Porsche 911 Turbo

Luft-Gewähr

Foto: Hans-Dieter Seufert 20 Bilder

Hinten bläst der Biturbo mit verstellbaren Laderschaufeln, von vorn schießt die Landschaft heran: Wenn die dritte Generation des Porsche 911 Turbo Cabriolet auf die Piste geht, dann stürmt es bis 310 Km/h.

Die Regentropfen auf der Heckscheibe des Turbo Cabrio hätten sich besser einen anderen Landeplatz gesucht. Jetzt flitzen sie, nur durch Adhäsionskraft gehalten, als Indikatoren von Quer- und Längsbeschleunigung in choreografischer Formation von links nach rechts – oder gleich haltlos nach hinten.

Ja, quer- und längsbeschleunigen kann es, das Porsche 911 Turbo Cabriolet. 13 800 Euro teurer und 70 Kilogramm schwerer als das Coupé, setzt es – mittels spezieller Bleche und Extra- Verklebungen versteift – solvente Käufer an die Luft. Mit Luft kennt man sich aus bei Porsche.

Zum einen, weil die Hälfte aller Elfer als Cabrio das Haus verlässt, zum anderen, weil man kräftig an der Atemtechnik des Turbo gearbeitet hat. Turbo Cabrio Nummer eins kam 1987 als wilder Hund. Unten träge schnuffelnd und plötzlich fies schnappend, riss der 300 PS starke, luftgekühlte 3,3-Liter seine Besatzung in 5,4 Sekunden auf Tempo 100.

Ohne Hilfselektronik kamen die Hinterräder dabei ebenso in Stress wie die Piloten beim Viergang-Tanz ums tiefschwarze Turboloch. Doch ein Vergleich mit dem heutigen Boxster S, der im Sprintwert gleichzieht, gilt nicht. Um Ur-Turbo-Adrenalin freizusetzen, müsste man mitsamt Boxster schon am Bungee-Seil von einer Klippe springen.

Für intensive, aber allgemeinverträgliche Gummiband-Assoziation sorgte 2003 dann das Turbo Cabrio Nummer zwei. Typ 996, 420 PS stark und bereits mit Allrad und Biturbo-Aufladung domestiziert. Traktionsstark, kalkulierbar und jedermanntauglich, setzte es Nackenmuskeln zu, schonte aber Nerven und ungeschützte Frisuren.

Am 8. September kommt Nummer drei mit 480 PS. Damit wuchtet man anderswo 40-Tonner über den Brenner – allerdings mit dem dreifachen Drehmoment. Doch die 620 Newtonmeter des Porsche sind mehr als okay, zumal sie nur auf rund 1700 Kilogramm Gewicht treffen. Falls das nicht reicht: Sport Chrono Paket ordern und 0,2 bar Ladedruck und 60 Newtonmeter extra genießen.

Macht inklusive Innenraum- Chronograf 1523 Euro. Plus wissendes Lächeln des Piloten, wenn die Ladedruckanzeige den magischen Pfeil zeigt und der Digitalbalken gen 1,2 zuckt. Innerhalb von Sekundenbruchteilen sind sie da, 680 Newtonmeter – und wirre Kiekser des arglosen Beifahrers, dem kurzzeitig das Raum-Zeit-Kontinuum abhanden kommt.


Unbarmherzig presst der Porsche voran, reagiert nach einer klitzekleinen Verzögerung spontan auf Befehle. Das läuft so transparent, dass ihm Hardliner sogar eine Charakterschwäche anhängen wollten.

Pfui, und zur Strafe mit einem Ur-Turbo auf einem bewässerten Handlingkurs gegen einen VW Golf antreten: nicht zur Strafe, nur zur Übung. Um dem aktuellen 3,6-Liter-Boxer trotz Turbo den Charakter eines Hubraum- Sumoringers zu verpassen, evolutionierte Porsche die beiden wassergekühlten Borg-Warner-Lader mittels verstellbarer Leitschaufeln.

Wie bei modernen Dieselmotoren, bloß dass deren VTG-Technik im heißen Abgasstrom zerflösse. Bei bis zu 1000 Grad zucken die hitzefesten Leitschaufeln in 100 Millisekunden von auf nach zu, modulieren den Luftstrom nach Bedarf: schmale Spalten bei niedrigen Drehzahlen, weite Öffnung bei hohen. Das Bypass-Ventil ist damit hinfällig. Tschüss Abblas-Zwitschern, hallo Gaswechsel- Seufzen.

Beim Gaspedal-Lupfen stöhnt die jäh gestoppte Gassäule im Ansaugtrakt und bereichert damit den Soundtrack des Offenfahrens. Die Öffnung selbst klappt wie das Schließen sowohl per Fernbedienung als auch auf Knopfdruck – sogar bis zu Tempo 50 km/h. Der Verdeckstoff besteht aus drei Lagen, deren Obergewebe nicht nur imprägniert, sondern auch speziell beflammt wird, um den feinen Flaum der Textilie zu entfernen. Als dämmende Zwischenschicht dient Kautschuk, den Abschluss bildet eine Lage Polyester.

Den strammen Sitz der 42 Kilogramm schweren Konstruktion garantiert ein Magnesiumgussteil, während eine Kunststoffplatte zwischen Außen- und Innenstoff Geräusche isoliert. Die Siebenkanal-Surround-Anlage von Bose kann jedenfalls bis zu heftigen Autobahntempi unbehelligt aufspielen: kraftvoll, lebendig und bassstark.

Offen gibt es dann Live-Klang auf die Ohren, obwohl sich die hinteren Seitenscheiben nun auch bei geöffnetem Verdeck nach oben fahren lassen und das serienmäßige Windschott Zugluft weitgehend abwehrt. Von Bäumen, Mauern oder Tunneln reflektiert, brüllt und zischt der Heckmotor bei Volllast wie ein gereizter Alien, der nicht nicht nur jede Menge Sauerstoff inhaliert, sondern den Asphalt noch dazu.

Über eine elektronisch kontrollierte Lamellenkupplung geregelt, fördert der Allradantrieb die Traktion sowie ein agiles und sicheres Eigenlenkverhalten. Eine präzise Lenkung ist bei Porsche ohnehin Ehrensache, ebenso wie die gelungene Abstimmung der adaptiven Dämpfer, die trotz der Niederquerschnitts- 19-Zöller reisetauglichen Komfort bereit halten.

Optional gibt es zudem eine Keramikbremse für 8710 Euro, ein Aluminium-Hardtop für 3272 Euro sowie eine Fünfstufenautomatik (2945 Euro). Mit Letzterer schießt der Turbo sogar schneller aus den Blöcken als handgeschaltet: 0,2 Sekunden als Plädoyer für zügiges Faulenzen unter freiem Himmel. Jippiyeah!

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Technische Daten
Porsche 911 Turbo Cabriolet
Grundpreis 153.956 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4450 x 1852 x 1300 mm
KofferraumvolumenVDA 105 l
Hubraum / Motor 3600 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 353 kW / 480 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 310 km/h
Verbrauch 13,1 l/100 km
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