Lotus 2 Eleven

Ballast-Revolution

Foto: Hans-Dieter Seufert 32 Bilder

Lotus-Fans, denen selbst eine Elise noch zu verweichlicht erscheint, kann geholfen werden. Der 255 PS starke 2-Eleven wurde auf  762 kg und damit Rennwagen-Niveau abgespeckt.

Das große Spektakel beginnt mit einem strengen Ritual. Es gilt, die Startautomatik in Betrieb zu nehmen: Motor und Traktionskontrolle ausschalten, dann Gaspedal drei Sekunden lang durchdrücken. Jetzt Motor starten und Kupplung zuschnappen lassen, fertig. Den Rest erledigt die Elektronik.

Wobei mit Rest der Sprung von null auf 100 km/h in 4,4 Sekunden gemeint ist. Eine gekonnte Komposition aus infernalischen Motorschreien, verbranntem Gummi und Landschaftsbildern in Wischtechnik, unterbrochen von einem kurzen Gangwechsel. Aktionskunst für alle Sinne.

Und das Beste daran: Für Antritte der Ferrari-Klasse reichen 255 PS aus einem aufgeladenen 1,8-Liter-Motor völlig aus, weil sie nicht schwer schleppen müssen. Leichtbaupionier Lotus hat noch einmal abgespeckt und dem nur 935 Kilogramm schweren Zweisitzer Exige alles abgenommen, was nicht unbedingt zum Fahren benötigt wird.

Damit sind aber keine Luxusgüter wie Klimaanlage oder elektrische Sitzverstellung gemeint, sondern Dinge, über die seit Abschaffung der Seilzugbremse im Automobilbau niemand mehr ernsthaft nachdenkt: So sucht man Dach, Heizung oder gar Türen ebenso vergebens wie eine Windschutzscheibe, die diese Bezeichnung verdient. Heraus kam der 2-Eleven mit 762 Kilo und einem Leistungsgewicht von nicht einmal drei Kilogramm pro PS.

Zum Vergleich: Beim Mercedes SL 65 AMG muss jede der 612 Pferdestärken stramme 3,4 Kilogramm wuchten. Dafür umfasst die Serienausstattung im 2-Eleven Details, die man sonst nur in Boxengassen besichtigen kann: Aluminium-Monocoque, Überroll-Käfig, verstellbarer Heckflügel oder profilarme Sportreifen.

Das alles macht den nur 1,11 Meter hohen Zweisitzer auf öffentlichen Straßen endgültig zum Fuchs, der sich in eine Hühnerfarm geschlichen hat. Notorische Autobahn-Linksfahrer wechseln zum ersten Mal in ihrem Leben auf die rechte Spur, LKW betteln auf Landstraßen mittels Blinker darum, überholt zu werden – niemand scheint uns die Rundenzeit verderben zu wollen.

Dabei haben wir es doch gar nicht so eilig, wie wir aussehen. Dennoch ist in den weit aufgerissenen Was-ist-das-denn-Augen ein freudiges Funkeln zu entdecken. Manche Sportwagen wollen ihre Betrachter zu armen Schluckern degradieren, was Missgunst provoziert.

Anders der Lotus, der so weit von Luxus entfernt ist wie Hamburg-Blankenese von unserer Hausstrecke auf der Schwäbischen Alb. Hier fühlt er sich wohl – nicht nur deswegen, weil ihm die Kinder in den Dörfern zujubeln, Beifall klatschen und ihn umzingeln, wo er anhält. Sein Ding sind diese Landes- und Kreisstraßen, die nur deshalb kein 70-km/h-Tempolimit haben, weil dort sowieso kein normales Auto schneller fahren kann.

Für den Verzicht auf Heizung und Federungskomfort gibt er hier fahrdynamische Glücksgefühle zurück, die bei 99 Prozent seiner vierrädrigen Kollegen unter Zentnern von elektrischen Helfern, Fahrerassistenzsystemen und Ballast begraben liegen: Wohlige Schauer angesichts der servolosen, ultra-direkten Lenkung, mit der sich Kurvenradien wie mit einer CNC-Fräse ziehen lassen. Ungläubiges Kopfschütteln angesichts des Fahrwerks mit Doppel-Querlenkern vorn und hinten, das zusammen mit Yokohama-Sportreifen eine Querbeschleunigung erlaubt, als hätte sich ein Pattex-Transporter kurz zuvor seiner Ladung entledigt.


Vorausgesetzt, die Straßen sind trocken und die Reifen warm. Der Grenzbereich der knapp 3,82 Meter langen Haftschale liegt jedenfalls in Regionen, die auf öffentlichen Straßen nicht ausgelotet werden sollten.

Und das, obwohl der mächtige Heckflügel bei 160 km/h mehr als 60 Kilogramm Abtrieb produziert und die brutale Bremsanlage mit Renn-ABS zusätzliches Vertrauen schafft. Ungefährlicher sind da schon die Endorphin-Schübe, die beim Ausdrehen des ungedämmten Kompressor-Vierzylinders einsetzen.

Nur Zentimeter von den Trommelfellen entfernt, schreit der 1,8-Liter eventuell aufkommende Rufe nach mehr Zylindern oder Kubik mit 8000/min nieder. Der von Toyota stammende Motor ist zwar für hohe Drehzahlen geschaffen, geht aber selbst bei 2000/min im sechsten Gang schon merklich zur Sache.

Zusammen mit der erstaunlich gefühlvoll dosierbaren Kupplung zeigt der 2-Eleven, dass er kein hochsensibles Sport-Gerät für Profi-Rennfahrer sein will. Dazu passt auch die variable Traktionskontrolle, die zu viel Schlupf an der Hinterachse genauso verhindert wie daraus resultierende Quersteher oder gar Dreher.

Lotus versteht ihn vielmehr als Zweit- oder Drittfahrzeug für Auto-Enthusiasten, die sich nach besonders intensiven Fahrerlebnissen sehnen. Einer weiten Verbreitung des 2-Eleven in Deutschland steht neben seinem Preis von 58 900 Euro im Moment allerdings noch die erforderliche Straßenzulassung per TÜV-Einzelabnahme im Weg.

Nur in England lässt sich der Flachmann bisher problemlos anmelden. Lotus gibt sich allerdings zuversichtlich, dass der 2-Eleven diese bürokratische Hürde in Kürze mit Leichtigkeit nimmt.

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Technische Daten
Lotus 2 Eleven
Grundpreis 58.994 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 3822 x 1735 x 1112 mm
Hubraum / Motor 1796 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 188 kW / 255 PS bei 8000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
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