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Christian Horner im Interview

„Formel 1 muss purer Rennsport sein“

Christian Horner - Red Bull - F1 2017 Foto: Red Bull 61 Bilder

Red Bull-Teamchef Christian Horner zieht seine Halbzeitbilanz. Er erklärt, warum Red Bull mit Rückstand in die Saison gestartet ist und verrät, was sich Red Bull von der Formel 1 der Zukunft erwartet.

08.08.2017 Michael Schmidt 7 Kommentare

Ihr Fazit zu Halbzeit der Saison?

Horner: Wir sind mit Rückstand in die Saison gestartet. Die Rennstrecke hat nicht das gezeigt, was unsere Werkzeuge versprochen haben. Beim zweiten Test in Barcelona fiel uns auf, dass etwas mit der Korrelation zwischen Windkanal, CFD und Strecke nicht stimmen konnte. Es dauerte bis Melbourne, bis wir den Fehler gefunden hatten. Erst dann konnten wir mit den Aufräumarbeiten und der Entwicklungsarbeit am Auto beginnen. Beim GP Spanien haben wir erste Fortschritte gesehen. Danach sind wir bei jedem Grand Prix besser geworden. Nach 11 Rennen haben wir 6 Podiumsplatzierungen und einen Sieg. Wir sind weiter von unseren Konkurrenten weg, als wir das wollten. Wenigstens können wir jetzt sagen, dass unser Chassis gut funktioniert. Nun hoffen wir auf eine bessere zweite Saisonhälfte.

Wie weit hat Sie das zurückgeworfen?

Horner: Ich würde sagen zwei Monate. Danach musst du doppelt so schnell arbeiten wie die anderen. Die stehen ja nicht still.

Warum haben die Werkzeuge plötzlich nicht mehr funktioniert?

Horner: Es war hauptsächlich der Windkanal, der uns im Stich gelassen. Das größere Modell und die größeren Reifen gaben uns in unserem Windkanal in einigen Bereichen nicht verlässliche Resultate. Strecke, CFD und Windkanal produzierten unterschiedliche Ergebnisse.

Waren Sie sich immer sicher, dass Sie mit dem RB13-Konzept richtig lagen?

Horner: Das Konzept, der Radstand, die grundlegende Aerodynamik sind ja gleich geblieben. Wir haben nur die Entwicklungsrichtung geändert.

Wie viel hat sich der Renault-Motor im Laufe des Jahres verbessert?

Horner: Ich würde sagen um 2 Zehntel. Renault liegt nach eigener Einschätzung hinter ihren eigenen Zielvorgaben, aber sie arbeiten sehr hart, den Rückstand aufzuholen.

Red Bull hat vor Saisonbeginn auf die Problematik hingewiesen, dass Öl mit Benzin verbrannt wird. Sind Sie mit der jetzigen Regelung zufrieden?

Horner: Es hat für die, die es gemacht haben, Vorteile gebracht. Renault zählte nicht dazu. Jetzt sind wir alle wieder auf dem gleichen Stand.

Wie sehr hat Ihnen das Verbot der vernetzten Fahrwerke geschadet?

Horner: Wir haben das System vor der Saison getestet. Es hat uns aber nicht genügend Vorteile gebracht um das Zusatzgewicht zu rechtfertigen. Ich glaube, es hat uns unter dem Strich nicht viel geschadet. Wir haben mehr Rundenzeit im Bereich der Aerodynamik als der Mechanik gefunden.

Ein Blick in die Zukunft: Die Formel 1-Motoren der Zukunft werden nicht radikal anders sein als jetzt. Hat sich Red Bull da mehr erhofft?

Horner: Ich hoffe für die Formel 1, dass wir uns da nicht auf einen schlechten Kompromiss einlassen. Das würde keinem helfen. Die Hersteller verabschieden sich alle in die Formel E. Das ist ihr Spielfeld für künftige Technologien. Die Formel 1 steht am Scheideweg. Der neue Motor kommt 2021 und wird uns die nächsten acht bis zehn Jahre begleiten. Was werden die Leute 2030 auf der Straße fahren? Wenn man der Politik glauben darf, werden es Elektroautos sein. Die Formel 1 sollte deshalb das Gegenstück sein. Purer Rennsport, Mann und Maschine, ein Wettbewerb der besten Fahrer der Welt mit Verbrennungsmotoren. Ich glaube, die Technologie wird bei uns in Zukunft eine geringere Rolle spielen. Brauchen wir wirklich noch 1.000 Leute, um zwei Autos im Kreis fahren lassen? Ich hoffe, dass die Regeln nach 2021 den Fahrer in den Vordergrund stellen. Das Team soll schon auch noch den Unterschied ausmachen, aber nicht mehr in dem Maß wie heute. Es darf auf jeden Fall keine Motorenformel mehr sein.

Was erzählen Sie den neuen Besitzern der Formel 1?

