Druck auf Mechaniker wächst

Warum gehen so viele Boxenstopps schief?

Kimi Räikkönen - Formel 1 - GP Bahrain 2018 Foto: sutton-images.com 69 Bilder

Schon wieder ging ein Reifenwechsel in die Hose. Diesmal bei Stoffel Vandoorne im freien Training. Die FIA will sich aufgrund der vielen Vorfälle ein neues Sicherheitsnetz überlegen. Die Pannenserie hat mehr menschliche als technische Gründe.

Die FIA-Kasse klingelt zurzeit. Jedes Mal wenn ein Auto nach einem missglückten Reifenwechsel mit einem lockeren Rad seine Boxenposition verlässt, bittet der Verband das betreffende Team mit 5.000 Euro zur Kasse. Passiert dabei ein Unfall wie im Fall von Ferrari in Bahrain sind 50.000 Euro fällig. Nur McLaren kam mit dem Radverlust bei Fernando Alonso bei den Testfahrten in Barcelona mit einem blauen Auge davon.

Wäre das bei einem Rennwochenende passiert, wäre es für McLaren richtig teuer geworden. „Ein Unsafe release kostet 5.000 Euro“, sagt FIA-Rennleiter Charlie Whiting. „Aber wenn jemand versuchen sollte mit einem lockeren Rad eine ganze Runde zu drehen um zurück zu den Boxen zu gelangen, dann fällt die Strafe deutlich höher aus.“ Die Teams werden es nicht riskieren. „Wir können an den Daten erkennen, ob das Rad locker war.“

Bei den ersten drei Rennen ging die Pannenserie bei den Boxenstopps munter weiter. Die beiden HaasF1 in Melbourne, Ferrari mit Kimi Räikkönen im freien Training und im Rennen in Bahrain, McLaren mit Stoffel Vandoorne im freien Training in Shanghai.

Bei einem Radverlust wie bei Alonso in Barcelona oder bei einem Unfall wie bei Räikkönen in Bahrain verlangt die FIA einen genauen Rapport, was passiert ist. McLaren brauchte Wochen, um die Ursache festzustellen. Die Radmutter war nicht fest, und das rechte Hinterrad wackelte zwischen den beiden Rückhaltesystemen so lange hin und her, bis die Radnabe brach. Was zumindest zeigt, dass die beiden Sicherungs-Systeme funktionieren. Die Telemetrie hätte McLaren warnen müssen.

Das passierte bei Ferrari wirklich

Kimi Räikkönen - Formel 1 - GP Bahrain 2018 Foto: sutton-images.com
Eine Mischung aus menschlichem Versagen und zu großem Vertrauen in die Technik sorgten für den Ferrari-Boxenunfall in Bahrain.

Der Ferrari-Report war zwei Seiten stark. Dabei kam heraus, dass der Unfall die Folge von zwei menschlichen Fehlern und einem elektronischen Missverständnis war, wie es Teamchef Maurizio Arrivabene ausdrückte.

Der Mann am Schlagschrauber des linken Hinterrades konnte die Radmutter nicht vollständig lösen. Deshalb setzte er erneut an und änderte instinktiv die Drehrichtung an seinem Schlagschrauber. Dadurch wurde das Rad wieder festgezurrt. Der Drehmomentsensor meldete volle Kraft, der Positionssensor die richtige Position. Die Elektronik interpretierte das als Vollzug des Radwechsels.

Damit ging das Signal an den hinteren Wagenheber, der das Auto automatisch absenkte. Der Mann am hinteren Wagenheber hätte den Befehl noch überschreiben können, doch ganz offensichtlich hatte er in der Hektik übersehen, dass links hinten nie das Rad gewechselt wurde. Auch der Mann vor dem Auto, der das gesamte Prozedere überwacht und den finalen Knopf für das Grünlicht an der Ampel drückt, konnte in dem Gewirr von Menschen rund um das Auto nicht erkennen, dass links hinten etwas nicht stimmt.

Um eine Wiederholung auszuschließen, installiert Ferrari jetzt zwei Aufpasser. Einen vor dem Auto, einen dahinter. HaasF1 platziert seinen zweiten Spotter nach dem Boxenstopp-Drama in Melbourne an der Boxenmauer. Teamchef Guenther Steiner warnt trotzdem: „Wir reden hier von einer Prozedur, die zweieinhalb Sekunden dauert. Probiert mal aus, in der Kürze dieser Zeit einen Fehler zu entdecken und das ganze rechtzeitig abzubrechen.“

Die Häufung von Boxenunfällen hat nichts mit der Technik zu tun. Vermutungen, die beiden Sicherungssysteme würden es den Mechanikern erschweren, die Räder samt Radmutter zu lösen oder draufzustecken, werden von Mercedes-Teammanager Ron Meadows bestritten: „Da hat sich im Vergleich zum Vorjahr nichts geändert.“

Das Hauptproblem ist, dass bei den engen Abständen an der Spitze oder im Mittelfeld die Boxenstopps immer wichtiger werden. Das setzt die Reifenwechsel-Crew extrem unter Druck. Keine der vier Ecken will die langsamste sein. Schon gar nicht daran schuld sein, dass eine Position auf der Strecke verloren geht.

Keine Rückkehr zum Lollipop

Boxenstopp - Lollipop - Formel 1 Foto: Red Bull
Auch mit dem alten Lollipop waren Boxenstopp-Fehler nicht ausgeschlossen.

Das führt teilweise zu hohen Risiken. Dort wo der bei Räikkönens Boxenstopp verletzte Mechaniker Francesco Cigarini stand, ist es zwar vom Bewegungsablauf her einfach, das neue Rad anzureichen, aber man begibt sich dabei eben auch in eine gefährliche Position.

Der Mann stand vor dem Hinterrad in der Fahrspur, um sich bei seiner Anreichprozedur nicht drehen zu müssen. Da er aus nächster Nähe sah, dass sich immer noch das alte Rad am Auto befand, schöpfte er auch keinen Verdacht und blieb auf seiner Position. Er konnte das Unheil unmöglich kommen sehen, stand aber extrem ungünstig, als Räikkönen losfuhr.

Charlie Whiting kündigte an, dass die FIA dabei ist, die Boxenstopps auf mögliche Schwachstellen abzuklopfen. Vermutlich wird es bald zur Pflicht, dass die Schlagschrauber sowohl mit einem Drehmoment- und einem Positionssensor ausgerüstet werden. Manche Modelle messen nur das Drehmoment. Nur wenn Drehmoment und Position stimmen, bekommt der Mechaniker am Rad ein grünes Signal.

Es müsse aber, so Whiting auch im Ablauf mehr Möglichkeiten geben, Probleme schnell zu erkennen. Eine Rückkehr zum guten alten Lollipop wird nicht gefordert. „Das würde nichts bringen. Auch beim aktuellen System gibt immer noch der Mensch den entscheidenden Impuls für die Ampel.“

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