Analyse Rennen GP Spanien 2018

Ferrari sieht Taktik-Fehler nicht ein

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Spanien 2018 Foto: xpb 62 Bilder

War die Kritik an der Vettel-Taktik in Barcelona berechtigt? Wir haben die Entscheidungen der Ferrari-Strategen untersucht und festgestellt, dass der zweite Boxenstopp nicht das Problem war. In der Analyse beantworten wir die wichtigsten Fragen.

Warum war Mercedes so dominant?

Mercedes wurde in Barcelona seiner Favoritenrolle mehr als gerecht. Die Silberpfeile fanden scheinbar mühelos zur überragenden Form der Wintertestfahrten zurück. Lewis Hamilton fuhr von der Pole Position ein Rennen im Schongang. Am Ende wies die Zeitmessung einen deutlichen Vorsprung von 20,593 Sekunden auf den Zweitplatzierten aus – und das war mit Valtteri Bottas ebenfalls ein Mercedes.

„Wir haben hart daran gearbeitet, unsere Probleme aus den ersten Rennen zu analysieren und zu beseitigen“, erklärte Toto Wolff die Trendwende. Die Klatsche für die Konkurrenz hat aber noch mehr Gründe. „Die Strecke hier liegt uns einfach. Und die kühlen Temperaturen kamen uns sicher auch entgegen“, gab der Teamchef der Weltmeistermannschaft offen zu.

Die aerodynamische Effizienz des W09 ist für diesen Typ Strecke ideal. Auf dem katalanischen Grand-Prix-Kurs haben die Ingenieure nach acht Tagen Wintertests genügend Daten gesammelt, um die Autos perfekt abzustimmen. So konnte die silberne Diva die Techniker nicht auf dem falschen Fuß erwischen. Zum ersten Mal seit Melbourne waren die Piloten wieder vom ersten Meter schnell unterwegs. Und der 48-Runden-Stint von Valtteri Bottas zeigte, dass der Silberpfeil sogar Reifenstreichler-Qualitäten besitzt.

Zur starken Vorstellung von Mercedes kam auch noch die Formschwäche der Konkurrenz dazu. Sebastian Vettel beklagte nach dem Rennen den hohen Gummi-Verschleiß, die nicht konkurrenzfähige Pace und die Probleme in puncto Zuverlässigkeit. Red Bull konnte das Tempo von Mercedes bisweilen mitgehen. Doch von Startplätzen in der dritten Reihe verloren Max Verstappen und Daniel Ricciardo schon zu Beginn des Rennens hinter Kimi Räikkönen zu viel Zeit, um Mercedes noch gefährlich zu werden.

Lag Ferrari bei der Strategie daneben?

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Spanien 2018 Foto: sutton-images.com
Mit dem frühen ersten Boxenstopp war Vettels Schicksal besiegelt.

Die Ferrari-Kritiker waren nach dem Rennen schnell zur Stelle. Nach seinem zweiten Stopp in der 41. Runde war Vettel hinter Bottas und Verstappen zurückgefallen und hatte sogar das Podium verpasst. Hätten die italienischen Strategen nicht lieber auf den zweiten Stopp verzichten sollen, so wie es Mercedes und Red Bull taten? „Keine Chance“, winkte Vettel ab. „Ich wäre nicht ins Ziel gekommen. Durchfahren war für uns keine Option. Wir hatten noch Glück, dass wir den notwendige n Reifenwechsel in die virtuelle Safety-Car-Phase legen konnten. Sonst hätten wir noch mehr Zeit verloren“.

Der zweite Stopp war somit kein Fehler. Der erste in Runde 17 aber schon. Er zwang Vettel erst den zweiten Reifenwechsel auf. „Valtteri war schneller als wir. Er hing mir immer direkt im Heck. Wir mussten den Angriff covern“, begründete der Pilot die Entscheidung. Doch dabei waren die Taktiker im Team einem Denkfehler aufgesessen. Erstens pendelte sich der Abstand zwischen Vettel und Bottas vor dem Stopp bei 1,7 Sekunden ein. Auch mit den abbauenden Reifen am Ferrari wäre es nicht zu einer Attacke auf der Strecke gekommen. Und auch der Angriff mit einem frühen Boxenstopp wäre zum Scheitern verdammt. Der sogenannte Undercut funktionierte in Barcelona nämlich nicht. Durch die kühlen Temperaturen und den glatten Asphalt boten die Reifen in der ersten Runde noch nicht den Grip-Vorteil, den man für einen Platzwechsel benötigt.

Stattdessen lag der Vorteil in einem späteren Reifentausch – wie bereits vor zwei Wochen in Baku. Die Strategie-Simulationen bei Mercedes sahen Bottas schon virtuell vorne, als er zwei Runden nach Vettel die Boxen ansteuerte. Doch ein schlechter Stopp spuckte den Finnen wieder hinter den Ferrari aus. So blieb Bottas nur die Option, mit einem ultralangen zweiten Stint die Position zu gewinnen.

