Max Verstappen - Valtteri Bottas - GP 70 Jahre F1 - Silverstone Motorsport Images
Max Verstappen - Red Bull - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
Bottas - Hamilton - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
Sebastian Vettel - Ferrari - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
Lewis Hamilton - Mercedes - GP 70 Jahre F1 - Silverstone 61 Bilder

Drei Faktoren für Mercedes-Niederlage

Mercedes zu schnell für Reifen

Mercedes wird auch in diesem Jahr nicht alle Rennen gewinnen. Der Gegner aber sind nicht die anderen Autos, sondern besondere Umstände. Weiche Reifen, hohe Luftdrücke, heißes Wetter. Bei diesem Cocktail ist das schnellste Auto im Feld zu schnell für die Reifen.

Dieser Rekord wird auch in diesem Jahr nicht aufgestellt, obwohl es vier Rennen lang danach ausgesehen hat. Selten in 70 Jahren Formel 1 war ein Auto so überlegen wie der Mercedes W11. Den Gegnern fehlt im Training eine Sekunde, im Rennen eine halbe. Und trotzdem hat Mercedes jetzt ein Rennen verloren. Und es könnten noch mehr werden. Wenn die Umstände wieder so sind wie an dem zweiten GP-Wochenende in Silverstone. Weiche Reifen, hohe Luftdrücke, heißes Wetter, der höchste Abtrieb, die meiste Power: Unter diesen Vorzeichen war der Red Bull RB16 im Rennen das schnellere Auto. Und Max Verstappen hat die Schwäche des Favoriten eiskalt ausgenutzt.

Es ist viel analysiert worden, warum Mercedes den fünften WM-Lauf verloren hat. Hätten sich Lewis Hamilton und Valtteri Bottas vielleicht wie Verstappen auf den harten Reifen für den Rennstart qualifizieren sollen? War es klug, mit Hamilton ein Einstopp-Rennen zu probieren? Hat man Bottas zu früh an die Box geholt? Waren die Autos für 44 Grad Asphalttemperaturen und die weicheren Pirelli-Mischungen zu aggressiv abgestimmt? Teamchef Toto Wolff brachte sämtliche Hypothesen auf einen einfachen Nenner: "Red Bull hatte heute das schnellere Auto." Die Ingenieure lieferten eine mögliche Erklärung: "Vielleicht haben wir nach den Problemen in der letzten Woche die Abstimmung zu stark darauf ausgerichtet, die Vorderreifen zu schützen. Damit lag zu viel Last auf den Hinterreifen."

Valtteri Bottas - Lewis Hamilton - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
Wilhelm
Valtteri Bottas verlor den zweiten Platz in den Schlussrunden an den Teamkollegen.

Leise Kritik von Bottas

Die Mercedes-Niederlage bahnte sich bereits nach fünf Runden an. Das war der Moment, an dem Verstappen zum ersten Mal die 3,9 Sekunden-Lücke verringerte, die Bottas und Hamilton mit einem ersten Spurt aufgefahren hatten. Nach zwölf Runden saß Verstappen dem zweiten Mercedes im Genick. Hätte Mercedes seine beiden Fahrer in den folgenden Runden nicht an die Boxen beordert, um die Medium-Reifen gegen harte Sohlen einzutauschen, hätte der Positionswechsel bereits auf der Strecke stattgefunden. "Ich konnte sehen, wie zerstört ihre Hinterreifen waren", berichtete Verstappen. Hamilton bedauerte: "Schon nach drei Runden ließen die Hinterreifen nach. Ich bin langsamer gefahren, aber es hat auch nichts geholfen."

Von da an waren die Mercedes-Piloten in der Defensive. Verstappen hielt bis Runde 26 durch, und holte sich auf einem Satz Medium die kurz verlorene Führung innerhalb von nur sechs Kurven wieder gegen Bottas zurück. Da ahnte der Trainingsschnellste zum ersten Mal, dass Mercedes dieses Rennen verlieren würde. "Ich habe fast das gesamte Rennen auf die Rennen aufgepasst, besonders in den schnellen Kurven. Als ich im letzten Stint einmal attackiert habe, sind die Reifen sofort in die Knie gegangen. Für mich war der letzte Stint eindeutig zu lang."

Toto Wolff ließ die leise Kritik nicht gelten. Bottas wäre bei einem späteren zweiten Stopp zwar in Führung gegangen, doch das hätte nur kurz die Optik verbessert. "Max hätte Valtteri auf seinen frischeren Reifen schnell wieder eingeholt." Tatsächlich spielte Bottas da unfreiwillig ein bisschen den Steigbügelhalter für Hamilton. "Wir haben an Valtteris Reifen gesehen, dass die Gummiauflage noch im grünen Bereich lag. Deshalb konnte wir Lewis zehn Runden länger auf der Strecke halten." Das hat Hamilton am Ende den zweiten Platz gerettet. Sein später Boxenstopp verschaffte ihm einen Reifenvorteil gegenüber dem Teamkollegen.

