Charles Leclerc - Ferrari - Formel 1 - GP Ungarn - Budapest - 17. Juli 2020 xpb
Ferrari Formel 1
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Analyse der Ferrari-Pläne

2022 Chance und Risiko zugleich

Ferrari-Oberhaupt John Elkann stellt die Tifosi auf eine Dürre ein. Siege aus eigener Kraft seien von Ferrari erst wieder ab 2022 zu erwarten. Doch dafür muss Maranello neu strukturieren und alte Fehler abstellen.

Der Saisonauftakt ähnelte bei Ferrari einem Albtraum. 27 Punkte, Kollision der beiden roten Autos im zweiten Rennen, Platz fünf in der Weltmeisterschaft – hinter Mercedes, Red Bull, McLaren und Racing Point. Ein Spitzenteam entwickelte sich innerhalb eines Jahres zurück in einen Rennstall fürs Mittelfeld. Das Auto in den Kurven zu langsam, der Motor auf den Geraden zu schwachbrüstig.

Ferrari hat die Coronakrise schwer getroffen, weil die Formel 1 und damit auch der erfolgreichste Rennstall der Geschichte sparen muss. Das Regelwerk wurde gestrafft, die Entwicklung stark eingeschränkt: am Auto und am Motor. Deshalb sind Ferrari die Hände gebunden. Maranello kann die großen Fehler nicht beseitigen, die in der Fahrzeugentwicklung auf mehreren Ebenen begangen wurden. Man kann sie maximal kaschieren.

Defizite bei Aero und am Motor

Siege sind in weite Ferne gerückt. Selbst Podestplätze sind für Ferrari nur möglich, wenn die anderen stolpern. Da bringt es nichts, den Fans falsche Hoffnungen zu machen. "Dieses Jahr sind wir wegen Design-Fehlern am Auto nicht wettbewerbsfähig", sagt John Elkann in einem Interview gegenüber der italienischen Zeitung "La Gazzetta dello Sport". Der Ferrari-Boss stellt die Tifosi auf schwere Zeiten ein. Es werde bis 2022 dauern, bis Ferrari wieder an der Spitze mitmischt. "Heute legen wir das Fundament, um konkurrenzfähig zu werden und zurück auf die Siegesstraße zu kehren, sobald sich die Regeln 2022 ändern."

Ferrari hat Defizite bei der Aerodynamik und dem Motor. Das einstige Prunkstück im roten Paket ist zum schwächsten Triebwerk verkommen. Mercedes, Renault und Honda mobilisieren mehr Leistung als der Sechszylinder-Turbo aus Maranello. Früher konnte sich Ferrari auf seinen Motor verlassen. Wer die meiste Leistung hat, kann auch mit größeren Flügeln fahren, um Mängel bei der Aerodynamik in den Kurven auszugleichen.

Jetzt aber hat Ferrari diesen Luxus nicht mehr. Seit die FIA den Motor im Winter durchleuchtet hat, seit Ferrari zurückrüsten musste, mangelt es an Power. Teamchef Mattia Binotto beschwört, dass der Verlust auf den Geraden nicht allein dem Motor zuzuschreiben sei, sondern vielmehr dem hohen Luftwiderstand.

John Elkann - Mattia Binotto - Ferrari
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John Elkann hat weiter Vertrauen in Ferrari-Teamchef Mattia Binotto.

Baustelle Budget Cap

Trotzdem ist der SF1000 in den Kurven kein Offenbarungseid. Einzig in den schnellen Ecken ist das rote Auto bei der Musik – wenn man Mercedes mal außen vor lässt. Das neue Auto hat mehr Abtrieb als das alte – doch Ferrari hat sich diesen zulasten des Luftwiderstands erkauft. Das muss Maranello doppelt schmerzen. Mercedes ist deutlich schneller in den Kurven und auf den Geraden. Das Weltmeisterteam hat Abtrieb und Luftwiderstand ins optimale Verhältnis gerückt, und zudem den stärksten Motor im Feld.

Der Windkanal habe Ferrari genarrt, heißt es aus der Technikabteilung. Was die Daten versprachen, kam nicht an der Rennstrecke an. Elkann spricht von Strukturproblemen, die Ferrari seit einem Jahrzehnt verfolgen und dazu führen, dass Weltmeister wie Fernando Alonso und Sebastian Vettel im roten Auto hinterherfahren. "Wir hatten eine Reihe von strukturellen Schwächen, die seit einiger Zeit in der Aerodynamik und Fahrzeugdynamik bestehen. Wir haben auch an Motorleistung verloren."

