Rinspeed Exasis

Lichter und Lenker

Foto: Marcus Peters 11 Bilder

Der schweizerische Vordenker und Auto-Philosoph Frank Rinderknecht lichtet die Karosserie. Seine zweisitzige Roadster-Studie Exasis zum Genfer Autosalon ist nahezu komplett aus durchsichtigem Makrolon-Kunststoff.

Der Boden unter den Füßen zieht schwindelerregend hinweg. Als würde man beim Motorradfahren auf die Fußrasten starren. Der Wind tost mit dem Motor um die Wette, dass es in den Ohren rauscht. Und die Stirnhöhle verschnupft bei nasskalten drei Grad. Alles bei bummeligem Landstraßentempo.

Sinneswahrnehmung im Extrem – der Rinspeed Exasis. Frank Rinderknechts Studie zum Genfer Autosalon geht bis an die Schmerzgrenze. Urwüchsig, atmosphärisch dicht und raubeinig. Was rollte nicht schon Kurioses vom Hof des schweizerischen Kreativitäts- Beauftragten.

Eine Ziehharmonika gegen Parkprobleme, eine Schiffschaukel zur Fliehkräfte-Kompensation, ein Amphibienfahrzeug mit Tragflächen. Zu Recht erwartet die Öffentlichkeit Ausgefallenes: Kann die neue Studie fliegen, schwimmen oder klettern? Der Inspirator dehnt den Autobegriff immer weiter, trotzt ihm neue Blickrichtungen ab.

Doch nun die Ernüchterung: Der Roadster Exasis fährt nur. Gehen Frank Rinderknecht etwa die Ideen aus? Zum dritten Mal kooperiert er mit Bayer. Klar, dass der Exasis aus künstlichem Holz geschnitzt ist: Makrolon, auf den ersten Blick wie Glas, nur leichter. Für die Exasis-Karosserie wurden Makrolon-Platten thermoverformt, das heißt unter Druck und bei einer Temperatur von 205 Grad gezogen.

Längst hat das Polycarbonat aus Leverkusen den Weg ins Automobil geschafft: als Seiten- und Heckscheiben bei Tourenwagen. Doch ein Auto formte bislang keiner daraus. Ein Kunststoff- Auto, ja, das gab es schon. Sogar von Bayer. Aber es war nicht durchsichtig.

Der Exasis kehrt dagegen sein Innerstes nach außen, entblößt sich neugierigen Blicken. Und die Passagiere werden damit ebenfalls zum Panoptikum. Wer Wert auf Privatsphäre legt, klettert besser nicht in diesen rollenden Präsentierteller. Ätherische Leichtigkeit in Form eines Auto Union-Boliden mit Querfeldein- Charme. Und Platz für zwei.

Der Exasis vereint Widersprüchliches: ein kraftstrotzender Formel-Einbaum aus zerbrechlich wirkendem Material. Rennsport-Design mit der Bodenfreiheit eines SUV. Eine Spaßmaschine mit Umweltgewissen – der Exasis tankt Bioethanol. Jenseits der 50 befindet sich Frank Rinderknecht auf dem Weg zum Auto-Philosophen.

Diesmal inspirierte ihn die menschliche Schöpfung, der Ursprung allen Seins. Die durchsichtige Karosserie symbolisiert die Nacktheit aller Lebewesen bei der Geburt. So weit, so theoretisch. Höchst gegenwärtig dagegen steht der Exasis nun auf einem weitläufigen Feld im Süden Frankreichs. Hier, in der ursprünglichen Einsamkeit der Camargue, muss man einen Bezug zur Natur erst gar nicht herbeisinnieren – er drängt sich geradezu auf.

Im wenig besiedelten Sumpfgebiet trifft man im Winter eher auf Flamingos als auf Zivilisation. Ein Ort, der schweifenden Gedanken eben- so Raum bietet wie deren Realisierung in Form einer Studie. Die Optik folgt dem Lastenheft: Passagiere und Motor liegen zwischen den 2,5 Meter Radstand, werden von vier freistehenden Rädern samt Doppel- Querlenkern flankiert.

Eliminierung des Unwichtigen, reduzierte Form, Technik-Bestimmtheit. Klingt nach Rennsport. Und so ähnlich ist auch das Fahrgefühl. Man erklimmt das feststehende Seitenteil, steigt mit beiden Füßen auf den gerippten Sitz in Form einer Terrassenliege und schlüpft mit angespitzten Füßen in den Tunnel aus Rahmenstreben.

Es herrscht drangvolle Enge, woraus sich für den Fahrer zwangsläufig die Froschhaltung früher italienischer Sportwagen ergibt: Die Beine umwinkeln die Lenkstange, die Füße ertasten die Pedale. So müssen sie sich wohl in ihre Formel 1-Zigarren gewunden haben, die Haudegen der dreißiger Jahre.

Heute erleichtert das sequenzielle Sechsgang-Getriebe von Hewland das Piloten-Dasein. Der rechte Zeigefinger fordert mit einem Druck auf die kleine Wippe am rechten Rahmenrohr den ersten Gang an. Ein Ruck, ein Klacken, er ist drin. Dank ziviler Bedienkräfte von Kupplungs- und Gaspedal gelingt das Anfahren ohne Konzentrationsübungen.

Doch etwas irritiert. Es heult, es sirrt, es knattert in einer tonalen Gemengelage aus Renn-Rasenmäher, frisierter Kettensäge und Zweizylinder- Motorrad.

Unwuchtige Kolbenschläge addieren sich zu rasselnden Vibrationen, das schwungmassenarme Weber-Triebwerk, sonst in Snow-Mobilen, dreht quirlig hoch, ein Turbolader soll bis zu 150 PS aus 750 Kubikzentimetern pressen. Power-Downsizing. Viel zu schnell beschleunigt der Einbaum in orkanartige Geschwindigkeitsbereiche. Zwar leitet die Minischeibe die Luft über den Oberkörper; doch weiter als bis zur Nasenspitze kann man sich nicht unter dem Wind ducken – man muss der Witterung die Stirn bieten.

Wo ist Rosemeyers Lederkappe, wo seine Fliegerbrille? Vergessen. Also wenigstens den Pelzkragen hochschlagen und an den Frühling denken. Die frontlastige Sitzposition dominiert das Empfinden. Gefühlsmäßig kauert man im vorderen Überhang, wobei das körpereigene Balance-Zentrum scheinbar durch die Vorderachse verläuft. Weil sich die Räder eher neben als vor dem Fahrer befinden, erlebt man jede Kurskorrektur unmittelbar.

Geradezu gewöhnungsbedürftig direkt, zumal statt eines Lenkrads nur zwei belederte Hörnchen in den Händen liegen. Nach einiger Übung werden aus gefahrenen Vielecken geschliffene Rundungen, wächst das Vertrauen in abrupte Richtungswechsel. Man fühlt sich in die Makrolon-Karosserie eingepasst wie in den Mutterleib. Erstmals gewinnt Rinderknechts hehre Idee von Schöpfung, Reinheit und Natur auch beim Fahren an Kontur.

Das also hat er sich ausgedacht, der Fuchs. Eine Vision, der selbst die Fahrspaß- Fraktion ihren Teil abgewinnt. Falls alternative Antriebe und Werkstoffe derart hedonistisch Realität werden, so kann man nur eines festhalten: Davor, dass dieses Morgen bald zum Heute wird, muss sich keiner fürchten.

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