Lincoln Blackwood

Der Lincoln Blackwood - erster Pickup mit elektrisch bedienbarem Laderaumdeckel - macht den Laster mit dem 5,4 Liter-Achtzylinder zum Lustobjekt.

"Cool truck", meint der Mann im Mauthäuschen der New Yorker Triborough Bridge, die Harlem mit der Bronx verbindet, kassiert 3,50 Dollar Brückenzoll und staunt mehr Bauklötze, als in das 750 Liter fassende Ladebett des Lincoln Blackwood hineinpassen würden. Einen dunkel lackierten Luxus-Pickup mit Doppelkabine und elektrisch verschließbarer Pritsche, quasi ein Schwarzes Brett auf Rädern, das sieht man selbst in Big Apple nicht alle Tage.

Wie auch? Denn der 52.000 Dollar teure Lustesel auf Basis des Geländewagens Lincoln Navigator rollt erst im Herbst auf den nordamerikanischen Markt, und das auch nur in limitierter Stückzahl. Mehr als 10.000 Blackwood jährlich will die zur Premier Automotive Group von Ford (PAG) zählende Luxusmarke Lincoln gar nicht erst bauen.

Kein Wunder, dass dieser Schick-up selbst im reizüberfluteten New York Aufsehen erregt wie eine Nudisten-Demo beim Katholikentag. Ob im Finanz-Distrikt, im Central Park, im Künstlerviertel Soho, auf der piekfeinen Fifth Avenue oder im abgefuckten Meat District: Dieser Lincoln ist für Passanten unterhaltsam wie eine Broadway-Show. Speziell, wenn der Blackwood – benannt nach dem dunklen Holz an den Flanken – sein Bestes gibt: schwarze Magie.

Auf Knopfdruck im Cockpit hin hebt sich der 1,43 Meter lange Laderaumdeckel hinten an und fährt binnen acht Sekunden per Elektroantrieb so weit hoch, dass er sich am oberen Anschlag zwei Meter über dem Fahrbahnniveau befindet. Dann kann die 40 Zentimeter tiefe, mit Teppichboden und Aluminium-Dekor ausgekleidete Ladewanne nebst Staufächern in den Flanken beladen werden.

Zwei nach außen schwenkbare Hecktürflügel erleichtern die Zugänglichkeit des Gepäckabteils, das zum Verstauen von Musterkoffern geeigneter erscheint als zum Transport von Schweinehälften. Und nachts wird die Edel-Pritsche von LED-Dioden so prächtig illuminiert, dass selbst die Leuchtreklame am Times Square vor Neid erblassen könnte.

Das Schließen geht ebenso automatisch, schnell und lautlos vonstatten wie das Öffnen, so dass man sich dabei ertappt, den Mechanismus allein des Vorführeffekts wegen zu betätigen. Denn der erntet mindestens so viel Beifall wie ein Home-Run der New York Yankees.

Vergleichbare Aufmerksamkeit erregt man in Deutschland zurzeit allenfalls mit einem New Mini – der Blackwood da- gegen ist New Maxi: 5,59 Meter lang, 1,98 Meter breit, 1,87 Meter hoch. Unter der Motorhaube steckt Black Power: ein Vierventil-Achtzylinder, der aus 5,4 Liter Hubraum 304 PS entwickelt und sein maximales Drehmoment von 482 Nm, das zwischen 1.700 und 4.700/min parat ist, über eine Viergang-Automatik mit Overdrive an die Hinterräder schickt.

Allradantrieb? Im Gegensatz zum Navigator Fehlanzeige. Dafür hat der Blackwood eine ausgewogene Achslastverteilung, hinten ein Sperrdifferenzial und eine elektronische Traktionskontrolle, die im Falle mangelnden Grips die Zündung zurücknimmt und dem Motor per Kraftstoffdrosselung sanft den Saft abdreht.

Die Traktionshilfe muss aber höchstens mal bei nasser Fahrbahn besänftigend eingreifen, denn trotz beeindruckender Leistungsdaten wirkt der V8 im Blackwood lendenlahm. Da entpuppen sich die 2.585 Kilogramm Leergewicht als Klotz am Bein. Speziell beim Ampelstart, der zu New York City gehört wie die Yellow Cabs, verhält sich der Lincoln wie 100-Meter-Weltmeister Maurice Green in Fußfesseln. Kaum zu glauben, dass der große Pickup mit Anhänger im Schlepp fast vier Tonnen ziehen darf.

Einmal in Fahrt, lässt es sich jedoch prima cruisen. Die Automatik schaltet weich und bar jeglicher Hektik. Die Passagiere können sich in vier mit Connolly-Leder bezogenen Einzelsitzen räkeln, dem Sound der Alpine-Stereoanlage lauschen, ihre Getränkebecher in riesigen Cupholdern versenken, mit der wirksamen Klimatisierungsautomatik die sommerliche New Yorker Waschküche aussperren und dank zuverlässigem Navigationsgerät – einziges Extra und 1.995 Dollar teuer – auch ohne Ortskenntnis den Asphalt-Dschungel durchkämmen.

Der riesige Lincoln vermittelt just jenes Gefühl, das die Amerikaner an ihren Sport-Utitilies und Pickups so schätzen:  Geborgenheit und Sicherheit. 14 Meter Wendekreis? No problem, nicht einmal im vergleichsweise engen Manhattan. Die hervorragende Übersichtlichkeit der Karosserie macht den Blackwood subjektiv handlicher, als er in Wirklichkeit ist.

Die gigantische Karosserie, neben der eine M-Klasse von Mercedes oder ein BMW X5 wie Spielzeugautos wirken, spannt sich über 3.518 Millimeter Radstand. Die machen den auf 18-Zoll-Rädern rollenden Lincoln allerdings ebenso wenig komfortabel wie die Luftfederung an der Hinterachse. Jedes Schlagloch – und davon hat New York mehr als Einwohner und Ratten zusammen – rüttelt am Aufbau wie ein mittleres Erdbeben. Auch die Bremsen sind nichts für Weicheier: Um die Fuhre zu verzögern, muss der Fahrer so fest auf das wie im Navigator verstellbare Pedal treten, als sei die Servohilfe noch nicht erfunden worden.

Auch die Verarbeitungsqualität erinnert mehr an graue Vorzeit als an die Ansprüche der von Wolfgang Reitzle geführten Premier Automotive Group. Die Halterungen der Radnabenabdeckungen schmelzen schon nach wenigen Bremsungen wie Butter in der Sonne. Der Automatikwählhebel am Lenkrad hakt auf dem Weg in den Rückwärtsgang wie die derzeitige Autokonjunktur, und an der Innenseite der Tankklappe fehlen ab Werk die lackschützenden Gummistopper.

An den in die Vordersitzlehnen integrierten Taschen reißt die Lederverkleidung schon beim ersten Versuch ab, die "New York Times" darin zu verstauen. Ob das der Kunde so schluckt wie der Blackwood den Sprit aus seinem 94-Liter-Tank?

Mehr als 20 Liter pro 100 Kilometer sind es im Stadtverkehr. Doch wo wie in den USA der Liter Super umgerechnet nur eine Mark kostet und der Parkplatz für eine Nacht wie in New York mehr als anderswo ein Hotelzimmer, bleibt Autofahren vorerst noch die billigste Fortbewegung. Sogar im Lincoln Blackwood.

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