Max Verstappen - GP Österreich 2019 Motorsport Images

8 Gründe, warum die F1 falsche Motoren hat

Hybrid-Antrieb als Bremse für Reformen

Die Formel 1 brütet noch bis Ende Oktober über dem neuen Reglement für 2021. Nur der Motor steht nicht mehr in Frage. Dabei sind die aktuellen Antriebseinheiten die Bremse für viele Reformen oder die Wurzel falscher Entwicklungen.

Jeden Monat eine Sitzung. Das ist das Programm der FIA, des Formel 1-Managements und der Teams, um die für 2021 geplanten Regeln bis Ende Oktober noch zu frisieren. Diskutiert wird auf zwei Ebenen. Die Techniker sind immer am Anfang jeden Monats dran, zuletzt am Dienstag (2. Juli). Die Teamchefs treffen sich am Ende des Monats mit den Vertretern des Verbandes und der Rechteinhaber. Kern der Gespräche ist das Formel 1-Auto der Zukunft. Wie soll es aussehen? Welche Rahmenbedingungen sollen gelten? Wie viel Freiheiten dürfen die Ingenieure haben?

Nur zwei Details stehen unverrückbar fest. 2021 rollen die Formel 1-Renner auf 18 Zoll-Reifen, und sie fahren auch weiterhin mit der aktuellen Hybrid-Technologie. Die vier in der Formel 1 vertretenen Hersteller waren nur zu Zugeständnissen im Bereich der Prüfstandszeiten bereit. Die ursprünglich geplante Formel Hybrid light ohne die MGU-H fand bei Mercedes, Ferrari, Renault und Honda keine Unterstützung. Obwohl die MGU-H keinerlei Serienrelevanz hat. Wie komplex diese Technik ist, erfährt gerade Mercedes. Das geplante Hypercar „Project 1“ mit einem Formel 1-Motor im Heck ist in Verzug. Wegen hoher technischer Komplexität.

Die Hybrid-Monster stehen aber auch in der Formel 1 vielen Entwicklungen im Weg, die im Sinne eines guten Sports dringend nötig wären. Und sie nehmen FIA und F1-Management in Geiselhaft. Auf dem Papier haben die Teams für die Zeit nach 2020 kein Mitspracherecht mehr. In Wirklichkeit sind die vier großen Player mächtiger denn je. Eine Ausstiegsdrohung reicht aus, dass bei den Drahtziehern die Nerven flattern. Wir haben acht Gründe aufgelistet, warum die Formel 1 mit falschen Motoren fährt.

Formel 1 - Mercedes V6-Turbo
Mercedes
Der V6-Turbo von Mercedes: der erfolgreichste Motor der Hybridära.

1) Das Gewicht

Alle fordern leichtere Autos. Das 2021er Auto soll mit 765 Kilogramm noch einmal 22 Kilogramm schwerer werden als die aktuelle Fahrzeuggeneration. Was steht dagegen? Die aktuellen Antriebseinheiten. Sie tragen mit allen Nebenaggregaten zwischen 60 und 70 Kilogramm zum Mehrgewicht bei. Strengere Sicherheitsmaßnahmen haben die Autos in den letzten 20 Jahren um bis zu 50 Kilogramm schwerer gemacht, doch die will natürlich keiner aufgeben.

2) Der Radstand

Die Autos sind heute über einen Meter länger als in den 70er Jahren. Im Vergleich zu 1999 ist der Radstand um 70 Zentimeter gewachsen. Jeder weiß, dass längere Autos einfacher zu fahren sind. Die Fahrer wollen aber wieder Autos, die sie mehr fordern. Was steht einer signifikanten Verkürzung des Radstands im Weg? Die Antriebseinheiten und der ganze Elektroballast, den sie mitschleppen.

3) Aerodynamik

Die Verpackung von Verbrennungsmotor, Turbolader, MGU-H, MGU-K, Batterie, der diversen Steuereinheiten und von bis zu acht Kühlern ist ein technisches Wunderwerk. Wer jemals ein offenes Formel 1-Auto zu Gesicht bekommt, ist platt vor Staunen. Da sind echte Verpackungskünstler am Werk. Leider hat kein Fan die Chance, das wertzuschätzen. Es gibt nicht mal Fotos davon.

