Alain Prost - Formel 1 - 2019 xpb
Vergleich Racing Point RP20 vs. Mercedes W10 - F1 2020
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Vergleich Racing Point RP20 vs. Mercedes W10 - F1 2020 27 Bilder

Alain Prost sorgt sich um F1-Zukunft

„Wie viel Kopieren ist erlaubt?“

Alain Prost ist die Lichtgestalt von Renault. Doch jetzt spricht der vierfache Weltmeister in eigener Sache. Prost macht sich Sorgen um die Zukunft der Formel 1. Das extreme Kopieren einiger Teams könnte für klassische Konstrukteure das Ende bedeuten.

Begonnen hat alles mit dem Protest von Renault gegen Racing Point. Es geht formal um eine Bagatelle, doch in Wirklichkeit um viel mehr. Für Alain Prost geht es um die Zukunft der Formel 1. Und das Thema wird mit dem Urteil über die Bremsbelüftungen nicht zu Ende sein. Im Gegenteil. Dann fängt es erst richtig an.

Es wird die Frage zu klären sein, wie viel Kopie in Zukunft erlaubt ist? Wie streng man die Regel überprüfen will, dass gewisse Teile am Auto selbst konstruieren werden müssen. Wie man eigenständige Teams vor denen schützt, die mit oder ohne Hilfe von außen das Auto eines Mitbewerbers nachbauen.

Alain Prost macht der Fall Racing Point nervös. Er ist seit 40 Jahre in den verschiedensten Funktionen in diesem Geschäft und zählt zu den Traditionalisten in dieser aufgeregten Diskussion. Für den vierfachen Weltmeister steht die Formel 1 vor einer Grundsatzentscheidung.

Es geht nicht darum, Racing Point Punkte wegzunehmen. Es geht um die Frage: "Welche Formel 1 wollen wir in Zukunft? Wenn wir das Modell Racing Point zulassen, müssen wir uns fragen, ob es gut oder schlecht für den Sport ist. Meiner Meinung nach wäre es schlecht."

Prost stellt vorab klar, dass er hier nicht als Botschafter von Renault spricht, sondern als einer, der die Formel 1 aus dem Blickwinkel eines Rennfahrers, Teamchefs und Vertreters eines Herstellers kennt.

"Ich habe nichts gegen Racing Point. Ganz im Gegenteil. Ich habe großen Respekt vor diesem Team, schon seit der Zeit, in der sie noch Force India hießen. Weil sie immer extrem effizient waren. Kein anderes Team hat aus so wenig Budget so viel gemacht. Sie sind echte britische Racer. Ich habe auch nichts gegen Mercedes. Sie haben in den letzten zehn Jahren einen unglaublichen Job gemacht und den Übergang zur Hybrid-Technologie am besten von allen gemeistert."

Alain Prost - Formel 1 - 2019
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Alain Prost ist immer noch eng mit dem Renault-Team verbunden. Der Franzose sorgt sich aber nicht nur um Renault, sondern um die Formel 1 im Ganzen.

Nachbau nur mit Fotos nicht möglich

Und doch bereitet Prost die Zusammenarbeit zwischen Mercedes und Racing Point Sorgen. Racing Point ist mit seinem Nachbau des Vorjahresautos von Mercedes einen Schritt zu weit gegangen. Kopieren gab es in der Formel 1 schon immer, doch noch nie so dreist. Der Racing Point RP20 sieht in fast allen Details aus wie das Original.

Nach Aussagen des Teams sind ausschließlich Fotos die Grundlage für die Ähnlichkeit der beiden Autos. Das will Prost nicht glauben. "Es ist naiv zu behaupten, dass man ein Detail oder ein ganzes Auto praktisch originalgetreu nur anhand von Fotos kopieren kann. Wir wissen alle, dass das nicht möglich ist. Selbst Leute, die das jetzt behaupten. Es funktioniert einfach nicht."

