Start - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen xpb
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen
Vettel - Hamilton - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen
Sergio Perez - Racing Point - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen 58 Bilder

Warum war der Grand Prix Türkei kein Chaosrennen?

Warum war GP Türkei kein Chaosrennen? Hausmannskost trotz Chaostagen

Der GP Türkei versprach mehr als er hielt. Überraschungen gab es nur am Samstag. Im Rennen setzten sich die Hauptdarsteller durch. Nicht ein Fahrer aus dem hinteren Feld profitierte. Es gab gute Gründe, warum es trotz Chaostagen in Istanbul nur Hausmannskost gab.

Die Rückkehr der Formel 1 in die Türkei nach neun Jahren Pause hatte alle Zutaten zu einem Chaosrennen. Ein Streckenbelag, der erst zehn Tage vor dem Grand Prix aufgetragen wurde und schon bei trockenem Wetter wie eine Eisbahn anmutete. Asphalttemperaturen von 15 Grad, die es noch schwieriger machten, die Reifen in ihr Arbeitsfenster zu bringen. Regen, der ab Samstag über den Istanbul Park hinweg zog. Wer da noch Grip spüren wollte, hätte schon Spikes gebraucht. Plötzlich waren alle Gesetzmäßigkeiten außer Kraft gesetzt, die sonst das Kräfteverhältnis bestimmten. Auto, Motor, Fahrer, alles zweitranging. König war, wer die Reifen schnell genug zum Arbeiten brachte.

Am Samstag war es tatsächlich so chaotisch, wie vorher angenommen. Lance Stroll auf der Pole Position bekommt man nicht alle Tage. Dazu der zweite Racing Point auf dem dritten Startplatz. Die zwei Mercedes nur auf den Plätzen 6 und 9. Beide Alfa Romeo-Sauber in den Top Ten, beide McLaren draußen. Renault wunderte sich, warum man so gut mithielt bei Bedingungen, die eigentlich der wunde Punkt des Autos sind. Und Ferrari fragte sich, warum es wieder mal im Regen nicht lief.

Antonio Giovinazzi - Alfa Romeo - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen
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Antonio Giovinbazzi segelte schon vor dem Start in die Streckenbegrenzung.

Alles sprach für Chaos

Als Antonio Giovinazzi und George Russell 45 Minuten vor dem Start auf dem Weg in die Startaufstellung Unfälle bauten, und die Autos selbst bei moderatem Tempo wie unkontrollierbare Projektile um die Strecke irrlichterten, da haben wir schon für alle Fälle eine Liste mit den größten Chaosrennen der Formel 1-Geschichte vorbereitet. Hockenheim 2019 fiel uns da ein mit 78 Boxenstopps, 63 Überholmanövern und vier Safety Cars, Montreal 2011 mit über vier Stunden Dauer, Spa 1998 und Silverstone 1975 mit Massenkollisionen auf überfluteter Strecke, Adelaide 1991 mit dem kürzesten Rennen aller Zeiten oder Mosport 1973, ein Grand Prix bei dem bis heute keiner sicher weiß, wer tatsächlich gewonnen hat.

Zwei Stunden und 58 Runden später waren wir einigermaßen ernüchtert. Gewonnen hatte der Fahrer, der gefühlt immer gewinnt. Auf den ersten zehn Plätzen nicht eine große Überraschung. Keines der drei Teams im Tabellenkeller staubte auch nur einen Punkt ab. Alfa-Sauber, Haas und Williams waren noch nicht einmal nah dran. Es gab nur vier Ausfälle, drei davon freiwillig, weil Weiterfahren sinnlos war. Kein Safety Car, ein paar harmlose Dreher, nur 40 Überholmanöver und 38 Boxenstopps. Kurzum, der GP Türkei war ein überschaubares Rennen. Unterhaltsam zwar, aber auch keines, das für immer und ewig im Gedächtnis haften bleibt.

Stroll nicht plötzlich besser als Hamilton

Was lief am Sonntag so anders als am Samstag, wo das Ergebnis schon eher Erklärungen verlangte? Die Bedingungen waren scheinbar gleich. Der Himmel grau in grau, die Piste nass, die Temperaturen kühl, und der frisch verlegte Asphalt hatte im Verlauf des Wochenendes keinen Deut Grip zugelegt. Man könnte sagen, die gestrauchelten Topteams hätten aus ihren Fehlern in der Qualifikation gelernt und im Rennen alles besser gemacht, doch die Eingriffe von Samstag auf Sonntag sind begrenzt. Am Ende ist jeder in dem Korsett gefangen, das er sich vor der Qualifikation ausgesucht hat. Und von der DNA seines Autos.

Damit war bereits am Samstag klar, dass etwas nicht stimmen konnte. Der Mercedes war ja nicht plötzlich ein anderes Rennauto geworden. Er hatte die gleichen Qualitäten wie sonst auch. Und die funktionieren auch im Regen, wie die Bestzeit von Lewis Hamilton in der Qualifikation zum Grand Prix der Steiermark früher im Jahr gezeigt hat. Racing Point hatte über Nacht auch nicht eine Sekunde auf Mercedes und Red Bull aufgeholt, obwohl es für eine Stunde am Samstag so aussah.

