Rennanalyse GP Belgien 2018

Rettet der Halo Leclerc das Leben?

Charles Leclerc - GP Belgien 20188 Foto: sutton-images.com 61 Bilder

Beim spektakulären Startcrash in Belgien kam Charles Leclerc mit dem Schrecken davon. In der Rennanalyse klären wir, welche Rolle dabei der Halo-Schutzbügel spielte und wie Sebastian Vettel das Duell gegen Lewis Hamilton für sich entscheiden konnte.

Rettete der Halo Leclerc das Leben?

Schon nach wenigen Sekunden stockte der Fans in Spa-Francorchamps der Atem. Fernando Alonso segelte nach einem ordentlichen Schubser von Nico Hülkenberg über das Auto von Charles Leclerc. Der McLaren stieg am Heck in die Höhe und schrammte direkt neben dem Cockpit vorbei, bevor er auf der anderen Seite des Saubers zum Landeanflug ansetzte. Spuren am Halo-Schutzbügel zeigten deutlich sichtbar, dass der orangefarbene Renner nicht weit vom Kopf des monegassischen Rookies vorbeiflog.

Halo-Befürworter wie Alonso feierten den Titanring anschließend als Lebensretter. Auch Ex-Champion Nico Rosberg meldete sich zu Wort: „Wir können die Diskussion über den Halo nun beenden. Er wird Leben retten.“ Und Leclerc selbst hatte ebenfalls eine klare Meinung: „Ich war nie ein großer Fan des Halo, aber ich muss sagen, dass ich heute sehr froh war, ihn über meinem Kopf zu haben.“

Charles Leclerc - GP Belgien 20188 Foto: sutton-images.com
Am Sauber von Leclerc waren die Kampfspuren klar erkennbar.

Wie nahe der McLaren Leclercs Helm wirklich gekommen wäre, lässt sich allerdings nicht sagen. „Das Onboard-Video ist leider verschwommen. Die FIA muss aber noch die kleine Highspeed-Kamera am Cockpitrand auswerten“, erklärte Sauber-Teammanager Beat Zehnder. FIA-Rennleiter Charlie Whiting warf direkt nach dem Rennen einen ersten Blick auf die erwähnten Aufnahmen, machte aber keine große Hoffnung auf neue Erkenntnisse.

Die FIA will aber noch die Befestigungsbolzen untersuchen lassen, um zu sehen, ob sich der Halo beim Aufprall verzogen hat. „Zum jetzigen Zeitpunkt wäre spekulativ zu sagen, dass der Halo Leclerc das Leben gerettet hat. Aber man braucht nicht viel Phantasie um sich vorzustellen, dass die Reifenabdrücke ohne Halo auf dem Helm von Charles gewesen wären. Es wäre fast ein Wunder, wenn nicht. Die Abdrücke auf der Oberfläche sind mehr als deutlich“, so Whiting.

Warum krachte Hülkenberg in Alonso?

Auslöser für die unfreiwillige Flugeinlage von Fernando Alonso war Nico Hülkenberg. Der Rheinländer krachte dem McLaren bei der Anfahrt auf die La-Source-Haarnadel volle Kanone ins Heck. Von den FIA-Schiedsrichtern setzte es anschließend eine Startplatzstrafe über 10 Positionen für das kommende Rennen in Monza. Der Unfallverursacher akzeptierte das Urteil. „Ich habe den anderen das Rennen zerstört und auch mir selbst.“

Nico Hülkenberg - Formel 1 - GP Belgien 2018 Foto: sutton-images.com
Hülkenberg muss in Monza 10 Startplätze zurück.

