Charles Leclerc - Ferrari - Formel 1 - GP Aserbaidschan - Baku - 26. April 2019 Motorsport Images

Trainingsanalyse GP Aserbaidschan 2019

Ferrari-Show nur auf eine Runde

Ferrari beherrschte den auf eine Trainingssitzung geschrumpften Freitag des GP Aserbaidschan. Doch das Klassement kann trügerisch sein. Im Longrun sind die Mercedes und Red Bull etwas schneller.

Es war ein Trainingstag mit verkürzter Laufzeit. Die erste Sitzung musste wegen eines losen Kanaldeckels nach 12 Minuten beendet werden. Die zweite wurde zwei Mal wegen Unfällen für insgesamt 21 Minuten unterbrochen. Zehn Mal störten gelbe Flaggen die Rennsimulationen der Teams. Das bedeutete für alle ein verkürztes Programm mit eingeschränkter Aussagekraft.

Nur 16 der 20 Fahrer schafften überhaupt so etwas wie einen Longrun. Manche Dauerläufe gingen nur über drei Runden oder waren geteilt. Im zweiten Part gingen die Fahrer mit dem gleichen Satz noch einmal auf die Strecke. Die Fahrer klagten generell über wenig Bodenhaftung. „Der Grip war armselig“, berichtete Sergio Perez.

Auf eine Runde hatten die beiden Ferrari alles im Griff. Charles Leclerc nahm Sebastian Vettel 0,324 Sekunden ab, Lewis Hamilton sogar 0,669 Sekunden. In den Rennsimulationen spiegelte sich Ferraris Überlegenheit nicht wider. Auf den Soft-Reifen drehte Max Verstappen den besten Longrun, was aber auch daran lag, dass er der Fahrer war, der zuletzt mit einem frischen Satz Soft auf die Strecke ging. Und der bot am Ende des Trainings den meisten Grip.

Im Soft-Longrun nahm Hamilton dem besten Ferrari im Schnitt fast acht Zehntel ab. Das hat mit unterschiedlichen Fahrzeugabstimmungen zu tun. Bei Renault ging gar nichts vorwärts. Nico Hülkenberg ist aber optimistisch, dass man bis Samstag die Probleme noch lösen kann.

Mercedes - Formel 1 - GP Aserbaidschan - Baku - 26. April 2019
xpb
Landet Mercedes am Sonntag den vierten Doppelsieg in Folge?

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Warum ist Ferrari auf eine Runde so schnell?

Ferrari gewinnt seine Zeit auf Mercedes hauptsächlich im zweiten Sektor. Das ist der mit den vielen langsamen Kurven. Sieben an der Zahl. Das ist interessant, denn genau das war bisher das Problem der Ferrari. „Es wird ja auch Zeit, dass sich da etwas tut“, meinte Vettel zufrieden.

Auf den Geraden gewinnen die roten Autos kaum noch Zeit auf die Silberpfeile. Es sieht so aus, als hätte man das eine für das andere opfern müssen. Die Mercedes-Ingenieure zweifeln: „Wir haben im Verlauf des Trainings den Abtrieb erhöht und sind trotzdem in Sektor 2 nicht schneller geworden.“

Im Vergleich zu Red Bull holt Ferrari seine Zeit auf den Geraden in Sektor 1 und 3. „In den Kurven sind wir gut unterwegs“, lobt Sportdirektor Helmut Marko. Da stimmt offenbar die Balance zwischen Geraden und Kurven noch nicht. In den Dauerläufen verschwindet Ferraris Überlegenheit. Auf den Soft-Reifen nahm Valtteri Bottas mit einem Schnitt von 1.47,914 Minuten Charles Leclerc sieben Zehntel ab. Der Monegasse kam auf einen Durchschnittswert von 1.48,684 Minuten. Beide haben ihre Soft-Longruns in zwei Portionen gesplittet. Bottas fuhr 6 und 5 Runden, Leclerc 3 und 5.

