Carlos Sainz im Interview

„Alle Piloten liegen in 3 Zehnteln“

Carlos Sainz - Renault - F1 - 2018 Foto: sutton-images.com 42 Bilder

Carlos Sainz Jr. will in die Fußstapfen seines berühmten Vaters treten. Im Interview spricht der Spanier über seinen Weg in die Formel 1, sein Verhältnis zu Renault-Teamkollege Nico Hülkenberg und den drohenden Abschied von Fernando Alonso.

Wann haben Sie gemerkt, dass Sie der Sohn eines berühmten Rennfahrers sind?

Sainz: Das war 2004, als mein Vater Rallye-Weltmeister wurde. Es gab eine große Parade in Madrid. Der Verkehr in der Innenstadt brach komplett zusammen. Da habe ich erst realisiert, welche Bedeutung mein Vater in Spanien hat.

Und dann wollten Sie auch Rennfahrer werden?

Sainz: Nein, das war 2005, als ich das erste Mal beim Formel-1-Rennen in Barcelona war und Fernando Alonso getroffen habe. Ich war damals 10 Jahre alt, und wir haben uns im Motorhome gesehen. Das war wirklich ein bewegender Moment für mich. Ich habe mir gesagt: So wie Alonso möchte ich auch sein.

Wie beeinflusst Ihr Vater Ihre Karriere heute?

Sainz: Er ist kein Lehrer, der mir Ratschläge gibt. Es ist eher wie ein Freund, der mit mir zu den Rennen fährt und die Formel 1 liebt. Wir reisen zusammen und genießen die Zeit – also eine ganz normale Vater-Sohn-Beziehung.

Wie ist das Verhältnis zu Fernando Alonso heute?

Carlos Sainz & Fernando Alonso - F1 - 2018 Foto: sutton-images.com
Ist Carlos Sainz bald der einzige Spanier in der Formel 1?

Sainz: Schon bevor ich in die Formel 1 gekommen bin, hat er mich sehr stark unterstützt. Er hat zum Beispiel in Gesprächen mit der Presse Werbung für mich gemacht und gesagt: Habt ein Auge auf diesen Jungen namens Carlos Sainz! Er ist sehr talentiert und schnell. Dafür werde ich ihm ewig dankbar sein. Natürlich ist die Beziehung mittlerweile etwas distanzierter. Wir sind schließlich Gegner auf der Strecke. Aber wir haben außerhalb des Cockpits immer noch ein gutes Verhältnis. Ich würde ihn als einzigen echten Freund unter den Fahrern bezeichnen.

Was würde es für Spanien bedeuten, sollte er seine Formel-1-Karriere wirklich beenden?

Sainz: Das wäre schon komisch. Das wäre wohl ein bisschen wie mit Schumacher in Deutschland. Es gibt ja nur einen Fernando. Er war ein Pionier für Spanien. Es wird schwer, ihn zu ersetzen. Ich würde gerne so lange wie möglich gegen ihn fahren. Ich lerne mit jedem gemeinsamen Rennen dazu. Selbst wenn wir uns nur um Platz sieben duellieren, fühlt es sich an, als gehe es um den Sieg. Weil ich weiß, dass ich gegen den Besten kämpfe.

Wie zufrieden sind Sie mit Ihren Leistungen in dieser Saison?

Sainz: Ja, seit dem Wechsel zu Renault letztes Jahr in Austin habe ich riesige Fortschritte gemacht. Ich verstehe das Auto nun deutlich besser. Es ist nicht so leicht, das Team während der Saison zu wechseln. Das braucht Zeit.

Ist die schleppende Weiterentwicklung des Autos eine Enttäuschung?

Sainz: Wir sind natürlich nicht ganz happy, wie es läuft. Zu Beginn konnten wir noch gute Ergebnisse einfahren, aber dann fehlte der Fortschritt. Im Mittelfeld ist es ganz eng. Und Haas und Sauber sind je nach Strecke momentan einen Tick schneller als wir.

Wie weit sind Sie noch vom Traum des WM-Titels entfernt?

Sainz: Formel-1-Champion zu werden, ist die schwierigste Aufgabe in der ganzen Motorsport-Welt. Das schafft jedes Jahr nur ein Fahrer. Man muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Alle F1-Piloten liegen von der Pace innerhalb von drei Zehnteln. Ohne das richtige Auto wird man also nie Weltmeister. Der Weg an die Spitze ist für Renault noch sehr weit. Da müssen große Fortschritte her.

