Rennanalyse GP Russland 2017

Überholverbot in Sotschi

Romain Grosjean & Jolyon Palmer - GP Russland 2017 67 Bilder

Das Duell Bottas gegen Vettel überdeckte einen ansonsten höhepunktarmen GP Russland. Doch warum wurde auf der Strecke in Sotschi nicht überholt. Diese und andere Fragen beantworten wir in unserer Rennanalyse.

Wie gelang Valtteri Bottas der Raketenstart?

Da stand Ferrari zum ersten Mal seit neun Jahren wieder mit beiden Autos in der ersten Startreihe und dann ausgerechnet auf einer Strecke, auf der die Pole Position fast schon ein Nachteil ist. 1.025 Meter musste Sebastian Vettel von seinem Startplatz bis zum ersten Bremspunkt zurücklegen. So einen langen Anlauf gibt es auf keiner anderen Strecke im Kalender. Dazu sind die Autos mit viel Abtrieb unterwegs. Der Vorteil des Windschattens ist entsprechend groß.

„Ich glaube mein Start war nicht viel besser oder schlechter als der von Sebastian. Aber ich konnte mich gut heransaugen und vorbeifahren“, freute sich Valtteri Bottas nach dem gewonnenen Beschleunigungsduell. Vettel war dagegen nur mäßig begeistert: „Es hat sich angefühlt, als hätte ich ein Zelt hinter mir aufgespannt. Ich dachte, dass ich in der ersten Kurve kämpfen kann. Aber er ist schon vor dem Bremspunkt vor mir eingeschert.“

Vettel klagte darüber, dass der Start in die Einführungsrunde nicht pünktlich durchgeführt wurde. Der Heppenheimer fand bei der Generalprobe deshalb nicht die nötigen Informationen über den Grip. Bottas verriet nach dem Rennen, wie er seine alte Schwäche auf den ersten Metern beseitigt hat. „Ich habe im Januar und Februar mit den Mercedes-Ingenieuren alle meine Starts aus den letzten Jahren angeschaut, die Fehler analysiert und geschaut, was ich besser machen kann. Das hat sich ausgezahlt.

Warum war Ferrari im Rennen plötzlich langsamer als Mercedes?

Der erste Stint gehörte in Melbourne, Shanghai und Bahrain noch zu den Schwachpunkten von Mercedes. In Sotschi konnte Valtteri Bottas auf den Ultrasofts sofort das Tempo diktieren. „Wir haben uns vor dem Rennen ein paar Sorgen gemacht“, gab der Sieger anschließend zu. „Ferrari hat im Training die Reifen immer sofort ins richtige Arbeitsfenster bekommen. Wir haben uns damit etwas schwer getan. Doch heute konnte ich direkt attackieren und eine Lücke reißen.“

Im Freitagstraining sah Ferrari über den Longrun noch stärker als Mercedes aus. Doch Bottas hatte das Auto so umgebaut, dass der Rückstand plötzlich verschwunden war. Ferrari fehlte in den ersten Runden nicht nur der Grip. Die Autos mussten auch mit reduzierter Motorleistung gefahren werden. Die Ingenieure stellten in den Daten Überhitzungserscheinungen fest. Erst nach dem späten Reifenwechsel konnte Vettel mit frischeren Supersoft-Reifen attackieren. Aber einen Weg vorbei an Bottas fand er nicht mehr.

Warum konnte Lewis Hamilton das Tempo nicht mitgehen?

Bei Hamilton war das ganze Russland-Wochenende über der Wurm drin. Das Qualifying-Duell gegen Valtteri Bottas ging mit einer halben Sekunde Rückstand relativ deutlich verloren. Und auch im Rennen kam der Brite auf keinen grünen Zweig. Das fing schon beim Start an. „Eigentlich bin ich super weggekommen. Ich war schon an Kimi vorbei. Doch dann haben vorne die beiden die Spur gewechselt und mein Windschatten riss ab. Vor der ersten Kurve wurde mir dann der Weg blockiert und vor Kimi ging die Lücke auf“, klagte Hamilton im Ziel.

Aber auch ein besserer Start hätte nicht viel geholfen. Es fehlte einfach an Pace. „Lewis ist mit dem Setup irgendwo falsch abgebogen“, erklärte Teamchef Toto Wolff lapidar. „Irgendwas hat in der Beziehung zwischen Fahrer, Auto und Reifen nicht gepasst.“ Doch nach Aussage des Piloten, waren die Einstellungen gar nicht so viel anders als bei Bottas. „Und unser Fahrstil unterscheidet sich eigentlich auch nicht groß“, grübelte Hamilton. Zum Rätsel um falsche Reifentemperaturen und mangelnden Grip auf der Hinterachse gesellten sich im ersten Stint auch noch Überhitzungsprobleme am Silberpfeil. Sie führten zu nervigen Zylinder-Aussetzern. Am Ende fehlte Hamilton mehr als eine halbe Minute auf den Sieger.

