Alonso - Ocon - Alpine - GP Ungarn 2021 - Budapest - Rennen Wilhelm
Alpine A521 - F1-Auto - 2021
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Alpines Saison-Zwischenfazit & Ausblick auf 2022

Alpines Zwischenfazit & Ausblick auf 2022 Zwischen Vorfreude und Panik

Der Sieg von Esteban Ocon in Ungarn und der vierte Platz von Fernando Alonso haben Alpine auf den fünften WM-Platz katapultiert. Die Zwischenbilanz fällt trotzdem durchwachsen aus. Das Auto blieb unter den Erwartungen. Der Rückkehrer brauchte sechs Rennen, um wieder der alte zu sein.

Es sollte das Jahr der Konsolidierung vor dem Großangriff 2022 werden. Alpine hatte sich das Ziel gesetzt, um die Krone im Mittelfeld zu fahren. Die Mission ist bis zur Sommerpause fehlgeschlagen. Das ungewöhnliche Auto mit der übergroßen Airbox hat nicht ganz die Erwartungen erfüllt. Beim Motor gerieten die Franzosen durch die verhältnismäßig kleine Evolutionsstufe ins Hintertreffen. Doch der Überraschungssieg in Ungarn überstrahlt vieles.

In den ersten zehn Rennen sammelte Alpine 40 Punkte. Beim Grand Prix von Ungarn allein 37 Zähler durch den Erfolg von Esteban Ocon und den vierten Platz von Fernando Alonso. Das Chaos-Rennen in Budapest wurde zum großen Zahltag für den Werksrennstall. Es war der erste Sieg unter dem neuen Namen. Erst seit dieser Saison fährt Renault unter dem Label seiner Sportmarke.

Befreiungsschlag für Ocon

Für Esteban Ocon war es nach zähen Rennen in Baku, Paul Ricard, Spielberg und Silverstone mit nur zwei WM-Punkten ein Befreiungsschlag. Der Franzose war so gut in die Saison gekommen, hatte Fernando Alonso im Griff und fiel dann nach und nach gegen den Spanier ab. Fahrer und Team rätselten, warum dem langen Franzosen von einem aufs andere Rennwochenende der Speed abhanden kam.

"Wenn Dinge schieflaufen, hinterfragst du dich natürlich", erinnert sich der Ungarn-Sieger an die schwierigste Phase der bisherigen Saison. "Aber wenn ich eines in meiner Karriere gelernt habe, dann, dass man sich immer selbst vertrauen muss. Ich habe verschiedene Linien versucht, habe mit der Bremse gespielt, aber die Rundenzeit wollte einfach nicht da sein. Es musste etwas nicht stimmen. In solchen Momenten musst du als Team zusammenarbeiten, jeden Stein umdrehen und Lösungen finden. Es war eine große Erleichterung, dass ich in Silverstone wieder mein altes Auto erkannte."

Der Chassis-Tausch diente als Placebo. Es war mehr die Vorderachse, an der die Techniker eine kleine Ungereimtheit ausmachten. "Estebans Beschreibung spricht dafür, dass es die Ursache für seine Schwierigkeiten war", erklärt Technikchef Marcin Budkowski. "Es war keine große Sache. Die Performance auf der Rennstrecke danach gibt ihm aber Recht. Er hat nicht mehr die Probleme, von denen er vorher gesprochen hat."

Esteban Ocon - Formel 1 - GP Ungarn - 2021
xpb
Esteban Ocon ist der 111. Sieger in der Geschichte der Formel 1.

Wäre dumm, nicht von Alonso lernen

In Ungarn qualifizierte sich Ocon vor Alonso und krönte sich im Chaos zum GP-Sieger. Der Teamkollege war der größte Helfer. Alonso kämpfte aufopferungsvoll für Ocon. Er verwickelte Lewis Hamilton in einen Zweikampf über zwölf Runden, der dem Mercedes-Fahrer die nötigen Sekunden raubte, um doch noch zum Spitzenduo aufzuschließen. Der 24-Jährige sieht nicht nur hier gutes Teamplay. Der Routinier und sein junger Garagennachbar verstehen sich offenbar gut.

Beide treiben Alpine voran. Ocon will nichts davon wissen, dass seine Mannschaft mehr auf den Doppelweltmeister von 2005 und 2006 hört, nur weil Alonso mehr Erfahrung hat. "Ich habe nicht das Gefühl, dass eine Seite der Garage der anderen vorgezogen wird. Das Team vertraut mir, auch in schweren Zeiten. Dafür bin ich sehr dankbar. Ich sehe keinen Unterschied zum Saisonstart. Die Ingenieure hören mir zu. Es ist auch nicht so, dass Fernandos und mein Feedback komplett gegensätzlich wären, und der eine etwas ganz anderes vom Auto will als der andere. Wenn das so wäre, würde das Team zwei Teile bauen. So ist die Philosophie."

