Die Kultur der Lüge

Foto: Daniel Reinhard 63 Bilder

Die Formel 1 war noch nie eine Pilgerstätte für Wahrheitssuchende, aber in jüngster Zeit greift die Lust an Un- und Halbwahrheit wieder einmal vehement um sich. Es gilt die Devise: Was man mir nicht schwarz auf weiß nachweisen kann, kann ich leugnen. Ganz oben auf der Liste der Märchenerzähler: die Superstars Michael Schumacher und Kimi Räikkönen.

Spulen wir den Film zwei Wochen zurück: Michael Schumacher hat sich noch nicht entschieden, ob er weitermacht, Kimi Räikkönen hat noch nicht entschieden, ob er bei McLaren-Mercedes bleibt oder geht. Das Problem an diesen anscheinend hinreichend bekannten Tatsachen: Alles gelogen.

Beim Großen Preis der Türkei Ende August verkündete Bernie Ecclestone, dass Michael Schumacher zurücktreten wird. Darauf angesprochen schmunzelte der Betroffene und meinte, der Formel 1-Chef könne wohl kaum etwas wissen, was ihm selbst noch unbekannt sei. Auf Fragen, ob er in seinem dreiwöchigen Urlaub vor dem Rennen in Istanbul eine Entscheidung getroffen habe, antwortete Schumacher stets, er habe das Thema vor sich hergeschoben und bat um Verständnis.

Differenz von zehn Wochen

Der gleiche Schumacher gestand aber nach dem Rennen in Monza, die Entscheidung sei bereits während des Indianapolis-Wochenendes Anfang Juli gefallen. Eben dieser Schumacher sprach in der Pressekonferenz nach dem Monza-GP davon, dass die Fans ein Recht hätten, zu erfahren, was aus ihm wird. Eine Entschuldigung für die zehnwöchige Hinhaltetaktik, die die Nation mehr bewegte als der Ausgang der WM gab es nicht.

Der nächste Fall heißt Räikkönen. Noch im Sommer behauptete der Finne im Bezug auf seine Ferrari-Zukunft, er wisse noch nicht, wo er 2007 fahre. Mercedes-Sportchef Norbert Haug betonte über Monate, er vertraue auf die Aussage seines Nummer 1-Piloten. Doch als Haug noch hoffte, war längst alles entschieden. Schon im Frühjahr 2005 war sich Räikkönen mit Ferrari handelseinig.

Arbeitgeber ein Jahr lang getäuscht

Als Jean Todt vor zwei Wochen verkündete, Räikkönen habe keinen Vorvertrag unterzeichnet, entlastete das den finnischen Neuzugang keineswegs. Todt betonte lediglich, dass es bei ihm keine Vorverträge gebe, sondern nur richtige Verträge. Ob die Tinte erst vergangenen Sonntag in Monza trocknete oder schon ein Jahr zuvor, ist dabei völlig unerheblich. Über ein Jahr führten Räikkönen und sein Management ihren Arbeitgeber und die Formel 1-Fans an der Nase herum.

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