Renault hat sich mit Bedacht die Bremsbelüftungen ausgesucht. So klein und doch so wichtig. In der Vergangenheit waren sie nur zum Kühlen der Bremsen da. Heute sind sie ein wichtiges aerodynamisches Hilfsmittel, das die Strömung vom Frontflügel zum Heckflügel mitbestimmt. Außerdem werden die Bremshutzen auch dazu verwendet, die Reifentemperaturen zu kontrollieren.

Prost meint: "Wenn du einen Mercedes so detailgetreu nachbaust, brauchst du Hilfe von außen. Du kannst auch nicht einfach so von einem Fahrzeugkonzept auf ein anderes umschwenken. Von einem Auto, das vorher hinten hoch stand auf eines, das im Heck so tief fährt wie der Mercedes." Aerodynamiker haben ebenfalls ihre Zweifel. "Wir reden heute von einem halben Millimeter Abweichung, der einen riesigen Unterschied ausmachen kann."

Ein Detail allein nutzt gar nichts, wenn es nicht zum Rest des Autos passt. Es würden bereits nicht perfekt kopierte Bremsbelüftungen ausreichen, um das komplette Strömungsbild des Vorjahres-Mercedes zum Einstürzen zu bringen.

Prost wirft ein: "Du kannst nicht an der einen Stelle zwei Millimeter abweichen und an der anderen drei, nur um den Eindruck zu erwecken, dass man das Teil selbst konstruiert hat. Die Aerodynamik ist so komplex, dass sie selbst bei diesen kleinen Fehlern nicht funktionieren würde. Gerade weil heute ein Detail vom anderen direkt abhängt, ist es meiner Meinung nach unmöglich ein Auto ohne fremde Hilfe nachzubauen. Da reichen nicht nur Zeichnungen. Du musst auch verstehen, wie und warum das so funktioniert und so nicht. Dazu braucht es einen Informationsaustausch."

Mercedes - GP Ungarn 2020
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Vier Mercedes sind zwei zu viel. Prost fordert mehr Fairness den klassischen Konstrukteuren gegenüber.

Kundenautos bedrohen Konstrukteure

Es wird viel spekuliert, warum sich Renault so explizit auf die Bremsbelüftungen fokussiert. Ihr Sonderstatus ist sicher ein Grund. Sie waren bis zum 31. Dezember 2019 noch ein Teil, das man von einem anderen Team kaufen durfte. Seit Anfang des Jahres zählen sie zu den Komponenten, die ein Team zwingend selbst konstruieren muss. Daraus ergibt sich die Frage, ob Wissen, das man 2019 legal erworben hat, in seiner Anwendung 2020 noch legal ist.

Ein weiterer Grund liegt im Detail selbst. Mit über 50 Einzelbausteinen sind die Belüftungsschächte extrem komplex. Racing Point hat sie nach eigener Aussage in 886 Zeichnungen zu Papier gebracht. Übereinstimmungen, vor allem im Innenleben, müssten genau erklärt werden, weil davon keine Fotos vorliegen. Dazu gibt es Gerüchte, dass es Informanten geben soll. Im Winter haben offenbar Racing Point-Mitarbeiter die Fronten gewechselt. Sie arbeiten jetzt bei Renault in Enstone.

Zunächst müssen die Sportkommissare bewerten, ob Racing Point tatsächlich das Corpus Delicti selbst konstruiert hat. Je nachdem wie das Urteil ausfällt, wird es wahrscheinlich zu einer Berufungsverhandlung kommen. Das kann der Geschichte eine neue Wendung geben, weil dann Zivilrichter über den Fall entscheiden.

Alain Prost aber geht es um mehr: "Die FIA muss eine Entscheidung treffen: Ist das Kopieren mit Hilfe von außen legal oder nicht? Wenn es legal sein sollte, dann öffnen wir die Türe zu einer gefährlichen Situation." Das wäre eine Einladung für Kundenautos durch die Hintertür.

