Analyse der Rennsimulationen

Aufpassen auf Renault und Haas!

Red Bull - F1-Test - Barcelona 2019 Foto: Motorsport Images

Ferrari hatte bei den Wintertests das schnellste Auto – auf eine Runde und im Longrun. Doch wie gut sind die Roten wirklich? Was fehlt Mercedes? Und was haben Renault und Haas so weit vorne in unserer Longrun-Tabelle verloren? Wir klären auf.

Bei der Analyse der schnellsten Rundenzeiten nach acht Tagen Wintertest in Barcelona liegt Ferrari drei Tausendstel vor Mercedes. Aber irgendwie sagt uns das Gefühl: Der Ferrari ist mehr als nur diese 0,003 Sekunden schneller. Weil Sebastian Vettel und Charles Leclerc die Rundenzeiten leichter von der Hand gingen als den Mercedes-Piloten. Lewis Hamilton brauchte am letzten Testtag doch ein paar Anläufe, bis er sich in die Nähe von Vettel robbte.

Meistens zeigen die Rennsimulationen ein besseres Bild. Doch die sind ausgerechnet in diesem Jahr mit einer größeren Fehlerquelle behaftet als zuvor. Hauptsächlich wegen des größeren Tanks. In Barcelona kommt man auch mit 100 Kilogramm Startgewicht über die Runden. Ein paar Mal Lift & Coast, und man schafft locker die 66 Runden. Man kann aber auch 120 Kilogramm in den Tank füllen und immer volle Kanone fahren. Oder auch nicht.

Die Motorprogramme sind die zweite große Variable. Da liegt zum Start des Rennens schnell mal ein Unsicherheitsfatkor von sieben Zehntel hin oder her drin, je nachdem wie viel Benzin im Tank war. Die Teams machen deshalb Bestcase- und Worstcase-Kalkulationen. Sie können über GPS besser herausfinden, wer wann den Motor aufdreht und wer nicht.

Aus den Daten lässt sich auch schließen, wer wie viel Sprit im Tank gehabt haben könnte. Wer bei der Zwischenzeit des letzten Sektors unverhältnismäßig schnell unterwegs ist, fährt eher mit weniger Benzin an Bord. Im Stop-and-Go von acht Kurven spielt das Gewicht eine größere Rolle als in den flüssigen Passagen der Sektoren 1 oder 2.

Wir haben solche Möglichkeiten natürlich nicht. Trotzdem haben wir von jedem Team mindestens einen Longrun herausgepickt und ihn in seine einzelnen Stints zerlegt, mit den zugehörigen Reifen. Wir haben in unserer Tabelle unten vermerkt, ob der Fahrer nach dem Reifenwechsel gleich weitergefahren oder in der Garage verschwunden ist, oder ob die Rennsimulation durch eine rote Flagge oder einen Defekt unterbrochen wurde.

Außerdem bekommen Sie noch den Tag mitgeliefert, an dem der Longrun stattfand. Um eine Gesamtwertung zu erstellen haben wir aus allen Runden einen Schnitt genommen und ihn auf die Renndistanz von 66 Runden hochgerechnet. Die IN- und OUT-Runden haben wir abgezogen. Es wäre unfair gewesen sie heranzuziehen. Manche ließen sich beim Boxenstopp Zeit, andere nicht.

Charles Leclerc & Lewis Hamilton - Barcelona-Test 2019 Foto: Motorsport Images
Ferrari scheint über die Distanz einen Tick schneller zu sein als Mercedes.

Leclerc vor Ricciardo und Bottas

Der Sieger des virtuellen Grand Prix von Barcelona hieß Charles Leclerc. Der neue Ferrari-Pilot fuhr in drei Stints 58 Runden und lag am Ende knapp 13 Sekunden vor Daniel Ricciardo im Renault und 19,3 Sekunden vor Valtteri Bottas im Mercedes. Richtig gehört. Ein Renault auf Platz 2.

Doch schon hier beginnen die Fragezeichen. Leclerc fuhr in allen drei Abschnitten harte C2-Reifen. Das wäre in einem Grand Prix nicht erlaubt. Im ersten Stint auf den weicheren C3-Reifen verliert Bottas alleine fast 9 Sekunden auf den Ferrari-Piloten. Leclerc wiederum geht den letzten Run viel zu schnell an und bezahlt in den letzten fünf Runden mit einbrechenden Reifen. „Das würde er in einem echten Rennen nie so machen“, sagen die Mercedes-Ingenieure.

