Max Verstappen - Red Bull - GP 70 Jahre F1 - Silverstone xpb
Max Verstappen - Red Bull - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
Bottas - Hamilton - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
Sebastian Vettel - Ferrari - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
Lewis Hamilton - Mercedes - GP 70 Jahre F1 - Silverstone 61 Bilder

Rennanalyse GP 70 Jahre F1

Verstappen stutzt die Überflieger

Nach vier Siegen in den ersten vier Saisonrennen glaubte die Fachwelt an einen Mercedes-Durchmarsch. Doch Max Verstappen stoppte die Überflieger im Jubiläumsrennen der Formel 1. Es brauchte dafür eine Reihe von Faktoren. Wir klären auf, warum das schnellste Auto nicht gewann.

Die Formel 1 ist immer für Überraschungen gut. Alle sahen Mercedes auf dem Weg zum nächsten Sieg. Nur Red Bull pokerte und stürzte den Favoriten mit einer anderen Strategie. Doch es brauchte mehr als nur den Reifenvorteil. In unserer Rennanalyse klären wir die wichtigsten Fragen.

Hat Verstappen das Rennen am Samstag gewonnen?

Die Frage liegt auf der Hand. Als einziger Fahrer aus den Top10 qualifizierte sich Max Verstappen auf dem harten Reifen für das Rennen. Und der war nicht die härteste Mischung im Pirelli-Sortiment. Der Reifenlieferant hatte im Auftrag der Formel 1 im Vergleich zur Vorwoche weichere Mischungen geliefert. So wurde aus dem Medium der harte Reifen und aus dem Soft des ersten Silverstone-Rennens der Medium für das zweite. Dazu gab es noch die weichste C4-Mischung, von der alle bis auf eine Ausnahme die Finger ließen. Nico Hülkenberg ließ den Reifen im Schlusssprint aufziehen, weil kein anderer Reifen mehr da war.

Max Verstappen - Red Bull - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
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Max Verstappen jubelte über den ersten Saisonsieg.

Red Bull schwamm gegen den Strom und war erfolgreich damit. "Hätten wir dasselbe wie Mercedes getan, wären wir hinter ihnen gelandet", glaubt Teamchef Christian Horner. Mit Sicherheit lässt sich sagen, dass Red Bull den richtigen Startreifen bestimmt hat. Die harte Mischung brachte Verstappen einen Vorteil im ersten Rennteil. Der Holländer konnte angreifen, während die Mercedes-Piloten bereits ab der dritten Runde einen Haftungsverlust an der Hinterachse feststellten. Zum ersten Mal fuhr Mercedes mit dem Rücken zur Wand. Der Titelverteidiger ist überzeugt: "Selbst mit dem harten Reifen am Start hätten wir dieses Rennen nicht gegen Verstappen gewonnen."

Mercedes flog der Konkurrenz nur in der Qualifikation davon. Da betrug der Abstand eine Sekunde. Die übliche Überlegenheit im Rennen von einer halben Sekunde pro Runde war am zweiten Rennsonntag von Silverstone plötzlich verschwunden. Mercedes war in der Defensive, Red Bull hatte das schnellere Auto.

Dieser Umstand lässt sich nicht auf eine Ursache herunterbrechen. Es brauchte schon mehrere Faktoren, um Mercedes zu stürzen. Pirelli hatte nicht nur weichere Reifen geliefert, sondern auch den Luftdruck an Vorder- und Hinterachse erhöht. Aus Angst vor Reifenschaden wie in der Vorwoche. "Wir fahren mit Ballonreifen", scherzte Lewis Hamilton. Höhere Luftdrücke schützen die Reifenflanke, sorgen aber auch dafür, dass die Gummis schneller überhitzen. Und dann werfen sie Blasen. Mercedes traf es am härtesten. "Bei kühleren Temperaturen treffen wir das Arbeitsfenster. In heißeren Verhältnissen schießen wir mit den weichen Reifen drüber hinaus", merkte Mercedes-Teamchef Toto Wolff an. Egal, auf welchem Reifentyp, die schwarzen Autos waren übersät mit Blasen – überwiegend an der Hinterachse. Die Ingenieure hatten das falsche Setup ausgetüftelt. "Ich schaute in den Rückspiegel und sah, wie auf einer Seite Gummi war und auf der anderen nichts mehr", berichtete der Weltmeister.

