Mercedes S 600 Pullman

Lang in Sicht

Opulenter Beinraum im Fond des Mercedes S 600 Pullmann, verschwenderische Ausstattung sowie ein Federungs- und Geräuschkomfort allererster Güte – ein Narr, wer da seinem Ziel entgegenjagen wollte.

Es ist Freitagnachmittag, ein sonniges, stressfreies Wochenende steht bevor, in der Hosentasche steckt der Türöffner zum teuersten Testwagen der Redaktion, und ich habe ein Problem: Ein natürlicher Drang zieht mich in den Fond der schwarzen Großraum-Limousine, doch der Besitz des Schlüssels macht mich zu ihrem Chauffeur. Manche Eintrittskarte zum 500.000-Mark-Club adelt ihren Träger, diese tadelt ihn als Lakaien.

Solche Sechs-Meter-Autos sollte man schon in Grundausstattung nur mit Fahrer liefern, denn im Gegensatz zu manch entbehrlichem Luxus ist livriertes, dienstbares Personal hinter dem Pullman-Steuer unverzichtbare Notwendigkeit. Schließlich steht der Name des US-Fabrikanten George Mortimer Pullman seit Mitte des 19. Jahrhunderts für höchsten Komfort auf Rädern, und den genießt die Herrschaft selbstredend im Fondseparée.

Der erste Mercedes mit dieser Bezeichnung wurde 1963 vorgestellt und verdiente sie sich mit jedem seiner insgesamt 624 Zentimeter. Das waren nochmals 70 mehr als beim gewiss nicht kleinen Basis-600 und offenbar genau das richtige Maß für Popstars, Potentaten und den Papst. Sein von 1995 bis 1998 gebauter Nachfolger gab sich hingegen als üppig gestretchtes S-Klasse-Derivat zu erkennen, das seine 55 Käufer vor allem in der russischen Regierung und bei reichen Orientalen fand.

Für den aktuellen Pullman nach gleichem Muster schien die Automesse Dubai deshalb der geeignete Premierenort, denn die meisten der rund 100 Autos pro Jahr sind für den Nahen und Fernen Osten bestimmt. Gefertigt werden die um einen Meter verlängerten Rohkarosserien neben gepanzerten Mercedes-Limousinen in der Sindelfinger Manufaktur, Innenausbau und Komplettierung erfolgen bei AMG in Affalterbach.

Mit schwäbischer Gründlichkeit beließ man es nicht beim simplen Einfügen eines Zwischenstücks. Die um zwei Zentimeter angehobene Gürtel- und Dachlinie bringt mehr Steifigkeit, das Fahrwerk wurde mit verstärkten Stahl statt Alukomponenten, einer dreiteiligen Kardanwelle sowie größeren Rädern den gewachsenen Dimensionen angepasst. Grosszügige Bestellung von Extras treibt das Leergewicht (ab 2.545 kg) weiter in die Höhe, nur eine Panzerung ist nicht lieferbar.

Aber selbst ohne die vorne fehlenden seitlichen Kopfairbags fühlt man sich gut und sicher aufgehoben in der Kommandozentrale. Sie bietet dem Fahrer fast alles, was der freudigen Berufsausübung dient. Allein der Spielraum für Sitz und Lehnenneigung findet vor der Trennwand eine natürliche Beschränkung, die mit sanftem Nachdruck eine aufrechte Haltung anmahnt.

Weitere Unterschiede zur normalen S-Klasse sind erst bei genauerem Hinsehen auszumachen. Zu den ohnehin zahlreichen Schaltern gesellen sich noch weitere für die Gegensprechanlage oder die versenkbare Trennscheibe, die sich auch von vorn betätigen lassen. Nicht einmal die Sitze taugen zur Status-Symbolik: Während sich die Herrschaft früher auf opulenten Veloursbezügen räkelte, regiert heute die nivellierende, vergleichsweise schlichte Uniformität von Leder Nappa exclusiv.

Überhaupt bietet der Blick ins Fondabteil wenig Anlass zum Klassenneid. Wenn man einmal die üppigen Raumverhältnisse und die zwei zusätzlichen Sitze ignoriert, sieht es hier aus wie in jeder S-Klasse. Für einen sündhaft teuren Aufpreis von über 25.000 Mark werden noch ein paar Quadratzentimeter mehr mit Holz verziert, aber Stil ist nicht eine Frage der Menge.