Sie haben einen Vertrag bei Red Bull und einen bei Renault. Wo schlägt Ihr Herz?

Sainz: Momentan bin ich nur Renault-Fahrer. Wenn mich Red Bull bittet zurückzukommen, dann würde sich das natürlich ändern. Ich verdanke Red Bull sehr viel. Der gegenseitige Respekt ist groß. Ich habe ein sehr gutes Verhältnis zu Helmut Marko. Ihm habe ich zu verdanken, dass ich in der Formel 1 bin.

Helmut Marko setzt seine Fahrer aber auch immer extrem unter Druck.

Sainz: Das stimmt. Aber er hat auch das Recht dazu. Red Bull hat in meine Junior-Karriere viel Geld investiert, damit ich es bis hierher in die Formel 1 schaffe. Deshalb können sie jetzt auch viel von mir verlangen. Das habe ich immer akzeptiert. Und durch seine Ratschläge habe ich auch viel gelernt.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Nico Hülkenberg? Es wirkt von außen etwas distanziert.

Sainz: Das stimmt nicht. Bei PR-Events haben wir immer jede Menge Spaß. An der Strecke ist die Situation natürlich etwas angespannter. Er ist einer der Jungs, die ich hier im Fahrerlager am meisten schätze. Und auch auf der Rennstrecke ist der Respekt groß. Wir wissen, wie wir uns im Zweikampf gegeneinander verhalten müssen.

Carlos Sainz & Nico Hülkenberg - F1 - 2018 Foto: xpb
Der Respekt für Teamkollege Nico Hülkenberg ist groß.

Wo liegen seine Stärken?

Sainz: Nico ist in allen Bereichen stark. Wenn man ihn in einen Mercedes stecken würde, dann wären viele wohl überrascht darüber, was er imstande wäre zu leisten. Das würde ich über mich natürlich auch sagen. Aber dieser Junge ist wirklich sauschnell – unter allen Bedingungen, auf jeder Strecke. Er ist eine gute Messlatte. Er setzt mich extrem unter Druck. Ich kann viel von ihm lernen. Einem jungen Fahrer wie mir hilft das extrem. Wir passen gut zusammen und bilden ein starkes Duo. Wenn er mich im Qualifying schlägt, bin ich der Erste, der gratuliert. Und andersherum sagt er genauso: „Fuck, da hast du aber eine gute Runde rausgehauen!“ Es ist eine große Herausforderung, aber es macht auch viel Spaß.

Was macht Carlos Sainz, wenn er keine Rennen fährt?

Sainz: Ich liebe Sport. Ich spiele gerne Tennis oder Golf mit meinem Vater. Er ist immer noch sehr fit und pusht mich richtig. Das Fitness-Studio mag ich nicht so, aber das muss leider manchmal sein.

Sie wohnen in Spanien und nicht in Monaco. Warum?

Sainz: Ich verbringe lieber Zeit mit meiner Familie und Freunden. Das kostet mich vielleicht etwas Geld, aber für mich sind gewisse Sachen im Leben einfach wichtiger. Vielleicht sind wir Südländer da auch etwas anders gepolt. Ich brauche eine gute Balance zwischen Rennen und Privatleben.

Können Sie noch in ein Restaurant gehen, ohne erkannt zu werden?

Sainz: In Madrid ist das leider nicht mehr möglich. Das fühlt sich für mich immer noch seltsam an. Wenn ich zum Beispiel mit Freunden in einer Bar bin, sagen die Leute sofort: „Schau mal, er ist Formel-1-Fahrer und trinkt ein Bier.“

Was für ein Auto fahren Sie denn privat?

Sainz: Einen Renault Mégane R.S. Leider sind in Spanien nur 120 km/h erlaubt. Ich habe in Deutschland auf der Autobahn aber auch schon mal etwas mehr Gas gegeben. Da fühlt man sich richtig frei. Wir wurden übrigens vor vier Jahren bei einer Formel-1-Pressekonferenz mal nach unseren Autos gefragt. Die anderen Piloten haben Marken wie Ferrari oder Porsche genannt. Ich bin damals noch einen VW Golf gefahren. Da haben alle gelacht. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch nicht so viel Geld. Aber ich brauche auch kein teures oder großes Auto. Ich komme in der Innenstadt in jede Parklücke und muss keine große Angst vor Kratzern haben.

Anmerkung der Redaktion: Das Interview mit Carlos Sainz haben wir vor der Bekanntgabe des Wechsels von Daniel Ricciardo zu Renault geführt.

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