Renault Vel Satis

Fraction avant

Foto: Hans-Dieter Seufert

Man muss nicht unbedingt Avantgardist sein, um den Renault Vel Satis schätzen zu können, aber es hilft ungemein. Die neue Limousine hebt sich mit üppiger Raumfülle und extravagantem Design vom Establishment der oberen Mittelklasse ab.

Als der Vel Satis am Faschingsdienstag 2001 auf dem Genfer Automobilsalon enthüllt wurde, gab es kaum einen Tusch, aber hämisches Getuschel. „Eine kostenlose Designklinik für uns“, spottete ein Vertreter der Konkurrenz. Und während ein Entwicklungschef schon vorher weiß, dass „dieses Heck in der Oberklasse nicht funktioniert“, ätzt ein Vorstandsvorsitzender: „Ich finde den gut. Der hilft uns.“ Mit dem polarisierenden Zwitter aus Van und Limousine sucht Renault bewusst andere Wege, um sich in der imageorientierten Business-Class zu etablieren. Selbst wenn es dort bislang wenig Raum für Extravaganzen gab, ist für Designchef Patrick LeQuément „das größte Risiko einer Firma, kein Risiko einzugehen“. Das kann man dem neuen Spitzentrio der Marke kaum nachsagen: Wie der Avantime und der künftige Espace tritt der Vel Satis so andersartig, charaktervoll und selbstbewusst auf, dass er vom Establishment zumindest nicht ignoriert werden kann. Nach den unauffälligen, erfolglosen Vorgängern Renault 20/30, 25 und Safrane scheint jetzt die Zeit günstig für einen erneuten Vorstoß in die Domäne von Audi A6, BMW Fünfer und Mercedes E-Klasse. Immerhin haben klassische Stufenheck-Limousinen dieses Segments in den letzten sechs Jahren europaweit 19,2 Prozent eingebüßt, während der Anteil von Kombis und Vans stieg. Da darf man auf mehr Offenheit für nonkonformistische Lösungen hoffen, zumal wenn sie mit praktischen Vorzügen einhergehen.

So vertraut Renault trotz Stummelhecks und steiler Rückscheibe weiter auf die Überzeugungskraft einer großen Ladeklappe und eines variablen Kofferraums, der allerdings im Normalfall nur 460 Liter fasst. Das sind gerade fünf Liter mehr als beim Safrane, obwohl der Vel Satis in allen Dimensionen kräftig zulegte. Die Gesamtlänge wuchs um neun Zentimeter auf 4,86 Meter, die Breite um vier Zentimeter auf 1,86 Meter, die Höhe sogar um 14 Zentimeter auf 1,58 Meter. Zusammen mit dem relativ geraden Dachverlauf, dem Platz sparenden Frontantrieb mit Quermotor und dem um 7,5 Zentimeter gestreckten Radstand (2,84 Meter) verspricht das üppige Raumverhältnisse innen. Die Erwartungen werden nicht enttäuscht, denn nicht nur vorn genießen die Passagiere viel Bewegungsfreiheit und ein überaus luftiges Interieur. Gerade im Fond lernt man die Vorteile der ungewöhnlichen Proportionen schätzen: Zum Platzangebot der Luxusklasse gesellen sich hier eine angenehm hohe Sitzposition und ein bequemer Einstieg durch großzügige Türöffnungen. Auf den breiten Vordersitzen mit integrierten Gurten stellt sich sogar echte Clubatmosphäre ein, weil ihre fünffache elektrische Verstellung bis hin zur horizontal geteilten Rückenlehne ein Höchstmaß an Ergonomie erlaubt. Auch Karosseriesteifigkeit, Qualitätsanmutung und Funktionalität der Karosserie überzeugen, obwohl das Holzdekor der Topversion wie Plastik wirkt und die Tasten des serienmäßigen CD-Radios viel zu klein sind. Ansonsten stören weder Designspielereien noch überfrachtete Bedienelemente das Wohlbefinden an Bord. Dabei wartet der Vel Satis schon in der Basisversion Expression mit einer ungewohnt reichhaltigen Ausstattung auf, die neben ESP, Bremsassistent, acht Airbags und Reifendruckkontrolle auch Klimaautomatik mit getrennter Regulierung links/ rechts und vorn/hinten, Tempomat, Chipkarte statt Zündschlüssel und automatische Fahrlichtaktivierung beinhaltet. Im Topmodell Initiale kommen gar 18-Zoll-Alufelgen, Metalliclack, Lederausstattung sowie Navigationssystem mit Farbdisplay und dynamischer Routenführung hinzu.

Nur Verbundglas-Seitenscheiben, elektronisches Abstandsradar oder DVD-Spieler hinten kosten hier noch extra. Die gehobenen Ambitionen untermauert eine Motorenpalette, mit der Renault in neue Regionen vorstößt. Wie die beiden Vierzylinder mit dem stattlichen Leergewicht (ab 1,7 Tonnen) zurechtkommen, müssen spätere Tests zeigen. Für erste Fahreindrücke standen nur die aus Japan bezogenen V6-Triebwerke zur Verfügung, von denen sich Renault einen Anteil von 64 Prozent verspricht und mit denen die Auslieferung im Mai beginnt. Der 3,5-Liter-Benziner von Partner Nissan gefällt mit seidigem Lauf, kraftvollem Antritt und gleichmäßiger Leistungsabgabe, harmoniert aber nicht sonderlich mit der serienmäßigen Fünfgang-Automatik. Schon bei leichtem Lupfen des Gaspedals vor Kurven hält sie nicht den Gang, sondern schaltet einfach hoch, um auf erneutes Gasgeben gleich zwei Gänge runterzuschalten. Besser funktioniert das Zusammenspiel mit dem Drei-liter-Common-Rail-Diesel von Isuzu, der auch im Saab 9-5 eingebaut wird und mit seinem bulligen Durchzug eine schaltarme, entspannte Fahrweise erlaubt. Nicht ganz zum gebotenen Antriebs- und Geräuschkomfort will allerdings die straffe Fahrwerksabstimmung passen. Zumindest mit 18-Zoll-Reifen rollt der Vel Satis reichlich trocken ab und quittiert kurz aufeinander folgende Querfugen mit störenden Erschütterungen, zudem wirkt die Lenkung etwas indirekt. Ansonsten profitieren Handling und Fahrstabilität von der überarbeiteten Vorderachse des Laguna und einer völlig neuen Mehrlenker-Hinterachse. Steht deshalb eine zweite Französische Revolution bevor? Wohl kaum, denn gerade mal drei Prozent Anteil am europäischen Oberklasse-Markt traut Renault dem Vel Satis zu, knapp 300 000 Exemplare bis 2008. Etwa so oft will auch Mercedes die neue E-Klasse (siehe Seite 22) verkaufen – pro Jahr.

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Technische Daten
Renault Vel Satis 3.5 V6 24V Expression
Grundpreis 37.300 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4860 x 1860 x 1577 mm
KofferraumvolumenVDA 460 bis 1468 l
Hubraum / Motor 3498 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 177 kW / 241 PS bei 6000 U/min
Höchstgeschwindigkeit 235 km/h
Verbrauch 11,6 l/100 km
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