Lancia Fulvia

Licht ins Dunkel

Foto: Hans-Dieter Seufert 15 Bilder

Die Konzept- und Designstudie Lancia Fulvia ist serienreif. Das zweisitzige Coupé greift die Glorie des Rallye Monte Carlo-Siegers in moderner Form und Technik auf.
Erste Fahreindrücke, jede Menge aktuelle Fotos und historische Bilder.

Fulvia – die Glocken der Erinnerung beginnen leise zu läuten. Der Name erinnert an Sommerurlaube an der Adria und wilde Fahrten durchs Hinterland, an eine zierliche Figur mit geschmeidigen Bewegungen und rüden Manieren im Umgang mit stärkeren Kerlen wie Porsche 911, Nissan 240 Z und Ford Escort RS. Obwohl dieser Lancia in Italien, einer wahren Diva entsprechend, La Fulvia – die Fulvia – heißt, ist er in Wirklichkeit keine Dame und auch kein Mädchen, sondern ein Coupé.

Es steht auf seinen schmalen Reifen noch immer wie auf Stöckelschuhen, wirkt im Herbst 2003 aber trotzdem anders als damals, 1972, am Col de Turini. Nicht älter, nicht jünger, einfach frischer, so als hätte es die letzten 31 Jahre einfach übersprungen und sich im aktuellen Modetrend neu eingekleidet.

Denn Fulvia ist längst keine sie mehr, weder Mädchen noch Dame, sondern ein Experiment in Form eines Design-Prototyps. Die Fiat- Konzerntochter kämpft seit Jahren um den Aufstieg in die automobile Oberliga, ist aber technisch an Plattformen und Antriebsaggregate aus dem großen Baukasten gebunden. Deshalb werden die italienischen Tugenden – Originalität und Emotionalität – ins Design gebündelt. Der Weg zurück ins Rampenlicht scheint dabei nur über die Beschwörung der Vergangenheit zu führen, deshalb zieren die Oberklasse-Limousine Thesis und den Kleinwagen Ypsilon ein ganzes Portfolio jener Retro-Elemente aus der guten alten Zeit, in der Lancia noch eine diskrete Nobelmarke für die italienische Bourgeoisie war.

Der Fulvia will dieses Schema sprengen, weil er in die Marktnische der kleinen Zweisitzer ausweicht und im Design keine Retro-Antworten gibt, sondern eine zeitgemäße Frage stellt: Wie müsste ein modernes und unverwechselbares Coupé von Lancia heute aussehen? Das Design des neuen Fulvia ist so angelegt, um auch einer jüngeren Zielgruppe zu gefallen, die sich nur noch vage an Opas Gute-Nacht-Geschichten erinnert, in denen eine elegante Gazelle mit V4-Motor und Frontantrieb bei Rallye Monte Carlo und österreichischer Alpenfahrt dem Rudel der Raubtiere einfach davonsprang.

150 PS sollen auf 990 Kilogramm treffen

Die Proportionen entsprechen immer noch dem guten Geschmack: Großer vorderer Überhang, lange Motorhaube, niedrige Fenster, ein kurzes Dach und ein kräftiges Heck fügen sich zu einer Architektur, in der sich Macho-Muskulatur um die Radkästen und sensible Details wie Kühlergrill und Lichteinheiten die Waage halten. Das nötige Fundament lieferte der Fiat Barchetta, weil dessen Plattform laut Projektmanager Massimo Zappino „eben sofort verfügbar“ war und Designchef Flavio Manzoni “durch Motorposition und den Abstand zwischen Vorderachse und Spritzwand die idealen Voraussetzungen für die Fulvia-Proportionen erlaubte“.

Bei aller Sympathie für das Gute und Schöne des experimentellen Realismus´ – im Fulvia verstecken sich ebenso innovative Design- und Produktionskonzepte. Im März 2003 begannen die Arbeiten an einem Prototypen, der sich zur IAA im September als nahezu produktionsreif präsentierte. Zappino gesteht seinem Einzelstück unter der handgedengelten Aluminium-Karosserie „eine Produktionsreife von 99 Prozent zu, weil nur noch ganz wenige Teile aus Kunstharz sind“ und verspricht sogar, “das Gewicht des fahrfertigen Prototyps von jetzt 1.200 auf 990 Kilogramm für eine Serienversion“ zu senken.

An Radaufhängungen und im Motor modifiziert, vermittelt der Fulvia ein Fahrgefühl ohne Reminszenzen an alte Fulvia oder junge Barchetta. Auf dem Fiat-Testgelände La Mandria verhieß der neue Fulvia ausgeprägte Handlichkeit und mehr Spritzigkeit, als der 1,8-Liter-Reihenvierzylinder
mit 140 PS Leistung vermuten lässt. Im Adventskalender zum Serienanlauf
steht hinter dem ersten Türchen die Zahl 150 und hinter dem zweiten 990. Sind diese Daten für Leistung und Leergewicht realisierbar, könnte der Fulvia eine schöne Bescherung für Italophile werden. Ein Lotus Elise mit Frontantrieb, ein Caffé espresso-Berlinetta für die Valentino Rossi-Generation, ein Auto-Viagra für Grauhaarige, ein Haute Couture-Coupé für Prada- und Gucci-Kundinnen.

Der Fulvia wäre in 18 Monaten serienreif

Denn im Fulvia geht es alles andere als technisch zu. Das seidig schimmernde Tropenholz Tanganjika Frisé im Armaturenbrett, eine Kombination aus zerknautschtem Leder und grobem Stoff, sowie Instrumente in der Optik früherer HiFi-Komponenten zaubern die Atmosphäre einer Cocktailbar, in der Lucio Dalla, Gianna Nannini und Eros Ramazotti live auftreten könnten. Zudem hat die Modemarke Trussardi das Gepäckset für den Kofferraum aus den Fischhäuten von Aalen maßgeschneidert. Wie lange müssten Türen oder Fenster im Adventskalender geöffnet werden, bis Nikolaus oder Christkind tatsächlich einen Fulvia bringt, der nicht teurer sein dürfte als 30.000 Euro? „Wenn die Barchetta-Plattform verwendet werden kann, sind wir in 18 Monaten serienreif“, ist Massimo Zappino deshalb optimistisch, “weil im Konzept auch die Grundidee einer Kleinserie ohne Verluste berücksichtigt wurde.“

Kaum im Amt, muss der neue Chef von Fiat Auto, der Österreicher Herbert Demel, für Lancia also bereits eine Hamlet-Frage beantworten, verschärft durch den Zusatz, ob ein Barchetta-Fulvia in 18 Monaten oder mit Alfa 147 GTA-Technik in 36 Monaten das Lancia-Image aufpolieren kann. Lancia ist für Demel, als ehemaliger Audi-Chef damals auch Initiator der TT-Modellreihe, nur eine von drei Großbaustellen neben Fiat und Alfa. Immerhin könnte man ihm die Suche nach einer Modellbezeichnung ersparen: warum nicht Fulvio?

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