Lamborghini Murcièlago und Pagani Zonda

Italo-Rock

Foto: Achim Hartmann 19 Bilder

Radikal, offen, selten – diese zwei über 500 PS starken italienischen Zwölfzylinder-Roadster sind wie eine Offenbarung und gleichzeitig auch die schlagkräftigsten Boten der ersten Frühlingssonne.

Pagani, wer? Zonda, wie der Andenwind. Im vorliegenden Fall jedoch ein zweisitziger Mittelmotor-Exote aus der Nähe von Modena, der ebenfalls über Berge pfeift – sofern asphaltiert. Pagani Zonda S 7.3 Roadster. Extrem leicht, extrem schnell, extrem offen. Selbst in seiner norditalienischen Heimat wird er als Naturereignis bestaunt. Speziell, wenn er mit seinem Nachbarn Lamborghini Murcièlago Roadster auftaucht.

Eine Ausfahrt mit zwei der offensten Versuchungen Italiens unter dem südlichblauen Himmel stößt das Tor zum Paradies auf und erlaubt einen kurzen Spaziergang – Biss in den Sünden-Apfel inklusive. Einmal gekostet, gibt es kein Zurück mehr – man ist verdorben auf immer. So wie der Mazda MX-5 der Beweis dafür ist, wie wenig man zum Glücklichsein braucht, so sind Murcièlago und Zonda leider Zeugnis dafür, dass richtig viel noch glücklicher machen kann.

Autos im Wert von Immobilien: Der Lamborghini streift die halbe D-Mark-Million, der Pagani übersteigt die ganze. Da reicht kein Ansparplan, kein Fonds-Management, kein Börsen-Boom. Da benötigt das Aktien-Depot eine Kurs-Explosion.

Der Preis ist so galaktisch wie der Pagani selbst. Ein Überauto, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Eine Supernova, die den Exoten-Himmel überstrahlt. Eine Rennwagen-Variation, deren Formen-Dekadenz die Brutalität überspielt. Realisiert von Horacio Pagani, einem argentinischen Autodidakten.

Er baut die Boliden in San Cesario sul Panaro – sozusagen im Vorgarten des kaum 20 Autominuten entfernten Lamborghini-Werks – und verkauft rund 15 Stück im Jahr.

Dort in Sant’Agata Bolognese entstehen die Macho-Maschinen mit dem Stier im Wappen. Stets war ein Lamborghini das Urviech unter den Sportwagen. Der Murcièlago ist es noch: Design als brutalste, roheste und ehrlichste Form der Sachlichkeit. Gegen diesen Bauhaus-Keil wirkt der Pagani stuckverziert. Techno statt Rokoko.

Vor allem der Murcièlago Roadster büsst mit dem festen Dach nichts von seinem brachialen Charakter ein. Als postmoderner Streitwagen walzt er respektheischend ums Eck, mit der Frontscheibe als Schutzschild.

Details wie der leicht eckige hintere Radlauf stellen den Bezug zum Urahn Countach her; noch deutlicher ist der direkte Vorfahre Diablo zu erkennen. Ihm verordnete Audi einen Benimm-Kurs – er wurde zum Murcièlago erzogen. Doch auch aus Eminem wird nach einem Knigge-Seminar kein weltgewandter Diplomat.

Nach wie vor überträgt der Lamborghini seine vibrierende Unruhe auf den Fahrer, pulsiert sein riesiges 6,2-Liter-Herz energetisch. Es sitzt dem Piloten im Nacken, einschüchternd, bebend, schnaubt seinen heißen Atem bis in die Fahrgastzelle.

Ein Tier, das der Hilfsrahmen als Käfig nur notdürftig im Zaum hält. Das den untätigen Leerlauf scheut, ruhelos knurrt, vor Ungeduld schier birst, auf Vollgas drängt. Und sich mit einem befreienden Urschrei bedankt. Dieser verhallt nie ungehört, schon gar nicht, wenn man offen fährt – dem natürlichen Aggregatzustand des Murcièlago wie auch dem des Zonda Roadster.

Mit dem Dach schwindet die Intimsphäre. Die Roadster stellen ihre Insassen als lebendes Panoptikum zur Schau, sind indiskret wie Klatschreporter.

Lamborghini liefert netterweise eine Art Regenkapuze samt Anleitung und Tempolimit mit: Geschlossen sind dem Murcièlago maximal 160 km/h gestattet. Der komplizierte Dachmechanismus ist ein fingernagel- und lustraubender Anachronismus: Man steckt, man faltet, man klappt, man zerrt, man clipst – und dann lässt man den Bausatz für immer unter der Fronthaube verschwinden. Als Notbehelf ist ein Knirps praktischer.

