Sebastian Vettel - Ferrari - Barcelona - F1-Test - 01. März 2019 xpb
Valtteri Bottas - Mercedes - Barcelona - F1-Test - 01. März 2019
Valtteri Bottas - Mercedes - Barcelona - F1-Test - 01. März 2019
Sebastian Vettel - Ferrari - Barcelona - F1-Test - 01. März 2019
John Elkann & Mattia Binotto - Ferrari - Barcelona - F1-Test - 01. März 2019 122 Bilder

Analyse Formel 1-Testfahrten

Ferrari schnell, aber gebrechlich

Ferrari hat das schnellste Auto im Feld. Über die weitere Reihenfolge darf gerätselt werden. Genauso wie über den Rückstand auf Ferrari. Die einzige Hoffnung der Ferrari-Jäger nährt sich aus der Erkenntnis, dass die rote Rakete von vielen Defekten heimgesucht wurde.

Nach 40.843 Testkilometern an acht Tagen in Barcelona sind nur zwei Dinge klar. Ferrari hat das schnellste Auto und Williams das langsamste. Dazwischen herrscht große Konfusion. Mercedes und Red Bull scheinen gleichauf, je nach Sichtweise und Kalkulation zwischen zwei und sieben Zehntel hinter Ferrari. Das Mittelfeld ist nach den neuesten Erkenntnissen näher an der Spitze dran als in den letzten Jahren. „Es sieht so aus, als hätten wir den Abstand halbiert“, macht sich Renault-Chassischef Nick Chester Mut. Die Rundenzeiten liegen so eng zusammen, dass es unmöglich ist, eine Reihenfolge zu erstellen. „Es hängt von der Tagesform ab“, glaubt Renault-Teamchef Cyril Abiteboul. So war es auch bei den Testfahrten. Mal hatte McLaren die Nase vorn, mal Toro Rosso, mal Sauber, ganz am Ende Renault.

Die Analyse ist schwieriger als je zuvor. „Es gibt zu viele Unsicherheitsfaktoren, und die sind auch noch mit einer höheren Fehlquote verbunden als letztes Jahr“, gibt Mercedes-Teamchef Toto Wolff zu bedenken. Mit der auf 110 Kilogramm gestiegenen Benzinmenge für das Rennen kann der Tank bei einer Rennsimulation mit 100, aber auch 120 Kilogramm Benzin gefüllt sein. Das macht in Barcelona einen Unterschied von sieben Zehnteln aus. Das gleiche gilt für die unterschiedlichen Motorprogramme, für das neue DRS, das jetzt bis zu 25 statt 18 km/h mehr Topspeed bringt und für den Gripunterschied von Reifenmischung zu Reifenmischung. Der schwankt aber je nach Asphalttemperatur und Aufwärmprozess. „Die Reifen sind noch heikler geworden“, stellte Lewis Hamilton fest.

Ferrari fehlen 880 Kilometer

Ferrari hat alle Juroren überzeugt. Sebastian Vettel fuhr mit 1.16,221 Minuten die schnellste Runde der Wintertests. Eine Hundertstel besser als Teamkollege Charles Leclerc, der damit zeigte, dass Vettel intern ein rauer Wind ins Gesicht blasen wird. Ferraris Nummer 1 war auch auf dem Weg zur schnellsten Rennsimulation, als in der 39. Runde am Ferrari die Elektrik ausstieg und den letzten Testtag vorzeitig beendete. Das ist der wunde Punkt an dem roten Paket. Es geht noch zu viel kaputt. Nach einer problemlosen ersten Woche schlichen sich ab Tag 5 viele Defekte ein. An der Kühlung, am Auspuff, der Stromversorgung. Die Verpackung auf engstem Raum im Heck fordert offenbar ihren Tribut. Ein gebrochene Felge links vorne schickte Vettel am sechsten Testtag in Kurve 3 unsanft in die Tecpro-Barriere. Der Ferrari SF90 schlug mit einer Verzögerung von 17 g ein und war für den Rest des Tages ein Pflegefall.