Der 65-jährige Franzose sieht in diesem Fall die klassischen Konstrukteure in Gefahr. "Normalerweise dominieren drei Teams die Formel 1: Mercedes, Red Bull und Ferrari. Sie haben ein höheres Budget und sie haben wegen ihrer Investitionen in der Vergangenheit eine bessere Infrastruktur. Das ist schwer aufzuholen. Wenn wir eine Kollaboration wie zwischen Mercedes und Racing Point oder Red Bull und Alpha Tauri zulassen, wird das Schule machen."

Racing Point - Vergleich 2019 / 2020 - Anstellung
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"Irgendwann wird Williams das gleiche Modell mit Mercedes anstreben, Haas und Alfa Romeo mit Ferrari. Dann stehst du als Konstrukteur wie Renault alleine da. Wir können dieses Modell nicht kopieren, selbst wenn wir es wollten. Um einen Mercedes zu kopieren, bräuchten wir einen Mercedes-Motor und ein Mercedes-Getriebe. Das geht für Renault nicht."

Renault bekäme dann nicht nur sportlich ein Problem. Je schlechter die Platzierung in der Konstrukteurs-WM, desto geringer die Ausschüttung aus der Kasse der Rechteinhaber. "Die Satellitenteams können mit viel weniger Budget fahren, was ihnen im Rahmen der Budgetdeckelung weitere Vorteile bringt, weil sie Geld, das sie sich durch das Kopieren sparen, in andere Bereiche stecken können", fürchtet Prost.

So ein Team wäre mit 150 Angestellten zu betreiben. Er sieht Renault bei diesem Szenario in der Zwickmühle. "Wir suchen keine Ausreden für unsere Leistungen. Es stimmt, dass wir etwas hinter unserem Programm herhinken und dass unser Auto schneller sein müsste. Aber wir geben mehr als 100 Millionen Euro für die Entwicklung des Motors aus und wir haben 1.200 Angestellte. Weil wir ein Konstrukteur sind und deshalb alles selbst machen."

Daniel Ricciardo - Renault - Formel 1 - GP Ungarn - Budapest - 18. Juli 2020
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Wenn das Beispiel Racing Point Schule macht, steht Renault alleine da.

Mehr Geld, billigere Motoren

Der 51-fache GP-Sieger erinnert sich an seine eigene Zeit als Teamchef. "Als ich in den 90er Jahren Ligier gekauft habe, waren wir 65 Leute. Das war deshalb möglich, weil der Ligier damals ein verkappter Benetton war. Als ich 1997 mein erstes Concorde Abkommen unterschrieben habe, wurde ich gezwungen, ein Konstrukteur zu sein. So steht es in seinen Grundzügen heute noch in dem Vertrag."

"Wenn du diese Bedingung nicht erfüllst, bekommst du keinen Anteil von den kommerziellen Einkünften. Ich musste damals mit meinem Team von Magny-Cours in eine neue Fabrik nach Paris umziehen und meine Mannschaft auf 250 Leute ausbauen. Den Motor mussten wir bezahlen. Zuerst bei Peugeot, dann bei Ferrari."

Prost kann deshalb das Argument nicht nachvollziehen, dass man den kleinen Teams helfen müsse, indem man ihnen Kooperationen mit den großen über ein bestimmtes Maß hinaus erlaubt. Seiner Meinung nach geht es den Privatteams heute viel besser als vor 20 Jahren.

"Der letzte Motorenvertrag mit Ferrari hätte mich 32 Millionen Dollar gekostet, wenn ich hätte weitermachen wollen. Ich hätte von den Rechteinhabern aber nur maximal zehn Millionen bekommen. Heute kassiert ein Team durchschnittlich 60 Millionen, und die Motoren kosten nur noch zwischen 12 und 14 Millionen. Es wurde also bereits sehr viel zur Unterstützung der kleinen Teams getan."

