Daniel Ricciardo - Sergio Perez - GP Toskana 2020 xpb
Valtteri Bottas - Mercedes - GP Emilia-Romagna 2020 - Imola
Max Verstappen - Red Bull - GP Emilia-Romagna 2020 - Imola - Rennen
Max Verstappen - Red Bull - GP Emilia-Romagna 2020 - Imola - Rennen
Esteban Ocon - Renault - GP Emilia-Romagna 2020 - Imola 17 Bilder

Große Analyse: Fünfkampf im Formel 1-Mittelfeld

Analyse Formel 1-Mittelfeld Verlorene Punkte entscheiden

Dieser Fünfkampf hält die Formel 1 wach. Racing Point, McLaren, Renault, Ferrari und Alpha Tauri kämpfen um die Bronzemedaille der Konstrukteurs-WM und liefern die Show, die man sich an der Spitze wünscht. Was sind die Stärken und Schwächen der fünf Kandidaten?

Das wahre Rennen in der Formel 1 findet ab dem vierten Platz statt. Deshalb bekommt der Fünfkampf hinter dem Spitzentrio auch die meiste Fernsehzeit. Die beiden Mercedes und Max Verstappen sind meistens nur in der Startphase, bei den Boxenstopps und bei der Zieldurchfahrt im Bild. Zu berechenbar ist das Geschehen an der Spitze.

Dahinter liefert jedes Rennen eine neue Story. Renault, Racing Point und McLaren trennt nur ein Punkt. Ferrari und Alpha Tauri haben vom Speed aufgeschlossen, bezahlen aber für Durchhänger während der Saison. Ferrari fehlen schon 31 Zähler auf diese Gruppe, Alpha Tauri noch mehr. Doch jeder weiß. 30 Punkte sind kein Ruhekissen. Ein Rennen wie in Monza kann alles entscheiden und alles verderben.

Das Schöne an dieser Schlacht ist, dass Prognosen zwecklos und die Analysen danach so spannend wie das Rennen selbst sind. Je nach Rennstrecke steht ein anderer vorne oder hinten. Jeder kann Dritter oder Siebter sein. Am Nürburgring trennten 0,713 Sekunden die fünf Autos in der Startaufstellung, in Portimao 0,713 Sekunden und in Imola 0,559 Sekunden. Es wird wegen der Ausgeglichenheit immer schwerer, beide Autos in die Punkteränge zu bringen. Wer es schafft, hat entweder einen Matchball gesetzt oder Schadensbegrenzung betrieben. Racing Point-Technikchef Andy Green schwärmt: "Das ist echter Rennsport. Der kleinste Fehler wird bestraft."

Daniel Ricciardo - Renault - GP Emilia-Romagna 2020 - Imola - Rennen
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Im Mittelfeld der Formel 1 geht es unheimlich eng zu. Kleinigkeiten entscheiden über Sieg und Niederlage.

Racing Point hat schnellste Auto

Die fünf Teams unterscheiden sich in ihren Stärken und Schwächen, in ihrem Entwicklungsprogramm und ihrem Anteil an Glück und Pech. Am Ende werden die Verlierer Bilanz ziehen und zu dem Schluss kommen: Nicht die gewonnenen Punkte entscheiden, sondern die verlorenen. "Wir müssten vom Speed unseres Autos her längst Dritter sein", ärgert sich Green. "Aber das Schicksal war gegen uns. Wir sollten nicht lamentieren. Jeder macht sich sein Glück selbst."

Auch McLaren-Teamchef Andreas Seidl weint verlorenen Punkten hinterher: "Wir hatten in den vier Rennen nach Monza oft Pech. Die Rennunfälle in Mugello und Sotschi. Der Ausfall von Norris am Nürburgring. Die Kollision mit Stroll in Portugal. Mit unserem Auto hätten wir bei diesen Rennen viele Punkte machen können."

Die Kandidaten für Platz 3 sind sich einig: Wenn alles passt, hat Racing Point das schnellste Auto, Renault den besten Allrounder, McLaren die ausgeglichenste Teamleistung, Ferrari den schnellsten Fahrer und Alpha Tauri die wenigsten Schwächen. Dafür schießt Racing Point die meisten Böcke bei der Strategie, hat Renault die schlechteste Haltbarkeit, McLaren nicht mehr das schnellste Auto, Ferrari den schwächsten Motor und Alpha Tauri keine ausgewiesenen Stärken.

