebengang-Getriebe an alle vier Räder. Statt der problembehafteten Visko- übernimmt nun die elektronisch gesteuerte Haldex-Kupplung die Verteilung; sie schafft bis zu 60 Prozent des Drehmoments nach vorn und lässt sich im Sinne verschiedener Fahrsituationen elektronisch beeinflussen. Dies ist bei der vierten Haldex-Generation dank elektrischer Ölpumpe mit Druckspeicher möglich, ebenso der stabilisierende Eingriff in die Fahrdynamik.  Und Letzterer ist enorm.

Lamborghini Aventador mit deutlich stabilerem Heck

Vallelunga nahe Rom, Ende von Start und Ziel. Der Lamborghini Aventador heult im Formel 1-Timbre mit mehr als 200 km/h über die Gerade, als ein Rechtsknick auftaucht – eigentlich lang gezogen, bei diesem Tempo allerdings schon relativ eng. Obwohl sich beim Anbremsen die Achslast nach vorn verlagert, lässt sich der Lamborghini Aventador entschlossen einlenken. In einem Murciélago würden bei der erleichterten Hinterachse die Alarmglocken schrillen angesichts eines drohenden Highspeed-Übersteuerns, doch der Nachfolger bleibt ruhig. Kein tänzelndes Heck, kein Schlingern, kein Anzeichen eines Haftungs-Abrisses – endlich vermittelt ein Zwölfzylinder-Lamborghini auf der Rennstrecke das unerlässliche Gefühl der Sicherheit.

Stattdessen brilliert der Lamborghini Aventador bei der Fahrwerks-Konstruktion, führt die Räder vorn wie hinten an Doppel-Dreiecksquerlenkern und steuert die liegenden Federbeine mit Öhlins-Stoßdämpfern über Pushrod an. Diese Rennwagen-Technik bietet keiner der Konkurrenten. Und erstmals gibt es ESP, das im Strada-Modus jegliche Ausbruchsversuche im Keim erstickt.

Lamborghini Aventador verlangt nach zupackenden Armen

Schaltet man auf Sport, so ist die Kraftverteilung hecklastig, und die Traktionskontrolle verhindert nicht den satten Drehmoment-Auftrag am Kurvenausgang. Corsa dagegen versucht, so lange wie möglich die Neutralität zu halten, was für die Jagd nach Zehntelsekunden die beste Abstimmung ist. In schnellen Kurven verlangt die Lenkung des Lamborghini Aventador nach zupackenden Armen, doch die extremen Haltekräfte des Vorgängers sind passé.
 
Dass es sich auch beim Lamborghini Aventador um ein großes, schweres Auto handelt, merkt man erst auf der Bremse. Die Leichtfüssigkeit eines Gallardo darf man nicht erwarten, wohl aber die eines Murciélago Super Veloce ohne natürlich dessen kratzbürstige Federung ertragen zu müssen. Trotzdem ist die Fahrwerks-Abstimmung des Aventador eindimensional sportlich, eine einzige Hommage an Geschwindigkeit: Noch immer verweigert Lamborghini seinen Autos die adaptiven Stoßdämpfer; bei Ferrari sorgen sie dank dreifacher Verstellbarkeit längst für einen bemerkenswerten Spagat zwischen Langstreckenkomfort und energischem Einsatz, und selbst Audi bietet sie im Gallardo-Ableger R8 an. Den schleichenden Verfall der rauen Sitten nimmt Lamborghini offensichtlich nicht unwidersprochen hin.

Komplette Neukonstruktion

Und obwohl der Lamborghini Aventador wie ein reventonisierter Murciélago aussieht, ist er keine Weiterentwicklung, sondern eine komplett neue Konstruktion in der Anmutung seines Vorgängers. Erstmals nehmen die Passagiere in einem Monocoque aus kohlefaserverstärktem Kunststoff Platz, der Zwölfzylinder sitzt in einem Aluminium-Rahmen dahinter. Weitgehend aus dem gleichen Material besteht die Karosserie-Beplankung.

So soll der Aventador das Gewicht des Murciélago Super Veloce erreichen – leer 1.575 Kilogramm, was sich toll liest, aber vollgetankt mit 75 Kilogramm Fahrer über 1,7 Tonnen entspricht. Das Monocoque des Lamborghini Aventador entsteht im so genannten RTM-Lambo-Verfahren. Dabei werden verwobene Kohlefasermatten in einer Form mit Harz geflutet. Beim Aushärten unter Druck und Hitze entsteht ein Material, das so steif ist wie Stahl, aber wesentlich leichter.

700 Exemplare für jeweils über 300.000 Euro

Bei einer geplanten Jahresproduktion von maximal 700 Autos und einem Stückpreis von 312.970 Euro lassen sich solch aufwendigen Fertigungsprozesse gerade noch vertreten – anders als beispielsweise beim Bestseller Gallardo in Aluminium-Bauweise. Im Lamborghini Aventador liegen Lenkrad und Pedale endlich in einer Flucht, passt die Ergonomie. Zumindest Fahrer unter 1,90 Meter stoßen sich auch nicht mehr den Kopf an der bogenförmigen A-Säule.

Chef-Entwickler Reggiani ließ die Sitze des Lamborghini Aventador im Vergleich zum Vorgänger um drei Zentimeter tiefer legen, der Mitteltunnel ist deutlich schmaler. Trotzdem ist es immer noch erstaunlich, wie wenig Innen und Kofferraum aus diesem Auto-Riesen zu holen ist. Auch in der neuen Ausprägung verweigert sich die große Baureihe weitgehend Alltags-Zugeständnissen, um ganz sie selbst zu bleiben – eine Fahrmaschine, die nur eines kennt: das Extrem.

Technische Daten
Lamborghini Aventador LP 700-4
Grundpreis 321.300 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4780 x 2030 x 1136 mm
KofferraumvolumenVDA 150 l
Hubraum / Motor 6498 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 515 kW / 700 PS bei 8250 U/min
Höchstgeschwindigkeit 350 km/h
Verbrauch 16,0 l/100 km
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