Ruf 3600 S

Porsche mit Nachschlag

Mehr Leistung, mehr Technik, mehr Fahrspaß: Alois Ruf züchtet aus dem Porsche Boxster den Ruf 3600 S mit 325 PS. Für mindestens 92.800 Euro ist der Frischluft-Sportler zu haben.

Hartnäckig hält sich unter manchen Auto-Experten die Meinung, bei einem Cabrio käme es nicht auf Motorleistung und Straßenlage an, sondern allein auf die Abwesenheit des Dachs. Propheten dieser Lehre von Saft und Kraft durch Licht und Luft dürfen jetzt sofort weiter blättern. Sie ersparen sich damit jede Versuchung durch den Lock-Ruf der Wildnis. Sie werden nichts erfahren von diesem Cabrio, das beim Gasgeben auch die Zähne fletschen kann wie ein Leopard beim Beutesprung, und das einen allemal heißeren Sommer verspricht als ein offenes Auto, das unter Last nur leise lächelt. Für die Bergaufbremser im Land heißt es also weiterhin: kein Anschluss unter Ruf-Nummer 3600 S. Aber dann sind da ja noch die anderen. Die einerseits zwar schon wissen, dass zum Cabrio-Genuss nicht immer Tempo gehört, und dass ein automobiles Pärchen im Frühling auch im dritten Gang bei 1800/min sehr glücklich sein kann. Die es aber andererseits schätzen, wenn der Gasfuß bei Bedarf nicht ins Leere tritt, sondern mitten hinein in ein stramm gefülltes Reservoir an Pferdestärken. Für sie kommen die Reize des Ruf Boxsters mit 325 PS und einer gemeldeten Höchstgeschwindigkeit von 278 km/h gerade richtig. Schon die Ausgangslage macht Appetit auf ein viel versprechendes Menü aus Fahrtwind und Technik. Porsche versteht sich ja seit mehr als einem halben Jahrhundert ausgezeichnet auf den sportlichen Charme offener Zweisitzer. Also könnte man es dabei eigentlich belassen und sich beispielsweise mit einem Boxster aus der Serienfertigung belohnen. Man besitzt dann einen prächtigen Sportwagen – so wie rund 22‑000 weitere Boxster-Käufer im Jahr auch. Wen die Wettbewerbs-Gene und ein zusätzlicher Bonus in der Brieftasche aber weiter treiben, der landet fast zwangsläufig im bayerischen Pfaffenhausen nahe Memmingen. Dort legt die 60-köpfige Mannschaft von Alois Ruf noch einmal pflegende Hände an die rauchigsten sechs Zylinder seit Er-findung des Boxermotors.

Ruf, seit 1981 selbständiger Hersteller sogar mit USA-Zulassung, genießt selbst bei Porsche einen untadeligen Ruf. Schon in der Vergangenheit überzeugte er mit Entwicklungen und gediegenem Handwerk. Der von Ruf gebotene, zusätzliche Qualm an der Kette stößt dabei bauartbedingt an eine natürliche Obergrenze: Das 420-PS-Aggregat etwa aus dem aktuellen Serien-Turbo findet vor der Hinterachse des Boxsters keine Aufnahme, da der Turbo wie auch der GT3-Motor auf dem Gehäuse der vorletzten Motoren-Familie mit dem Kürzel 993 basieren. Da der Motor des Porsche-Typs 996 ein anderes Lochbild als das des Turbo und GT 3 besitzt, findet im 3600 S das Getriebe des Boxster S Verwendung. Eine leicht veränderte Motorsteuerung und der Ruf-Hochleistungsauspuff heben die Leistung des Serien-Elfers um fünf PS, womit die 325 PS bei 6800/min erklärt sind. Mit dem Tausch der Motoren allein ist es bei weitem nicht getan. Bei Ruf wird die Karosserie vom Rohzustand aus aufgebaut. Jede Schweißnaht wird geprüft und, falls nötig, noch einmal nachgezogen. Das leicht gestraffte Ruf-Sportfahrwerk stammt aus eigener Entwicklung. Vorn verzögern ABS-geregelte Vierkolben-Bremsen an innenbelüfteten Scheiben mit bis zu 330 Millimeter Durchmesser. Auch die 19-zölligen Fünfspeichen-Aluräder stammen aus eigener Produktion. Zusammen mit den Pirelli-P-Zero-Asimmetrico-Reifen verbinden sie einen höchst manierlichen Abroll-Komfort mit präzisem, spontanem Lenkverhalten. Selbst dicht bei der vom Werk mit 278 km/h angegebenen Höchstgeschwindigkeit schnürt der 3600 S brav und unerschütterlich geradeaus. Und noch eine gute Eigenschaft: Beim Bremsen auf Längsrillen verspürt der Ruf keinerlei Neigung zum Nachlauf-Lambada. Das Tieferlegen um 2,5 Zentimeter im Vergleich zur Serie verbessert das Handling noch einmal und reduziert gleichzeitig die Wankneigung. Die Schaltung des Sechsganggetriebes überzeugt schon beim Serien-Boxster. Ihr präzises Feinjustieren à la Ruf lässt keine Wünsche mehr offen. Das Interieur-Design vergab Alois Ruf an eine talentierte Heim-Werkerin: seine Ehefrau Estonia. Die verguckte sich spontan in einen karierten Porsche-Sitzbezug aus den Siebzigern. Da keine Restmenge mehr aufzutreiben war, wich Ruf auch hier nicht vom rechten Wege ab: Er ließ nach Muster eine Rolle in exakt dem gleichen Design nachweben. Heckwärts wird die 3600 S-Optik von den beiden weit getrennten Endrohren bestimmt.

Erst bei genauerem Hinsehen fällt der Heckdiffusor auf, der aerodynamisch Abtrieb erzeugt, ohne den Luftwiderstand zu erhöhen. Eigene Seitenschweller, GT-Blenden und ein Spoiler aus dem Aero-Programm runden das Aerodynamik-Paket ab. Die Faszination des Ruf-Fahrens setzt sich jedoch nicht nur zusammen aus technischen Goodies, handwerklicher Gediegenheit und der hochexakten Dirigierbarkeit eines raren Sportgeräts. Sie liegt auch im Fest für die Ohren. Das Dahinscheiden der Luftkühlung und immer rigidere Lärmverordnungen haben ja den Porsche-Sound der frühen Jahre fast zu Grabe getragen. Im Ruf 3600 S gibt es jedoch wieder etwas auf die Ohren, und zwar etwas unnachahmlich Sinnliches. Unter dem heiseren Schnorcheln aus dem Ansaugtrakt marschiert das trocken-markante Stakkato der Zündungen, und über allem pfeift fröhlich der Sopran des Fahrtwinds am Rahmen der Frontscheibe. Die Gänge scheinen sich fast wie von selbst in der Kulisse einzusortieren, die Bremse erfreut mit einem sehr exakten Druckpunkt, und der Carrera-Motor zieht den 3600 S nachdrücklich aus dem Erlebnis Kurve hinaus auf das Abenteuer Gerade. Die höchste Stufe der Pfaffenhausener Freude am offenen Fahren ist der 3600 S allerdings noch nicht. Dieses Prädikat kommt dem 911 Turbo-Cabrio aus gleichem Hause zu. Das bietet dann bis zu 520 PS, die per Allradantrieb auf die Straße gelangen. Denn der Ruf nach mehr hat im Allgäu noch immer eine Antwort gefunden.

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