Christian Horner - Red Bull - Formel 1 - 2021 Red Bull
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Red-Bull-Teamchef Christian Horner im Interview

Red-Bull-Teamchef Christian Horner im Interview „Wollen nicht mehr Kunde sein“

Red Bull-Teamchef Christian Horner erzählt in unserem Gespräch, worauf es im WM-Duell mit Mercedes ankommt, was Red Bull besser macht als in den Jahren zuvor und über die Pläne, in Zukunft die Motoren selbst zu bauen.

Ist Red Bull jetzt der Favorit auf den Titel?

Horner: Das ändert sich von Rennen zu Rennen. Es ist immer noch sehr eng zwischen uns und Mercedes. Im Schnitt eine Zehntelsekunde. Das zwingt uns, in jedem Rennen das Beste aus dem Auto, dem Team und den Umständen zu holen.

Wo ist Red Bull besser als Mercedes und umgekehrt?

Horner: Sie gehen schonender mit den Reifen um. Das hat sich in Bahrain am Ende der Stints, in Imola auf den Intermediates und ganz besonders in Barcelona gezeigt. Wir bringen die Reifen schneller und zuverlässiger in ihr Arbeitsfenster. In Summe sind wir praktisch gleichwertig. Wenn ich daran denke, wo wir vor zwölf Monaten standen, dann hatte Mercedes ihr vielleicht bestes Auto dieser Epoche. Es ist eine große Leistung, dass wir diese Lücke geschlossen haben.

Was hat Red Bull besser gemacht als in den Jahren davor?

Horner: 60 Prozent des Autos sind gleichgeblieben. Die Regeländerung betraf hauptsächlich das Heck. Da war gar nicht so viel Spielraum. Ich glaube, dass wir als Team gut durch diese Pandemie gekommen sind, vielleicht besser als andere. Da war ein großer Zusammenhalt zu spüren. Wir haben von der Größe unseres Firmengeländes profitiert. Die meisten Leute konnten weiter in der Fabrik arbeiten, statt auf Plattformen wie "Teams" und "Zoom" von zuhause aus zu kommunizieren. Der direkte Kontakt hat den Teamgeist aufrechterhalten. Die Dividende sehen wir jetzt.

Christian Horner - Red Bull - Formel 1 - 2021
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Gelingt Christian Horner mit Max Verstappen 2021 endlich der ganz große Coup?

Red Bull hat sein 2020er Auto bis zum Saisonende entwickelt. War das am Ende gar kein Nachteil, sondern ein Vorteil?

Horner: Es hat uns geholfen das Auto besser zu verstehen und deshalb gut auf die Regeländerungen vorbereitet zu sein. Dazu kommt, dass wir zum ersten Mal seit langem ein Auto hatten, das schon am ersten Testtag wettbewerbsfähig war. Und das hat sich auf allen Strecken fortgesetzt. Normalerweise sind wir immer erst nach einem Viertel der Saison aufgewacht. Da war dann der Punkterückstand schon zu groß. Wir sollten Honda nicht vergessen. Die haben einen unglaublichen Job gemacht. Sie haben den 2022er Motor auf 2021 vorgezogen, weil sie im letzten Jahr noch einmal alles zeigen wollten. Das war ein unglaublicher Kraftakt.

War es von Vorteil, dass Red Bull einen 2021er Unterboden schon 2020 auf der Strecke getestet hat?

Horner: Wir haben ihn sogar zwei Mal getestet. In Portimao und Abu Dhabi. Da waren wir aber nicht die einzigen. Für uns war es wichtig, den Effekt dieses Bodens durch einen realen Test besser zu verstehen.

Hat die Regeländerung nun stark angestellten Autos wie dem Red Bull geholfen oder nicht?

Horner: Ich glaube, das ist für die Teams, die das behaupten, eine bequeme Ausrede. Keiner hat einen echten Beweis dafür. Wir haben unser Auto gut an diese Regeln angepasst. Aber Mercedes hat immer noch ein Auto, das Rennen gewinnt. Sie haben mehr Pole Positions als wir. Es ist immer noch das Team, das man erst einmal schlagen muss.

Mercedes hat die Debatte mit den biegsamen Heckflügeln angeschoben. Ist das für Sie ein Kompliment oder ein Ärgernis?

Horner: Es ist Teil des Spiels und ein Kompliment. Es ehrt uns, dass sie sich so für unsere Heckflügel, unsere Boxenstopps und unsere Abläufe interessieren. Sie sehen uns offenbar als eine Bedrohung. Vielleicht hilft uns das. Wenn du so viel Zeit und Energie darauf verwendest auf andere zu schauen, verlierst du hoffentlich den Fokus auf deine eigenen Probleme.

Christian Horner - Red Bull - Formel 1 - 2021
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Horner beherrscht das Spiel auf dem politischen Parkett. Im Duell mit Mercedes muss man alles aufbieten.

Hamilton gegen Verstappen: Kämpft hier der König gegen seinen Kronprinzen?