F1-Tabelle Mittelfeld

  McLaren Racing Point Renault Ferrari Alpha Tauri
Startplätze (nach GP EROM) 203 (7,80) 217(9,34) 236 (9,07) 264 (10,15) 299 (11,50)
Nur im Q2 0 2 2 3 4
Rennergebnisse 261 232 256 279 295
Defekte 2 2 5 2 2
Unfälle 2 3 0 2 2
Nullrunden 9 6 9 12 12
Zwei Autos in den Punkte 5 7 5 4 2
Punkteränge 17 21 17 14 14
Podium 2 1 2 2 1
Abstand zur Pole 1,336 s 1,056 s 1,170 s 1,211 s 1,476 s
  McLaren Racing Point Renault Ferrari Alpha Tauri
Startplätze (nach GP EROM) 203 (7,80) 217(9,34) 236 (9,07) 264 (10,15) 299 (11,50)
Nur im Q2 0 2 2 3 4
Rennergebnisse 261 232 256 279 295
Defekte 2 2 5 2 2
Unfälle 2 3 0 2 2
Nullrunden 9 6 9 12 12
Zwei Autos in den Punkte 5 7 5 4 2
Punkteränge 17 21 17 14 14
Podium 2 1 2 2 1
Abstand zur Pole 1,336 s 1,056 s 1,170 s 1,211 s 1,476 s

McLaren und Racing Point hatten ihre starken Phasen in der ersten Saisonhälfte. Seit Mugello ist bei beiden der Wurm drin. In den letzten fünf Rennen schafften es beide Teams nur noch je einmal mit beiden Autos zu punkten. Renault wachte erst beim GP Belgien auf. Seitdem räumen die französischen Nationalrenner die meisten Punkte ab. Seitdem schrumpft auch der Abstand zu Mercedes.

Doch Renault machte sich mit drei Ausfällen seit Mugello das Leben selbst schwer. Ferrari hatte ein Formtief von Spa bis Mugello. Dann begann das Aero-Upgrade anzuschlagen. Alpha Tauri war bis zu dem Sensationssieg in Monza nicht Mitglied in diesem Club. Red Bulls Schwesterteam musste erst einmal eine Lücke von drei Zehntel zu dem Verfolgerfeld schließen. Seitdem hat nur Renault mehr Punkte geholt.

McLaren am häufigsten in den Top 10

Die Zahlen verraten die Vorzüge und Defizite der fünf Teams. Racing Point verliert im Schnitt 1,056 Sekunden auf die Pole Position und liegt damit vor Renault (1,170 s), Ferrari (1,211 s), McLaren (1,336 s) und Alpha Tauri (1,476 s). Dafür ist McLaren das einzige Team, das immer mindestens ein Fahrzeug ins Q3 gebracht hat. Das spiegelt sich im Schnitt der Startplätze wider. McLaren schafft im Mittel Platz 7,80, Racing Point 8,34, Renault 9,07, Ferrari 10,15 und Alpha Tauri 11,50. Andreas Seidl fasst das Kräfteverhältnis am Samstag in Worte: "Wir haben aktuell nicht das schnellste Paket. Uns fehlen am Samstag teilweise ein paar Zehntel auf die Konkurrenz, vor allem dann, wenn Ricciardo und Leclerc super Runden im Qualifying hinbekommen."

Im Rennen dreht sich das Bild. Racing Point landete bei 21 von 26 Möglichkeiten in den Punkterängen, McLaren und Renault je 17, Ferrari und Alpha Tauri je 14 Mal. Zählt man das Endergebnis beider Fahrer zusammen und bestraft jeden Ausfall mit Platz 20, dann führt Racing Point mit 232 vor Renault (256), McLaren (261), Ferrari (279) und Alpha Tauri (295). Perez, Stroll und Hülkenberg schrieben sechs Nuller für Racing Point. Die Fahrer von Renault und McLaren kommen auf jeweils neun Nullrunden, ihre Kollegen von Ferrari und Alpha Tauri auf je zwölf.

