Sergio Perez - Red Bull - Formel 1 - GP Aserbaidschan - Baku - Freitag - 4.6.2021 xpb

GP Aserbaidschan 2021: Analyse Training & Longruns

Trainingsanalyse GP Aserbaidschan Wer schlägt Red Bull?

GP Aserbaidschan

Red Bull gab am ersten Tag auf eine Runde und in den Longruns den Ton an. Mercedes fehlt eine Sekunde und rätselt warum. Dafür darf sich Ferrari erneut Hoffnungen auf ein Podium machen. Wenn sie es schaffen, die Reifen besser zu konservieren.

Stadtkurse scheinen ein gutes Pflaster für Red Bull zu sein. Und ein schlechtes für Mercedes. Im Moment deutet alles darauf hin, dass sich Monte Carlo wiederholt. Red Bull führt die Rangliste vor Ferrari an. Und Mercedes liegt eine Sekunde zurück. Im Longrun sehen die Silberpfeile stärker aus. Was vermuten lässt, dass die Reifen für eine schnelle Runde nicht optimal im Fenster sind.

Ferrari hat sich selbst unterschätzt. Die Italiener sind wie schon in Monte Carlo bei der Musik und spielen nach dem ersten Trainingstag den Geheimfavoriten. Ferrari schafft es, seine Reifen schnell anzuzünden, hat aber noch massive Probleme sie im Longrun zu konservieren. Wenn die Medium-Reifen am Sonntag so nachlassen wie bei Charles Leclerc am Freitag, dann kann der Monegasse von der Pole Position starten und wird nicht weit kommen. Unter dem Strich lässt sich sagen: Das einzige Team, das beide Disziplinen gut kann, ist Red Bull. Mercedes überzeugt im Longrun, Ferrari auf eine Runde.

Sechs Dinge, die Sie wissen müssen

Charles Leclerc - Ferrari - Formel 1 - GP Aserbaidschan - Baku - Freitag - 4.6.2021
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Ferrari war am Trainingsfreitag von Baku bei der Musik.

1) Kann Ferrari die Monaco-Show wiederholen ?

Mercedes glaubt ja, Red Bull nein. Ferrari selbst ging mit einem gesunden Realismus in die Schlacht. Beide Piloten rechneten damit, dass man wieder dorthin zurückfällt, wo man vor Monte Carlo war. In einen Kampf um Platz drei gegen McLaren. Nach dem ersten Trainingstag sieht es aber so aus, als könnte Ferrari auch für Mercedes zu einer Gefahr werden. Wenn die Ingenieure ein Mittel finden, die Reifen über die Distanz in Schuss zu halten. Charles Leclerc verlor in seiner Rennsimulation auf Lewis Hamilton am Ende des Stints dreieinhalb Sekunden. Bei Carlos Sainz stiegen die Rundenzeiten um zwei Sekunden an.

Charles Leclerc und Carlos Sainz belegten in beiden Trainingssitzungen die Plätze hinter den Red Bull. Am Vormittag mit 0,337 Sekunden Abstand, am Nachmittag um 0,128 Sekunden dahinter. Das ist deutlich weniger, als man sich intern ausgerechnet hat. Red Bull geht bei seinen Berechnungen davon aus, dass Ferrari am Freitag traditionell mit weniger Sprit unterwegs war. McLaren macht sich trotzdem wenig Hoffnung. "Ferrari ist für uns sowohl auf eine Runde und im Longrun deutlich zu schnell", stellte Lando Norris fest.

Daniel Ricciardo sah Ferraris Höhenflug kommen: "Sie wurden in den ersten Rennen unter Wert geschlagen. Aber jetzt zeigen sie den Speed, den das Auto drin hat. Und der ist für uns im Moment unerreichbar." Das gilt nicht für den Dauerlauf. Da war McLaren stärker. Leclerc ahnt es schon: "McLaren wird unser Gegner. Sie sind schneller als sie aussehen."

Ferrari probierte im ersten und zweiten Training unterschiedliche Flügel aus. Am Nachmittag kam der kleinere Heckflügel ans Auto. Die Rundenzeiten wurden relativ zur Konkurrenz schneller. Man darf davon ausgehen, dass die Konfiguration für weniger Anpressdruck am Auto bleibt. Sonst wäre man auf den zwei DRS-Geraden zu stark verwundbar. In den Kurven war Ferrari seinem Bezwinger Red Bull fast ebenbürtig. Im direkten Vergleich verlor Sainz auf Perez marginal in den Kurven 2, 3, 8 und 9.

Das zweite Training lief für Leclerc nicht ganz nach Plan. Der Pechvogel von Monte Carlo steuerte seinen Ferrari nach einem Verbremser in Kurve 15 in die Tecpro-Barrieren, konnte aber weiterfahren. Frontflügel und Nase waren Schrott. "Ich hatte zu viel Vertrauen in unser Auto auf der Bremse."

Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP Aserbaidschan - Baku - Freitag - 4.6.2021
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Red Bull überzeugte in beiden Disziplinen: auf eine schnelle Runde und im Longrun.

2) Hat Red Bull einen Gegner ?

Im Moment ist Red Bull der klare Favorit. Der WM-Spitzenreiter dominierte den ersten Trainingstag mit zwei Bestzeiten. Am Morgen Max Verstappen, am Nachmittag Sergio Perez. Der neue Wunder-Flügel, der fast schon Monza-Dimensionen hat, erfüllte seine Pflicht. Er brachte Red Bull trotz starker Anstellung des Autos in die Top 7 der Topspeed-Tabelle und schadete nicht in den Kurven. Perez hatte endlich mal einen soliden Trainingstag. "Mein bester Freitag in dieser Saison. Wir haben aus Monte Carlo die richtigen Lehren gezogen. So gut habe ich mich noch nie im Auto gefühlt."

