Nissan Primera 1.6 Fahrbericht

Neuauflage der Mittelklasse-Limousine

Wer den Europäern ein Auto verkaufen will, so das neue Nissan-Credo, muss es auch in Europa entwickeln und bauen. Nach diesem Rezept entstand die Neuauflage der Mittelklasse-Limousine Primera.

Der Ausstoß der japanischen Automobilproduktion ist zwar auf den niedrigsten Stand seit 1979 gefallen, aber das soll nicht bedeuten, dass Japans Autohersteller tief gesunken sind. Denn in nahezu gleichem Maß, wie in Fernost Kapazitäten abgebaut werden, entstehen neue in Übersee. Die Angst vor den Folgen des starken Yen treibt Toyota, Nissan & Co. geradezu in die Höhle des Löwen: nach Europa, wo die einstmals als Invasoren geschmähten Söhne Nippons heute als Investoren vor allem von der britischen Regierung mit offenen Armen und Steuergeschenken empfangen werden.

So haben Honda, Nissan und Toyota in Großbritannien neue Karosserie- und Motorenwerke hochgezogen sowie, über ganz Europa verteilt, auch Entwicklungszentren und Designstudios eingerichtet. Die Idee, Autos für Europa an Ort und Stelle zu entwickeln und zu produzieren, wurde – in umgekehrter Richtung – mittlerweile auch von deutschen Marken aufgegriffen: BMW fertigt in den USA den Z3-Roadster, Mercedes geht dort die allradgetriebene M-Klasse an.

Nissans Eurovision für den neuen Primera, laut Deutschland-Geschäftsführer Rudolf Lönne „das wichtigste Auto unserer Marke in diesem Jahrtausend“, sieht so aus: Entwicklung in den Technologiezentren Brüssel (Belgien) und Cranfield (England), Erprobung auf dem Nürburgring, Produktion von jährlich 130.000 Einheiten im nordenglischen Sunderland, von denen 25.000 für den deutschen Markt bestimmt sind. Trotz aller Annäherungsversuche an den europäischen Geschmack und eines Anteils von 80 % europäischer Bauteile ist die Neuauflage des Primera in vielerlei Hinsicht ein typischer Japaner geblieben.

Das Design wirkt wie eine Kreuzung aus dem alten Primera und dem größeren Maxima – wo europäische Hersteller wie Fiat, Renault, Peugeot und mittlerweile sogar VW mit dem neuen Passat stilistisches Neuland betreten, übt sich Nissan wie schon beim Almera in Lowrisk- Design. Projekt-Manager Timothy Tynan erklärt, warum: „Aufgrund von zahlreichen Kundenbefragungen in Design-Kliniken haben wir festgestellt, dass die Käufer in der Mittelklasse dem Styling keine große Bedeutung beimessen, sondern mehr auf die inneren Werte schauen.“ Wenn sich die Marktforscher da mal nicht täuschen.

Das Auge kauft schließlich auch mit. Und schmeckt eine gute Mahlzeit von einem schönen Teller nicht noch besser? Was erst auf den zweiten Blick auffällt, kann sich hingegen sehen lassen. Vor allem das großzügige Raumangebot, mit dem der als Schräg- und Stufenheck- Limousine lieferbare Viertürer aufwartet. Der um fünf Zentimeter verlängerte Radstand macht sich im Innenraum durch viel Beinfreiheit im Fond bemerkbar. Auch der Kofferraum hat an Größe gewonnen: 490 Liter passen in das Abteil des Stufenheckmodells, 505 Liter sind es bei der Schrägheckversion, und in beiden Fällen kann das Ladevolumen durch Umklappen der Rücksitzlehnen beträchtlich erweitert werden.

Das Cockpit wirkt in seiner Kunststoffanmutung zwar ähnlich freudlos wie die äußere Verpackung, aber die Bedienung ist so einfach und logisch, dass man sich auf Anhieb zurechtfindet. Praktisch auch die zahlreichen Ablagemöglichkeiten rund um die Vordersitze, die ebenso wie die Rückbank bequem gepolstert sind.

