VW Golf R32

Golf unter Gölfen

Foto: Hans-Dieter Seufert 13 Bilder

Die Zeit des Wartens hat endlich ein Ende, die VW-Fangemeinde ist erlöst: Der R32 kehrt zurück. Mit 250 PS, 320 Nm Drehmoment und Allradantrieb. Stellt er als neuer Über-Golf sogar den GTI in den Schatten? Ein Fahrbericht.

Blick über die Schulter durch den Sehschlitz des Integralhelms. Kritisch, leicht genervt. Scheint, als wolle der Ducati- Fahrer wissen, welcher Kaugummi in VW Golf-Form an seinen Fersen klebt. Sieht aus wie ein GTI mit metallisch glitzerndem Kühlergrill. Lässt sich nicht abschütteln, muss wohl einiges unter der Haube haben. Kann in der Kurve früh aufs Gas, muss wohl über sensationelle Traktion verfügen.

Am Schriftzug in der Kühler-Maske ist der Golf zu erkennen, doch sind die Ziffern zu klein und zu dezent, als dass man sie in einem Motorrad-Rückspiegel lesen könnte: R32. Der Biker jedenfalls hat genug davon, sich auf heimischer Serpentine als unfreiwilliger Ideallinien-Scout vorführen zu lassen.

Auf der nächsten längeren Geraden dreht er den Gashahn auf, setzt auf sein unschlagbares Leistungsgewicht und entschwindet. Vielen Dank, unbekannter Ledermann, für die erfrischende Runde durch den Harz. Schön, dass der stärkste Serien- Golf aller Zeiten bei seiner ersten Ausfahrt gleich einen talentierten Spielkameraden gefunden hat.

Vor allem sein Allradantrieb verschafft dem Kraftmeier- Golf Raumgewinn in Kurven. Seine sture Traktion, sein halsstarriger Vortrieb, seine dickköpfige Stabilität machen ihn zum Liebling der Bergvölker. 4Motion nennt VW das Allradsystem (siehe Spotlight), wobei die Ziffer 4 doppeldeutig ist: Das englische Wort four für die vier angetriebenen Räder ist gleichtönend mit for (für). For Motion, zu Deutsch für die Bewegung.

Und da nimmt VW den Mund nicht zu voll. Ist der Scheitelpunkt erreicht, darf man das Gaspedal getrost ans Bodenblech heften. Die Allrad-Macht zieht den Golf aus der Kehre, reißt ihn aus der Ecke, zerrt ihn zur nächsten Geraden.

Die vollstreckt der R32 kraft seiner 250 PS, übermittelt an das optionale Direktschaltgetriebe (DSG, 1450 Euro), das nicht nur die Gänge schneller als jeder Fahrer wechselt, sondern auch den Durchschnittsverbrauch um einen Liter auf 100 km senken soll.

Schalten als Highspeed-Sequenz: Der Fahrer betätigt die Wippe am Lenkrad, die Hydraulik erledigt den Rest – blitzartig. Nie endender Kraftfluss, schaltpausenfreier Vortrieb, Zug ohne Unterbrechung. Gäbe es nicht die mit der Drehzahl wechselnde Tonhöhe sowie die zuckende Nadel des Tourenzählers, man würde die Gangwechsel nicht registrieren. Dazu der Vortrieb des kultivierten Sechszylinders.

Dank überarbeitetem Ansaug- und Abgassystem leistet der 3,2-Liter nun neun PS mehr. Er knurrt aus der Tiefe, hämmert durch die Mitte, knarzt durch die Höhen. Saturiert, schmalzig, satt. Aber zu gleichmäßig. Dem R32 fehlt der Feuereifer, die Radikalität, die Leistungsorientierung des GTI. Trotz der 320 Nm Drehmoment des Sechszylinders.

Wo der GTI dank Turbo die Arme lang zieht, spürt man beim R32 nur sanftes Dehnen – auch wenn diese Sanftmut den Körper höchst effektiv in kaum mehr als sechs Sekunden von null auf Hundert beschleunigt.

Ähnliches gilt fürs Fahrwerk. Zwar liegt die Kurvengeschwindigkeit des R32 auf erstaunlich hohem Niveau, doch gegen die jugendliche Gelenkigkeit des GTI fühlt sich der Rubens-Golf steifbeinig an. Sein schwerer Sechszylinder lastet als Wohlstandsbauch auf der Vorderachse, der Allradantrieb bringt Speck auf die Hüften.

Selbst der Lastwechsel-Trick, das Lupfen des Gaspedals nach dem Einlenken, beim GTI erfolgreich gegen beginnendes Untersteuern, versagt – das Heck des R32 lässt sich nicht so spielerisch zum Mitlenken bewegen. Man muss den Allradler stattdessen vor der Kurve stärker abbremsen, sauberer einlenken und kann dann zur Belohnung im Scheitelpunkt früher aufs Gas.

Er ist nicht der Über-GTI, der er optisch sein will, und für den ihn die Fan-Gemeinde anhimmeln wird – mit seiner breitbrüstigen Front und dem wuchtig geschürzten Heck mit zwei Ofenrohr- Endstücken, bei denen VW-Tunern die Arbeitslosigkeit droht.

In Verbindung mit dem Grill in Aluminium-Optik sieht der R32 aus wie ein Wörthersee- Veteran – ein Sportler, der sich sämtliche Auszeichnungen in seiner Jugend verdient hat. Jetzt, im Alter, wird er milde: Im Gegensatz zum R32 der ersten Generation benötigt man nun keinen Underberg mehr, um seinen Magen nach schwerer Fahrbahn-Kost zu beruhigen. Für ein Sportfahrwerk mit 20 Millimeter Tieferlegung (GTI: 15) in Kombination mit 18-Zoll-Rädern (GTI: 17) ist der Federungskomfort mehr als bekömmlich.

So könnte die typische Auto-Karriere eines GTI-Fahrers im gutsituierten Alter in einem R32 münden – nachdem er sich mit dem Ur-GTI die Hörner abgestoßen und mit dem G60 die Ideallinie studiert hat – zumal er zu den Gutverdienern unter der Golf- Klientel gehören muss: 32 200 Euro (ohne DSG) sprengen bei aller dargebotenen Top-Ausstattung mit Bi-Xenon, Klimaautomatik, Alarmanlage, Regensensor und Multifunktionslenkrad den Rahmen der Golf-Klasse schon ganz gehörig.

Doch auch die Unerschwinglichkeit sollte man als Kaufgrund nicht vernachlässigen: Gerade sie macht den R32 zum Statussymbol unter den GTIGolfern schlechthin und sorgte für den unvorhergesehenen Ansturm auf die erste Generation. Manchmal lassen sich eben selbst die Golf-Profis in Wolfsburg überrumpeln – vom Erfolg ihres besonders talentierten Nachwuchses.

5000 Stück wollte VW 1976 vom ersten VW GTI als Sport-Homologationsmodell verkaufen. Bis heute wurden rund 1,5 Mio daraus. Planziel erster Golf R32: ebenfalls 5000. Doch der Markt forderte fast drei Mal soviel.

Ab sofort ist der Neue im Handel. Wie viele verkauft werden sollen? VW schweigt und will genießen.

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Technische Daten
VW Golf R32 4Motion
Grundpreis 35.500 €
AußenmaßeLänge x Breite x Höhe 4246 x 1759 x 1465 mm
KofferraumvolumenVDA 275 bis 1230 l
Hubraum / Motor 3189 cm³ / 6-Zylinder
Leistung 184 kW / 250 PS bei 6300 U/min
Höchstgeschwindigkeit 248 km/h
Verbrauch 9,7 l/100 km
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