Lamborghini Murciélago Roadster

Das Stur-Viech

Foto: Hans-Dieter Seufert

Der Lamborghini Murciélago Roadster macht keine Kompromisse. Er ist ein Super-Sportwagen zu 250.000 Euro, dessen altmodisches Stoffdach nur bei einem Wolkenbruch zum Einsatz kommt.

Moderne Cabrios gehorchen dem Zeigefinger. Ein Knopfdruck – und in wenigen Sekunden öffnet oder schließt sich das Dach vollautomatisch. Der neue Lamborghini Murciélago Roadster, fast 250 000 Euro teuer, ist kein modernes Cabrio. Das Gebilde aus Streben und schwarzem Stoff, das ihm als Kopfbedeckung dient, hat mit einem Cabrioverdeck etwa so viel zu tun wie ein Regenschirm mit einem soliden Ziegeldach. Schon der Auf- und Abbau gerät zur Prozedur: Gestänge verankern, Stoff-Fetzen darüberlegen, mit Druckknöpfen befestigen. Fünf Minuten gehen da, etwas Übung vorausgesetzt, schon ins Land. Das Ganze erinnert an britische Ur-Roadster. Das Dach hält Regen ab – mehr nicht. Und bitte nicht schneller als 160 km/h fahren. Womit eines schon klar wäre: Dies ist ein Auto zum Offenfahren. Ausschließlich.

Vor dem geistigen Auge erstreckt sich automatisch der Pacific Coast Highway an einem lauen Sommerabend. Man sitzt sehr tief drin im Lamborghini, hinter sich einen gewaltigen Aufbau, in dem sich der im Ernstfall ausfahrende Überrollschutz verbirgt. Trotzdem entsteht nicht, wie bei vielen zeitgenössischen Roadstern, das Gefühl, dass alles getan wurde, um den Fahrtwind draußen zu halten. Der braust fröhlich durch die Kabine. Auch weil die Windschutzscheibe nicht bis zur Stirn der Insassen reicht. Offenfahren im Lamborghini wird wieder zu einem ursprünglichen Erlebnis.

Vor der Hinterachse sitzt der bekannte Motor, hier allerdings zur Versteifung der Struktur in einem zusätzlichen Rahmen aus Stahl oder – 4060 Euro Aufpreis – aus Kohlefaser. Wie ein in einem Käfig eingesperrtes, angriffslustiges Monster. Was er ja auch ist. 6,2 Liter Hubraum, zwölf Zylinder, vier Nockenwellen und 48 Ventile in einem mächtigen Aluminiumblock summieren sich zu einem der stärksten Motoren, die man heute kaufen kann. Braucht man das zum Offenfahren?

Natürlich nicht. Aber es erhöht den Genuss. Obwohl sich auch beim Lamborghini die alte Weisheit bestätigt, dass der Gasfuß hoch kommt, wenn das Verdeck unten ist. Die volle Leistung, die den Roadster auf rund 320 km/h zu beschleunigen imstande ist, wird man nur höchst selten nutzen. Die Riesen-Maschine erzeugt allein schon deshalb freudige Gefühle, weil sie in jedem Drehzahlbereich losstürmt wie der Stier, den Lamborghini im Wappen trägt. Bummeln im sechsten Gang bei Drehzahlen zwischen 1000 und 2000/min, kein Problem. Zum blitzschnellen Überholen genügen maximal 4000 Umdrehungen.

Neben der fulminanten Leistungscharakteristik macht der Ton die Musik. Er reicht vom tiefen, vibrierenden Donnergrollen bis zum Potenzgebrüll, wenn der Zwölfzylinder bis über 7000/min dreht. Im Roadster kommt die Musica italiana noch besser zur Geltung als im Coupé. Das Arbeiten der hochkarätigen Mechanik geht direkt unter die Haut. Das ist eine Maschine, von der wir unseren Enkeln erzählen werden, wenn sie mit ihren surrenden Brennstoffzellen- Autos zu Besuch kommen.

Trotz der infernalischen Kraft gestaltet sich der Umgang mit dem Lambo so problemlos wie mit jedem Brot-und-Butter- Vehikel. Die Kupplung erfordert überraschend wenig Druck und stellt geschmeidig den Kraftfluss her. Der aus dem Vollen gefräste Schalthebel, der aus einer offenen Kulisse ragt, gleitet leicht von einer Gasse in die andere.

Eigentlich unverständlich, warum die Mehrzahl der Lambo- Kunden 9280 Euro in eine sequenzielle Schaltung mit Paddeln am Lenkrad investiert. Die Abmessungen des offenen Murciélago – nur ein Meter hoch, aber zwei Meter breit – sorgen nicht nur für eindrucksvolle Proportionen.

Sie lassen auch erwarten, dass jene winkligen Landstraßen, die das echte Roadster-Revier bilden, nicht die bevorzugte Spielwiese dieses Boliden darstellen. Doch auch in diesem Punkt sorgt der Lambo für eine positive Überraschung. Obwohl die Federung keineswegs hart ist, sondern Bodenwellen sauber absorbiert, liegt der Murciélago wie das sprichwörtliche Brett. Ohne spürbare Karosserieneigung zirkelt er um Kurven. Mit seiner präzisen Lenkung lässt er sich zentimetergenau dirigieren, die neu entwickelten Bremsen mit größeren Scheiben erfordern nur wenig Pedaldruck und sind exakt zu dosieren. Die breiten Reifen krallen sich förmlich in den Asphalt, das Fahrverhalten bleibt dank Allradantrieb auch bei frivol hoher Querbeschleunigung neutral. Eine solche Gutmütigkeit wäre früher bei einem Mittelmotor- Auto, das 58 Prozent seines Gewichts auf der Hinterachse trägt, undenkbar gewesen.

Auch der neue Roadster stellt somit unter Beweis, dass sich die Sportwagen aus Sant’Agata Bolognese unter Audi-Regie von ungehobelten Kraftprotzen zu fein geschliffenen Instrumenten entwickelt haben. Ohne ihren typischen Charakter zu verlieren. Die Kundschaft, so hofft man bei Lamborghini, wird das honorieren. Die Hälfte der Murciélago- Käufer (400 pro Jahr) werden sich künftig für den Roadster entscheiden. Weil sie partout einen offenen Sportwagen mit V12-Mittelmotor haben wollen. Und da gibt es auf der ganzen Welt keine Alternative.

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Technische Daten
Lamborghini Murciélago Roadster
Grundpreis 253.460 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4580 x 2045 x 1132 mm
Hubraum / Motor 6192 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 426 kW / 580 PS bei 7500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 320 km/h
Verbrauch 21,5 l/100 km
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