Während Leclerc und Bottas bei den Boxenstopps nur die Reifen wechselten, verschwand Ricciardos Renault beide Male komplett in der Garage. Theoretisch kann da viel passieren. Zum Beispiel ein Umbau des Setups. Nachtanken wäre eine Option, wenn man etwas verschleiern will.

Renault könnte rein theoretisch alle drei Stints mit weniger Sprit gefahren sein und zwischendurch immer Benzin aufgefüllt haben. So betrügt man sich allerdings nur selbst und lernt nichts über die Reifen. Die Mercedes-Strategen zeigten sich jedenfalls von Ricciardos 47-Runden-Ritt beeindruckt.

Max Verstappen - Red Bull - Barcelona - F1-Test - 27. Februar 2019 Foto: xpb
Max Verstappen drehte sich bei seiner Rennsimulation. Danach war das Getriebe hinüber.

Red Bull bleibt ein Rätsel

Sebastian Vettel und Lewis Hamilton liegen innerhalb von vier Zehnteln, doch beide sind schwer zu vergleichen. Vettels Rennsimulation scheiterte just nach dem zweiten Boxenstopp nach 34 Runden an einem Elektrikdefekt. Und Hamilton fuhr an Tag 6 ein Vierstopp-Rennen mit den Mischungen C3, C2, C1, C3 und C2. Vettel ließ sich in der ersten Woche auf eine ähnliche Übung ein, doch dieser Longrun ist zu wenig repräsentativ.

Im Fall von Red Bull liefert auch die Rennsimulation keine weitere Aufklärung. Wir geben zu, dass wir aus dem Patienten Red Bull nicht so recht schlau werden. Max Verstappens Körpersprache versprüht Zuversicht, und der Holländer ist eigentlich kein guter Schauspieler, der Frust überspielen kann. Andererseits war der Longrun des fünffachen GP-Siegers am sechsten Tag keine Offenbarung.

Verstappen wählte wie Bottas die C3-Reifen beim Start. Da war der Holländer um zwei Zehntel schneller als Bottas aber auch drei Zehntel langsamer als Leclerc. Im zweiten Stint verlor er auf dem C2-Reifen im Schnitt 0,2 Sekunden auf den Mercedes und 0,7 Sekunden auf den Ferrari. Der dritte Stint endete nach drei Runden in den 1.21er Zeiten mit einem Ausrutscher und einem Getriebeschaden.

Hinter dem Red Bull macht sich ein Auto breit, das noch interessant werden könnte. Wenn der imaginäre Grand Prix nur auf C2-Reifen stattgefunden hätte, müssten sich Ferrari und Mercedes vor Haas warm anziehen. Kevin Magnussen lag im Vergleich des zweiten Stints zwei Zehntel über Leclerc und drei Zehntel unter Bottas.

Der letzte Stint des Dänen war der Hammer: Magnussen fuhr 25 Runden mit einem Schnitt von 1.21,501 Minuten. Einer Startrunde von 1.20,805 Minuten folgten 24 Runden zwischen 1.21,114 und 1.21,931 Minuten. Ein Musterbeispiel an Konstanz.

Der schwache erste Turn auf C3-Reifen verhagelte dem US-Ferrari die Bilanz. „Auf den weichen Reifenmischungen haben wir noch ein Problem. Wir arbeiten daran“, verspricht Teamchef Guenther Steiner. Muss er auch. In Melbourne wird wahrscheinlich hauptsächlich mit C3- und C4-Reifen gefahren.

Robert Kubica - Williams - Barcelona - F1-Test - 27. Februar 2019 Foto: Stefan Baldauf
Williams hinkt dem Feld deutlich hinterher, wenn man den Rennsimulationen in Barcelona glauben kann.

Williams zwei Mal überrundet

Die weichen Pirelli-Mischungen könnten dieses Jahr ein Problem werden, wobei die Rennstrecke bestimmt, was ein weicher Reifen ist. In Barcelona lagen schon die C3-Reifen am Limit, was die Haltbarkeit angeht. Bei den Tests ließ sich beobachten, dass der Red Bull mit den weichen Gummis wie gehabt am pfleglichsten umgeht, der Mercedes dieses Jahr in diesem Punkt etwas besser scheint als der Ferrari.

