Kevin Magnussen - Haas - GP Österreich 2020 xpb
Kevin Magnussen - Haas - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020
Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020
Charles Leclerc & Lando Norris - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020
Impressionen - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020 51 Bilder

Höchste Ausfallquote seit zwölf Jahren

Warum kamen nur elf Autos ins Ziel?

Der Saisonauftakt der Formel 1 erinnerte an alte Zeiten. Nur elf von 20 Startern kamen ins Ziel. Es war die höchste Ausfallquote seit dem GP Australien 2008. In allen neun Fällen streikte die Technik. Die Ingenieure nennen drei Gründe für den hohen Aderlass.

Das erste Geisterrennen der Formel 1 führte uns ins Mittelalter des Motorsports zurück. Von 20 Startern kamen nur elf ins Ziel. Früher war das normal. Doch dieses "früher" liegt 30 Jahre zurück. Die Saison 1984 produzierte mit 16,3 Ausfällen pro Rennen die höchste Ausfallquote in 70 Jahren Formel 1. Seit den 90er Jahren gehen die Ausfälle deutlich zurück. Die Technik wurde zuverlässiger, die Fahrer machten weniger Fehler, weil die Autos immer einfacher zu fahren waren. Das führte 2019 zur geringsten Defekt- und Unfallquote aller Zeiten. Durchschnittlich fielen nur noch 2,9 Fahrer pro Grand Prix aus.

Aus Sicht der Teams war das eine wünschenswerte Entwicklung, aus Sicht der Show nicht. Die Ungewissheit, ob das Auto durchhält und der Fahrer ins Ziel kommt, zählt zu den Spannungsmomenten in diesem Sport. Das hat auch der erste Grand Prix des Jahres gezeigt. Die vielen Ausfälle würzten ein Rennen, das zu Rennmitte einzuschlafen drohte. Sie brachten Überraschungen und Safety Cars und sorgten dafür, dass die letzten 20 Runden richtig Action war.

Am Ende musste sogar Mercedes zittern. Beide Fahrer wurden angewiesen, die Randsteine zu meiden. Vibrationen drohten der Getriebesteuerung einen Streich zu spielen. Die Silberpfeile kamen durch. Für neun Fahrer endete der GP Österreich vorzeitig. Red Bull und HaasF1 verbuchten einen Totalausfall.

Max Verstappen  - GP Österreich 2020
Motorsport Images
Max Verstappen scheiterte wegen Motorproblemen.

Hohe Zahl an Defekten

Normalerweise beträgt der Anteil an Unfällen 50 Prozent. Doch diesmal hatten alle neun Ausfälle technische Gründe. Die Haas-Piloten flogen wegen Bremsdefekten von der Strecke. Kimi Räikkönen verlor ein Rad. Es gab kein eindeutiges Defektmuster, das Rückschlüsse auf den hohen Aderlass ziehen lassen würde. Die Red Bull verschwanden mit mysteriösen Motorproblemen, Daniel Ricciardos Renault mit einer überhitzten Antriebseinheit, George Russell ohne Benzindruck, Lance Strolls Racing Point mit Leistungsverlust, weil Sensoren Alarm schlugen und Daniil Kvyat mit einem Reifenplatzer.

Man muss in der Geschichte lange zurückblättern, um ein Rennen mit so vielen Ausfällen zu finden. Rein von den Zahlen fällt zuerst der GP Australien 2015 ins Auge, doch das lässt sich nicht vergleichen. Die beiden Manor im Feld traten zum Rennen gar nicht an, weil die Autos nicht einsatzbereit waren. Drei Autos strandeten bereits in der Einführungsrunde. Nur 15 Autos fuhren überhaupt in die Startaufstellung. Auch Melbourne 2011 mit nur zwölf von 22 Fahrern in der Wertung scheidet aus. Die beiden Sauber von Sergio Perez und Kamui Kobayashi kamen ins Ziel, wurden aber disqualifiziert.