Die einzige Chance, die Ferrari im Duell gegen Bottas hatte, bestand darin, so lange draußen zu bleiben, bis der Finne den ersten Zug macht. Und dann zu hoffen, dass man ebenfalls mit nur einem Stopp über die Runden kommt. Zumindest Verstappen hätte man damit hinter sich halten können. Bei Teamkollege Kimi Räikkönen hatte Ferrari übrigens auf die Einstopp-Taktik gesetzt. Doch wegen des Antriebsdefekts beim Iceman, werden wir nie erfahren, wie gut die Strategie aufgegangen wäre.

Welche Rolle spielten die neuen Pirelli-Reifen?

Pirelli brachte einen speziellen Reifen nach Barcelona, der eine 0,4 Millimeter dünnere Lauffläche aufwies. Damit wollten die Gummi-Spezialisten eine Wiederholung der extremen Blasenbildung von den Testfahrten verhindern. Das Problem hatte vor der Saison hauptsächlich Mercedes betroffen, weshalb die Konkurrenz mehr oder weniger unterschwellig Kritik an der Maßnahme äußerte. „Die Reifen waren für alle gleich. Aber uns hat das sicher nicht geholfen“, klagte Vettel. „Wir müssen jetzt analysieren, warum bei uns der Verschleiß plötzlich nach oben ging.“

Auch bei Red Bull gab man zu, dass die Reifen den Ingenieuren einige Kopfschmerzen bereitet hatten. Am Ende fanden die Techniker aber doch noch ein passendes Setup. In Silverstone und Paul Ricard, wenn die Spezialreifen erneut zum Einsatz kommen, drohen aber wieder die gleichen Probleme und die gleichen Diskussionen. Mercedes konnte die ganze Aufregung um eine angebliche Bevorzugung nicht nachvollziehen. „Bei den Testfahrten waren wir alle noch mit den normalen Reifen unterwegs. Und da lagen wir sogar noch weiter vor den anderen“, feuerte Toto Wolff eine Breitseite ab.

Warum kassierte Grosjean eine Strafe?

Startcrash - Formel 1 - GP Spanien 2018 Foto: sutton-images.com
Grosjean gibt Gas, nebelt die Strecke ein und räumt Hülkenberg und Gasly ab.

Der Ausrutscher von Romain Grosjean in der dritten Kurve sorgte schon kurz nach dem Start für ordentlich Carbon-Schrott auf der Strecke. Der Franzose war mit seinem Haas zu weit nach außen auf die dreckige Linie gekommen, was beim Beschleunigen zum Ausbrechen des Hecks führte. Beim Versuch das Auto auf der Piste zu halten drehte sich Grosjean zurück ins Feld und kegelte auch noch Pierre Gasly und Nico Hülkenberg von der Bahn.

„Der Kollege Grosjean muss einfach mal ein bisschen Zielwasser trinken“, schimpfte Hülkenberg. „Der dreht sich acht Mal an einem Wochenende und ist unberechenbar auf der Strecke. Er sollte vielleicht mal über einen Wechsel der Sportart nachdenken.“ Die FIA-Kommissare sahen das Verhalten des Haas-Piloten ähnlich kritisch. Grosjean kassierte für das nächste Rennen in Monaco eine Rückversetzung von drei Startplätzen sowie zwei Penalty-Punkte für die Sünderkartei.

In der Urteilsbegründung heißt es: „Der Fahrer erklärte gegenüber den Stewards, dass ihn der Schwung des Drehers zurück auf die Strecke zwang. Er versuchte durch Gasgeben schnell auf die andere Seite zu kommen, um dem Verkehr aus dem Weg zu gehen. Doch bei diesem Manöver geriet er in die Fahrlinie der Autos mit den Nummern 27 und 10, die dadurch aus dem Rennen genommen wurden.“

„Die Stewards halten die Frage für spekulativ, wo das Auto gelandet wäre, wenn der Fahrer eine andere Option gewählt hätte. Aber bei der Untersuchung der TV-Bilder kamen sie zu dem Schluss, dass das Auto dem linken Streckenrand folgte und schon fast von der Piste runter war, als der Fahrer die Entscheidung traf, die Bahn zu kreuzen. Deshalb entschieden sich die Stewards für die Bestrafung.“

Haas-Teamchef Guenther Steiner nahm seinen Fahrer in Schutz: „Wir wissen nicht wie es ausgegangen wäre. Es ging alles ganz schnell. Wenn er nicht Gas gegeben hätte, wäre er vielleicht mit fünf Autos kollidiert. Wenn man mitten auf der Strecke ist, dann hat man keine guten Optionen. Da ist jede Entscheidung falsch.“ Steiner deutete indirekt an, dass sein Pilot unfair behandelt wurde: „Romain hat aktuell nicht den besten Ruf. Auch nach den Vorfällen beim Rennen in Baku. Er ist also ein leichtes Ziel.“

Wo verlor Ricciardo 10 Sekunden?