Christian Horner & Chase Carey - Formel 1 - 2017 Foto: sutton-images.com
Christian Horner hofft, dass sich die Formel 1 zu einem Gegenmodell der Formel E entwickelt.

Horner: Ich habe den Liberty-Leuten gesagt, dass eine großartige Show davon abhängen wird, dass wir Rad-an-Radkämpfe brauchen, die Fahrer wieder zu Helden machen und alle Medien-Plattformen nutzen müssen, die wir haben. Eine Hightech-Formel kann das nicht bieten. Ross Brawn steht vor einem Konflikt. Er braucht jetzt den Mut, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Ich persönlich würde zu einem hoch drehenden Saugmotor zurückkehren, entweder V10 oder sogar V12. Wir haben für unser Aston Martin-Supercar viel Marktforschung betrieben. Sie hat uns gezeigt, was die Leute wollen. Die überwiegende Mehrheit der künftigen Käufer will einen hochdrehenden Sauger und nicht einen Hybrid-Antrieb. Ich habe in Silverstone meine eigene Umfrage bei einem der Fanforen gemacht. Ich spiele sie Ihnen mal auf meinem Smart Phone vor. Erste Frage: Wollen wir weiter mit Hybrid fahren wie jetzt? Verhaltener Jubel. Wollen wir zurück zum V10? Riesen Applaus.

Ihre Schlussfolgerung?

Horner: Die Hersteller sollen sich mit neuen Technologien in der Formel E austoben. Die Formel 1 muss zu ihren Wurzeln zurück.

Aber ist das realistisch?

Horner: Ich zweifle, dass wir wieder einen Saugmotor bekommen. Wir werden uns mit einem V6-Biturbo begnügen müssen. Die Akustik ist ein Schlüssel. Von allen Kritikpunkten an den aktuellen Motoren, war der Sound für die Fans der wichtigste.

Wäre es für die Formel 1 besser, wenn die Hersteller verschwinden und Privatteams ihre Rolle übernehmen?

Horner: Die großen Hersteller gehen ja jetzt schon in die Formel E. Porsche, Mercedes, Renault, Audi, Jaguar. Das sind schon mehr als die Formel 1 je hatte. Die Kosten der Formel E betragen im Moment auch nur 5 Prozent eines Formel 1-Einsatzes. Ich kann mir vorstellen, dass die Großserienhersteller in die Formel E abwandern und die Sportwagenhersteller sich in der Formel 1 tummeln. Wie Ferrari, Aston Martin oder Lamborghini. Deren Umfeld ist die Formel 1. Die neuen Besitzer wollen den Teams einen Wert über ein besseres Produkt geben. Im Moment macht die Formel 1 aus wirtschaftlicher Sicht für keinen einen Sinn. Die Kosten, ein Team wettbewerbsfähig an den Start zu bringen können von Sponsoren, den TV-Einnahmen und den Antrittsgeldern von den Rennen nicht mehr getragen werden. Deshalb müssen wir dieses Modell modifizieren. Um die Formel 1 für Teams attraktiv zu machen, müssen wir die Kosten runterbringen, die Einnahmen erhöhen und ein größeres Publikum ansprechen.

Wäre Red Bull als großes Team bereit, Kosten zu reduzieren. Wie schnell schnell könnten Sie überhaupt abrüsten?

Horner: Das muss ein Prozess über mehrere Jahre sein. Von heute auf morgen ist das unmöglich. Wir müssen so bald wie möglich wissen, wie die Formel 1 im Jahr 2021 aussehen sollen. Und dann müssen wir uns in Schritten darauf hin arbeiten. Wir können nicht über Nacht die Hälfte unserer Angestellten ausstellen.

Glauben Sie plötzlich an eine Budgetdeckelung?

Horner: Sie kann nur mit vernünftigen Regeln funktionieren. Sonst stellen die Teams clevere Buchhalter an, die ihre Zeit damit verbringen, die Regeln zu umschiffen. Zuerst brauchen wir Regeln, dann eine Kostenkontrolle, die nicht mehr so kompliziert zu überprüfen ist. Wenn wir heute einen Kostendeckel einführen würden, dann wäre die Einhaltung sehr in Frage gestellt.

Sehen Sie schon Änderungen zum Positiven, seit die neuen Besitzer an der Macht sind?

Horner: Vieles ist einfacher und lockerer geworden. Wir können uns besser auf den sozialen Netzwerken darstellen. Die Events werden besser vermarktet. Zum ersten Mal haben wir erlebt, dass die Besitzer in die Werbung für den Sport investieren. Ich denke da an die London-Show. Da haben wir die Formel 1 den Leuten nähergebracht. Für Red Bull ist die Formel 1 eine Marketing-Plattform, um unser Produkt in Ländern zu verkaufen, in denen wir vielleicht noch Nachholbedarf haben. Für uns hat sich unser eigener Showcar-Einsatz in jeder Beziehung gelohnt. Es ist wichtig, dass die Formel 1 für Red Bull das bestmögliche Schaufenster für den Verkauf unserer Dose bleibt.

