Lamborghini Murciélago Roadster

Grip-Master

Foto: Barry Hathaway 27 Bilder

Hart, sperrig, kompromisslos: Offen ist der Lamborghini Murciélago LP 640 Roadster noch radikaler als das Coupé. Er geht ab wie der Blitz und krallt sich in schnellen Kurven in den Asphalt. Erste Ausfahrt mit dem auf 640 PS erstarkten Donnerkeil.

Er strotzt vor Selbstbewusstsein und ist auffällig wie ein Ufo: Wo immer der offene Murciélago anlandet, eilt Publikum herbei, werden Fotohandys gezückt, und schöne Frauen begehren Einlass. Kaum ein anderes Sportmobil kommt auch nur annähernd an die Faszination des aggressiv geformten Italo-Monsters mit dem heiser röchelnden V12 heran. Von seinen atemberaubenden Fahrleistungen ganz zu schweigen.

Seit fünf Jahren wird Lamborghinis Spitzenmodell gebaut. Im Mai erhielt der Murciélago ein leichtes Facelift und den von 580 auf 640 PS erstarkten V12. Den Roadster gibt es erst seit Herbst 2004, jetzt bekommt auch er die Modifikationen des Coupés. Wenn es noch eine ernst zu nehmende Kritik an dem Brutalo aus Sant’Agata Bolognese gegeben hat – sie dürfte sich erledigt haben. Denn der Neue ist eine herrlich unvernünftige Fahrmaschine, der alles verziehen wird.

Wer die schlechte Rundumsicht, den winzigen Kofferraum, die Auslegung für italienische Konfektionsgrößen und das fummelige Verdeck bemängelt, ist ohnehin fehl am Platze. Man betritt den Lambo durch eine weit himmelwärts schwingende Pforte. Dutzende Augenpaare linsen herüber und dies immer und überall: Fahrer eines solchen Geschosses sollten vor ihrem ersten öffentlichen Auftritt als Akrobat geübt haben, damit er ohne Peinlichkeiten abläuft.

Und so geht’s: Mit dem Hintern zuerst den Innenraum entern, dann absenken, die Beine geschmeidig über den Schweller nachziehen und unters Lenkrad sortieren, dann die schwere Tür herunterziehen. Überraschungen oder gar Ratlosigkeit im karg möblierten Cockpit? Fehlanzeige. Alle Instrumente und Anzeigen – viel sind es ohnehin nicht – sind funktional sortiert und auch ohne Bedienungsanleitung zu verstehen. Die zugegeben schlechte Ablesbarkeit von Tacho und Drehzahlmesser muss man positiv sehen: So lenkt kaum etwas vom eigentlichen Fahren ab.

Unser Testwagen ist mit dem sequenziell schaltenden Sechsganggetriebe ausgestattet, wie es mittlerweile ein Großteil der Murciélago-Käufer ordert; E-Gear kostet 10 700 Euro mehr als das ebenfalls sechsstufige Handschaltgetriebe mit der klassischen Kulisse. Die Gänge werden über Paddel am Lenkrad gewechselt. Schlüssel ins Zündschloss, Fuß auf die Bremse, ein kurzer Dreh. Die Spielerei mit einem Startknopf machen die Lambo-Ingenieuren nicht mit, genau wie die Kollegen von Porsche.

Zunächst surrt die Benzinpumpe, dann erwacht mit einem Schlag der Motor zum Leben – ganz wie sich das bei echten Sportmotoren mit kleiner Schwungscheibe gehört. Unvermittelt setzt nun ein Orchester aus Blechbläsern und Presslufthämmern zu einer sehr eindrücklichen Ouvertüre an. Will man sich die volle Aufmerksamkeit der Umwelt sichern, helfen ein paar aufmunternde Gasstöße. Tritt auf die Bremse, kurzes Heranziehen des rechten Schaltpaddels, der erste Gang rastet spür- und hörbar ein – und dann kann es losgehen.