Auf dem Stand der Technik ist auch die serienmäßige Sicherheitsausstattung mit Airbags für Fahrer- und Beifahrerseite, pyrotechnischen Gurtstraffern an den Vordersitzen, Seitenaufprallschutz und Anti- Submarining-Sitzkissen, die im Falle eines Crashs ein Wegtauchen und Durchrutschen des Körpers unter den Gurt verhindern sollen. Ob die Bremsanlage (innenbelüftete Scheiben vorn, Trommeln hinten bei den schwächeren Versionen und rundum Scheiben bei den stärkeren) mit serienmäßigem Vierkanal-ABS hält, was Nissan verspricht, kann erst ein späterer Test klären.

Aber den ersten Eindrücken nach zu urteilen vermag das Fahrwerk zu gefallen. „Agiles Handling war unser vorrangiges Entwicklungsziel“, erläutert Projekt-Chef Tynan, und dies ist auch gut gelungen.

Der fahrwerksseitig nur im Detail modifizierte Primera wirkt mit seiner serienmäßigen Servolenkung sehr handlich, untersteuert in engen Kurven nur leicht und lässt sich dabei selbst durch abruptes Gaswegnehmen nicht aus der Ruhe bringen. Auch im Fahrkomfort sind Fortschritte gegenüber dem Vorgänger unverkennbar. Der Primera rollt jetzt leiser ab, federt besser, und der bekannte 1,6 Liter-Basismotor mit 90 PS – ein Vierventiler wie alle für den Primera vorgesehenen Benziner – läuft überraschend kultiviert. Viel Temperament aber entwickelt er nicht, weil die lange Übersetzung der oberen Gänge des locker und flockig schaltbaren Fünfganggetriebes das Durchzugsvermögen spürbar hemmt.

Der gleich starke, neu entwickelte Zweiliter-Turbodiesel hat mehr Mumm in der Kurbelwelle, geht aber auch akustisch herzhafter zur Sache. Darüber hinaus stehen noch zwei Zweiliter-Benziner mit 115 und 130 PS zur Verfügung, die zwar rauer klingen als der 1600er, aber für den je nach Ausführung zwischen 1.165 und 1.205 kg schweren Fronttriebler eine standesgemäßere Motorisierung darstellen und sich auch für die Kombination mit Automatikgetriebe besser eignen. Eine 150 PS starke GT-Version soll im Frühjahr 1997 das Angebot nach oben abrunden. Bis dahin stehen ab 28. September fünf Ausstattungspakete (GX, Si, SRi, SLX und SE) zur Wahl.

Wer sich jedoch für einen Kombi interessiert, muss noch mit dem alten Modell Traveller vorliebnehmen. Es wurde stilistisch durch einen geänderten Grill noch einmal leicht aufgefrischt sowie serienmäßig mit Beifahrer-Airbag und Gurtstraffern ausgerüstet. Der Dieselmotor entfällt künftig, die beiden Benziner-Varianten mit 90 und 115 PS gibt es ab 16.000 €. Und was kosten die neuen Limousinen? Ausstattungsbereinigt keine Mark mehr als die Vorgängermodelle. Prima Primera.

Technische Daten
Nissan Primera 1.6 GX Nissan Primera 2.0 SLX Nissan Primera 2.0 SE
Grundpreis 15.848 € 18.148 € 19.938 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4430 x 1715 x 1410 mm 4430 x 1715 x 1410 mm 4430 x 1715 x 1410 mm
KofferraumvolumenVDA 490 l 490 l 490 l
Hubraum / Motor 1597 cm³ / 4-Zylinder 1998 cm³ / 4-Zylinder 1998 cm³ / 4-Zylinder
Leistung 66 kW / 90 PS bei 6000 U/min 85 kW / 115 PS bei 5600 U/min 96 kW / 130 PS bei 5600 U/min
Höchstgeschwindigkeit 178 km/h 198 km/h 205 km/h
Verbrauch 7,3 l/100 km 7,9 l/100 km 7,9 l/100 km
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