Die Autos werden nächstes Jahr mit dem Halo entstellt. Haben Sie Sorge, dass eine schlechte Optik der Formel 1 Fans kostet?

Red Bull - Halo-Test - Formel 1 - 2016 Foto: sutton-images.com
Christian Horner ist kein Freund vom Halo.

Horner: Mercedes kam als erstes Team mit einem Konzept für einen Cockpitschutz auf den Markt. Das hat die FIA in eine schwierige Lage gebracht. Wenn jetzt ein Unfall passiert, und wir den Halo nicht am Auto haben, und der Halo möglicherweise ein Leben gerettet hätte, dann wird es juristisch schwer sein zu argumentieren, warum die Technik nicht am Auto war, obwohl sie existierte. Deshalb haben wir den Aeroscreen entwickelt, um das Thema ästhetischer als diesen Flipflop zu lösen. Die nächste Stufe war der Shield, dem man aber nicht genug Entwicklungszeit gab. Die FIA steht jetzt in der Ecke. Sie hat nur noch den Halo und keine andere Option. Als Purist und ehemaliger Rennfahrer will ich, dass ein Monoposto ein offenes Cockpit hat. In dem Augenblick, in dem du dich als Rennfahrer in das Auto setzt, akzeptierst du das Risiko. Meine Sorge ist, dass jetzt konsequenterweise alle Rennformeln bis runter zum Go-Kart mit diesem Ding ausgerüstet werden müssten. Wo hört das auf? Ich glaube, an einem bestimmten Punkt muss man bestimmte Risiken akzeptieren. Die MotoGP fährt auch nicht mit Dach und Stützrädern, obwohl es sicherer wäre. Irgendwann müssen wir den Fahrer ganz rausnehmen und autonom fahren. Wir müssen uns entscheiden: Welches Risiko ist akzeptabel.

Wie sehen Sie Sebastian Vettels WM-Chancen?

Horner: Sebastian ist extrem fokussiert. Je mehr Druck, desto besser war er. Er hat 2010 und 2012 immer in der zweiten Saisonhälfte zugeschlagen. Du konntest dich darauf verlassen: Wenn er am Ende des Jahres gespürt hat, dass er Champion werden kann, hat er noch einmal zugelegt und alles von seiner Seite aus geben. Seine Arbeitsethik, sein kühler Kopf und sein Blick für Details haben das möglich gemacht.

Wo sehen Sie Max Verstappen?

Horner: Der Red Bull RB13 hat ihm sicher mehr Pech gebracht als Daniel. Er entwickelt sich als Fahrer immer noch rasant weiter. Das Pech, das er vor Silverstone hatte, wird ihn stärker machen. In jedem dieser Rennen lag er in einer aussichtsreichen Position. Er hat diesen Frust gut verarbeitet, und das hat seine Schultern nur noch breiter werden lassen. Er ist mit 19 Jahren immer noch sehr jung. Wir dürfen nicht vergessen, dass er erst vor vier Jahren dem Kart entwachsen ist. Ich kann Ihnen versprechen, dass er in der zweiten Saisonhälfte große Leistungen abliefern wird.

Was können wir von Red Bull in der zweiten Saisonhälfte noch erwarten?

Horner: Wir werden Mercedes und Ferrari nicht mehr einholen. Der Punkteabstand ist zu groß. Aber ich will nach der Sommerpause mehr Punkte sammeln als Ferrari. Wir wollen uns in die Lage bringen, aus eigener Kraft auf das Podium zu fahren, vielleicht hier und da zu gewinnen.

Neuester Kommentar

Wenn die Formel1 nicht mehr das Nonplusultra komplexer Hochtechnologie darstellt, kann man sich auch Go-Kart Rennen anschauen. Im Gegenteil: Ich möchte, dass die derzeitigen geilen hoch komplexen Antriebseinheit auch ausgereizt werden (Aufhebung der Benzindurchflussbegrenzung, Keine Begrenzung der Gesamtbenzinmenge, Nachtanken erlauben, Batteriespeichergröße freigeben, el. Leistung nicht einschränken, Anzahl der Antriebseinheit nicht mehr begrenzen). Beim Thema Aerodynamik würde ich die Anbauteile auf der Oberseite stark vereinfachen und dafür beim Unterboden mehr Freiheiten einräumen. Das Mindestgewicht sollte auch wieder abgesenkt werden. Die Formel1 muss technologisch das Nonplusultra im Motorsport darstellen. Eine Ankopplung von neuen Entwicklungen hielte ich nicht für klug und würde die Rennserie langfristig in einen Status von Truck- Rennen führen.

ExigeE265 13. August 2017, 07:21 Uhr
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