Doch Hülkenberg ist eigentlich nicht bekannt als Rowdy. Wie konnte sich der Renault-Pilot so verschätzen? „Es ist unglaublich, wie sehr sich der Griplevel bei diesen Autos ändert, wenn man im Pulk fährt. Da verliert man vor allem an der Vorderachse massiv an Haftung. Ich habe die Bremsen nur leicht berührt und die Räder haben direkt blockiert. Von außen sieht das natürlich nicht besonders toll aus. Das war einfach eine Fehleinschätzung auf meiner Seite.“

Alonso, der neben dem Leclerc-Sauber auch noch den Ricciardo-Red-Bull torpedierte, fand klare Worte für seinen deutschen Widersacher: „Auf solch einem Niveau darf so ein Fehler einfach nicht passieren. Er hat seinen Bremspunkt komplett verpasst. Die Folgen waren ziemlich heftig. Zum Glück ist niemandem etwas passiert. Das nächste Mal sollte er in einer solchen Situation besser zweimal nachdenken.“

Wie groß ist der Power-Vorteil von Ferrari?

Neben dem Startcrash war die Dominanz von Ferrari das heißdiskutierteste Thema nach dem Rennen in Spa. Im Gegensatz zu Hockenheim und Budapest konnte Sebastian Vettel den Speed-Vorteil auch endlich in einen Sieg ummünzen. Der Schlüssel zum Erfolg lag im Überholmanöver in der ersten Runde: „Letztes Jahr war ich in der gleichen Situation und habe es nicht vorbei geschafft. Dieses Mal habe ich mir einen Plan zurechtgelegt. Das Timing ist dabei entscheidend“, erklärte der Pilot.

Vettel ließ in der Senke von Eau Rouge etwas mehr Abstand um nicht auf seinen Vordermann aufzulaufen. Mit viel Schwung, dem Power-Vorteil des Ferrari und dem Windschatten flog Vettel locker vorbei am Mercedes. „Ich konnte mich nicht wehren. Ferrari kann einfach mehr Leistung abrufen“, klagte Hamilton. „Beim Restart nach der Safety-Car-Phase hätte ich ihn auf der Zielgerade attackieren können. Doch dann hätte er mich auf der langen Geraden wieder locker geschnappt. Deshalb habe ich es gelassen.“

Fotos GP Belgien (Rennen)
Alonso spielt Abrissbirne

Bei der Analyse des Power-Vorteils von Ferrari ist der Topspeed-Vergleich auf der Geraden aber nicht ganz aussagekräftig. Nicht nur Vettel holte beim ersten Ansturm massiv auf den Silberpfeil von Hamilton auf, auch die beiden Force India zogen im Schlepptau zumindest auf gleiche Höhe. Und die haben bekanntlich einen Mercedes-Motor im Heck. Der entscheidende Faktor war in diesem Fall also der Windschatten und nicht die Antriebspower.

Mercedes-Sportchef Toto Wolff konnte da schon mehr zur Analyse beitragen. „In den GPS-Daten kann man erkennen, dass Ferrari in bestimmten Teilen der Strecke einen kleinen Power-Vorteil hat. Dazu kam unsere Schwäche in langsamen Kurven. Das war dann quasi der Doppel-K.O., wenn die Nachteile bei der Traktion und bei der Power zusammenkommen, dann passiert sowas wie in Runde 1.“

Wie kam Bottas trotz Startcrash nach vorne?

Bottas machte auf den ersten Metern einen ähnlichen Fehler wie Hülkenberg. Der Finne krachte beim Anbremsen von Kurve 1 dem Williams von Sergey Sirotkin ins Heck. Dabei ging der Frontflügel zu Bruch, was den wegen einer Motorstrafe auf Platz 17 gestarteten Piloten erneut ganz nach hinten warf. Doch nach einer schwachen Anfangsphase kam der WM-Vierte immer besser in Schwung. Vor allem das mutige Überholmanöver gegen Toro Rosso-Pilot Brendon Hartley in Eau Rouge riss die Fans von den Sitzen. In den Schlussrunden knackte Bottas auch noch die beiden Force India von Esteban Ocon und Sergio Perez am Ende der langen Geraden.

