Lamborghini Gallardo LP 560/4

Schall Italia

Foto: Achim Hartmann 31 Bilder

Wenn der Lamborghini LP 560/4 seine Auspuffklappen öffnet, erschallt eine zehnzylindrige Hymne auf den Verbrennungsmotor. Auch nach dem Facelift tritt der italienische Mittelmotor-Zweisitzer lautstark auf.

Sein trotziger Unterbiss deckt den Bluff auf. Fast hätte man dem Lamborghini Gallardo die neue Rolle als politisch korrekter Sendbote der Supersportler abgenommen: Er nennt sich technokratisch LP 560/4, und seine Macher streichen die Kraftstoff-Genügsamkeit heraus – minus 18 Prozent verglichen mit dem Vorgänger, dem krachledernen V10-Fanatiker. Doch dann diese Raubein-Front.

Nach dem Facelift ist der Gallardo dem rüdesten aller Lamborghini, dem Reventón, wie aus dem Gesicht geschnitten. Sein kantiger Frontspoiler macht ihn zum Unterjocher der Straße: Der Aufmerksamkeits-Absolutist akzeptiert keinen neben sich, fordert unbedingte Hingabe. Im Heckbereich dominiert die neue Eleganz der reduzierten Form. Dennoch schürt der Gallardo nach wie vor die Lust am Spektakel. Selbst geparkt lässt er die Fantasie sprudeln – in Gedanken sieht sich jeder Sportwagen-Fan ein hitziges Gefecht auf der Rennstrecke liefern.

Entwicklung unter der Haube

Der neue V10-Pulsbeschleuniger hat jetzt 5,2 statt fünf Liter Hubraum und Benzin-Direkteinspritzung, iniezione diretta stratificata genannt; damit ist er mit dem Motor des Audi S6 verwandt. Doch wenn dieser fast schon in den Begrenzer stottert, drückt der Drehzahl-Junkie Gallardo gerade sein höchstes Drehmoment von 540 Nm ab und feuert bis über 8.000/min oder 560 PS weiter – dank leichterem Ventiltrieb, Kolben, Pleueln und Schwungmasse mit weniger Gewicht, größeren Einlässen, geänderten Steuerzeiten sowie durchlassfreudigeren Fächerkrümmern und Katalysatoren.

Sein Drängen nach Drehzahl, sein Verlangen nach Vollgas – jetzt steckt noch mehr Trieb im Triebwerk. Das Drehmoment scheint verdichtet und beeindruckend gleichmäßig, bis der Vierventiler jenseits von 6.000 Touren alle Hemmungen verliert. Glücklicherweise kühlt die Trockensumpfschmierung den Pulverkopf, hörbar durch permanentes Sirren der Ölpumpe. Ein Rennwagen-Geräusch, genauso wie das Anlassen. Kurz brüllt der schwungmassenarme V10 auf, dann verharrt er im tiefen, unruhigen Leerlauf, ähnlich einem Rallyeauto der Gruppe A. 

Kaum legt die Drehzahl zu, brodelt auch der neue Motor den Audi 5E-Gedächtnissound und steigert sich in die gedoppelte Fünfzylinder-Sirene. Im Vergleich zum Vorgänger ist der Ton aber sauberer - aus dem verräucherten wurde ein gut belüfteter Jazzkeller. In seiner Lautstärke entspricht der simulierte Rennstart via Beschleunigungshelfer Thrust Mode dem Solo einer ganzen Bigband. Er ist an das per Lenkrad-Wippen schaltbare automatisierte Sechsganggetriebe (E-Gear, 9520 Euro) gekoppelt: Fahrprogramm Corsa wählen, ESP ausschalten, der linke Fuß steht auf der Bremse.

Dann den ersten Gang einlegen und mit dem rechten Fuß Vollgas geben, bis der Motor konstant bei 5.000/min schmettert. Bremse lösen. Kurz vibriert der Gallardo wie das Spaceshuttle vorm Abheben, geht leicht in die Knie und bricht quiekend, aber rauchfrei los. Der Schub lässt das Hirn in der Mini-Benommenheit erstarren, dann hämmert E-Gear in 120 Millisekunden selbständig den zweiten Gang in den Antriebsstrang - 40 Prozent schneller und dennoch weniger ruppig als bisher.