Natürlich will der Schlaks aus Evreux von seinem Teamkollegen lernen. Alonso ist einer, der präzise Rückmeldung zum Auto gibt. Einer, der weiß, was es braucht, um ein Weltmeisterteam zu formen. "Er war anfangs nicht glücklich mit der Servolenkung. Da hat er verschiedene Versionen ausprobiert. Er hat so einen großen Erfahrungsschatz. Es wäre dumm von mir, das zu ignorieren. Ich habe manche Sachen ausprobiert, die er ändern ließ. Manches hat mir geholfen, manches nicht."

Die Sache mit der Lenkung

Die Saison der Fahrer verläuft gegensätzlich. Ocon spricht von starken ersten Rennen in seinem zweiten Jahr im Team. Auf das frühe Hoch folgte ein Tief und zuletzt mit dem Sieg wieder ein Hoch. Alonso brauchte länger als erhofft, um wieder ins Laufen zu kommen. Doch seit Baku läuft die alte Maschine wie zu besten Zeiten. Dieser Alonso gehört immer noch zur Spitzenklasse im Fahrerfeld.

Zwei Jahre abseits der Formel 1 schaden auch einem Allround-Fahrer wie ihm. Auch ein Alonso braucht Zeit, um sich wieder an die Abläufe außerhalb des Cockpits zu gewöhnen. An die Handlungsgeschwindigkeit in der Formel 1. Auch er braucht Zeit, um das Auto bis ins Detail zu verstehen, zu wissen, wie es gefahren werden will. Zu fühlen, wann die Reifen bereit sind, wann sie überhitzen. Die Formel 1 ist inzwischen so komplex, dass kleine Anpassungen an Lenkung, Bremsbalance, Mechanik und Aerodynamik große Unterschiede ausmachen. Da muss jeder Fahrer das Auto ein stückweit an die eigenen Bedürfnisse ausrichten. Das geht nicht von heute auf morgen. Vor allem nicht ohne groß zu testen.

Die Servolenkung war Alonso zunächst zu leichtgängig. Sein Fahrstil bedingt viel Rückmeldung von der Lenkung, wie er spanischen Kollegen von "SoyMotor.com" in einem Interview verriet. Darüber filtert er den Zustand der Vorderreifen. Dieses Feedback braucht er, um das Auto aggressiv in die Kurven zu lenken. "Wenn die Lenkung weicher wird, heißt das, dass der Grip vorne nachlässt. Wenn sie hart ist, hat die Vorderachse zu viel Haftung und du kannst erwarten, dass das Heck kommt."

Alonso & Ocon - Formel 1 - GP Ungarn - 2021
Wilhelm
Zwischen Ocon und Alonso herrscht offenbar eine große Harmonie.

Der neue Alonso

Die Anpassung dauerte länger als es ihm lieb war. "Ich hatte erwartet, dass ich drei oder vier Rennen für die Eingewöhnung brauche. Doch Imola war irgendwie neu für mich." Dort fuhr der Spanier zuletzt 2006, während seine Kollegen im Oktober/November in der Emilia-Romagna gastieren. "Portimao war komplettes Neuland. In Barcelona war ich immer noch nicht bei 100 Prozent. Es hat zwei Rennen länger gedauert." In Baku kehrte Alonso den alten Alonso heraus. Den Beweis erbrachte eine fulminante Schlussphase.

Noch sieht der Altmeister Luft nach oben. "Ich bin noch nicht bei 100 Prozent im Auto." Die Hitze in England und Ungarn hat ihm geholfen, ein paar letzte Puzzlestücke im großen Bild des Reifenmanagements zu finden. Was fehlt noch? Noch mehr Zeit im Regen.

Die Diva scheint Alonso in der Formel 1-Rente gelassen zu haben. "Ich habe einen 1+1-Vertrag unterschrieben, weil ich mit allem zufrieden war, was mir das Team angeboten hat. Ich will helfen. Es gab keine großen Diskussionen über das Gehalt oder Sonstiges." 1+1 bedeutet, fixer Vertrag für 2021 mit Option auf 2022. Alpine wird sie ziehen. Dieser Alonso ist für jedes Team eine Verstärkung. Wie man hört, ist der 40-Jährige fast schon handzahm geworden. Alonso soll intern nicht maulen oder zu sehr kritisieren, sondern bei Fehlern die Schuld auf sich nehmen.

