Brasilien-Pole für Hülkenberg

Das Geheimnis der Hülkenberg-Sensation

Hülkenberg und Barrichello Foto: Williams 25 Bilder

++ Fotos ++ Die Pole Position von Nico Hülkenberg war das Tagesgespräch in Sao Paulo. Doch wie kam die Superrunde zustande? In einem Williams mit Cosworth-Motor? Nach Durchsicht aller Daten war man schlauer. Das Geheimnis liegt in der Reifentemperatur.

So einen Vorsprung hat es schon lange nicht mehr in der Formel 1 gegeben. Der Sensations-Trainingsschnellste Nico Hülkenberg hängte Sebastian Vettel um 1,049 Sekunden ab. Das ist eine Welt. Teamkollege Rubens Barrichello war um 1,733 Sekunden langsamer. Und der Brasilianer ist Interlagos-Spezialist. Da fragte sich die Expertenrunde im Fahrerlager: Ging da alles mit rechten Dingen zu?

Es ging. Die Verlierer mutmaßten zunächst, dass Williams mit einem Regen-Setup gepokert hätte, doch Technikpapst Patrick Head widersprach: "Unsere Autos sind für ein Trockenrennen abgestimmt." Die Top-Speeds beweisen es. Hülkenberg und Barrichello lagen auf der Zielgeraden in den Top Ten, nur zwei km/h langsamer als Spitzenreiter Robert Kubica.

Barrichello gibt Wechsel auf Slicks vor

Nico Hülkenbergs Geheimnis hat drei Väter. Barrichello, die Aufwärmrunde und sein Trick in der letzten Kurve. Rubens Barrichello gab die Initialzündung für Hülkenbergs Wechsel von Intermediates auf Slicks. Der Formel 1-Oldie ist ein alter Reifenfuchs, der schon oft die richtige Nase für den idealen Zeitpunkt zum Wechsel auf Slicks hatte. "Rubens war mit gebrauchten Intermediates draußen und hätte sich fast gedreht. Trotzdem sagt er am Funk, dass die Strecke schon Slicks verträgt", erzählt Patrick Head.

Hülkenbergs Renningenieur Tom McCollough hört aufmerksam mit. Zur gleichen Zeit meldet sich sein Mann am Funk: "Es ist noch zu nass für Slicks." Worauf McCollough zurückfunkt. "Nico pass auf, Rubens holt sich gleich Trockenreifen ab." Patrick Head amüsiert sich: "Wir konnten gar nicht so schnell schauen, da stand auch Nico schon da. Er weiß, dass Rubens da ein gutes Händchen hat."

Hülkenberg hält Gummis auf Temperatur

Ab dann machte der Pole-Mann von Interlagos alles richtig. "Mein Renningenieur hat mir gesagt, ich soll pushen, damit die Slicks auf Temperatur kommen. Ich bin gefahren wie ein Verrückter, bin quergestanden, habe die Hinterräder durchdrehen lassen, habe hart und spät gebremst. Die Reifen waren von der ersten Runde an da."

Hülkenbergs Aufwärmrunde war um 14 Sekunden schneller als die seines Teamkollegen Barrichello. Der beschwerte sich: "Ich wollte schneller fahren, aber Hamilton hat vor mir herumgetrödelt. Reifentemperatur war der Schlüssel heute. Ich kam nie richtig in das Fenster, und war ich mal drin, flog ich auch schon wieder raus. Hut ab vor Nico, dass er das so gut hingekriegt hat."

Drei fehlerfreie Runden

Als Hülkenberg einmal in Fahrt war, legte er drei fehlerfreie Runden auf den Asphalt. Kein einziges Mal neben der Piste, kein einziges Mal durch Wasserpfützen, kein einziges Mal Abbremsen, um Platz zum Vordermann zu schaffen. "Das ist unheimlich wichtig, um die Temperatur im Reifen zu halten. Bei mir war dauernd etwas, ich kam nie richtig in meinen Rhythmus", klagte Vettel. Barrichello bestätigt, wie wichtig die Reifentemperatur bei halbfeuchten Bedingungen mit Slicks ist. "Da machen fünf Grad einen Riesenunterschied aus. Bei mir war es klar mehr als das im Vergleich zu Nico."

Ganz zum Schluss packte der Sensationsmann vom Samstag noch einen Trick aus. Er war der einzige, der im letzten Sektor mit Slicks deutlich schneller fuhr als zuvor mit den Intermediates. "Dort war es nasser als auf den anderen Streckenteilen. Besonders die letzte Kurve war schwierig", erzählte Hülkenberg. Aber genau dort wurde der Speed für die elend lange Zielgerade bestimmt. Der Rheinländer kam um Welten schneller aus der Kurve als der Rest. "Ich habe 15 Meter früher gebremst, mich darauf konzentriert, dass ich ja keine nassen Stellen treffe, stand ganz früh auf dem Gas und hatte einen super Zug in die Gerade hinein."

Hülkenberg traut seinen Augen nicht

Dann grinst er über das gesamte Gesicht, als er die letzten Meter der Runde seines Lebens rekapituliert: "Ausgangs der Zielkurve sah ich auf meinem Display, dass ich sieben Zehntel unter der Bestzeit liege. Ich konnte es kaum glauben. Dann habe ich auf der ganzen Geraden bis zum Zielstrich nur noch auf diese Anzeige gestarrt. Aus minus 7 wurde minus 8, minus 9, dann minus eine Sekunde, und ich denke: Das gibt es doch gar nicht."

Auch wenn Patrick Head nicht ganz mit der Wahrheit herausrücken will, es ist ein Fakt, dass der Williams FW32 ein Auto ist, das den Reifen hart hernimmt und ihn dementsprechend schnell auf Temperatur bringt. "Erinnere dich an Suzuka, die erste K.O.-Runde. Die Strecke war nach dem vielen Regen noch grün, und wir waren sofort schnell. Uns fehlten nur zwei Zehntel auf die Red Bull", blickt Hülkenberg zurück. Was im Training ein Vorteil ist, kann im Rennen ein Nachteil sein. "Da haben wir manchmal Probleme mit dem Verschleiß", runzelt der Blondschopf die Stirn.

Hülkenberg hofft auf guten Start

Möglicherweise geht in den ersten Runden die Hülkenberg-Show weiter, obwohl die Williams im Schnitt mehr schlechte als gute Starts fabrizieren. Der Deutsche hat vorgesorgt: "Ich bin von der Getriebeübersetzung her einen anderen Weg als Rubens gegangen. Das gibt mir Vorteile beim Start und in der Traktion, dafür kleine Nachteile in der Rundenzeit. Ich werde den Start gewinnen und versuchen solange wie möglich dort vorne zu bleiben.

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