Schneller aber auch sparsamer

In 3,7 Sekunden soll der LP 560/4 aus dem Stand auf Tempo 100 springen, um drei Zehntel den abgelösten Gallardo unterbieten, bis 200 km/h sogar um eine halbe Sekunde. Und das bei geringerem Verbrauch. Jetzt gibt Lamborghini einen Schnitt von 13,7 Liter auf 100 Kilometer an. Die neue Nomenklatur LP 560/4 lässt einige Schlüsse zu: LP steht für longitudinale posteriore, der Motor ist also hinter dem Fahrer der Länge nach eingebaut, 560 für die PS-Zahl und 4 für den Allradantrieb. Eine 2 könnte demnach eine leichtgewichtige Heckantriebs-Version als Nachfolger des eingestellten Superleggera bezeichnen.

Schon jetzt soll der Gallardo dessen Fahrleistungen und Rundenzeiten erreichen - dank 20 Kilogramm weniger Gewicht als bisher, aber 40 PS mehr, neuen Federn, Buchsen und Stabilisatoren. Die ebenfalls getauschten Dämpfer sind nach wie vor passiv, nicht verstellbar wie etwa beim Konkurrenten Ferrari F430. Dennoch lassen sich verschiedene Fahr- und Schaltprogramme abrufen.

Neu ist Corsa für die Rennstrecke, anwählbar per Knopfdruck; die Fahrdynamikregelung ESP gestattet dann noch etwas mehr Rutschen als in der Stufe Sport - jedoch nur so viel, dass der Fahrer an seinen Rundenzeiten feilen kann, ohne Angst vor der eigenen Courage haben zu müssen. Hohe Leistung auf alle vier Räder verteilt bedeutet unerschütterliche Traktion, aber im Falle des LP 560/4 auch stures Kurveneingangs-Untersteuern.

Der geänderte Allradantrieb mit der Visko-Kupplung weist der Vorderachse nun bei Bedarf noch mehr Kraft zu, was die Agilität lähmt. Andererseits: kippeliges Mittelmotor-Übersteuern? Das war früher. Mit ihrer zusätzlichen Spurstange hält die neue Radaufhängung die Hinterachse sogar bei Lastwechseln im Zaum - und damit gleichzeitig den Achselschweiß. Geänderte Buchsen führen das Fahrwerk berechenbarer, an der Haftgrenze registriert man dankbar vertrauensfördernde Rückmeldung.

Erst wenn die heißgewalkten Pirelli P Zero Corsa nach heftigen Runden zu schmieren beginnen, übersteuert der LP 560/4 am Kurvenausgang. Ein optionales Sport-Setup mit strafferer Feder-Dämpfer-Einheit und härterem Heckstabilisator wird folgen; es soll das Untersteuern mildern. Schon jetzt ist die markentypische Schwerfälligkeit abgeschwächt. Der neue Gallardo geizt nicht mehr mit Servounterstützung in der Lenkung; nun muss man ihn nicht mehr niederringen wie einen wilden Stier. Trotz seines enormen Potenzials ist er erstaunlich einfach am Limit entlangzuzirkeln.

Adrenalinschübe auf der Rennstrecke

Hier hilft auch die überarbeitete Aerodynamik; dank geändertem Frontspoiler und Heckdiffusor sowie dem ab 120 km/h selbständig ausfahrenden Flügel soll der Abtrieb um 31 Prozent effektiver sein - statt Adrenalin fließen in schnellen Kurven vorwiegend Glückshormone. Das hohe erreichbare Tempo bringt den Hypothalamus auf Drehzahl, der hysterisch brüllende Motor hält ihn am Rotieren. Erzogen, geschliffen, gezähmt? Nein. Der Gallardo hat nur Gereiztheit verloren, doch seinen anstachelnden Charakter bewahrt.

Möglicherweise profitieren davon schon nächstes Jahr die Gentlemen-Driver eines Lamborghini-Markencups nach Art der Ferrari-Challenge - wenn er sich rechnet. "Für Hobbys haben wir kein Geld", so Präsident Stephan Winkelmann. Günstig wird ein Rennwagen auf Basis des Gallardo LP 560/4 sicher nicht: Schon die Straßenversion, ab Juli bei den deutschen Händlern, wird 173 740 Euro kosten.

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Technische Daten
Lamborghini Gallardo LP 560-4
Grundpreis 177.191 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4345 x 1900 x 1165 mm
KofferraumvolumenVDA 110 l
Hubraum / Motor 5204 cm³ / 10-Zylinder
Leistung 412 kW / 560 PS bei 8000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 325 km/h
Verbrauch 14,7 l/100 km
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