Frankreichs Rennsport-Ikone sieht nicht ein, warum Konstrukteure wie Renault unter einer Entwicklung leiden sollen, die gerade aus dem Ruder läuft : "Wenn Renault in Zukunft hinter einem Mercedes, einem Red Bull und den ganzen Satellitenautos ins Ziel kommt, geht ihnen Geld verloren. Gleichzeitig geben wir als Konstrukteur mehr Geld aus. Das ist nicht fair."

"Wenn die FIA das will, muss sie einen klaren Unterschied zwischen Konstrukteuren und Kundenteams machen. Dann dürfen die Kundenteams bei der Ausschüttung der Einnahmen aber auch nicht mehr gleichberechtigt behandelt werden."

Prost fürchtet, dass die Formel 1 ohne eine klare Trennung von Konstrukteuren und Kundenteams nie mehr einen neuen Hersteller finden wird. "2026 wird ein neues Motorenreglement ausgerufen. Glauben Sie, dass sich da ein neuer Konstrukteur findet, wenn er Angst haben muss, in einem Feld mit sechs Mercedes, vier Red Bull und sechs Ferrari im Feld an die Wand gefahren zu werden?"

Eine weitere Gefahr sieht Prost in den Abhängigkeiten, die entstehen, wenn ein Team bei einem anderen in großem Stil einkauft. "Die Gefahr besteht, dass das Hauptteam alles kontrollieren kann. Die Satellitenteams müssen tun, was der große Bruder will, sonst werden sie schlechter behandelt. Das ist nicht die Formel 1."

F1 Auto 2021 - Renault
Renault
Die neuen Autos mit einfacherer Aerodynamik wurden auf 2022 verschoben.

Simplere Aerodynamik wäre eine Lösung

Zur Lösung des Problems hat Prost mehrere Vorschläge. Entweder eine klare Trennung zwischen Konstrukteuren und Kundenteams bei der Ausschüttung. Oder es gar nicht so weit kommen lassen. Die Aerodynamik ist nach Ansicht des Professors viel zu kompliziert. Deshalb erst kommt es bei Nachbauten zu den Streitfragen wie jetzt im Fall Racing Point.

"Ich warne schon seit langem, dass wir mit der Aerodynamik zu weit gegangen sind. Wir hätten einen viel spannenderen Wettbewerb, wenn wir das Niveau der Aerodynamik deutlich zurückschrauben würden."

"Ein Schritt könnte sein, Windkanäle zu verbieten und nur noch mit CFD zu arbeiten. Im Ausgleich sollte es mehr Freiheiten im sportlichen Reglement geben. Zum Beispiel komplett freie Reifenwahl. Dann hätte eine gute Strategie oder eine gute Zusammenarbeit zwischen Fahrer und Renningenieur den gleichen Gegenwert wie eine gute Aerodynamik."

Deshalb drückt Prost aufs Tempo: "Wir brauchen jetzt schnell eine Diskussion über das Thema. Wenn du ein paar Details kopierst, kein Problem. Das wurde immer so praktiziert. Aber ein ganzes Auto? Das geht zu weit. Es muss verboten werden, dass es Hilfe von außen gibt."

"Oder wenn ich schon Kundenautos zulasse, dann dürfen diese Teams bei der Ausschüttung nicht gleich wie Konstrukteure behandelt werden. Wir müssen diese Diskussion jetzt anschieben." Ein FIA-Inspektor in jedem Team wäre eine Lösung, um das Kopieren zu überwachen. "Ob das funktioniert, muss die FIA beantworten."

Renault stand kurz davor, das neue Concorde Abkommen zu unterzeichnen. Doch jetzt wollen die Franzosen erst einmal abwarten. Viel hängt davon ab, wie im Streit um die Satellitenteams entschieden wird. Für Renault steht viel auf dem Spiel. Für Alain Prost geht es darum, ob die Formel 1 danach noch die Formel 1 ist.

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