Morgan Roadster

Grauer Panther

Foto: Uli Jooß

Der neueste Morgan, Nachfolger des Plus 8, heißt Roadster – einfach Roadster. Muss ja nicht jeder wissen, dass unter der Haube zwei Zylinder und ein Liter Hubraum fehlen. Vom profanen Spender des V6-Motors, das den V8 ersetzt, ganz zu schweigen: Ford Mondeo...

Verständlich, dass man nicht auch noch Salz in die Wunde streuen möchte: Der neueste Morgan, Nachfolger des Plus 8, heißt Roadster – nicht Plus 6, schon gar nicht V6, einfach nur Roadster. Muss ja nicht jeder wissen, dass unter der langen Haube des Klassikers zwei Zylinder und ein Liter Hubraum fehlen. Vom profanen Spender des V6-Aggregats, das den geliebten V8 ersetzt, ganz zu schweigen: Ford Mondeo, zwei Worte, die Morgan-Fans lieber nicht in den Mund nehmen. Schließlich handelt es sich hier nicht um einen motorisierten Bleistiftspitzer.

Das Auto hat einen Ruf zu verteidigen – nirgendwo paarte sich so viel Motor mit so wenig Gewicht. Das machte den Plus 8 zeitlebens zum Elastizitätsmaßstab, zum Hans Dampf in allen Gängen. Und nun? Eine Legende geht zu Boden, den Gewehrlauf im Nacken. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Zuletzt war der bei Land Rover gebaute (inzwischen eingestellte) V8 auch nicht mehr das, was er einmal war. Gesetzliche Auflagen und großzügige Fertigungstoleranzen forderten ihren Tribut, die Katalogleistung (185 PS) stand oft nur noch auf dem Papier. Die gute Nachricht: Dem moderneren Ford-V6 lässt sich dergleichen nicht vorwerfen. Außerdem handelt es sich um die Sportversion aus dem Mondeo ST 220, folglich stehen nun echte 226 PS parat. Als Wermutstropfen bleibt das geringere Drehmoment: Statt 305 Nm bei 3500/min walten nun höchstens 285 Nm, bei 4900/min. Von der Antriebsquelle abgesehen bleibt der neue Roadster indes der alte, so wie er seit 1936 hartnäckig den Anfechtungen des Zeitgeists trotzt. Wer ihn kennt, weiß Bescheid. Für alle anderen ein kurzer Prolog: Morgan-Kunden sind Autoromantiker. Was sie kaufen, ist eine Reise in die Vergangenheit, was sie erwartet, ist die Urform des Sportwagens, von Hand gebaut in einem Familienbetrieb in Malvern Link im Westen Englands.

Die Sportwagen von Morgan sind keine Replica, sie besitzen die Integrität des Originals. Wichtig auch: Der technische Fortschritt beschränkt sich bei einem Morgan Roadster auf das Unvermeidbare und das hat, wie Morgan-Infizierte wissen, auch sein Gutes. Im Detail bedeutet das Starrachse an Blattfedern hinten und eine Vorderachse, deren Konzeption auf das Jahr 1909 zurückgeht. Nicht viel jünger das Chassis aus Profilträgern (inzwischen verzinkt), obendrauf ein Karosserierahmen aus imprägniertem Eschenholz. Die äußere Hülle ist aus Aluminium, größtenteils handgeformt gemäß dem Form-follows- function-Ideal der dreißiger Jahre. Komfort gilt deshalb als Nebensache. Statt versenkbarer Seitenfenster gibt es Steckscheiben, Servo ist ein Fremdwort, und Türgriffe außen kosten Aufpreis. Traditioneller geht es nicht. ESP, ASR und ABS? Ja, aber nur humangesteuert, reine Fahrersache also. Dass ein solcher Sportwagen mit heutigen Konstruktionen nicht zu vergleichen ist, leuchtet ein. Damit zu fahren, heißt alle gängigen Maßstäbe fahren zu lassen. In keinem anderen Auto funktioniert die Kommunikationskette Mensch- Maschine-Straße so direkt und gnadenlos wie im Morgan.

Gelenkt wird mit Bizeps, das Fahrwerk prügelt, der Fahrtwind tobt, nichts wird beschönigt, nichts gefiltert, und für die Überquerung größerer Bodenwellen könnte man Flugtickets ausstellen – nirgendwo ist der Begriff „aktives Fahren“ zutreffender. 300 Kilometer verschärftes Morgan-Training sind wie ein Mal Zehnkampf, da wirkt anschließend jeder zeitgenössische Roadster so sportlich wie ein Treppenlift. Jetzt das Neue daran: Während beim Plus 8 die Wucht des Vortriebs aus dem Keller kam, lohnt sich nun ein Blick auf den Drehzahlmesser. Oben, ab 4000/min wird es interessant, 500/min später nimmt die Beschleunigung des antik anmutenden, nur 992 Kilogramm schweren Gefährts derart ballistische Züge an, dass sich wehmütige Erinnerungen an den Plus 8 bald verflüchtigen.

Im Charakter mehr Stürmer als Zieher reizt der V6-befeuerte Roadster nicht nur zum schnelleren Fahren, sondern auch zu häufigerem Schalten, was dank der für Morgan-Verhältnisse leichtgängigen Fünfgangschaltung auch keine Probleme bereitet. Die Überraschung: Ungeachtet der subjektiven Empfindung erreicht der Roadster fast die Elastizitätswerte des Plus 8. Schöpft man das Drehzahlpotenzial in den Gängen hingegen aus (maximal 6500/min), lässt der V6 dem früheren Achtzylinder keine Chance. Gerade mal 5,2 Sekunden verfliegen beim Beschleunigen von Null auf Tempo 100 (Plus 8 4.6: 6,0 Sekunden), wäre bei 96 km/h kein Schaltvorgang fällig, stünde sogar die vier vor dem Komma. Höchstgeschwindigkeit: 216 km/h.

Sound? Das V8- Gebrabbel ist passé, aber bei geöffneter Drosselklappe klingt auch der V6 ganz passabel. So viel Kraft will gebändigt sein, angesichts des fossilen Fahrwerks ist das logischerweise keine leichte Aufgabe. Grenzgänger am Steuer des Morgan müssen wissen, was sie tun. Doch war eine gewisse Übermotorisierung schon immer Teil des Morgan-Cocktails. Da man es mit einer ehrlichen Haut zu tun hat, bleibt die Sache beherrschbar, bei geübtem Gasfuß sind auch in Kurven spaßige Einlagen jederzeit möglich. Das gilt für die V6-Version noch mehr als für den Vorgänger. Ihr leichterer, nach hinten versetzter Motor baut das Untersteuern ab und verbessert die Handlichkeit, ein Fortschritt, den auch Strenggläubige nicht verdammen werden. Kritischer wird es da schon bei den weiteren Evolutionsschritten. Der jüngste Morgan ist nämlich nicht nur schneller, er federt auch eine Spur besser, und er verfügt jetzt sogar über ein fest installiertes Klappdach. Selbst Airbags sind kein Tabu, Aufpreis: 2505 Euro. Dass sie so gut wie keiner bestellt, sollte nicht verwundern. Morgan-Fahrer sind – Ehrensache – hart im Nehmen.

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Technische Daten
Morgan Roadster V6
Grundpreis 57.000 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4010 x 1720 x 1220 mm
Hubraum / Motor 2967 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 166 kW / 226 PS bei 6150 U/min
Höchstgeschwindigkeit 216 km/h
Verbrauch 9,8 l/100 km
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