Es sieht so aus, als würde Ferrari-Teamchef Mattia Binotto seine aggressive Politik weiter fortfahren. Hauptsache man hat ein schnelles Auto, mit dem man zu Beginn des Rennens flüchten kann. Danach verteidigt man die Führung dann nur noch.

Alfa-Sauber konnte in den Longruns nicht mit Haas und Renault mithalten. Toro Rosso ist schwer einzuschätzen. Daniil Kvyat spulte in der ersten Woche eine Rennsimulation ab, mit der er sogar hinter McLaren gelandet wäre. Bei einem zweiten Versuch an Tag 6 war der Russe unverhältnismäßig schnell. Da wäre er mit einer Rennzeit von 1:30.34,137 Stunden an zweiter Stelle gelandet.

Kvyat brach das Rennen aber nach 36 Runden kurz vor dem zweiten Boxenstopp ab. Er war bis dahin auf C3- und C1-Reifen unterwegs. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte. Der Toro Rosso ist nicht so langsam wie er sich in der ersten Woche im Longrun präsentierte, und er ist auch nicht das zweitschnellste Auto im Feld.

Von Racing Point lässt sich sagen, dass das rosa Auto im Longrun besser aussieht als bei den schnellen Runden. Sergio Perez wäre 6 Sekunden hinter Kimi Räikkönen ins Ziel gekommen. McLaren steigerte sich in der zweiten Woche, liegt aber immer noch 20 Sekunden hinter Alfa Romeo.

Bitterböse sieht es bei Williams aus. Der Longrun von George Russell verlief im Schneckentempo. In einem richtigen Rennen wäre Russell mit mehr als vier Minuten Rückstand auf Leclerc zwei Mal überrundet worden.

Longrun-Analyse - Barcelona-Tests 2019

Fahrer

Schnitt

Runden

Reifentyp

Tag

Leclerc

1.23,327 min

17

C2

7

1.22,172 min

18

C2**

    

1.21,334 min

23

C2

    

1:30.23,762 h

   

   

   

Ricciardo

1.22,099 min

15

C2**

5

1.22,297 min

19

C2**

    

1.22,769 min

13

C3

    

1:30.36,048 h

   

   

    

Bottas

1.23,817 min

18

C3

7

1.21,265 min

20

C2

    

1.21,265 min

23

C2

    

1:30.43,010 h

   

    

    

Vettel

1.23,401 min

16

C3

8

1.22,217 min

18

C2**

   

1:31.03,095 h

   

    

    

Hamilton

1.23,227 min

11

C3

6

1.23,397 min

12

C2

   

1.23,091 min

16

C1*

   

1.21,048 min

12

C3*

   

1.22,048 min

7

C2

   

1:31.03,417 h

    

    

   

Verstappen

1.23,640 min

17

C3

6

1.22,814 min

17

C2

   

1.21,603 min

3

C1**

   

Magnussen

1.24,604 min

18

C3

8

1.22,349 min

18

C2

   

1.21,501 min

25

C2

   

1:31.36,013 h

    

    

   

Räikkönen

1.24,231 min

13

C2

8

1.23,251 min

10

C3

   

1.23,231 min

28

C2

   

1:31.50,328 h

     

     

    

Perez

1.24,483 min

15

C2

8

1.23,862 min

12

C2**

   

1.22,863 min

23

C2

   

1:31.56,858 h

    

    

   

Sainz

1.24,234 min

17

C2

6

1.23,677 min

15

C2*

   

1.23,474 min

18

C2

   

1:32.10,358 h

    

    

   

Kvyat

1:25,919 min

17

C2*

3

1.23,677 min

22

C2*

   

1.22,524 min

14

C2

   

1:32.28,974 h

    

    

   

Norris

1.25,780 min

15

C2

4

1.25,119 min

17

C2*

   

1.23,530 min

14

C3

   

1:33.16,529 h

    

    

   

Russell

1.25,710 min

11

C3*

7

1.26,072 min

11

C2*

   

1.26,223 min

12

C2

   

1.26,126 min

25

C3

   

1:34.39,868 h

   

* mit Pause nach Stint

** Abbruch durch Defekt
oder rote Flagge

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