Einer war auf Pirellis weichster Mischung noch schneller: Max Verstappen drehte 7 Runden mit einer Durchschnittszeit von 1.47,605 Minuten. Auf dem Medium-Reifen hängte Lewis Hamilton die Ferrari um acht Zehntel ab. Es stehen 1.46,945 Minuten über 9 Runden gegen 1.47,779 Minuten über 5 Runden (Leclerc) und 1.48,297 Minuten über 14 Runden (Vettel). Auch Vettel teilte seinen Dauerlauf. In drei plus 9 Runden.

Wo gewinnt Leclerc auf Vettel ?

Charles Leclerc setzte sich im Ferrari-internen Duell mit 1.42,872 zu 1.43,196 Minuten durch. Sebastian Vettel blieb gelassen: „Ich habe noch ein bisschen Zeit auf der Bremse verloren, aber nichts, was mich beunruhigen müsste. Das Heck des Autos ist stabiler als in Bahrain.“ Der Sektorvergleich stützt Vettels Analyse. Die meiste Zeit büßt der Deutsche im ersten Sektor ein. Da wird drei Mal hart gebremst.

Im zweiten Training gingen die beiden Ferrari mit identischer Spezifikation an Bord. Also dem neuen Aerodynamik-Paket (Leitbleche, Unterboden, Diffusor) und den modifizierten Bremsverkleidungen vorne wie hinten. Sie sollen helfen, die Reifentemperatur hoch zu halten, damit das Auto in den langsamen Kurven nicht mehr so viel Zeit verliert.

Der geplante Vergleichstest zwischen alt und neu fiel ins Wasser. Im ersten Training begann Leclerc mit den neuen Teilen, während Vettel noch mit der alten Spezifikation unterwegs war. Ferrari baute gerade die beiden Autos auf die jeweilig andere Spezifikation um, da wurde die rote Flagge geschwenkt.

Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP Aserbaidschan - Baku - 26. April 2019
Jerry André
Max Verstappen könnte im Rennen eine Gefahr für Mercedes und Ferrari werden.

Ist Red Bull eine Bedrohung?

Auf eine Runde darf man von Red Bull keine Pole Position erwarten. Dazu sind Ferrari und Mercedes zu stark. Im Longrun aber war der Holländer stark unterwegs. Seine Durchschnittszeit von 1.47,605 Minuten über 7 Runden müssen allerdings in Relation zu der Uhrzeit gesetzt werden, zu der Verstappen mit den Soft-Reifen ausrückte.

Der Red Bull-Pilot fuhr seinen Longrun in den letzten 15 Trainingsminuten. Da waren die meisten anderen Fahrer auf Medium-Reifen unterwegs. Sie hatten ihre Soft-Dauerläufe zu Beginn der Sitzung abgespult, als die Strecke noch deutlich langsamer war. Man nimmt an, dass die zusätzliche Gummiauflage die Rundenzeiten innerhalb von 90 Minuten um fast eine Sekunde verbessert hat.

Pierre Gaslys Rennsimulation erwies sich am Ende als Makulatur. Der Franzose muss am Sonntag aus der Boxengasse starten. Der Red Bull-Pilot hatte zwei Minuten nach Ende des Trainings den Befehl missachtet, sein Auto auf die Waage zu fahren. Eine harte Strafe, doch diskutieren ist zwecklos. Es gibt Präzedenzfälle. Das ist auch Carlos Sainz 2015 in Monte Carlo passiert.

Was war mit Renault los?

Renault fand keinen Grip. „Viel Körnen. Wir rutschen nur herum. Die Reifen sind für den glatten Asphalt zu kalt“, stöhnte Nico Hülkenberg. Es kam in der Folge immer wieder zu Verbremsern. Daniel Ricciardo bremste sich zwei Mal die Reifen eckig und landete jeweils im Notausgang.

Bei Renault glaubt man den Grund für die Probleme zu kennen. Zu wenig Abtrieb, zu wenig Aufheizen der Reifen über die Felgen. Teamchef Cyril Abiteboul erklärte: „Wir werden morgen sicher ein anderes Setup fahren.“ Hülkenberg macht sich keine Sorgen: „Ich bin überzeugt, wir kriegen das hin.“

Daniil Kvyat - Toro Rosso - Formel 1 - GP Aserbaidschan - Baku - 26. April 2019
Motorsport Images
Daniil Kvyat beendete das zweite Training in der Bande.