„Platz vier war heute das maximal Mögliche“, lobte Toto Wolff. „Der Flügelschaden hat ihm das Leben sicher nicht leichter gemacht. Dazu hatte er am Anfang Probleme mit dem Überholen. Er kam selbst an Autos nur schwer vorbei, die zwei Sekunden langsamer fuhren. Doch mit dem zweiten Reifensatz ging es plötzlich deutlich besser. Valtteri fuhr sogar noch die schnellste Rennrunde.“

Nach dem Rennen musste Bottas allerdings noch kurz zittern. Die FIA leitete überraschend eine Last-Minute-Untersuchung wegen des Crashs mit Sirotkin ein. „Wir hatten das zunächst im ganzen Chaos der ersten Runde nicht mitbekommen“, entschuldigte sich Charlie Whiting. Am Ende fiel das Urteil mit einer 5-Sekunden-Strafe jedoch einigermaßen milde aus. Sie änderte nichts mehr am Ergebnis.

Warum war Force India besser als HaasF1?

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Belgien 2018 Foto: Wilhelm
Die Force India geigten in Spa groß auf. Ocon dachte sogar kurz daran, Vettel zu attackieren.

Spa ist ein gutes Pflaster für Force India. Außer die Piloten fahren sich wie vergangenes Jahr gegenseitig ins Auto. Diesmal blieben sich Sergio Perez und Esteban Ocon fern. Ihr Duell entschied sich in der Startrunde beim Anbremsen der Les-Combes-Kurve. Ocon wollte in einem Überraschungsangriff Sebastian Vettel auf der Innenspur die Führung abluchsen. Dabei ging ihm der Platz aus. Perez hatte außen die bessere Linie.

Danach musste sich das Team um Stallregie nicht mehr sorgen. „Perez war ein bisschen schneller als Ocon. Es gab keinen Grund zu debattieren“, berichtete Teamchef Otmar Szafnauer. Vor dem Rennen hatte er seinen Fahrern eingebläut: „Wir starten hier mit Null und brauchen ab sofort maximal Punkte. Ihr müsst für das Team fahren und nicht für euch.“

Trotz der turbulenten Sommerpause mit Insolvenz und Rettung war Force India die Nummer 4 im Feld. Vor HaasF1. Die pinken Autos mit ihren Monza-Flügeln flogen auf der Gerade allen davon. „Trotzdem haben wir in den Kurven nicht schlecht ausgesehen. Und die Balance war vom ersten Tag an perfekt“, lobte Perez.

HaasF1-Teamchef Guenther Steiner meinte: „Von den Rundenzeiten her waren wir ähnlich. Aber Force India hatte einen zu guten Topspeed. Nur wenn wir konstant das Tempo hätten fahren können, das Magnussen nach seinem Boxenstopp angeschlagen hat, hätten wir die Force India vielleicht ärgern können.“ Da holte Magnussen 11 Sekunden auf Teamkollege Romain Grosjean auf.

Der Kommandostand von Force India wartete auf die Entscheidungen des direkten Gegners. „Als Grosjean reinkam, haben wir mit Ocon reagiert. Es war keine Eile, weil wir fünf Sekunden Vorsprung hatten. Mit Checo haben wir eine weitere Runde gewartet, um nicht hinter Gasly auf die Strecke zu kommen“, erklärte Sazafnauer. Force India sprang mit 18 Punkten aus dem Stand auf Platz 9. Und was ist unter besten Bedingungen möglich? Optimistische Ansage: „Platz 6 vor McLaren.“

In der Galerie zeigen wir noch einmal die besten Bilder des Rennens und den spektakulären Startcrash aus unterschiedlichen Perspektiven.

Neuester Kommentar

Dem letzten Absatz vom Proesterchen kann ich nur zustimmen - Mercedes war einfach zu schwach. Weder das Chassis noch fie Fahrzeugabstimmung waren in Spa konkurrenzfähig - und der Spec3-Motor schon garnicht. Ich bin überzeugt, dass Mercedes in Q3, falls es trocken geblieben wäre, keinen Stich gegen den Sf71h gemacht hätte.
Mal sehen was uns in Monza erwartet - aber Ferrari ist jedenfalls Favourit.

Übrigens macht es bei der Analyse der Motoren wenig Sinn den Topspeed zu vergleichen sondern viel mehr die Zeit wie lange der Motor braucht um dahinzukommen.

silver-arrow 27. August 2018, 21:12 Uhr
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