Daniel Ricciardo - Formel 1 - 2021 Motorsport Images
Daniel Ricciardo - McLaren - Test - Formel 1 - Bahrain - 12. März 2021
Daniel Ricciardo und Sebastian Vettel - Formel BMW
Daniel Ricciardo Sebastian Vettel 2013
Daniel Ricciardo 57 Bilder

Ricciardo-Interview: Darum passt der Fahrstil nicht

Daniel Ricciardo im Interview „Muss Stärken des Autos nutzen“

Daniel Ricciardos Einstand bei McLaren verläuft überraschend zäh. Wir haben uns mit dem Australier darüber unterhalten, was so schwierig daran ist, den gewohnten Fahrstil auf sein neues Auto anzupassen.

Fühlen Sie sich in Ihren McLaren schon zuhause?

Ricciardo: Ich bin auf dem Weg dorthin. Hin und wieder habe ich saubere Runden, aber selbst dann habe ich im Rückblick das Gefühl, dass es da noch Kurven gibt, in denen ich besser hätte fahren können. Deshalb kann ich noch nicht sagen, dass ich das Problem gelöst habe. Es fehlt noch ein bisschen das absolute Vertrauen. Ich kann auf jeden Fall sagen, dass ich seit dem GP Frankreich nicht mehr den alten Renault im Kopf habe, wenn ich den McLaren fahre.

Fanden Sie den Wechsel von Red Bull zu Renault auch so schwierig?

Ricciardo: Da hatte ich von Anfang an das Gefühl, dass ich meinen alten Fahrstil beibehalten kann und mich nur an die Tatsache gewöhnen muss, dass der Renault ein bisschen weniger Grip hat als der Red Bull. Im Vergleich zwischen dem Renault und dem McLaren sind die Unterschiede vom Auto her größer. Der McLaren hat seine Stärken und Schwächen, aber irgendwie scheint mein natürlicher Fahrstil damit nicht zu harmonieren. Entweder wie ich auf der Bremse in die Kurven einlenke, oder wie ich aufs Gas steige. Das Auto reagiert nicht so darauf, wie ich das gewohnt bin. Deshalb ist mein Wechsel zu McLaren schon ein bisschen herausfordernder als der zu Renault. In einem ersten Schritt habe ich versucht zu verstehen, warum mein Fahrstil nicht in allen Kurven funktioniert. Im zweiten habe ich versucht, mir neue Techniken anzueignen. Dieser Prozess wird dadurch erschwert, dass es Kurven gibt, da kann ich wie immer meinen Instinkten folgen, und andere, da muss ich vorher darüber nachdenken, wie ich fahren muss um die Stärken des McLaren voll auszuschöpfen.

Daniel Ricciardo - McLaren - GP Österreich 2021 - Speilberg - Rennen
Wilhelm
Noch steht Ricciardo mit seinem neuen Dienstwagen und den aktuellen Pirelli-Reifen auf Kriegsfuß.

Wie muss man das verstehen?

Ricciardo: Der Renault war zum Beispiel stark in langsamen Passagen. Der McLaren dagegen ist unglaublich gut in schnellen Kurven. Ich muss noch lernen die Stärken meines Autos voll zu nutzen und es dort, wo es nicht so gut ist, nicht zu überfahren. Das ist ein Anpassungsprozess. Wahrscheinlich der schwierigste der letzten Jahre. Das braucht Zeit. Mehr als ich mir wünsche. Es gibt immer noch Momente, in denen ich mich frage: Warum mag das Auto das nicht? Und dann musst du dich zwingen so zu fahren, wie es das Auto gerne hätte.

Welcher Teil der Aufgabe dauert länger? Das Verstehen oder das Anpassen?

Ricciardo: Beide sind gleich schwierig. Es gibt Momente, da komme ich aus einer Kurve und denke mir: Sehr gut! Eine Runde später fahre ich die gleiche Kurve und denke mir: Gar nicht gut! Da steckt Verständnis und Anpassung drin.

Sträubt man sich als Rennfahrer zunächst dagegen den Fahrstil zu ändern? Welche Ihrer Stärken mussten Sie aufgeben um den Anforderungen des Autos zu entsprechen?

Ricciardo: Das Geheimnis ist die Balance zwischen beidem. Ich hatte in den letzten zehn Jahren Erfolg in diesem Sport und will nicht plötzlich alles aufgeben, was mich dorthin gebracht hat. Deshalb würde ich gerne meine Instinkte weiternutzen. Auf der anderen Seite wäre es dickköpfig zu sagen: So wie ich es mache, ist es richtig. Ich muss lernen die Fakten anzuerkennen. Wenn ich mir Lando anschaue, dann sehe ich ja, dass das Auto mit einer anderen Fahrtechnik sehr gut funktioniert. Deshalb bleibe ich unvoreingenommen und versuche mich anzupassen. Gleichzeitig arbeite ich mit den Ingenieuren daran, das Auto so einzustellen, dass wir auch ein paar meiner Stärken nutzen können.

Ist das mit Blickrichtung 2022 entscheidend?

Ricciardo: Ich bereite mich darauf vor, dass die Situation im nächsten Jahr nicht anders sein wird. Deshalb versuche ich ein besseres Verständnis davon zu bekommen, was das aktuelle Auto von mir verlangt und wie ich es umsetzen kann. Für den Fall, dass es auch nächstes Jahr so sein wird.

Daniel Ricciardo - McLaren - GP Frankreich - Le Castellet - Paul Ricard Circuit - 18. Juni 2021
Motorsport Images
Bei der Suche nach der Lösung wird Ricciardo von akribisch arbeitenden McLaren-Ingenieuren unterstützt.