Erst beim GP Australien 2008 finden wir eine halbwegs vergleichbare Konstellation. Von 22 Startern wurden nur acht gewertet. Doch sechs der 14 Ausfälle waren Unfällen geschuldet. Auch die hohen Verluste bei den Grand Prix der USA von 2003, 2004 und 2007 hatten mit Unfällen, Kollisionen oder Drehern zu tun. Da kommt der GP Japan 2002 dem Rennen in Spielberg noch am nächsten. Sieben Defekte, zwei Unfälle bei nur 19 Teilnehmern.

Valtteri Bottas - Mercedes - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 5. Juli 2020
xpb
Weg von den Randsteinen: Die Kerbs strapazieren Sensoren, Steuergeräte, mechanische Komponenten und Flügel.

Red Bull-Ring materialmordend

Die hohe Zahl an technischen Gebrechen beim ersten Rennen des Jahres überrascht, auch wenn die Vorbereitungsphase anders verlief als üblich. An den 112 Tagen seit dem abgesagten Saisonstart in Melbourne waren die Fabriktore der Teams 63 Tage lang zu. Auch die Motorenhersteller mussten die Arbeit niederlegen. 49 Tage lang. Das gab es noch nie. Es ist aber nach Aussagen der Ingenieure nicht der Grund für die ungewöhnlich vielen Schadensfälle.

Das erste Rennen des Jahres sei immer eine besondere Herausforderung. "Weil es das erste Mal ist, dass die Technik wirklich bis an die Grenzen belastet wird." In der Qualifikation kommt der Power-Modus zum Einsatz. Ein Rennen ist keine Testfahrt und auch kein Longrun. Im Zweikampf wird viel härter gefahren. Der banal klingende Grund wird von der Statistik unterstützt. Unter den Rennen mit hoher Ausfallquote ist überproportional oft der GP Australien vertreten. Und der ist normalerweise der Auftakt der Saison.

Dass der erste echte Belastungstest der Saison auf den Red Bull-Ring fiel, hat die Aufgabe noch schwerer gemacht. Die Rennstrecke mit der kürzesten Rundenzeit gilt als eine der härtesten für das Material. Bei 72 Prozent der Rundenzeit wird Vollgas gefahren. Es gibt drei Stellen, an denen aus niedrigen Geschwindigkeiten bis über 300 km/h beschleunigt und ebenso viele Bremspunkte, an denen über 4 g Verzögerung erzielt wird. In den Kurven 1, 3, 6, 9 und 10 muss der Fahrer über die Randsteine, wenn er schnell sein will. Die Kerbs zu meiden kostet laut Valtteri Bottas bis zu drei Zehntel.

Die Randsteine auf dem Red Bull-Ring sind besonders aggressiv. Sie provozieren Vibrationen, die Sensoren, Steuergeräte, Frontflügel und Aufhängungen kaputtschlagen können. Die vielen Zweikämpfe im Mittelfeld haben die Motoren gestresst. Wenn im Pulk gefahren wird, geht 680 Meter über Meereshöhe schnell die Motortemperatur durch die Decke. Zumal es mit 27 Grad ordentlich warm war.

Mercedes erwartet auch für den Grand Prix der Steiermark nächste Woche eine Materialschlacht. Während Teamchef Toto Wolff relativ optimistisch war, dass die Truppe um Qualitätschef Simon Cole die Probleme mit der Getriebesteuerung löst, zeigten sich einige Ingenieure im Team nicht so siegessicher. "Das Problem ist verstanden. Es wird aber schwer sein, es in der Kürze der Zeit ganz aus der Welt zu schaffen."

Offenbar hat es irgendetwas mit der Verkabelung der Getriebeelektronik zu tun. Noch kurz vor der Qualifikation am Samstag musste Mercedes im Auto von Bottas den Kabelbaum tauschen. Und es war nicht das einzige Problem, das Mercedes umtrieb. "Wir haben uns bei einigen Komponenten Sorgen um die Standfestigkeit gemacht." Bottas und Hamilton wurden während des Rennen auch je einmal aufgefordert, auf ein anderes Chassisprogramm umzuschalten.

Mehr zum Thema GP Österreich (Formel 1)
Max Verstappen - GP Österreich 2020
Aktuell
Ferrari - GP Steiermark - Österreich - 2020
Aktuell
Lewis Hamilton - GP Steiermark - Österreich 2020
Aktuell