Horner: Als Formel-1-Fan kann ich mir doch nichts Besseres wünschen. Ich will die beiden auf der Rennstrecke auf Augenhöhe gegeneinander fahren sehen und herausfinden, wer wirklich der Beste ist. Das ist wie Federer gegen Djokovic. Max zwingt Lewis alles aus sich herauszuholen. Und umgekehrt. Beide sind noch einmal besser geworden. Sie stehen über allen anderen.

Welche Rolle spielen ihre Teamkollegen im WM-Duell?

Horner: Sie werden bis zum Ende der Meisterschaft eine entscheidende Rolle spielen. Bottas hat für Mercedes in all den Jahren einen großartigen Job gemacht. Er war ein loyaler Diener. In Checo haben wir jetzt einen Fahrer, der das Gleiche tun kann. Er kommt immer besser in Schwung, hat im Rennen einen großartigen Speed und muss nur noch ein bisschen an den Samstagen arbeiten. Wenn er die genauso gut hinkriegt, wird das unsere Chancen vergrößern.

Warum tun sich selbst erfahrene Piloten wie Perez so schwer sich auf ein neues Auto einzustellen?

Horner: Jedes Auto harmoniert anders mit den Reifen. Und diese Autos sind extrem kompliziert. Es braucht Zeit zu verstehen, was man mit dem Auto machen muss, um die Reifen so zu beeinflussen, dass sie richtig arbeiten. Mit Ausnahme von Carlos Sainz hatte jeder der Umsteiger seine Probleme.

Ferrari sieht die Budgetdeckelung als die größte Herausforderung für ein großes Team seit langer Zeit. Sehen Sie das auch so?

Horner: Es ist eine große Herausforderung, speziell für die großen Teams, und da zähle ich McLaren und Alpine mit dazu. Selbst Alpha Tauri kratzt am Kostenlimit, weil sie ja für die Teile, die sie von uns kriegen, einen Abschlag angerechnet bekommen. Wir mussten das ganze Team umstrukturieren. Es ist auch eine Ablenkung, weil es ja jede Abteilung betrifft. Aber unter dem Strich ist es ein gesunder Schritt für diesen Sport. Auch wenn einige Teilbereiche noch keinen Sinn ergeben. Zum Beispiel bei der Frage, was zum Kostendeckel zählt und was nicht. Da wird gestritten, ob ein Fitnessraum dazugehört. Warum sollen wir dafür bestraft werden, wenn er schon immer da war und wir ihn dazu nutzen, unseren Angestellten etwas Gutes zu tun. Ich glaube, es wird zwei Jahre brauchen, bis wir uns über alle Details geeinigt haben und alles geräuschlos läuft.

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Honda hat Red Bull erlaubt, die Motoren in Eigenregie weiter zu entwickeln. Geht der Plan von Christian Horner auf?

Ist es wirklich so eng, dass ein schwerer Unfall oder das unplanmäßige Verstärken der Heckflügel große Teams in Bedrängnis bringen können?

Horner: Die Sache mit dem Heckflügel ist eine Regeländerung. Die halbe Million Dollar dafür waren nicht eingeplant. Die müssen wir uns irgendwo aus dem Entwicklungsbudget oder dem Personal schneiden. Und wenn du einen großen Unfall hast, tut dir das doppelt weh. Das ist auch so eine Frage, die wir noch klären müssen. Müssen alle Crash-Schäden angerechnet werden? Wenn du in einem WM-Kampf steckst und du vier oder fünf große Unfälle hast, wird dich das bei der Entwicklung des Autos kosten. Ist das gut für den Sport? Sollte es da nicht eine besser eine Art Versicherung für Unfälle geben?

Red Bull wird ein Motorhersteller. Warum wollen sie nicht nur das Honda-Erbe verwalten, sondern ab 2025 eigene Motoren bauen?

Horner: Manche Leute sagen, wir sind verrückt. Aber das Projekt macht für uns aus vielen Gründen Sinn. Wir dürfen das technische Wissen von Honda nutzen. Der Entwicklungsstopp für die Motoren war eminent wichtig für uns, um uns in einer Phase der Stabilität in dem Geschäft zu etablieren und eine Infrastruktur aufzubauen, eigene Motoren zu bauen. Wenn der Kostendeckel bei 80 Millionen Dollar liegt, macht es keinen Sinn mehr Motoren zu bauen, die im Stückpreis zwei Millionen kosten. Wenn man dann für überschaubares Geld zwei Teams mit Motoren versorgen kann, dann stellt sich die Frage, ob man in diesem Rahmen nicht besser die Motoren selbst baut. Red Bull kann der erste private Motorenhersteller seit Cosworth werden. So kontrollieren wir unser eigenes Schicksal. Und wir bewegen uns auf Augenhöhe mit Ferrari und Mercedes, die ja schon alles unter einem Dach haben. Diese Synergien bringen Vorteile. Wir waren bis jetzt immer nur Kunde. Mit Honda haben wir zum ersten Mal erlebt, was es bedeutet Werksteam zu sein. Das ist wie wenn du nicht mehr Economy sondern Business Class fliegst. Hast du dich einmal daran gewöhnt, willst du nicht mehr zurück in Economy. Um das zu vermeiden, kaufst du dir lieber ein eigenes Flugzeug.

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