Doch hier kommt das Geld ins Spiel. Wer genug davon hat, kann immer kleinere Kühler in Auftrag geben, auf immer engerem Raum alle Komponenten unterbringen. Williams wollte 2018 den Mercedes nachbauen und ist damit grandios auf die Nase gefallen. Man braucht neben Geld auch Knowhow. Paddy Lowe brachte nur Alibiwissen mit. Ein kompaktes Heck bringt am Ende große aerodynamische Vorteile. Wer hat die schlankesten Heckpartien im Feld? Mercedes, Ferrari und Red Bull. Schon das grenzt die Teams mit weniger Geld aus. Mit einem einfachen Turbomotor im Heck wäre das Problem kleiner und damit das Unterscheidungsmerkmal geringer.

Sebastian Vettel - Ferrari - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 29. Juni 2019
xpb
Das Drehmoment der bis zu 1000 PS starken Triebwerke belastet die Pirelli-Reifen stark.

4) Reifen

Das Drehmoment der bis zu 1.000 PS starken Triebwerke, die dank Elektrokraft sofort Qualm an der Kette haben, überfordert die Pirelli-Reifen. Das ist mit ein Grund, warum wir ständig über die Reifen klagen. Mal sind sie zu langlebig, mal nur Minutenbrenner.

5) Telemetrie

Der Wunsch vieler Puristen, auf die Telemetrie ganz zu verzichten und die Datenerfassung drastisch einzuschränken, damit der Fahrer wieder das Kommando im Auto übernimmt, ist mit diesen Motoren nicht möglich. Die Fahrer müssen ferngesteuert werden. Passt nur einer von 1.000 Parametern nicht, gibt es sofort Alarm.

Wir haben es bei Max Verstappens Siegesfahrt in Österreich gehört. Der Holländer musste zwei Mal auf ein anderes Motorprogramm schalten. Mit simplerer Technik im Heck könnte man sämtliche Warnungen auf das Display programmieren, und der Fahrer muss dann selbst oder in Rücksprache mit der Box entscheiden, was er tut. Und wenn einmal ein Motor hochgeht? Na und. Das gehört zum Rennsport. Bei langweiligen Rennen wünscht man sich die ein oder andere Überraschung. Aber wenn bei 34 Grad Hitze in Österreich kein Auto mehr ausfällt, wann dann bitte?

6) Zwei Disziplinen

Wer nicht will, dass der Sieger am Samstag automatisch auch der Sieger am Sonntag ist, der muss aus Qualifikation und Rennen zwei unterschiedliche Disziplinen machen. Das funktioniert nur, wenn sich das Wetter ändert, das schnellste Auto vom Samstag am Sonntag zum Reifenfresser mutiert, oder wenn man wie in der goldenen Turbo-Zeit der 80er Jahre Motoren hat, die bei Bedarf eine Leistungsexplosion erlauben. Zum Beispiel 1.400 PS am Samstag und 900 PS am Sonntag.

Da kann der Turbo-Boost im Rennen auch die perfekte Überholhilfe werden. Sie wäre fairer als DRS. Weil sie allen zur Verfügung steht. Je nachdem, wie oft sich der Fahrer mit Hinblick auf den Spritverbrauch extra Power leisten kann. Es läge also wieder beim Fahrer, sich die Motorleistung einzuteilen. Genau das wollen wir ja. Mit den aktuellen Motoren wäre diese Differenzierung nur mit einem Kraftakt möglich. Der Ladedruck ist zwar freigestellt, doch ab 4,5 bar beginnt die MGU-H zu rekuperieren, weil für mehr Luft im Brennraum nicht genug Kraftstoff bereit steht. Eine Leistungsspritze über den Elektromotor ist zu gering. 163 PS reichen nicht aus, um zu überholen. Da braucht es schon ein Delta von mindestens 300 PS.