So absurd es klingt. Das Auto mit dem meisten Abtrieb nimmt auf einer Hochgeschwindigkeitsstrecke wie Silverstone die Reifen am härtesten ran. Mehr Anpressdruck heißt mehr Energie für die Reifen. Deshalb mussten Hamilton und Bottas in den schnellen Ecken viel Tempo rausnehmen. "Und trotzdem wurde es nicht besser." Verstappen konnte dagegen Tempo bolzen.

Der Red Bull war immun gegen jegliche Blasenbildung. Auch die Strömungsabrisse im Heck kommen im Renntrimm weniger zu Tage, weil die Geschwindigkeiten mit mehr Benzin und Reifenschonen sinken. Dazu schmilzt der Mercedes-Motorenvorteil. Hinzu kommt, dass Honda nachgelegt hat. Der V6-Turbo kann länger mit mehr Leistung betrieben werden. "Die verschiedenen Parameter drehten sich gegen uns und führten dazu, dass Red Bull das schnellere Rennauto hatte. Sie haben uns über die Pace geschlagen", befand Wolff. Red Bull glaubt jetzt wieder an seine WM-Chance. Sportchef Helmut Marko. "Von uns wird noch einiges kommen." Gemeint sind Upgrades.

Max Verstappen - Valtteri Bottas - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
Aktuell

Wieso war Bottas sauer?

Valtteri Bottas war nach dem Rennen bedient. Pole-Position und doch nur Dritter. Der WM-Dritte blaffte: "Wir haben bei der Strategie geschlafen." Ihm stieß auf, bereits in der 32. Runde zum zweiten Mal zum Reifenwechsel gerufen worden zu sein. Parallel zu Verstappen. Teamkollege Lewis Hamilton blieb dagegen bis zum 41. Umlauf draußen und spielte im Finale seine frischeren Reifen aus, um Bottas zu überholen, die schnellste Runde zu fahren und den Teamkollegen um weitere vier Zähler zu distanzieren. "Ich wäre besser länger gefahren", murrte Bottas.

Teamchef Wolff klärte auf. "Gegen Max hätte es keinen Unterschied gemacht. Die Reifen waren voller Blasen und vibrierten stark. Deshalb haben wir ihn reingeholt. Erst als die Reifen runter waren, haben wir bemerkt, dass noch viel Gummi auf der Lauffläche war." Profiteur war Hamilton, der nach den Erkenntnissen draußen bleiben durfte. Mercedes dachte sogar über ein Einstopprennen nach, verwarf den Gedanken aber. Das Risiko wäre zu groß gewesen. "Wenn dir hier in einer schnellen Kurve der Reifen platzt, bist du raus", sagte Hamilton.

Wie kam Leclerc auf Platz vier?

Ferrari wurde schon oft für falsche Strategien getadelt. In Silverstone machte die Scuderia alles richtig. Charles Leclerc startete als Achter und sah die Zielflagge als Vierter – und überholte dabei nur ein Auto. "Dieses Ergebnis fühlt sich wie ein Sieg an", jubelte der Monegasse. Die Strategen hatten eigentlich nicht mehr als Position acht erwartet. Ein Einstopprennen brachte mehr.

In der ersten Runde rutschte Leclerc zurück auf Platz zehn und schwamm bis zu seinem einzigen Stopp in Runde 18 fünf Plätze vor. Nach dem Wechsel von Medium auf harte Reifen war der Ferrari-Fahrer Zwölfter und setzte sein einziges Überholmanöver gegen Lando Norris. In der Folge rückte Leclerc bis auf Platz drei auf, weil die anderen erneut zum Service abbogen. Ferrari stellte hingegen auf eine Einstoppstrategie um, weil der harte Reifen besser mitspielte als gedacht. "Meine größte Schwäche war letztes Jahr das Reifenmanagement. Daran habe ich hart gearbeitet. Schön, dass ich heute den Lohn dafür bekommen habe."