Für den Aufschwung strukturiert Ferrari um. Binotto wird im Technikbüro entlastet. Enrico Cardile führt als Entwicklungsvorstand in Zukunft die neu geschaffene Abteilung "Performance Development." Präsident Elkann spricht seinem Teamchef trotz der schwachen Leistungen das Vertrauen aus. "Binotto hat den Charakter und die Fähigkeiten, einen neuen Siegeszyklus einzuleiten." Es würde in der aktuellen Krise auch keinen Sinn machen, den Teamkapitän auszuwechseln. Ein neuer Teamchef würde nur die alten Probleme erben. Und die Gefahr wäre groß, dass ein neuer Rennleiter sofort verbrannt wäre.

Schließlich dürfte es bis 2022 dauern, bis Ferrari wieder aufersteht. Dann greifen die neuen Chassis-Regeln in der Formel 1. Das ist eine Chance, aber keine Garantie auf Erfolge. Ferrari hat wegen der kommenden Budgetdeckelung eine große Baustelle offen. Maranello wird Personal abbauen oder in andere Projekte verschieben müssen. Da kann es zu Unstimmigkeiten und Unruhe innerhalb der Organisation kommen.

Ferrari muss innerhalb kurzer Zeit lernen, weniger Geld auszugeben und ein effizientes Gebilde aufzubauen. Effizienz war seit 2008, seit dem letzten Gewinn der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft, nicht gerade Ferraris Steckenpferd. Und um ab 2022 wieder um Siege und Titel fahren zu können, muss die Neuordnung in Maranello tatsächlich auch greifen. Ferrari muss gleichzeitig seine Werkzeuge verbessern, damit Windkanal und CFD die Ingenieure nicht mehr in die falsche Richtung führen. Ferrari braucht frische Ideen im Technikbüro, kreativere und mutigere Konzepte – im Rahmen der Regeln.

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Chance durch Unterboden-Regeln?

Es ist davon auszugehen, dass Ferrari in dieser Saison mit begrenzter Aero-Weiterentwicklung und eingefrorenen Motoren einen Mittelfeldplatz einfahren wird. Das würde dem Rennstall der Herzen wenigstens für 2022 helfen. Weil Ferrari damit mehr Windkanalzeit zugestanden werden würde als Mercedes oder Red Bull. Ab Januar 2021 dürfen die Teams mit den 2022er Modellen wieder in den Windkanal. Ferrari wird dann das aktuelle Auto vernachlässigen und sich voll auf die Zukunft konzentrieren.

Die Frage ist, ob die Tifosi noch fast zwei Jahre lang Geduld haben werden. Misserfolge führen zu negativen Schlagzeilen in der nicht gerade zimperlichen italienischen Presse und drücken auf die Stimmung im Team. Da wird Präsident Elkann seine Mannschaft abschirmen müssen – dazu zählt auch der Teamchef. "Das Wichtigste ist, auf und neben der Strecke zu arbeiten, Zusammenhalt und Stabilität zu schaffen und den Ferrari, den wir wollen, Schritt für Schritt zu bauen", sagt Elkann.

Eine kleine Chance der vorzeitigen Besserung bietet sich für die kommende Saison. Um die Reifen vor zu hohen Belastungen zu schützen, kastrieren die Regelhüter den Fahrzeugunterboden vor den Hinterrädern. Was sich nach einem kleinen Einschnitt anhört, ist in Wahrheit ein großer. Die Autos müssen vom Frontflügel bis zum Diffusor danach ausgerichtet werden. Der große Eingriff in die Aerodynamik könnte die Kräfteverhältnisse zumindest in Teilen durcheinanderwirbeln. Ferrari wäre gut beraten, sich mit der verbleibenden Windkanalzeit in diesem Jahr voll auf diesen Bereich zu stürzen. Der rote Rennwagen wird vermutlich trotzdem kein Siegerauto, aber vielleicht wenigstens wieder die dritte Kraft im Feld.

Dafür muss aber auch der Motor wieder besser werden. Ferrari wird den Rückstand nicht in einem Jahr aufholen. Maranello muss es in zwei Schritten schaffen. Den ersten 2021, den wichtigen 2022. Denn ohne konkurrenzfähigen Motor wird es auch dann nichts werden mit einem Titel. Ferrari will sein Auto und den Motor mit dem firmeneigenen Talent auf Vordermann bringen. Vielleicht sollte man sich auch auf dem Markt umschauen. Eigentlich müsste Ferrari alles dafür tun, Noch-Mercedes-Motorenchef Andy Cowell an Bord zu holen.

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