Ist Toro Rosso der Geheimtipp im Mittelfeld?

Toro Rosso hatte ein aufregendes Training. Zuerst wurde das Auto von Daniil Kvyat wegen eines Problems mit der Servolenkung in der Garage festgehalten. Dumm, wenn man schon am Vormittag nicht trainieren konnte. Als der Russe endlich auf die Strecke ging, stellte er fest, dass er mühelos schnelle Rundenzeiten fahren konnte. Bei nur 9 Runden reichte es immerhin zu Platz 6. Dann wollte Kvyat zu viel und landete in der Mauer.

Bei Alexander Albon lief es von Anfang an rund. Der Thailänder bewegte sich ständig in den Top Ten, obwohl die Strecke als F1-Fahrer neu für ihn ist. Im Longrun mit den Soft-Reifen zwängte sich Albon zwischen die zwei McLaren. Mit den Medium-Gummis lag der Toro Rosso-Pilot hinter den McLaren und Sauber. Die Zeiten der McLaren sind aber wenig aussagekräftig. Carlos Sainz und Lando Norris drehten jeweils nur drei Runden auf der mittleren Mischung.

Boxentafel - Hamilton - GP Aserbaidschan 2018
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Dafür machte Kimi Räikkönen mit dem viertschnellsten Dauerlauf auf Medium-Gummis auf sich aufmerksam. Der Finne spulte 10 Runden im Mittel mit 1.48,119 Minuten ab. Alfa Romeo ist also wie Toro Rosso und McLaren gut dabei. Dafür schwächeln Renault, Haas und Racing Point. Renault und Haas wegen massivem Körnen der Reifen, Racing Point, weil dem Auto mit seinem Mini-Heckflügel Abtrieb fehlt. Sergio Perez rechnet trotzdem mit einer signifikanten Steigerung am Samstag: „Die Strecke wird noch massiv an Grip gewinnen. Davon profitieren wir mehr als andere.“

Warum ist die Angst vor einem Safety-Car so groß?

Das Aufwärmen der Reifen ist auf dem glatten Belag von Baku und mit den wenigen schnellen Kurven für alle ein Problem. Am besten bekam es noch Mercedes hin. Die Ferrari konnten dagegen noch in der dritten fliegenden Runde mit zwei Mal Abkühlen dazwischen schnelle Zeit auf den Soft-Reifen fahren.

Trotzdem geht im Feld die Angst vor einem Safety-Car oder einer VSC-Phase um. „Da fällt dir die Reifentemperatur so weit in den Keller, dass du sie nie mehr hoch kriegst“, fürchtet Haas-Teamchef Guenther Steiner. Das wird vor allem am Ende des Rennens ein Problem. Ab 17 Uhr wird es in Baku empfindlich kühl.

Longrun-Tabelle - Training GP Aserbaidschan 2019

Fahrer Ø Zeit Runden Reifen
Verstappen 1.47,605 7 soft
Bottas 1.47,914 6+5 soft
Hamilton 1.48,375 4 soft
Norris 1.48,537 6 soft
Leclerc 1.48,684 3+5 soft
Albon 1.48,758 5 soft
Sainz 1.49,339 7 soft
Hülkenberg 1.49,441 6 soft
Magnussen 1.49,724 8 soft
Räikkönen 1.59,413 3 soft
Perez 1.50,472 4 soft
Giovinazzi 1.50,596 4+4 soft
Grosjean 1.51,676 5 soft
       
Hamilton 1.46,945 9 medium
Leclerc 1.47,779 5 medium
Bottas 1.47,543 4 medium
Räikkönen 1.48,119 10 medium
Gasly 1.48,124 9 medium
Perez 1.48,333 10 medium
Norris 1.48,445 3 medium
Vettel 1.48,684 3+11 medium
Giovinazzi 1.48,754 6 medium
Albon 1.48,813 8 medium
Grosjean 1.49,497 9 medium
Sainz 1.51,644 3 medium
Kubica 1.53,398 8 medium
Motorsport Aktuell Mercedes - GP Japan 2019 Taktik-Check GP Japan 2019 Hamilton einfach nicht schnell genug

Ferrari war in Suzuka schneller im Qualifying, Mercedes im Rennen.

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