Warum wurde in Russland so wenig überholt?

Mit den spektakulären Rennen in Shanghai und Bahrain wurde die Überholdiskussion bereits für beendet erklärt. In Sotschi wurde das Fass wieder geöffnet. Nach dem Chaos in der Startrunde konnten Statistiker im Rest des Rennens nicht einen einzigen Platzwechsel auf der Strecke notieren. Toto Wolff wollte das nicht überbewerten: „Hier ist es einfach schwer zu überholen. Die eierlegende Wollmilchsau, die überall Spektakel bietet, gibt es nicht. Außerdem war es doch ein spannendes Rennen, oder?“

Das Duell Bottas gegen Vettel sorgte zwar dafür, dass die Fans bis zum Ende dranblieben. Ein Überholmanöver wurde aber auch beim Kampf Rot gegen Silber nicht geboten. „Wir haben hier vor der langen Geraden einen ganzen Komplex an Kurven. Da ist es schwer den Anschluss zu halten“, versuchte sich Bottas in einer Erklärung. Ein weiterer Grund für das Überholproblem liegt im glatten Asphalt von Sotschi. Der mechanische Grip ist gering. Und wenn dann auch noch die Aerodynamik gestört wird, rutscht man nur noch herum.

Auch die Art der Strecke hat ihre Tücken. Zwischen den Mauern bleibt die verwirbelte Luft lange hängen. Das gleiche Phänomen konnte man früher auch auf dem Stadtkurs von Valencia beobachten, wo trotz langer Geraden auch nur wenig überholt wurde. Vor allem beim Überrunden wurde das Problem sichtbar: „Kaum war man weniger als zwei Sekunden dran, ging der Grip verloren“, ärgerte sich Sebastian Vettel. „Die blauen Flaggen wurden aber erst bei einem Abstand von einer Sekunde geschwenkt.“

Warum ging Felipe Massa zwei Mal an die Box?

Felipe Massa wurde in den Schlussrunden plötzlich zum Zünglein an der Waage. Gerade als Vettel den Rückstand auf Bottas auf unter eine Sekunde drückte und in den DRS-Bereich kam, lief das Spitzenduo auf den Williams auf. Bottas zog am Ende der langen Geraden vorbei, Vettel blieb hängen. Damit war das Duell entschieden. Weil Massa nicht schnell genug zur Seite ging, gab es vom Heppenheimer auch noch den Stinkefinger und wilde Flüche über Funk. Massa nahm es locker: „Er beschwert sich halt gerne. Das kennen wir.“

Doch Massa hätte gar nicht in die Situation kommen müssen. Lange fuhr er einem sicheren sechsten Platz entgegen. Doch zwölf Runden vor Schluss ging der Routinier zum zweiten Mal an die Box, was ihn bis auf Position neun nach hinten warf. „Wir mussten ihn wegen einem schleichenden Plattfuß reinholen“, erklärte Williams-Technikchef Paddy Lowe zerknirscht. „Schon den ersten Stopp hatten wir wegen des gleichen Problems vorziehen müssen.“ Nico Hülkenberg konnte sein Glück kaum fassen. Er rutschte kampflos auf Rang acht nach vorne. „Die zwei Punkte nimmt man gerne mit. So gut läuft es leider nicht immer“, grinste der Rheinländer.

In der Galerie haben wir die besten Bilder vom Rennen in Sotschi.

Rennergebnis GP Russland 2017

GP Russland 2017: Ergebnis Rennen

Fahrer Team Zeit / Rückstand
1. Valtteri Bottas Mercedes 1:28.08,743 Std.
2. Sebastian Vettel Ferrari + 0:00.617 Min.
3. Kimi Räikkönen Ferrari + 0:11.000
4. Lewis Hamilton Mercedes + 0:36.320
5. Max Verstappen Red Bull + 1:00.416
6. Sergio Perez Force India + 1:26.788
7. Esteban Ocon Force India + 1:35.004
8. Nico Hülkenberg Renault + 1:36.188
9. Felipe Massa Williams + 1 Runde
10. Carlos Sainz Jr. Toro Rosso + 1 Runde
11. Lance Stroll Williams + 1 Runde
12. Daniil Kvyat Toro Rosso + 1 Runde
13. Kevin Magnussen Haas + 1 Runde
14. Stoffel Vandoorne McLaren + 1 Runde
15. Marcus Ericsson Sauber + 1 Runde
16. Pascal Wehrlein Sauber + 2 Runden
17. Daniel Ricciardo Red Bull Ausfall
18. Fernando Alonso McLaren Ausfall
19. Jolyon Palmer Renault Ausfall
20. Romain Grosjean Haas Ausfall
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