Man erlebt nicht etwa einen gummimordenden Blitzstart, sondern einen zwar forcierten, aber komfortablen Abflug. Dank Allradantrieb krallen sich die vier superbreiten 18-Zoll-Pirelli so in den Asphalt, dass nicht mal ein Quietschen zu vernehmen ist. Auf ebener Straße macht diese Übung unbändigen Spaß, während das Anfahren an einer Steigung zur rauchhaltigen Tortur für die Kupplung wird. Vor allem im Stadtverkehr stören die eindrucksvolle Breite des Autos von über zwei Metern und seine Unübersichtlichkeit, die beim Einparken oder beim Spurwechsel ein übersinnliches Gespür erfordert. Kurze Betätigung des Paddels rechts, der zweite, dann der dritte Gang sind drin.

In der City und auf der Landstraße braucht man nicht mehr, der dritte Gang reicht locker über Tempo 200. Bis über 8000 Touren lässt sich das Kraftwerk drehen, die Audioanlage wird so entbehrlich. Sehr eindrucksvoll gestaltet sich das Runterschalten mittels des linken Paddels, weil die Elektronik ein kräftiges Zwischengas- Intermezzo veranlasst. Dann haben wir endlich freie Bahn. Um die gewaltige Beschleunigung – null bis 100 in 3,4 Sekunden – genießen zu können, muss die Launch-Control („Thrust Mode“) aktiviert werden; der Schalter findet sich neben einigen anderen Tastern auf der breiten Mittelkonsole. Der Tritt aufs Gaspedal presst in den Sitz, der von infernalischem Geheul begleitete Tiefflug beginnt.

Der Horizont rast auf uns zu, jenseits von 4500 Touren gibt’s noch mal einen richtigen Schub. Dank der tiefen Sitzposition pfeift der Fahrtwind übers Cockpit hinweg, nur der hoch aufragende Scheitel erfährt eine erfrischende Massage. Offen sind bis 330 km/h möglich, verspricht der Hersteller – mit dem unsinnigen Dachfetzen sind es laut Hersteller maximal 200 km/h.

Um in kühnem Schwung über den erhöhten Randstreifen zu wenden, sollte tunlichst die Liftfunktion für den Vorderwagen aktiviert werden – sonst setzt er auf. Das straffe, aber keineswegs zu harte Fahrwerk selbst verfügt über eine aktive, elektronisch geregelte Dämpferregelung. Jetzt naht die erste schnelle Kurve – und die kraftstrotzende Flunder folgt sauber, wie mit dem Zirkel gezogen, dem Kurs. Die geschwindigkeitsabhängige Lenkung ist zielgenau und sehr direkt. Ein ausgeprägtes Übersteuern bleibt bei aktivierter Schlupfregelung aus, weil bei Schlupf an der Hinterachse ein Teil der Antriebskraft nach vorn wandert: Der Roadster wird quasi in die gewünschte Richtung gezogen.

Die Bremsen – wie bei unserem Testwagen wahlweise mit Keramikscheiben (Aufpreis 11 900 Euro) – machen einen Superjob; ohne spürbares Fading meistert der fast 1,8 Tonnen schwere Murciélago mehrfaches, starkes Verzögern. Mittlerweile haben sich die flügelartigen Klappen beidseits des immer wärmer werdenden Motors geöffnet, um dem gewaltigen Triebwerk mehr Kühlluft zu spendieren.

Wir rollen aus, Schlüsseldrehung, stopp: Der Motor ist schlagartig in den Ruhemodus gewechselt. Aber der kühn geformte Stahlblech- Kohlefaser-Aufbau scheint weiter zu atmen, im Motorraum braust das Gebläse auf. Fast scheint es so, als wolle der automobile, hochtourige Charakterdarsteller so zum nächsten Spurt ermutigen. In seiner überarbeiteten Version kommt der Roadster im Frühjahr auf den Markt. 237 000 Euro plus 45 030 Euro Mehrwertsteuer wird er kosten. Ein selbstbewusster Preis für selbstbewusste Menschen. Aber genau für die ist er ja gemacht.

Technische Daten
Lamborghini Murciélago Roadster
Grundpreis 253.460 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4580 x 2045 x 1132 mm
Hubraum / Motor 6192 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 426 kW / 580 PS bei 7500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 320 km/h
Verbrauch 21,5 l/100 km
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