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Impressionen Pagani Zonda, Lamborghini Murcielago
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Wie leicht kann man dagegen das Stoff-Carbon-Dach des Zonda demontieren. Ebenfalls rein mechanisch, doch zu zweit gut zu meistern. Trotzdem wird man im Pagani nur selten geschlossen unterwegs sein – es gehen zu viele Nuancen des mitteilungsbedürftigen 7,3-Liter-V12 verloren.

Ein Euro 3-Auslaufmodell von AMG mit eimerweise Hubraum und maybachartigen Manieren. Obwohl der Zonda die 580-PS-Leistungsspitze des Murcièlago nicht erreicht, setzt sich der Lamborghini auf einer voll beschleunigten Gerade keinen kolbenringbreit vom Pagani ab.

Im Gegenteil: 750 Nm reißen an dem bisschen Stahl und Kohlefaser in roher Geradlinigkeit. Kein Boxhandschuh federt den Punch ab, kein E-Gas-Rechner überlegt, bevor er die Brennräume fluten lässt. Trägheitsmoment? Nicht auf Planet Pagani.

Mit seinen Lebensäußerungen steht er dem Lamborghini in nichts nach. Beide trompeten aus der Airbox wie ein Blasorchester, röhren ihren Verbrennungs-Eifer kaum gedämmt in die Botanik – als gäbe es keine Geräuschvorschriften. Wenn Murcièlago und Zonda durch die Gegend toben, klingt das für die Anlieger wie ein Duett von Tom Jones und Joe Cocker. Schaurig-schön.

Doch die rechtwinklig aufgestellten Nackenhaare schenken beide nur ihren Passagieren. Der Fahrtwind vermengt Klangwolken mit Sonnenstrahlen, wühlt von aerodynamischen Abweisern unbehelligt durchs Cockpit, lässt sich mittels Gaspedal in seiner Stärke dosieren – bei weit über 300 km/h schnellen Roadstern ergibt sich eine nach oben offene Sturm-Skala.

Im Murcièlago fährt der Respekt stets mit. Trotz Allradantrieb weckt er selten das Bedürfnis, die 650 Nm mit voller Wucht in einer Kurve zu platzieren. Seine Muskel-Maschine schiebt den Piloten bei Vollgas so ungestüm vor sich her, dass dieser schnell zum Passagier wird und das Lenkrad eher festhält, als es bestimmend zu führen.

Obwohl auch aus Gewicht sparendem Stahl-Kohlefaser-Mix geformt, schleppt der Lamborghini rund 300 Kilo mehr auf den Hüften als der Pagani. Der tänzelt dagegen wie selbstverständlich über die engste oberitalienische Nebenstraße, wo man im Murcièlago schon zirkeln muss. Die weit nach vorn verlagerte Sitzposition, der kurze Überhang und der uneingeschränkte Kurvenwille lassen fast vergessen, dass das massige Heck auch noch um die Ecke muss.

Der Zonda vermittelt ein Mutter-Kind-Vertrauen, das in der Supersport-Klasse einmalig ist. Die perfekt ins Auto integrierte Sitzposition, die auf den Fahrer zentrierten Pedale, die geringen Bedienkräfte – ein schnell bewegter Pagani lässt ausschließlich Glückshormone fließen. Ein Murcièlago zusätzlich auch Schweiß.

Sie gegeneinander aufzuwiegen, ist leider wirklichkeitsfremd. In dieser Liga beschäftigt sich fast ausschließlich die Fantasie mit Entscheidungsprozessen.

Was nach einer Ausfahrt jedoch fest steht: Die wenigen Auserwählten, die sich tatsächlich ein Auto im Wert eines Hauses oder einer Wohnungleisten können, sind anders als früher in einer noch kniffligeren Situation: Sie haben neben den Supersport-Klassikern Ferrari, Lamborghini und Porsche einen weiteren Kandidaten in die engere Wahl zu nehmen: den Pagani Zonda S 7.3 Roadster. Unbedingt diesen Namen merken.

Technische Daten
Pagani Zonda S Lamborghini Murciélago Roadster
Grundpreis 253.460 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4395 x 2055 x 1111 mm 4580 x 2045 x 1132 mm
Hubraum / Motor 7291 cm³ / 12-Zylinder 6192 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 300 kW / 408 PS bei 5900 U/min 426 kW / 580 PS bei 7500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 335 km/h 320 km/h
Verbrauch 21,5 l/100 km
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