An Innenverkleidung, Haltegriffen, Deckenleuchten und an Luftausströmern – polierte Maserung, wohin man blickt. Doch alles wirkt aufgesetzt, ohne eigentliche Funktion und im Fall der Türaschenbecher sogar der Preisklasse unwürdig. Keine Frage: Die einstige Pracht ist weg, und mit ihr das Flair von echter Handarbeit, wie es der alte 600 so unnachahmlich ausstrahlte. Für eine echte Limousine fehlt es aber vor allem an Höhe, um den Passagieren einen würdevollen Einstieg und eine erhabene Sitzposition zu bieten. Dafür ist die Ausstattung so raffiniert wie nie zuvor, und der hintere Fußraum wuchs gegenüber dem vorherigen Pullman sogar um 20 auf stolze 70 Zentimeter. Anders als der Urahn und die lange, sechstürige E-Klasse von Binz wird der aktuelle Kingsize-Mercedes allerdings nur als Viertürer mit Trennwand und etwas zu steilen Mittelsitzen entgegen der Fahrtrichtung geliefert.

Ansonsten gibt es praktisch nichts, auf was Pullman-Kunden verzichten müssten. Ein Kühlfach für Getränke, ein High-End-Video- und Audiosystem, eine separate Klimaanlage im Fond und elektrische Vorhänge sind nur einige der zahlreichen Offerten, die VIPs Freude machen. Für Manager, die auch unterwegs managen müssen, werden zudem eine Media-Konsole mit zwei Arbeitstischen sowie ein Faxgerät angeboten.

Mit kaum veränderter Basistechnik fährt sich der Lange wie eine ganz normale S-Klasse. Beim Rangieren und Kurvenfahren bedenke man den Extra-Meter, stelle sich beim Bremsen und Überholen auf das höhere Gewicht ein, und schon lässt sich der Pullman leichtfüssig und präzise durch dichten Verkehr manövrieren. Mit seinem ungemein spontanen Ansprechverhalten passt der 5,8-Liter-V12 des S 600 naturgemäß am besten zu der maximal 3,15 Tonnen schweren Karosse, doch für 61.000 Mark weniger tut es auch der Fünfliter-V8 im S 500.

Für übermässige Eile besteht ohnehin wenig Grund, denn eine behaglichere Reise als in seinem Fond lässt sich kaum vorstellen. Es ist nicht das Fahren, sondern das Gefahrenwerden, das den Pullman aus der Masse der Autos hervorhebt. Länge mal Technik mal Ruhe ergeben hier eine fast perfekte Synthese – eine Vollkommenheit, die nicht dann entsteht, wenn man nichts mehr hinzufügen muss, sondern erst, wenn man keinen einzigen Zentimeter mehr wegnehmen kann.

Zur Startseite
Technische Daten
Mercedes S 600 Pulmann
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 5158 x 1855 x 1444 mm
KofferraumvolumenVDA 500 l
Hubraum / Motor 5786 cm³ / 12-Zylinder
Leistung 270 kW / 367 PS bei 5500 U/min
Höchstgeschwindigkeit 250 km/h
Verbrauch 13,5 l/100 km
Alle technischen Daten anzeigen
Noch nicht registriert?

Erstellen Sie jetzt Ihr kostenloses Profil und profitieren Sie als registrierter Nutzer von folgenden Vorteilen:

  • Exklusiver Zugriff auf alle Test- und Messdaten der Redaktion
  • 360°-Ansichten von Autos
  • Schneller PDF-Kauf
Kostenlos anmelden
Die neue Ausgabe als PDF
Mittelklasse Tesla Model 3, Exterieur Test Tesla Model 3 Performance (2019) Wurde der E-Ami zurecht sehnsüchtig erwartet? Fahrbericht, Mercedes GLC Mercedes GLC im Fahrbericht Modellpflege mit Infotainment und Assistenzsystem
Sportwagen Vandal One Vandal One: Im Geheimen entwickelt Sportwagen soll Formel-1-Feeling ermöglichen TTP Tuning Porsche Cayman GT4 Fahrbericht Sportscars & Tuning Umbruch in der Tuning-Branche Tuner in der WLTP-Falle
Tech & Zukunft VW ID-Logo VW ID-Familie Neue Namen für die Elektro-Autos BMW M-Sechszylinder Biturbo S58 X3 M X4 M Competition Neuer 6-Zylinder Biturbo für M3 und M4 Zu 90 Prozent kein BMW-Motor
Anzeige
Alle Automarken von A-Z
Markenbaum Sideteaser Erlkönige, Neuvorstellungen und Tests von allen Marken