Sebastian Vettel - Ferrari - Barcelona - F1-Test - 27. Februar 2019
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Das Zuverlässigkeitsduell hat Mercedes trotz eines Motorproblems am fünften Tag mit 5.386 zu 4.506 Kilometern gewonnen. Teamchef Mattia Binotto rapportierte: „Wir haben ein paar Rückschläge erlitten und sind deshalb nicht optimal vorbereitet.“ Ferraris neuer Capo räumte ein, dass man ein schnelles, gut ausbalanciertes Auto hat, das beiden Fahrern Vertrauen gibt. Vorschusslorbeeren aber wehrte der Brillenträger, der aussieht wie ein Theologiestudent, ab: „Ich würde nicht behaupten, dass wir die Schnellsten sind. Mercedes wird sehr stark sein in Australien.“

Bei Mercedes weiß man noch nicht, was man von seinem neuen Auto halten soll. Es präsentierte sich in der zweiten Woche in einem völlig anderen Gesicht. „Jede aerodynamische Oberfläche wurde geändert“, verraten die Ingenieure. Fünf Tage mehr Windkanalzeit rechtfertigten die Übung gleich zwei neue Autos zu bauen. „Das sind Dimensionen, da können wir nicht mithalten“, jammert Abiteboul von Renault. „Wir sind auf ein Niveau gewachsen, auf dem die Topteams vor drei Jahren waren. Doch die wachsen immer noch weiter.“

Wer versteht den Mercedes?

Der Mercedes W10,5, wie er scherzhaft im Fahrerlager genannt wurde, war ein deutlicher Schritt in die richtige Richtung. Er reichte aber nicht, Ferrari einzuholen. Die Ingenieure lesen aus der Datenflut: Auf eine Runde fehlen drei Zehntel, auf eine Renndistanz fünf bis zehn Sekunden. „Wir sind in langsamen Kurven besser geworden, haben aber ein Balanceproblem in schnellen Kurven“, erklärte Valtteri Bottas. Die Instabilität im Heck ist wenigstens nicht mehr ganz so störend wie zu Beginn der Testfahrten. Lewis Hamilton drehte kurz vor Torschluss noch eine Runde, die als Aufmunterung an seine Mannschaft zu verstehen ist. Der Weltmeister verfehlte Vettels Bestzeit um drei Tausendstel. Seiner Meinung nach ist Ferrari eine halbe Sekunden schneller. „Die nächsten Tage in der Fabrik werden jetzt wichtig. Vielleicht gelingt es uns durch besseres Verständnis noch ein, zwei Zehntel aufzuholen.“

Valtteri Bottas - F1-Test Barcelona 2019
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Der neue Mercedes ist aber noch eine rechte Diva. „In guten Phasen sind wir nah an Ferrari dran, in schlechten fahren wir im Mittelfeld“, heißt es aus dem Technikbüro. Wann der Mercedes schnell oder langsam war, bestimmte die Tageszeit. Der Silberpfeil litt mehr unter körnenden Reifen als andere. Auch bei Temperaturen, bei denen sich der Gummi nicht von der Lauffläche schälen dürfte. Wieder einmal tun sich Fahrer und Ingenieure schwer, Vorderreifen und Hinterreifen gleichzeitig in ihr Arbeitsfenster zu bringen. „Wenn du unter der Betriebstemperatur bleibst, ist es so, als würdest du bei kaltem Wetter fahren. Dann körnen die Reifen“, erzählt Pirelli-Sportchef Mario Isola.

Das Fazit von Toto Wolff fällt kurz und bündig aus. „Ferrari liegt ein gutes Stück vor uns und Red Bull.“ Wenn sich in Melbourne das gleiche Bild präsentieren sollte, will Mercedes prüfen, ob man an seinem Aerodynamik-Konzept festhalten oder auf den Ferrari-Weg umschwenken soll: „Ich glaube, Red Bull stellt sich im Moment die gleiche Frage“, mutmaßt Wolff. Ein Richtungswechsel birgt jedoch eine große Gefahr. Er braucht Zeit. „Dann können wir die ersten Rennen abschreiben, weil wir unser Konzept einfrieren müssten, bis das andere bereit ist.“ Hamilton warnt, die Dinge zu überstürzen: „Es wäre falsch, jetzt die Ruhe zu verlieren. Ich glaube, bei allen Teams gibt es im Moment Fragezeichen. Ferrari wird genauso unsere Philosophie überprüfen. Wir wissen, dass unser Auto noch nicht optimal funktioniert. Deshalb sollten wir erst einmal verstehen, wie weit wir es bringen können.“

Wo steht Red Bull wirklich?

Red Bull blieb in der Deckung. Max Verstappen und Pierre Gasly ließen die Finger von den weichen Reifen und verzichteten damit auf schnelle Rundenzeiten. „Wir sind einigermaßen zufrieden“, gibt sich Technikchef Adrian Newey bewusst vorsichtig. Sportdirektor Helmut Marko wagt sich weiter vor. Zwei Zehntel fehlen seiner Meinung nach auf Ferrari, und man liege klar vor Mercedes. „Haben wir da was verpasst?“, wundert sich Mercedes-Chefingenieur Andrew Shovlin über die optimistische Ansage. In der Rennsimulation war Verstappen nämlich ein ganzes Stück langsamer als Vettel, Leclerc und Bottas.