Man kann auch nicht sagen, dass der Regen den pinken Mercedes-Verschnitt aufgewertet hätte. Die Startplätze 12 und 17 auf nasser Fahrbahn am Red Bull-Ring waren die schlechtesten des Teams im ganzen Jahr. Lance Stroll ist ein guter Regenpilot, aber er ist nicht plötzlich 4,8 Sekunden schneller als Lewis Hamilton.

Es kam in der Qualifikation einzig und allein darauf an, die Reifen in einer angemessenen Zeit in ihr Arbeitsfenster zu bringen, vor allem die Hinterreifen. Und man musste für sich entscheiden, welcher Reifentyp zu welchem Zeitpunkt der bessere war. McLaren schoss sich mit Intermediates im Q2 ein klassisches Eigentor. Ferrari hätten Intermediates vielleicht geholfen. Die roten Autos standen auf Kriegsfuß mit den Regenreifen. Red Bull ging es umgekehrt. Wären Max Verstappen und Alexander Albon im Q3 auf Regenreifen geblieben, hätte Red Bull vielleicht die erste Startreihe besetzt. Kurzum: Der Samstag zeigte nicht die wahren Qualitäten der einzelnen Autos.

Carlos Sainz - Daniel Ricciardo - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen
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Im Rennen wurden die Verhältnisse mit jeder Runde besser.

Reguläre Bedingungen im Rennen

Im Rennen waren wieder die Kandidaten schnell, die sonst auch schnell sind. Lewis Hamilton gewann vom 6. Startplatz. Valtteri Bottas machte sich das Rennen durch eine Kollision mit Esteban Ocon in der ersten Runde selbst kaputt. Die Red Bull versemmelten ihre Siegchancen durch zu viele Fehler. So wurden auf dem Podium zwei Plätze für Racing Point und Ferrari frei. Auch das war keine große Überraschung.

Ein Podest für Racing Point war überfällig. Und auch Ferrari hatte es schon zwei Mal in diesem Jahr unter die ersten Drei geschafft. Viel erstaunlicher war die geringe Ausfallquote und dass keines der drei Teams am Ende des Feldes von den Bedingungen profitierte. Dass sich der Samstag am Sonntag nicht wiederholte, hatte gute Gründe.

Am Sonntag herrschten abgesehen von den ersten zehn Runden wieder reguläre Bedingungen. Die Strecke trocknete kontinuierlich ab. Der angekündigte Regen für die Schlussphase blieb aus. Keiner pokerte mit Slicks. Es war einfacher, die Reifen anzuzünden und Fehler zu vermeiden. Damit zählten auch wieder die üblichen Qualitäten. Der Abtrieb vom Auto, eine Abstimmung, die die Reifen schont, die Fahrbarkeit des Motors, der Fahrer, die richtige Strategie.

Gewonnen haben die, die ein gutes Auto haben und ihre Reifen gut lesen konnten. Also die üblichen Verdächtigen. Für Lewis Hamilton und Sergio Perez war es besser, mit ihren alten Intermediates durchzuhalten. Red Bull hätte sich besser auch jeweils einen Boxenstopp erspart. Auch Daniel Ricciardo kostete der zweite Reifenwechsel Punkte. Für Ferrari und McLaren hat sich der zweite Stopp gelohnt, weil man so seinen Fahrern freie Bahn verschaffte. Das war wichtig für das Reifenmanagement. So konnte man die Reifen optimal aufwärmen und durch die Phase des Körnens bringen.

Valtteri Bottas - Mercedes - GP Türkei 2020 - Istanbul - Rennen
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Bis auf wenige Ausnahmen waren die Fahrer im Rennen sehr diszipliniert.

Disziplin nach Unfällen vor Rennen

Auch Geduld war gefragt. Im Cockpit und am Kommandostand. Sie zahlte sich für Hamilton aus und kostete Verstappen das Rennen. Mercedes reagierte nicht, als Hamilton kurzzeitig Boden auf Albon und Vettel verlor. Hamilton ließ sich hinter Vettel zu keiner riskanten Aktion verleiten, obwohl er Angst haben musste, dass die Racing Point an der Spitze zu viel Land gewinnen.

Verstappen riskierte Kopf und Kragen, um an Perez vorbeizukommen. Er bezahlte mit einem Dreher, vier eckigen Reifen und einem extra Boxenstopp. Der Red Bull-Kommandostand ließ sich zu einem weiteren Boxenstopp hinreißen, nur weil Charles Leclerc auf frischen Reifen schnelle Runden drehte. Zu dem Zeitpunkt lagen beide Red Bull-Piloten noch vor Vettel. Wären sie auf der Strecke geblieben, hätte es wenigstens für ein Podium reichen können.

Noch etwas machte aus dem GP Türkei ein ganz normales Rennen. Abgesehen von ein paar harmlosen Drehern ist nicht viel passiert. Die Disziplin im Feld ist wahrscheinlich mit dem gleichen Phänomen zu erklären wie bei einigen der Baku-Rennen. Da sagte man der Formel 1 nach wilden Schlachten in der Formel 2 das große Chaos voraus, und nichts passierte. Die Herren Piloten hatten genug Anschauungsunterricht, wie man garantiert nicht ins Ziel kommt. Also versuchte keiner das Unmögliche. Diesmal war es ähnlich. Die Unfälle von Giovinazzi und Russell auf der Fahrt zum Startplatz haben alle sensibilisiert.

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