Mercedes Flügeltürer SLS AMG & 300 SL

Der panamericanische Traum

Mercedes-Benz SLS AMG, Mercedes-Benz 300 SL Foto: Mercedes-Benz 20 Bilder

1952 gewannen Karl Kling und Hans Klenk mit dem ehedem 175 PS starken Mercedes 300 SL das legendäre Straßenrennen Carrera Panamericana in Mexiko. Anno 2010 trifft der Oldie am selben Ort seinen von 571 PS beflügelten Nachfolger – den Mercedes SLS AMG.

Glaubt man alten Filmen und Klischees, so gehören die Geier zu Mexiko wie die Kakteen. Folgerichtig spielten die flugfähigen Aasfresser auch beim am 5. Mai 1950 erstmals gestarteten längsten Straßenrennen der Welt eine unrühmliche, wenngleich letztlich nicht wirklich entscheidende Rolle.

Uhlenhaut-Coupé – der legendärste Flügeltürer von Mercedes

Es begab sich auf der Carrera Panamericana in Mexiko, einem in neun Etappen ausgetragenen Rennen über 3.113 Kilometer. Für die Bewältigung dieser beachtlichen Distanz waren anno 1952 fünf Tage angesetzt. Entgegen dem ursprünglichen Nord-Süd-Routing bei der Auftaktveranstaltung wurde die Carrera Panamericana seit 1951 von Süden nach Norden und in Folge eines sich sukzessive öffnenden Reglements auch von leichten europäischen Sportwagen statt wie zuvor ausschließlich von gewichtigen fünftürigen Limousinen gefahren.

Nach dem ersten Sieg eines solchen (1951 überquerten der Italiener Piero Taruffi und der italienischstämmige Amerikaner Luigi Chinetti an Bord eines Ferrari 212 als Erste die Ziellinie) griff im dritten Jahr des mexikanischen Renngeschehens auch ein auf öffentlichen Straßen primär für luxuriöse Limousinen mit steil aufragendem Kühlergrill bekannter schwäbischer Automobilhersteller in den 19 Stunden währenden Dauerlauf ein.

Mercedes schickte den von Rudolf Uhlenhaut erdachten 300 SL ins Rennen. Ein Auto, dessen drei Liter großer Sechszylinder-Vergaser-Motor (daher die Kennung 300) mit gerade einmal 175 Pferdestärken und vier manuell zu sortierenden Fahrstufen auskommen musste, als andernorts 200-Plus-PS und Fünfgangschaltgetriebe längst State of the Art waren. Doch der seit 1936 für das Unternehmen tätige Renningenieur wusste Rat. Da er auf den Motor und das Getriebe des Mercedes 300 angewiesen war, setzte er der nicht mehr ganz frischen Antriebstechnik eine Karosserie mit möglichst geringem Luftwiderstand (cW-Wert 0,25) und unkonventionellem Leichtbau in Form eines Rohrrahmens entgegen (Leergewicht 1.060 Kilogramm).

Die Carrera Panamericana ist die Mille Miglia des amerikanischen Kontinents

Ein Erfolgsrezept – wie die ersten Renneinsätze des 4,22 Meter langen, 1,79 Meter breiten und 1,27 Meter hohen Coupés zeigen sollten. Zweiter und vierter Platz auf der Mille Miglia (3./4. Mai 1952), Dreifach-Sieg beim Preis von Bern für Sportwagen (18. Mai 1952), Doppelsieg bei den legendären 24 Stunden von Le Mans (13./14. Juni 1952) und Vierfachsieg beim großen Jubiläumspreis vom Nürburgring für Sportwagen (3. August 1952).

Vor diesem Hintergrund fiel die Entscheidung, dem ganzen Tross Ende Oktober desselben Jahres auch noch den mühsamen Weg gen Mittelamerika zuzumuten, leicht. Galt doch die Carrera Panamericana bereits zwei Jahre nach ihrem Start als Mille Miglia des amerikanischen Kontinents.

Der Hund, der Geier – und der Mercedes 300 SL

Doch dann kamen der 19. November 1952, der Start der ersten, 530 Kilometer langen Etappe von Tuxtla nach Oaxaca, der Hund und der Geier. Der Hund bereitet seinem Leben und der Leistungsfähigkeit des Mercedes 300 SL von Hermann Lang durch einen jähen Sprung vors Auto ein Ende.

Der Geier durchschlägt die Frontscheibe des von Karl Kling pilotierten zweiten SL und verletzt dessen Beifahrer Hans Klenk am Kopf. Was jenen freilich nicht davon abhält, noch am selben Abend durch die Montage mehrerer Stäben vor der Frontscheibe einer etwaigen Wiederholung dieser ungewohnten Begegnung der dritten Art vorzubeugen. Trotz der Federvieh-Attacke und des Wechsels zweier Hinterräder und eines Vorderrades liegt das Mercedes-Doppel-K-Team am Ende des ersten Tages auf Gesamtrang drei.