Daniel Ricciardo - Formel 1 - GP Spanien 2018 Foto: xpb
Die TV-Kameras verpassten Ricciardos Dreher in der 42. Runde.

Daniel Ricciardo konnte seinen Red Bull-Teamkollegen Max Verstappen dieses Jahr schon mehrmals in den Schatten stellen. Doch in Barcelona fuhr er auf Rang fünf komplett unauffällig. Während des Rennens blieb lange unklar, warum der Australier nicht in das Duell um die Podiumsplätze eingreifen konnte. Erst der Blick auf die Rundenzeiten-Tabelle gab die Antwort. In Runde 42 vergrößerte sich der Abstand zwischen den beiden Red-Bull-Schwesterautos plötzlich um 7 Sekunden.

Weil die Fernsehbilder das Rätsel nicht lösen konnten, half nur die Nachfrage beim Team: „Er hatte kurz vor dem Restart nach der virtuellen Safety-Car-Phase einen Dreher, als er aus Kurve 10 herausbeschleunigen wollte. Das hat ihn ins Niemandsland des Feldes zurückgeworfen“, erklärte Teamchef Christian Horner. Dass für Red Bull wohl mehr drin gewesen wäre, zeigte die schnellste Rennrunde von Ricciardo. „Dabei ging es für ihn um nichts mehr. Und wir hatten da schon längst die Motorpower runtergedreht. Auch Max hat gezeigt, dass die Pace im Auto vorhanden war. Trotz angeknackstem Frontflügel und älteren Reifen konnte er Vettel locker hinter sich halten. Leider waren wir hier auf dieser überholfeindlichen Strecke durch das Power-Defizit im Qualifying und die daraus resultierenden schlechten Startplätze chancenlos. Ich hoffe, in Monaco sieht das etwas anders aus.

Die Highlights des Rennens zeigen wir Ihnen noch einmal in der Galerie.

GP Spanien 2018: Ergebnis Rennen

Fahrer Team Zeit/Rückstand
1. Lewis Hamilton Mercedes 1:35.29,972 Std.
2. Valtteri Bottas Mercedes + 0:20.593 Min.
3. Max Verstappen Red Bull + 0:26.873
4. Sebastian Vettel Ferrari + 0:27.584
5. Daniel Ricciardo Red Bull + 0:50.058
6. Kevin Magnussen HaasF1 + 1 Runde
7. Carlos Sainz Renault + 1 Runde
8. Fernando Alonso McLaren + 1 Runde
9. Sergio Perez Force India + 2 Runden
10. Charles Leclerc Sauber + 2 Runden
11. Lance Stroll Williams + 2 Runden
12. Brendon Hartley Toro Rosso + 2 Runden
13. Marcus Ericsson Sauber + 2 Runden
14. Sergey Sirotkin Williams + 3 Runden
15. Stoffel Vandoorne McLaren Ausfall
16. Esteban Ocon Force India Ausfall
17. Kimi Räikkönen Ferrari Ausfall
18. Nico Hülkenberg Renault Ausfall
19. Pierre Gasly Toro Rosso Ausfall
20. Romain Grosjean HaasF1 Ausfall
Neues Heft
Top Aktuell Sebastian Vettel - GP Brasilien 2018 Radio Fahrerlager GP Brasilien FIA lässt Vettel für Waage blechen
Beliebte Artikel Hamilton, Wolff & Bottas - GP Spanien 2018 Mercedes dominiert in Spanien Trendwende oder Strohfeuer? Hamilton & Vettel - GP Spanien 2018 Ferrari kassiert Niederlage Vettel beklagt drei Problemzonen
Anzeige
Sportwagen Speed Buster BMW M5 BMW 5er-Tuning Bis zu 747 PS im M5 sind möglich Mercedes E 400 Coupé, Frontansicht Sportwagen-Neuzulassungen Oktober Mercedes E Coupé vor Mustang
Allrad Range Rover Evoque 2 Range Rover Evoque 2019 Drahtmodell als Teaser Ford Bronco 2020 Neuer Ford Bronco 2020 Erste Bilder vom Kult-Geländewagen
Oldtimer & Youngtimer Porsche Carrera GT Werksrestaurierung Porsche Classic Carrera GT 13 Jahre alt, aber jetzt fabrikneu Renault 19 (1988) Renault 19 (1988-1995) 30 Jahre und fast verschwunden