Das Ziel: der kompletteste Rennfahrer

Sein Alter sei keine Einschränkung. Und genau das hat der 32-malige GP-Sieger in den letzten Wochen bewiesen. "Die Leute scheinen angesichts meines Alters durcheinander zu kommen. Wir sind nicht bei der Tour de France oder im Fußball, wo man mit Mitte 20 auf seinem Höhepunkt ist. Der heutige Alonso würde den 23-jährigen Alonso mit einer Hand schlagen."

Es folgt eine Kampfansage. "Ich weiß, dass die Leute neue Namen sehen wollen, weil sie damit neue Hoffnungen verbinden. Sie wollen die alten Fahrer loswerden. Aber ich sehe mich noch lange im Motorsport. Ich will der kompletteste Fahrer in der Geschichte sein." Das spricht für ein paar weitere Jahre in der Formel 1 und einen weiteren Angriff auf die Triple Crown. Der Sieg bei den 500 Meilen von Indianapolis fehlt noch neben den Erfolgen in Monaco und der Formel 1.

Auch die 37 Punkte von Ungarn bringen Alpine nicht mehr in den Kampf gegen McLaren und Ferrari. "Es gibt drei Gruppen", so Alonso. "Red Bull und Mercedes kämpfen um Platz eins. Ferrari und McLaren um Platz drei. Wir kämpfen mit Alpha Tauri und Aston Martin um den fünften Platz. In jeder Gruppe wird bis zum letzten Rennen gekämpft werden."

Alonso macht keinen Hehl daraus, dass die Ziele andere waren. "Wir hatten uns vorgenommen, 2020 zu wiederholen. Ferrari hatte eine seltsame Saison damals. Es war klar, dass sie zurückkommen. Wir haben sie vor uns erwartet. Im Vergleich zu McLaren haben wir zu viel Boden verloren. Zwischen uns war es im letzten Jahr bis ins Finale spannend. Jetzt haben sie Abstand zu uns geschaffen." Doch der neue Alonso lobt trotzdem seine Mannschaft. "Wir haben die Lücke zu Mercedes verringert.

Fernando Alonso - Alpine - GP Ungarn 2021 - Budapest - Rennen
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Alonso sieht sich im Alpine A521 noch nicht ganz bei 100 Prozent.

Freude und Panik vor 2022

Im Windkanal in Enstone läuft bereits seit Wochen ausschließlich das 2022er Auto. "Wir müssen für die restliche Saison mit dem leben, was wir in der Garage haben." Alpine wittert im Reglement-Umsturz die große Chance, die Topteams zu stürzen und selbst wieder vorne mitzufahren. Alonso hofft, dass sein Team mit den begrenzten Ressourcen für Budget und Entwicklungszeit besser umgehen kann.

Technikchef Budkowski sieht noch viel Verbesserungsmöglichkeiten in der Fabrik. "Das Team muss effizienter werden. Wir müssen an die Abläufe ran. Wir brauchen eine bessere Vorbereitung für die Windkanalversuche." Eine Garantie auf Erfolg gibt es nicht. Dafür ändert sich zu viel an den Autos. "Nicht mal die Topteams können sicher sein, 2022 um Siege und Podestplätze zu fahren", meint Alonso.

Der Start wird besonders wichtig. "Wir haben in der Vergangenheit gesehen, dass die Teams für vier oder fünf Jahre dominieren, die ein neues Regelwerk am besten gelesen haben", sagt der Spanier. "Das Problem ist, dass aktuell keiner eine Referenz hat. Im Februar werden wir sehen, was die anderen gemacht haben, welche Philosophie sie verfolgen. Wir müssen aufmerksam sein und schnell reagieren, wenn wir bei anderen etwas Interessantes feststellen. Ich glaube, wir werden Überraschungen beim Design sehen."

Die Technikabteilung ist hin- und hergerissen. "Einerseits ist unsere Vorfreude auf 2022 groß, andererseits haben wir die Panik." Die hat jedes Team. Die Angst davor, dass der Konkurrent den goldenen Trick findet und davonfährt. Alpine will sich noch ein Ass aufgespart haben: den Motor. "Wir nehmen Änderungen bei der Architektur vor. Für mehr Power und ein besseres Energiemanagement." Heute ist es schmerzvoll für Alpine, nur so wenig in den 2021er Motor gesteckt zu haben. "Für 2022 zahlt sich unsere Taktik hoffentlich aus."

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