Nach den mit überragenden Durchschnittsgeschwindigkeiten von 204 respektive 213,7 km/h gewonnenen Highspeed-Etappen des vierten und fünften Tages und dem technischen Ausfall des bis dato favorisierten Ferrari-Piloten Giovanni Bracco sichert sich das Duo Kling/Klenk schlussendlich den Gesamtsieg der Carrera Panamericana vor den Markenkollegen Hermann Lang/Erwin Grupp, die mit ihrem 300 SL alles in allem eine gute halbe Stunde länger unterwegs waren.

Der Mercedes SLS AMG – ein würdiger Nachfolger des 300 SL

Die Legende des Mercedes 300 SL Flügeltürers war geboren und mündete in dem 1954 vorgestellten, durch die Umstellung von Vergaser auf Benzin-Direkteinspritzung auf 215 PS erstarkten Serienautos. Dass sie im Jahr 2009 vom Konzern selbst wiederbelebt wurde, verdankt sie der Tatkraft der im schwäbischen Affalterbach beheimateten Mercedes-Sportdependance AMG und deren unlängst zur Mutter zurückgewechselten ehemaligen Chef Volker Mornhinweg.

Ihm wurde kurz vor Ende seiner Amtszeit die Ehre zuteil, mit dem Mercedes SLS nicht nur das erste von AMG in Eigenregie entworfene und entwickelte Auto zu präsentieren, sondern gleichzeitig auch dem ehedem berühmt gewordenen 300 SL einen würdigen Nachfolger zu bescheren. Dessen finaler Erhebung in den Adelsstand in Form einer höchst emotionalen Ausfahrt auf der legendären ersten Etappe des zweiten Carrera Panamericana-Renntags des Jahres 1952 konnte er zwar nicht mehr beiwohnen.

Zu einem gelungenen Start hat er seinem gleichfalls beflügelten, im aktuellen Straßentrimm allerdings mit der Kraft von 571 Pferden antretenden, 4,64 Meter langen und 1.620 Kilogramm schweren V8-Transaxle-Sportwagen aber noch verholfen. Die Fahrpräsentation im US-amerikanischen Laguna Seca zeitigte durchwegs positive Kommentare seitens der Fachpresse.

Der SLS AMG ein Designer-Stück mit einem heiser-tieffrequenten Achtzylinder-Sound

Inmitten der teils lateinamerikanisch bunten, teils unwirtlich kargen, immer aber lebendig-chaotischen Umgebung der zentralmexikanischen Hochebene zeigt sich das komfortabel-sportliche Frontmittelmotor-Coupé von einer gänzlich anderen Seite. Zielgenau ums Eck fetzen wie einst auf der kalifornischen Rennstrecke geht hier natürlich auch.

Aber im Hinblick auf möglicherweise dahinter auftauchende Kinder, Hunde oder Geier wird derlei auf der öffentlichen Straße nicht allzu oft geprobt. Es soll ja heil nach Hause kommen – das in Perlmutt-Metallic-Weiß glänzende Designer-Stück mit dem heiser-tieffrequenten Achtzylinder-Sound. Die für europäische Sportfahrwerke grenzwertigen Wellentäler und Asphaltgefälle bremsen das flotte Geschehen ohnehin ein.

Wäre ja auch schade drum: Wer will die beeindruckende Landschaft schon gänzlich unreflektiert an sich vorbeifliegen lassen, die aufregend giggelnden Schulmädchen in ihren weinrot-schwarz-weißen Uniformen ignorieren und die mageren, aber stets freundlich mit dem Schwanz wedelnden mexikanischen Köter verschrecken? Besser ist – lässig zurücklehnen, den automatischen Sportmodus des brandneuen, bislang dem SLS vorbehaltenen Doppelkupplungsgetriebes aktivieren und Schaltlampen im Cockpit und um Gnade winselnde Gummis vergessen.

So lässt sich die urwüchsige Kakteen-Landschaft ebenso trefflich genießen wie das Auto, das im direkten Vergleich zu seinem zierlichen Vorgänger erhaben und erwachsen wirkt. Aber keine Angst: Auch das neue Flügel-Tier hat Flausen im Kopf. Wie viele und welcher Art zeigt der Supertest.

Technische Daten
Mercedes SLS AMG
Grundpreis 186.830 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4638 x 1939 x 1262 mm
KofferraumvolumenVDA 176 l
Hubraum / Motor 6208 cm³ / 8-Zylinder
Leistung 420 kW / 571 PS bei 6800 U/min
Höchstgeschwindigkeit 317 km/h
Verbrauch 13,2 l/100 km
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