Morgan Roadster Fourseater 3.0

For Four

Foto: Charlie Magee 18 Bilder

Noch nie konnten vier Personen in einem einzigen Morgan so schnell ihr Ziel erreichen. Erster Ausritt mit dem neuen Morgan Roadster als Fourseater: 226 PS und jede Menge frische Luft versprechen ein Gruppenerlebnis der besonderen Art.

Was ist noch englischer als drei Mann in einem Boot? Ganz klar: vier Mann in einem Morgan. Und schneller obendrein. Den Angaben des Herstellers zufolge schafft ein solcher Vierer inklusive Steuermann nämlich 116 Knoten.

Da bekommt das Pläsier, vergnügt und in angenehmer Gesellschaft die Reize von Mutter Natur zu erkunden, doch gleich eine ganz andere Dimension, oder? Sicher, wenn man den neuen Morgan Fourseater dann so vor sich sieht, beschleichen einen erst mal gewisse Zweifel. 216 km/h also. Zu viert? Der Kahn ist gerade mal hüfthoch und offen wie ein Skateboard. Auf den Klippen von Dover sitzt man windgeschützter. Und damit in fünf Sekunden von null auf 100 km/h – bei Morgan hat man offenkundig Humor. Schwarzen.

Doch es ist keineswegs Seemannsgarn, das hier gestrickt wird. Unter der gerippten Flügelhaube nach alter Morgan- Sitte verbirgt sich die Dreiliter-V6-Maschine mit 226 PS, und die gab es bisher nur im Zweisitzer – aus gutem Grund, wie es werksseitig immer hieß. Der starke Motor und die (notgedrungen) extraharte Hinterachsfederung des Viersitzers wären der beste Weg, um bei schneller Fahrt das Auto in den Graben und die Fondpassagiere in die Umlaufbahn zu katapultieren.

Das war schon beim verblichenen Plus 8 so, den es ebenfalls nicht als Viersitzer zu kaufen gab. Doch die Zeiten ändern sich, auch bei der Morgan Motor Company in den idyllischen Malvern Hills. Nicht, dass dem Management das Wohlergehen der Käufer nun weniger am Herzen liegen würde. Aber Teile der Viersitzer-Kundschaft dann muss selbst mancher durchtrainierte Held des High- Tech-Zeitalters die Waffen strecken. Ein ähnliches Schicksal droht freilich auch etwaigen Fahrgästen, sofern sie im Fond Platz nehmen.

Vor allem empfiehlt es sich, die Anschnallpflicht zu beachten, denn nirgends ist der Rücksitzgurt so wertvoll wie in einem scharf gefahrenen Morgan Fourseater. Ohne die Rückhaltevorrichtung genügen nämlich schon mittlere Fahrbahnunebenheiten, um die Passagiere aus den Sitzen zu heben. Grobe Verwerfungen berechtigen zur Ausstellung eines Flugscheins.

Zumindest bei forcierter Gangart bleibt also alles beim Alten. Reißt sich der Fahrer indessen am Riemen, erwartet die Passagiere ein Offenfahrgenuss, der seinesgleichen sucht.

Dank erhöhter Sitzposition und niedriger Bordwand gleicht das hintere Abteil einer Aussichtsplattform mit ungehindertem Rundumblick. Für optimale Resultate empfehlen sich allerdings Schutzbrillen, denn die Frontscheibe reicht den hinten Sitzenden nur bis auf Kinnhöhe.

Den darüber hinausragenden Rest trifft dann die volle Wucht des Fahrtwinds. Ansonsten kann sich die Besatzung an einem Komfortniveau delektieren, das man von einem klassischen Morgan bislang nicht gewohnt war. Auch auf den hinteren Plätzen erleiden zwei Erwachsene abgesehen von den Fliegen zwischen den Zähnen keine übermäßigen Strapazen. Es geht überraschend geräumig und gut gepolstert zu, und selbst an eine Isofix-Vorrichtung für Kindersitze wurde gedacht.

Bei Nichtgebrauch kann man die beiden Sitzlehnen einempfanden die bislang ausschließlich lieferbare Vierzylinderversion offenbar als motorisierten Bleistiftspitzer. Der Ruf nach der vollen Dosis wurde laut. Wer ruft, das ist bei Morgan, wo die Finger stets am Puls der Fans liegen, bestens erforscht. Ausweislich einschlägiger Befragungen bringt es die Fourseater-Klientel wie alle Morgan-Kunden auf durchschnittlich 46 Lebensjahre, hat mindestens zwei weitere Autos in der Garage und benötigt die zusätzlichen Sitzplätze, um entweder den Nachwuchs, den Hund oder beide am Morgan-Vergnügen teilhaben zu lassen. Verständlich also, dass man bereits 1925 ein Family- Modell ins Programm aufnahm, damals allerdings noch mit drei statt vier Rädern. Seither hat sich natürlich das eine oder andere geändert, ohne dass sich die Sache freilich weniger abenteuerlich ausnehmen würde.

Das verspricht schon der jüngste Superlativ: Von Einzelstücken wie dem offenen Mercedes CLKDTM abgesehen soll der neue Fourseater das Viersitzer- Cabrio mit dem günstigsten Leistungsgewicht darstellen. 226 PS kommen auf 1000 Kilogramm, 60 Kilo mehr als beim entsprechenden Zweisitzer. Das macht 4,48 kg/PS.

Es kann also heiter werden. Genauer gesagt: Spätestens wenn das klassische Rollengaspedal auf Anschlag geht und der Drehzahlmesser die Viertausendermarke erreicht, wird das Vergnügen zum Ernstfall.

Unversehens karriolt der Fourseater über die Chausseen der Malvern umgebenden Grafschaft Worcestershire, als wäre ihm Werwolf persönlich auf den Fersen. Es stimmt tatsächlich: Lässt dieses altertümlich anmutende Familiengefährt die Muskeln spielen, zeln nach vorn klappen, was den Fourseater in eine Art Pickup-Roadster verwandelt – eine praktische Sache, im Gegensatz zur Easy-Entry-Funktion, die hier im Öffnen des Verdecks besteht. Immerhin darf nun geklappt werden, während zuvor gefaltet, gezogen und geknöpft werden musste.

Zwei Mal entriegeln genügt, und das Kuppeldach lässt sich bei etwas Geschick dazu überreden, sich im Heck ziehharmonikamäßig aufzuschichten. Die seitlichen Steckscheiben finden nun in einem kleinen Stauraum hinter den Rücksitzlehnen Platz.

Ebenso wie die gesamte Heckpartie präsentieren sie sich jetzt schicker gestylt als beim bisherigen Fourseater – eine weitere bemerkenswerte Neuerung, denn Styling galt bei den Klassikern der Marke bisher als verpönt. Eine gewisse Verweichlichung der Sitten ist schließlich auch in Sachen Federung zu beobachten. Ungeachtet der aufpreispflichtigen 18-Zoll-Räder (Serie: 15 Zoll) des Probanten gibt sie sich bei zivilem Tempo die meiste Zeit unverhofft nachgiebig. Zur Beruhigung aller Morgan-Infizierten, die angesichts solcher Fortschritte schon die Anarchie der Grundsatzlosigkeit wittern: Seinem Wesen bleibt der Klassiker auch in Gestalt des neuen Fourseater treu. Folglich erübrigt sich auch der Vergleich mit herkömmlichen Viersitzer-Cabrios. Alternativen? „Ebenso gut könnten Sie mich fragen, welcher Tapetenkleister am besten schmeckt“, meint ein Kunde auf dem Hof der Morgan-Fabrik.

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