Was der Holländer wirklich drauf hat, konnte er nicht mehr zeigen. Teamkollege Pierre Gasly feuerte am vorletzten Testtag seinen RB15 in Kurve 9 mit Karacho in die Absperrungen. Er hatte beim Einlenken mit dem linken Vorderrad den Grasstreifen berührt und sich dann eingedreht. „Mein schlimmster Abflug“, gab der Franzose zu, der in der Woche zuvor schon einmal Mauerkontakt hatte. So macht man sich keine Freunde im Team. Der Aufprall hinterließ große Verwüstungen im Heck. Alle Entwicklungsteile für die zweite Woche waren Schrott. Verstappens letzter Tag war dann nach einem Getriebeproblem nach 29 Runden zu Ende. Red Bull gingen die Teile aus.

HaasF1 so schnell wie die Topteams

Hinter den drei Topteams wird es unübersichtlich. Das war wohl auch der Grund dafür, warum Renault, Toro Rosso, McLaren, Sauber, HaasF1 und Racing Point zu irgendeinem Zeitpunkt mal die Hosen runterließen, um sich selbst zu beweisen, wo man steht. Die Liste der schnellsten Runden bestätigt, dass Prognosen zwecklos sind. Renault lag mit 1.16,843 Minuten einen Hauch vor Toro Rosso mit 1.16,882 Minuten, McLaren mit 1.16,913 Minuten, HaasF1 mit 1.17,076 Minuten, Sauber mit 1.17,239 Minuten und Racing Point mit 1.17,556 Minuten. „Wir liegen vor Williams auf Platz 9“, bestätigt Racing Point-Technikchef Andy Green. Kein Grund zur Unruhe. „In Melbourne kommt unser großes Aerodynamik-Upgrade.“ Das muss aber mindestens eine halbe Sekunde bringen, wenn Sergio Perez und Lance Stroll im großen Mittelfeld mitmischen wollen.

Kevin Magnussen - Haas - Barcelona - F1-Test - 27. Februar 2019
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HaasF1 hat sich nicht wirklich an der allgemeinen Tempojagd beteiligt. Das spricht für gesundes Selbstbewusstsein. Der VF-19 ist besser als seine beste Rundenzeit. Was er wirklich kann, lässt die Rennsimulation von Kevin Magnussen in den letzten Teststunden ahnen. Da müssen selbst Mercedes und Red Bull zittern. Auf den harten C2-Reifen war Magnussen so schnell wie Vettel. Der US-Ferrari wird in Melbourne noch mit einem neuen Frontflügel aufgerüstet. Bis dahin sollten auch die Probleme mit der Kühlung gelöst sein. Dem schwarzen Auto wurde es in den Nachmittagsstunden manchmal ein bisschen zu warm unter der Verkleidung.

Der Vorteil des Satellitenteam-Modells

Renault ist leidlich zufrieden mit seinem R.S.19. „Das Auto ist weder eine Bombe, noch ein Flop. Wir schwimmen im vorderen Mittelfeld mit“, urteilt Nico Hülkenberg. Daniel Ricciardo prophezeit, dass er in Melbourne nicht in der ersten Startreihe stehen wird. Teamchef Abiteboul lobt die Standfestigkeit, den Fortschritt beim Motor und die gute Basis beim Chassis. „Es ist nichts fundamental falsch, aber wir haben noch ein paar Baustellen.“ Zum Beispiel die Bremsen, den Heckflügel, der zu viel Luftwiderstand aufbaut und eine gewisse Instabilität im Heck in mittelschnellen Kurven. „Sie scheint unseren Autos angeboren“, lacht Abiteboul gequält.

Zur Selbstberuhigung musste am Ende die 1.17er Schallmauer fallen. Hülkenberg fuhr wie auf Bestellung die fünftschnellste Zeit der Testwochen. Viel Lob bekam der neue Motor. Er soll um 40 PS zugelegt haben und er bewies auch Steherqualitäten. Das Werksteam und Kunde McLaren kamen mit fünf Triebwerken über die Runden. „Da waren aber auch Experimental-Triebwerke darunter“, erzählte Motorenchef Remi Taffin.

