Renault Avantime

Top oder Flop?

Ein erster Fahrbericht klärt, ob die unkonventionellste Auto-Idee seit Erfindung des Minivans tatsächlich Oberklasse-Format hat.

Das Auto wirkt wie eine überdimensionale Schmuckschatulle auf Rädern, die sich versehentlich in unseren Straßenverkehr verirrt hat. Als futuristischer Mix aus Van und Coupé bricht der Avantime (auf deutsch: „der Zeit voraus“) mit ziemlich allen gängigen Konventionen, was die Köpfe der Leute herumzerrt wie sonst nur bei einem Verkehrsunfall. Dabei steckt hinter ihm cooles Kalkül: Weil Renault in der Oberklasse gegen Mercedes, BMW oder Audi auf normalem Wege keinen Stich sieht, probieren es die Franzosen nun mit der Methode ihrer Pariser Modemacher: Auffallen um jeden Preis. Ob der Avantime, der nun anderthalb Jahre später als geplant zu den Händlern rollt, Flop oder Top wird, ist offen.

Viel Platz und ganz viel Luft

Der gallische Weg ist jedenfalls ziemlich wuchtig: Gut 4,64 Meter lang ist die aus Kunststoff, Alu und Stahl bestehende Karosserie des Avantime, dazu 1,84 Meter breit und immerhin 1,63 Meter hoch. Und Platz zu nehmen ist noch spannender als schauen, weil die beiden 1,40 Meter langen und 55 Kilo schweren Riesentüren wie beim Flughafenbus höflich erst nach außen und dann an der Karosserie entlang nach vorn zurückweichen. Nie wieder Stress beim Einsteigen in engen Parklücken.

In ersten Reihe gibt es üppig Raum, und auch auf der Rückbank kann man sich bei etwas eingeschränkter Kopffreiheit schön breit machen. Allerdings ist es hier nur auf den ausgeformten äußeren Einzelsitzen bequem – der Mittelplatz-Höcker taugt nur für die Kurzstrecke. Und ganz hinten finden sich nach dem Öffnen der gigantischen Heckklappe üppige 530 Liter Kofferraumvolumen, die sich durchs Umklappen der Rücksitze bis auf 900 Liter strecken lassen. Nur ist Ladekante rückenunfreundlich hoch, und dahinter geht’s runter wie in einer Badewanne.

Cabrio-Feeling durch die “Open Air“-Taste

Viel Fahrspaß gibt es bei schönem Wetter, denn wenn der Fahrer die „Open Air“-Taste in der Dachkonsole drückt, öffnen sich Panorama-Schiebedach und alle voll versenkbaren Seitenscheiben gleichzeitig. Ist fast wie Cabrio fahren. Auch das per feinem Leder, Aluminium hochgerüstete Cockpit mit dem mittig platzierten Digital-Tacho macht was her, und serienmäßig kommen Fahrer und Beifahrer in den Genuss einer getrennt regelbaren Klimaautomatik. Dazu jede Menge Ablagefächer für den Reisekrimskrams und für den Notfall insgesamt sechs Airbags. Andererseits: Das Lenkrad ist nur längsverstellbar, auch den Einstieg per Chipkarte oder Motoranlassen per Starterknopf wie beim neuen Laguna gibt es nicht. Dafür bietet der üppig verglaste Avantime, der keine störende Mittelsäule hat, die mit Abstand beste Aussicht. Beim Einparken nach hinten ist jedoch gutes Gehör notwendig, denn der Heckabschluss lässt sich nur erahnen. In der Topversion Privilege ist eine elektronische Einparkhilfe an Bord.

Sechs Zylinder, sechs Gänge oder Automatik

Mit dem kultiviert summenden, 207 PS starken Dreiliter-V6, einem Produkt aus der Kooperation mit dem PSA-Konzern (Peugeot und Citroën), ist der Franzose standesgemäß motorisiert und läuft locker 220 km/h (Null bis Hundert in 8,6 Sekunden). Maximales Drehmoment: solide 285 Newtonmeter, die sich aber erst bei 3750 U/min entfalten. Deshalb geht im unteren Drehzahlbereich nicht gerade der Bär los und die sechs Gänge des neuen Schaltgetriebes (fünfstufige Tiptronic-Automatik ab April 2002 gegen rund 3000 Mark Aufpreis) müssen relativ oft betätigt werden. Kein Problem, denn der lange Schalthebel flutscht ganz easy, außerdem animiert dieses Auto eher zum entspannten Dahingleiten. Nur beim Tanken könnte der Avantime-Pilot hektisch werden: Renault gibt für den über 1,7 Tonnen schweren Wagen einen 11,3-Liter-Norm-Durschnittsverbrauch an, im Stadtverkehr sind allerdings happige 15,9 Liter Super angesagt.

Fahrverhalten tendiert in Richtung Coupé

Platz wie im Van, aber das Fahrverhalten tendiert glücklicherweise in Richtung Coupé. Er nutzt zwar die schon etwas betagte Plattform des Renault Espace, hat aber eine breitere Spur und eine etwas sportlichere Abstimmung. Erster Eindruck: Schnell gefahrene Kurven nimmt der Avantime ohne Probleme, das serienmäßige Antischleudersystem ESP muss da nicht gleich eingreifen. Auch der Geradeauslauf bei hohem Autobahntempo ist okay. Genaueres wird ein späterer Test zeigen. Zur Federung: Ihre französisch-komfortable Auslegung gefällt, doch auf ganz groben Bodenwellen schlägt sie relativ früh durch. Und auf Holperpflaster stören am Vorserienauto auch einige unfeine Knister- und Knarzgeräusche.

Preise zwischen 59.000 und 80.000 Mark

Erst einmal bekommen wir nur den 207-PS-Brocken nach Deutschland, der mit Vollausstattung knapp 80.000 Mark kosten soll. Inklusive ABS, Antischleudersystem, ESP, Bremsassistent, Fensterheber, Teilledersitze mit elektrischer Verstellung, Xenonlicht, CD-Radio, Aluräder mit 235er Reifen und riesigem Glasschiebedach. Ab November wird der Einstieg günstiger, dann startet der 163 PS starke, vierzylindrige Zweiliter-Turbo für 59.000 Mark. Verbrauch: unter zehn Liter. Erst im Frühling nächsten Jahres folgt der 147 PS starke Common-Rail-Diesel, der im Schnitt nur 7,3 Liter schlucken soll. Mindestens 3.500 Avantime will Renault jährlich in Deutschland verkaufen, und für Leute, die das Ausgefallene lieben, wird diese automobile Skulptur eine reizvolle Alternative sein.

Technische Daten
Renault Avantime 3.0 V6 24V Privilège
Grundpreis 40.100 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4642 x 1835 x 1627 mm
KofferraumvolumenVDA 530 bis 900 l
Hubraum / Motor 2946 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 152 kW / 207 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 220 km/h
Verbrauch 11,5 l/100 km
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