Sergio Perez - Racing Point - Formel 1 - GP Emilia-Romagna - Imola - Samstag - 31.10.2020
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Racing Point ist schneller als Renault, McLaren, Ferrari und Alpha Tauri, stolperte aber ein paar Mal über die Strategie.

McLaren-Boss Seidl sieht Racing Point am Sonntag als stärkste Kraft. Das pinkfarbene Auto ist im Rennen stärker als in der Qualifikation. Und Sergio Perez sammelt zuverlässig Punkte. Der Mexikaner kam bei all seinen Starts in den Punkterängen an. Das schaffte nur Lewis Hamilton. Dafür ist Lance Stroll keine sichere Bank mehr. Und Andy Green zweifelt, ob der Ansatz, Startplätze für ein gutes Rennauto zu opfern, immer der richtige ist: "Wir werden das für die letzten vier Grand Prix prüfen. Bei einigen Rennen könnte der Startplatz wichtiger sein." Da stimmt auch Seidl zu: "Die Startposition ist für den Rennverlauf am Sonntag wichtiger als je zuvor, da Überholen in Verbindung mit dem Haushalten der Reifen sehr, sehr schwierig ist."

Renault hat einen Alleskönner. Der R.S.20 ist auf jeder Strecke schnell, kann den Speed auf eine Runde und auch auf die Distanz umsetzen. Wenn es überhaupt noch eine Baustelle gibt, dann die Reifen auf glattem Asphalt auf Temperatur zu bringen. Das war das Problem in Portimao. Die Renault-Ingenieure haben an den Schwächen des Autos gearbeitet und dafür seine Stärken etwas reduziert. "Wir sind in schnellen Kurven besser geworden, haben dafür aber etwas in den langsamen Kurven hergeschenkt. Ich glaube, McLaren geht es umgekehrt", resümiert Technikchef Marcin Budkowski.

Renault stolpert über Defekte

Ferrari machte es eine Zeitlang umgekehrt wie Racing Point. Leclerc glänzte am Samstag, stürzte am Sonntag aber ab, weil sein Ferrari die Reifen zu stark strapazierte. Das ist in den letzten beiden Rennen besser geworden. Alpha Tauri verzeichnet kaum Schwankungen, ist am Sonntag tendenziell stärker als am Samstag und wird für Ferrari deshalb zur Gefahr. In Imola war der AT01 sogar das schnellere Auto.

Ein Problem teilen sich die Teams, die derzeit durch 14 Zähler getrennt um den 6. Platz kämpfen. Sie punkten meistens nur mit einem Auto. Daniil Kvyat hatte bis jetzt zwei Lichtblicke, in Mugello und Imola. Sebastian Vettel kommt mit dem Ferrari am Samstag nicht zurecht und bezahlt dafür am Sonntag. Wenn er dann im Rennen mal seinen Speed umsetzen kann, funkt ihm Ferrari mit Boxenpannen und Taktikfehlern dazwischen.

Esteban Ocon - Renault - Formel 1 - GP Portugal - Portimao - 24. Oktober 2020
Wilhelm
Renault könnte die vielen Defekt noch verfluchen. Jeder Punkt zählt im Kampf um Platz drei.

Es könnte in den letzten vier Rennen entscheidend sein, ob beide Fahrer ein zählbares Ergebnis abliefern oder nicht. Das bringt McLaren am besten hin. Sainz und Norris fahren praktisch gleich schnell. Bei Renault ist Daniel Ricciardo klar die Nummer eins. Zum Glück für Renault konzentrieren sich die Defekte auf das Auto von Esteban Ocon.

Budkowski weiß, dass die Anfälligkeit des R.S.20 über Sein und Nichtsein entscheiden kann. Fünf Ausfälle, fünf Brandherde. "Wenn du beginnst, ans Limit zu gehen, bezahlst du irgendwo einen Preis dafür. Das zeigt nur, dass unsere Prozesse noch nicht gut genug sind. Wir haben jüngst einige Umstellungen vorgenommen, um unsere Qualitätskontrolle zu ändern und sicherzustellen, dass sich wenigstens die Probleme, die wir hatten, nicht wiederholen."