Max Verstappen - GP Österreich 2019
xpb
Echte Zweikämpfe werden in der modernen Formel 1 immer seltener.

7) Neue Motorenhersteller

Sagen wir es frei heraus. Mit dieser Motorenformel wird es nie mehr einen neuen Hersteller geben. Private Motorenbauer wie Ilmor oder Cosworth haben weder das Knowhow noch die Ressourcen solche Technikwunder zu bauen. Automobilkonzerne werden das Risiko nicht eingehen, eine Milliarde zu investieren, um nach vier Jahren vielleicht einmal erfolgreich zu sein. Damit hat sich die FIA in Geiselhaft der vier Hersteller begeben. Was von denen natürlich so gewollt war.

8) Abhängigkeiten von Teams

Auf dem Papier gibt es zehn Teams. Tatsächlich sind es nur fünf. Die Abstimmung über die Rückkehr zu den 2018er Pirelli-Reifen hat ganz klar die Abhängigkeiten der Kundenteams von ihren Motorenlieferanten gezeigt. Racing Point und Williams stimmten brav für Mercedes. Alfa-Sauber und HaasF1 folgten blind Ferrari. Toro Rosso muss tun, was Red Bull will. Unabhängig sind nur noch Renault und McLaren. Doch wie lange noch? 80 Prozent des Feldes werden von drei Herstellern kontrolliert. Die Kundenteams können gar nicht anders. Die Antriebseinheiten sind so komplex, dass sie auch in vielen anderen Bereichen die Hilfe des großen Bruders brauchen. So bilden sich immer mehr unheilige Allianzen.

Hybrid nur ein Feigenblatt

Die Hybridformel hat nicht nur aus der Angst heraus Bestand, die vier Hersteller könnten aussteigen. Die FIA will damit auch die Flagge der Nachhaltigkeit hissen. Hybrid ist umweltfreundlich. Immerhin verbrauchen diese Antriebsquellen 40 Prozent weniger Kraftstoff als ein V8 aus dem Jahr 2013. Nie waren Motoren thermisch effizienter. Das ganze ist leider nur Augenwischerei. Was auf der Rennstrecke an Benzin gespart wird, geht bei Prüfstandsläufen doppelt und dreifach wieder drauf.

Es spricht nichts dagegen, dass die FIA ein bisschen Umweltbewusstsein demonstriert. Vermutlich hat sie Recht damit, dass Motorsport gesellschaftlich nicht mehr akzeptiert würde, wenn wir mit V12-Motoren 80 Liter auf 100 Kilometer verfeuern. Doch ab 2021 hat sich das Thema erledigt. Auch ohne Hybrid. Die schrittweise Einführung von synthetischen Kraftstoffen ist zukunftsweisender als der Hybridantrieb mit all seinen Nebenwirkungen, die im derzeit grassierenden Elektro-Wahn von grüner Seite gerne ignoriert werden. Wenn es die Formel 1 schafft, bis 2025 zu 100 Prozent mit E-Fuels zu fahren, wäre sie annähernd CO² neutral.

Formel 1 2021: So soll die Zukunft aussehen

Sean Bull Design - Formel 1 2021 - Lackierung - Lotus 98T
Sean Bull Design - Formel 1 2021 - Lackierung - Lotus 98T Sean Bull Design - Formel 1 2021 - Lackierung - BrawnGP 001 Sean Bull Design - Formel 1 2021 - Lackierung - Jordan 191 Sean Bull Design - Formel 1 2021 - Lackierung - Honda RA107 27 Bilder
Motorsport Aktuell McLaren Mercedes Test 2006 Was ist dran an den Gerüchten? Motor-Wechsel bei McLaren und Williams

Wollen McLaren und Williams wirklich die Motorenlieferanten tauschen?

Das könnte Sie auch interessieren
Mick Schumacher - Ferrari - F1-Test - Bahrain - 2. April 2019
Aktuell
Charles Leclerc - GP England 2019
Aktuell
Start - GP England 2019 - Silverstone - Rennen
Aktuell