Aus Sicht von Bottas war das eine unbefriedigende Wende im Rennen. Die meiste Zeit hatte er Hamilton im Griff. Und dann verlor er auf den letzten Runden doch wieder vier WM-Punkte auf den Titelgegner. Die Strategen verteidigten sich: "Valtteri hatte zu dem Zeitpunkt starke Vibrationen hinten, viel stärkere als Lewis. Er hatte gerade genug Vorsprung, um vor Leclerc wieder auf die Strecke zu gehen. Und der Stopp in Runde 32 garantierte uns ausgewogene Stint-Längen. Mit dem ersten Satz der harten Reifen ist er 19 Runden gefahren, mit dem zweiten 20."

Bei Hamilton kam kurz der Gedanke auf, ein Einstopp-Rennen zu riskieren. Doch irgendwann wurden die Vibrationen an der Hinterachse so groß, dass Mercedes die Aktion abblies. Der Fahrer hatte sich vorher mehrfach bei seinem Kommandostand versichert, dass ihm die Hinterreifen nicht um die Ohren fliegen. "Wenn dir das in der Kurve passiert, ist dein Rennen zu Ende. Außerdem hätte ich mit diesen Reifen nie 1.29er Runden fahren können wie Max. Wäre ich draußen geblieben, hätte er mich früher oder später eingeholt."

Lewis Hamilton - Mercedes - GP 70 Jahre F1 - Silverstone
xpb
Das schnellste Auto nimmt die Reifen in schnellen Kurven zu hart ran.

Das Hauptproblem für Reifen

Es war aus Sicht von Mercedes Zufall, dass sich Verstappen für die gleiche Runde entschied wie Bottas. Oder die gleiche Überlegung. An einen Undercut gegen den Holländer wagte man im Lager des Titelverteidigers nicht zu denken. "Das schaffst du bei 2,4 Sekunden Rückstand auf harten Reifen nicht. Es dauert zu lange, bis die auf Temperatur kommen. Und wir konnten uns ohnehin keine scharfe Aufwärmphase leisten, weil sonst die Reifen noch schneller eingegangen wären." Die Hinterreifen sahen am Ende der Stints furchterregend aus. "Auf einer Hälfte war die Lauffläche durch die Überhitzung praktisch abgeschält, auf der anderen war noch ausreichend Gummi da", berichteten die Ingenieure.

Unter vier Grad höheren Streckentemperaturen als im Rennen eine Woche zuvor, bei zwei PSI mehr Luftdruck vorne und einem PSI mehr hinten stolperte Mercedes über ein Auto, das deutlich mehr Anpressdruck produziert als alle anderen Autos und einen Motor, der deutlich mehr Leistung entfesselt als alle anderen Motoren, möglicherweise gepaart mit einem Setup, dass die Hinterreifen über Gebühr mehr leiden ließ als die Vorderreifen. Der Speed spielte dabei nicht die Hauptrolle. Verstappen war auf allen Reifentypen schneller und hatte trotzdem weniger Probleme mit den Reifen.

Toto Wolff fühlte sich in seinen Warnungen, die angesichts der Überlegenheit der Mercedes oft belächelt wurden, bestätigt. Red Bull kann trotzdem zu einem Gegner werden, den man ernst nehmen muss. Es wird diesen Sommer noch mehr Hitzerennen geben, es kommen noch öfter die weicheren Mischungen zu Einsatz, Pirelli wird sich noch häufiger mit absurd hohen Luftdrücken vor Reifenplatzern schützen, und es folgen mit Barcelona, Spa, Mugello und Portimao noch mindestens vier Rennstrecken mit einer Vielzahl von schnellen Kurven. "Red Bull ist für uns ein Titelgegner. Das wird alles andere als ein gemütlicher Nachmittagsspaziergang. Ohne den Ausfall beim ersten Rennen wäre Max jetzt viel näher an Lewis dran", warnte der Österreicher.

Die Erkenntnis aus der Niederlage ist, dass man aus ihr lernen muss. "Wir haben das schnellste Paket, das aber nicht unter allen Umständen das schnellste ist. Deshalb müssen wir lernen, wie wir unser Auto so tunen, dass die Reifen nicht darunter leiden", fordert Wolff. Auch Lewis Hamilton sieht noch viel Gegenwehr auf sich zukommen. Vielleicht schon nächste Woche in Barcelona. Da könnten die Temperaturen an der 30-Grad-Marke knabbern. Dafür bietet Pirelli allerdings wieder seine Betonmischungen C1, C2 und C3 auf. Hamilton glaubt deshalb: "Ich erwarte ein Bild wie im ersten Silverstone-Rennen. Die Reifen werden am Limit sein, aber nicht ganz so schlimm wie in diesem Rennen."

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