Racing Point verschenkt zu viele Punkte durch Strategiefehler. Perez hätte in Portimao Fünfter und in Imola Dritter werden können. Die falsche Reifenwahl und ein überflüssiger Boxenstopp kosteten 11 Punkte. Auch Ferrari ist da nicht immer sattelfest. Renault und McLaren haben sich in den Abläufen verbessert. Seidl bestätigt: "Bei den Boxenstopps konnten wir uns stabilisieren und sind jetzt konkurrenzfähig. Unsere Haltbarkeit ist bisher über die ganze Saison gesehen ein zusätzlicher Trumpf gegenüber der Konkurrenz. In Summe haben wir nach 13 Rennen bereits 134 Punkte geholt, was ein großer Schritt nach vorne ist im Vergleich zum gleichen Zeitpunkt im letzten Jahr."

Gute und schlechte Ferrari-Upgrades

Das Entwicklungsprogramm der fünf Teams ist höchst unterschiedlich angelegt. Racing Point versteifte sich von vornherein auf ein großes Upgrade, das in Mugello und Sotschi in zwei Teilen kam. Das Aero-Paket verlieh der Mercedes-Kopie mehr Eigenständigkeit. Die neuen Aufhängungen als Vorgriff auf 2021 verbesserten die Traktion und das Einlenkverhalten.

Stroll wollte das nicht wahrhaben, ließ in Imola zurück auf den Stand von vorher bauen, nur um dort festzustellen, dass es schlechter war. Solche Experimente können Punkte kosten. McLaren ist das am Nürburgring passiert. Man führte ohne ausreichend Daten neue Aerodynamikteile ein. Sie funktionierten erst beim darauffolgenden Rennen. "Da waren wir zu gierig", gibt Seidl zu.

McLaren hat das ehrgeizigste Entwicklungsprogramm. Der MCL35 wird praktisch jedes Rennen aufgerüstet. Technikchef James Key erklärt: "Wir richten unsere Entwicklungsstrategie nicht an unseren Gegnern aus. Für unseren Plan gibt es Gründe. Erstens gibt uns die Politik der kleinen Schritte Spielraum zu reagieren. Dann haben uns die Regeländerungen und die Homologation gewisse Schritte aufgezwungen. Wir haben wegen des Motorwechsels keine Token für 2021. Alles, was wir ändern wollen, musste in dieser Saison passieren. Das setzte uns einige Fristen. Ein Beispiel ist die Nase. Sie musste bis Ende September fertig sein. Dieses Problem hatten Renault und Racing Point nicht."

Charles Leclerc - Ferrari - GP Emilia-Romagna 2020 - Imola
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Das erste Ferrari-Upgrade schlug nicht ein, das zweite schon.

Renault tauchte mit einem großen Upgrade beim Saisonstart auf, das alles mit einschloss, was das Technikbüro in Enstone bei einem normalen Saisonverlauf bis dahin geplant hatte. "Danach gab es noch eine Ausbaustufe in Silverstone, ein paar kleine Modifikationen in Mugello und ein letztes größeres Paket in Sotschi. Seit diesem Zeitpunkt arbeiten wir voll am 2021er Auto", präzisiert Budkowski.

Ferrari brachte ein kleines und wirkungsloses Paket zum zweiten Rennen und ein dreiteiliges, verteilt auf Sotschi, Nürburgring und Portimao. Es stabilisierte das Fahrverhalten des SF1000. Das PS-Defizit vom Motor schleppt Ferrari bis zum Saisonende mit sich herum. Alpha Tauri verbesserte sich über die gesamte Saison ohne Rückschläge. Der Rennstall aus Faenza hatte den größten Aufholbedarf, schaffte es, die Lücke zum Feld zu schließen und versteht mittlerweile sein Auto so gut, dass man jedem seiner Gegner gefährlich werden kann. "Wir holen im Schnitt am meisten aus unserem Paket", glaubt Pierre Gasly.

Das Rennen im Rennen wird über Kleinigkeiten entschieden werden. McLaren-Teamchef Andreas Seidl nennt sie: "Haltbarkeit, Startplatzstrafen, die Leistung des Teams und der Fahrer und natürlich auch das weitere Optimieren des Autos." Die ersten 13 Rennen lassen vermuten, wie es bei den letzten vier laufen wird. Gewinnen wird am Ende das Team, das die wenigsten Fehler macht.

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