Das gleiche erzählt man sich vom neuen Honda V6-Turbo. Die Japanern werden ein bisschen zu auffällig von ihren Chassispartner mit Lob überschüttet. Kein Vergleich mehr zum letzten Jahr. Der Abstand zu Ferrari und Mercedes ist geschrumpft. Eine Rolle dabei könnte spielen, dass die FIA die Tricksereien zur Leistungssteigerung durch schärfere Kontrollen immer weiter austrocknet.

Toro Rosso schien die Rundenzeiten leichter aus dem Ärmel zu schütteln als Renault, und das mit einem Neuling und einem Heimkehrer im Auto. Red Bulls Juniorteam hinterließ einen exzellenten Eindruck. Keine großen Defekte, immer bei der Musik, ein Auto das den Fahrern Vertrauen gibt. 4.352 Kilometer bedeuten hinter Mercedes, Ferrari und Renault Platz 4. Teamchef Franz Tost sieht den guten Einstand als Folge der erweiterten Synergien mit Red Bull.

Interessant ist, dass die Toro Rosso-Aerodynamiker beim Aero-Konzept auf die Ferrari-Linie eingeschwenkt sind, während Red Bull wie Mercedes mit dem klassischen Frontflügelkonzept unterwegs ist. Hier könnte sich bald ein weiterer Vorteil der Zusammenarbeit zweier Teams herauskristallisieren. Red Bull kann von einem Logenplatz aus schauen, wie sich die andere Philosophie bewährt. „Das ist der Fluch der Satellitenteams. Wir sind isoliert und damit im Nachteil“, ärgert man sich bei Renault.

McLaren hat die Kurve gekriegt

Für Sauber lief die zweite Testwoche nicht ganz so reibungslos wie die erste. Man liegt jetzt in der schnellsten Runde hinter der direkten Konkurrenz, macht sich deshalb aber keine großen Sorgen. Die Sektorzeiten lassen vermuten, dass Kimi Räikkönen und Antonio Giovinazzi mit mehr Benzin unterwegs war als ihre Gegner. „Wenn wir wollen, fahren wir 1.16er Zeiten“, bestätigt Teammanager Beat Zehnder.

Sauber hat sich mit einem ungewöhnlichen Auto weit aus dem Fenster gelehnt und bleibt auch weiter mutig. Die ausgefransten Ohren direkt neben dem S-Schacht sind ein weiteres Detail, das man so noch nicht gesehen hat. „Wir hoffen, dass wir mit unserem Konzept einen größeren Entwicklungsspielraum haben als unsere Konkurrenz“, erzählt Teamchef Frédéric Vasseur. Sauber wird an seiner Politik der kleinen Schritte festhalten. Lieber jedes Rennen ein kleines Upgrade, das man versteht, als alle paar Rennen ein großes, das Rätsel aufgibt. „Wir werden in Melbourne und in Bahrain jeweils neue Teíle haben“, verrät Vasseur.

F1 - Testfahrten - Barcelona 2019 - 2. Woche
Pirelli

McLaren hat nach einem holprigen Teststart ganz gut die Kurve gekriegt. Carlos Sainz und Lando Norris gingen zwar jeden Tag auf Zeitenjagd, aber 1.16er Zeiten müsse man erst einmal fahren, lobte Motorenpartner Renault. McLaren-Einsatzleiter Andrea Stella ließ durchblicken: „Wir haben eine viel bessere Grundlage als letztes Jahr, aber auch noch einige Probleme, die wir lösen müssen.“ McLaren schenkte beim Heckflügel noch Zeit her. „Wir hatten nur unseren Melbourne-Heckflügel dabei. Der produziert für Barcelona zu wenig Abtrieb“, bedauerte McLaren-Chef Zak Brown.

Williams liegt wie erwartet am Ende der Tabelle. Es hätte nach dem verspäteten Teststart aber auch schlimmer kommen können. Die 1.18,130 Minuten von George Russell sind angesichts der Umstände anständig. Robert Kubica berichtete, dass der Williams FW42 in seinem Fahrverhalten deutlich berechenbarer sei als sein Vorgänger. Das Auto sei fahrbarer, und man könne die Reifen besser managen. Technikchef Paddy Lowe spricht von einer Plattform, auf der man aufbauen könne. Als er uns weismachen will, dass Williams in fünfeinhalb Tagen des Programm abgespult hat, das für acht Tage geplant war, erntet er ein paar Lacher. Da hat wohl einer Angst, dass man ihm die Verantwortung für die Panne ans Revers heftet.

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