Können Sie Ihren Fahrstil beschreiben? Was sind Ihre Stärken?

Ricciardo: Da müsste ich Ihnen jetzt Daten zeigen und erklären, wo die Feinheiten liegen. Das Team wäre wahrscheinlich nicht so glücklich, wenn ich zu viele Details verrate. Grob gesagt habe ich einen sehr hohen Minimalspeed in einer Kurve, wenn ich so fahren kann wie ich will. Dazu muss ich das Auto in die Kurve werfen und ihm trauen können, dass es auf der Straße kleben bleibt. Hört sich simpel an, ist es aber nicht.

Das hört sich an wie die Probleme, die Sebastian Vettel am Ende bei Ferrari oder anfangs bei Aston Martin hatte oder jetzt auch Sergio Perez bei Red Bull. Einlenken auf der Bremse scheint mit den modernen Autos nicht mehr so zu funktionieren. Sind die Reifen schuld oder die spitze Aerodynamik?

Ricciardo: Ich würde sagen, mehr die Reifen. Pirelli hat die Konstruktion der Vorderreifen und noch ein paar andere Dinge geändert, und sofort fühlte sich alles ganz anders an. Zuerst dachte ich, das hat mit der unterschiedlichen Aerodynamik der Autos zu tun. Aber Lando sagt ja selbst, dass der McLaren dieses Jahr schwerer zu fahren ist als letztes Jahr. Das komische bei den Reifen ist: In einigen Runden funktioniert es ganz gut, du hast maximalen Grip und fährst gute Rundenzeiten und weißt manchmal gar nicht warum. Dann plötzlich funktioniert es gar nicht, obwohl du nichts anderes gemacht hast. Das kann ganz schön frustrierend sein.

Was ist bei McLaren anders als bei Red Bull und Renault?

Ricciardo: Bei McLaren hat mich von der ersten Minute an beeindruckt, mit welcher Sorgfalt dort gearbeitet wird. Es gibt mehr Gespräche, mehr Briefings. Sie haken wirklich alles ab, was abzuhaken ist. Das soll nicht heißen, dass die anderen Teams das nicht auch tun, aber bei McLaren ist das alles noch eine Stufe höher. Vielleicht weil sie so gute Fortschritte in den letzten Jahren gemacht haben und sie diesen positiven Trend jetzt nicht mehr gefährden wollen. Ich bekomme auf jede Frage eine Antwort. Meistens sofort, aber auf jeden Fall ein paar Tage später. Jedem Problem wird bis ins letzte Detail nachgegangen.

Daniel Ricciardo & Lando Norris - Formel 1 - 2021
xpb
Lando Norris zeigt, was mit dem McLaren möglich ist. Ricciardo sucht noch nach dem Geheimnis.

Sind die Prozesse so unterschiedlich wie die Autos?

Ricciardo: Ich würde sagen, die Autos sind unterschiedlicher als die Teams.

Kann es sein, dass Teamchef Andreas Seidl frischen Wind mitbringt, weil er vorher in einem anderem Bereich des Motorsports gearbeitet hat?

Ricciardo: Ich mag Andreas. Es hat sicher Vorteile, wenn man zwischendrin mal in einem anderen Bereich gearbeitet hat und dann wieder in die Formel 1 zurückkehrt. Langstreckenrennen sind etwas total anderes, aber ich glaube man kann viel daraus lernen. Selbst ich als Fahrer schaue mir Dinge von anderen Sportarten ab, sei es nun Trainingsmethoden oder die mentale Einstellung. Andreas ist schon lange im Motorsport, aber er denkt mit einem frischen Ansatz, fast wie ein 20-Jähriger. Immer auf der Suche: Was können wir besser machen, was anders? Es zählt nicht, was vor fünf Jahren funktioniert hat, sondern was heute funktioniert. So denkt die jüngere Generation. Und das ist erfolgreich.

Ihr Teamkollege Lando Norris ist ein eifriger Sim-Racer. Sie lassen die Finger davon. Kann das ein Nachteil sein?

Ricciardo: Ich habe darüber nachgedacht. Am Anfang habe ich immer gesagt: Ich will zuhause keinen Simulator stehen haben, weil ich an den freien Wochenenden etwas Besseres zu tun habe. Diese virtuellen Rennen haben mich nie begeistert. Aber ich will auch hier nicht engstirnig sein. Vielleicht ist es ja wirklich eine Hilfe. Das müsste man herausfinden. Es könnte sein, dass man etwas dabei lernt, aber sich auch schlechte Gewohnheiten zulegt. Aber Max, Lando und Charles sind da sehr aktiv, und vielleicht bringt es ja doch etwas. Es ist zwar immer noch nicht mein Ding, aber ich werde es nicht ignorieren sondern mal ausprobieren.

Sie haben kürzlich gesagt, dass Sie akzeptieren müssen, nicht mehr fünf Mal Weltmeister zu werden. Ein Titel reicht Ihnen?

Ricciardo: Fünf ist theoretisch noch möglich, aber einer wäre schon ein absoluter Wahnsinn. Der Titel war immer mein Traum. Ich habe aber nie gesagt, dass ich Sennas Rekorde brechen oder die meisten Titel gewinnen will. Mit einem wäre ich happy.

Mehr zum Thema McLaren F1
Mercedes vs. Red Bull - Formel 1 - GP England 2021
Aktuell
Lando Norris - GP England 2021
Aktuell
McLaren MP4-25A - Formel 1 2010 - Auktion - Hamilton - RM Sothebys - 2021
Aktuell
Mehr anzeigen