Bis Runde 44 lag Leclerc sogar auf einem Podestrang. Bis ihn Hamilton knackte. "Danach wurden die Vibrationen stärker. Ich musste stark verlangsamen, um das Auto heimzubringen." Esteban Ocon praktizierte ebenfalls eine Einstoppstrategie und fuhr von Startplatz 14 in die Punkte. "Wir hatten es von Anfang an geplant. Alles lief wie am Schnürchen: Start, Boxenstopp, Reifenmanagement. Und mein Auto war schnell", freute sich der Renault-Fahrer.

Sebastian Vettel - Ferrari - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
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Sebastian Vettel drehte sich direkt nach dem Start.

Was ist mit Vettel los?

Seit Silverstone ist der Wurm drin bei Sebastian Vettel. Der Heppenheimer kann nicht mehr mit Leclerc Schritt halten und weiß nicht, warum. "Das Gefühl ist besser, die Rundenzeiten nicht. Ich habe seit letzten Samstag keine Fortschritte gemacht." Vettel gab nach der Datendurchsicht an, in langsamen und mittelschnellen Kurven Zeit zu verlieren. Doch da muss mehr dahinterstecken. Schaut man auf die Sektorzeiten, verliert Vettel kaum im Schlussabschnitt. Und dort sind zwei sehr langsame Kurven versteckt. Im Mittelsektor mit sieben Highspeedkurven büßt Vettel hingegen drei Zehntel ein. Es muss also auch in schnellen Kurven fehlen.

Zu allem Überfluss drehte sich Vettel in der Startphase. Wieder ohne Fremdeinwirkung auf der Innenseite. "Ich habe den Randstein berührt und bin dann wohl zu hart aufs Gas." Daniel Ricciardo machte es ihm später nach und scherzte: "Das war ein klassischer Seb-Dreher. Ich war innen und hatte Sainz neben mir. Wenn du dann zu früh aufs Gas gehst, kannst du dich schnell wegdrehen. Das Auto neben dir sorgt dafür, dass du plötzlich massiv Abtrieb verlierst. Das kann dich auf dem falschen Fuß erwischen."

Wie verlief der Grand Prix für Hülkenberg?

Sechs WM-Punkte, da kann man nicht meckern. Nico Hülkenberg beendete seinen ersten Grand Prix nach 252 Tagen mit Bravour. Guter Start, gute Geschwindigkeit, keine Fehler. "Der Start im neuen Auto war meine größte Sorge", berichtete der Rheinländer. Ein mysteriöser zweiter harter Reifensatz versagte ihm ein Top-5-Ergebnis. "Die Balance verschob sich und es bildeten sich Blasen. Das führte zu starken Vibrationen und Gripverlust." Es musste ein dritter Stopp her, der ihn hinter Alexander Albon und Lance Stroll warf. "Trotzdem bin ich mit dem Rennen zufrieden." Der Körper hielt den Strapazen über 306 Kilometer stand.

GP 70 Jahre Formel 1 - Ergebnis Rennen

Fahrer Team Zeit/Rückstand
1. Max Verstappen Red Bull  52 Runden oder 1:19:41.993 Std.
2. Lewis Hamilton Mercedes +11.326s
3. Valtteri Bottas Mercedes +19.231s
4. Charles Leclerc Ferrari +29.289s
5. Alexander Albon Red Bull  +39.146s
6. Lance Stroll Racing Point  +42.538s
7. Nico Hülkenberg Racing Point  +55.951s
8. Esteban Ocon Renault +64.773s
9. Lando Norris McLaren  +65.544s
10. Daniil Kvyat AlphaTauri +69.669s
11. Pierre Gasly AlphaTauri  +70.642s
12. Sebastian Vettel Ferrari +73.370s
13. Carlos Sainz McLaren  +74.070s
14. Daniel Ricciardo Renault 1 Runde
15. Kimi Räikkönen Alfa Romeo  1 Runde
16. Romain Grosjean Haas  1 Runde
17. Antonio Giovinazzi Alfa Romeo  1 Runde
18. George Russell Williams  1 Runde
19. Nicholas Latifi Williams  1 Runde
20. Kevin Magnussen Haas  Ausfall
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