Verstappen dagegen klagte am Nachmittag über Balanceprobleme. Die Vorderachse klebte nicht wie gewünscht. "Wir haben eine kleine Änderung beim Setup vorgenommen, aber die Auswirkung war riesig. Unglaublich wie sensibel diese Autos sind", wunderte sich Sportdirektor Helmut Marko und war trotzdem zufrieden: "Endlich hat unser Mexikaner mal einen sauberen Tag erwischt."

Die Red Bull waren schnell auf eine Runde und im Longrun. Im Gegensatz zu Lewis Hamilton, der auf den Medium-Sohlen seine Runden drehte, wählten Perez und Verstappen am Nachmittag den Soft-Reifen für die Rennsimulation. Perez schaffte trotz Asphalttemperaturen von über 40 Grad neun Runden auf der weichsten Mischung. Mehr als erwartet. "Für uns könnte das ein Rennreifen sein", erklärte Marko. Charles Leclerc musste seinen Ferrari nach sieben Runden abstellen. Der Monegasse meldete am Funk: "Die Hinterreifen sind komplett am Ende. Wenn ich weiterfahre, baue ich noch einen Unfall."

Die Honda-Teams hatten am ersten Trainingstag noch die alten Motoren im Auto, während Mercedes und Ferrari schon auf die zweiten Triebwerke umgestiegen waren. Aus dem Team war zu hören, dass Honda am Samstag auch auf neue Antriebseinheiten umstellen wird.

Lewis Hamilton - Mercedes - Formel 1 - GP Aserbaidschan - Baku - Freitag - 4.6.2021
Wilhelm
Mercedes war am Trainingsfreitag neben der Spur.

3) Warum ist Mercedes so langsam ?

Wann hat es das zuletzt gegeben? Mercedes auf den Plätzen 11 und 16. Lewis Hamilton verlor 1,041 Sekunden auf die Bestzeit und wusste nicht warum. Valtteri Bottas segelte zwei Mal in den Notausgang und beschädigte dabei einen Reifensatz derart, dass die Hinterreifen mit starkem Körnen protestierten. "Es war mit weitem Abstand unser schlechtester Freitag", resümierte Chefingenieur Andrew Shovlin. "Wir fanden einfach keinen Grip."

Es dauert wieder viel zu lange, bis die Reifen an den Mercedes auf Temperatur kamen. In den Longruns fanden die Mercedes erst ab der dritten Runde ihren Speed und waren ab dann so schnell wie Red Bull. Doch genau dieser lange Anlauf könnte für Hamilton und Bottas am Samstag zum Problem werden. Die Silberpfeile verloren ihre ganze Zeit in den langsamen Kurven. Lewis Hamiltons Funkspruch klang nach Verzweiflung. "Macht, was ihr wollt. Ich bekomme hier keinen Fuß auf den Boden. Keine Ahnung, wo ich so viel Zeit verliere."

Was genau die Mercedes-Fahrer bremst, war auch den Ingenieuren ein Rätsel. "Die Longruns sind besser, was dafür spricht, dass wir auf eine Runde ein Reifenproblem haben. Aber die Daten geben das nicht her." An der Aerodynamik-Konfiguration liegt es nicht. Der Topspeed passt und die Autos waren in den Kurven ordentlich ausbalanciert. Nur einfach zu langsam.

Daniel Ricciardo - McLaren - Formel 1 - GP Aserbaidschan - Baku - Freitag - 4.6.2021
Motorsport Images
McLaren muss im Mittelfeld auf Alpine und Alpha Tauri achtgeben.

4) Wer überrascht im Mittelfeld?

Auf den Plätzen 5, 6 und 7 landete je ein Alpha Tauri, Alpine und Alfa Romeo. Pierre Gasly, Fernando Alonso und Antonio Giovinazzi wilderten damit im Revier der McLaren. Lando Norris gab zu: "Im Moment ist es zwischen uns und diesen Teams extrem eng. Wir werden alles aus unseren Autos rausholen müssen, wenn wir uns da durchsetzen wollen."

Pierre Gasly fühlt sich im Auto so komfortabel wie in Monte Carlo. "Ich konnte von Anfang an attackieren. Wir sind unsere Zeiten ohne Windschatten gefahren. Das lässt mich hoffen." Chefingenieur Jonathan Eddolls führt die gute Vorstellung auf die weicheren Reifen und die hohen Temperaturen am Nachmittag zurück: "Das hat das Problem mit dem Reifenaufwärmen gelöst."

Antonio Giovinazzi zeigte sich erneut in guter Form. Der Italiener war sogar der König des dritten Sektors vor Esteban Ocon und Carlos Sainz. Teamchef Fred Vasseur verrät, dass Giovinazzi von einem guten Windshatten profitierte und dabei zwei Zehntel gutgemacht hat. Alpine brachte beide Autos in die Top Ten. Fernando kam wie so oft besser in Schwung. Der Spanier war von Anfang an mit seinem A521 zufrieden und betrieb mit dem Setup nur noch Feintuning.

Ocon dagegen berichtete: "Ich bin noch nicht vollständig happy mit dem Auto, weiß aber welche Richtung wir am Samstag einschlagen müssen." An den Longruns müssen Alpine und Alpha Tauri noch arbeiten. Da stand McLaren deutlich besser da. Aston Martin sucht noch Rundenzeit. Sebastian Vettel wusste warum: "Bei mir hat es zu lange gedauert, bis ich meinen Rhythmus fand. Als es dann mal lief, waren die Longruns nicht so schlecht."

Max Verstappen - Red Bull - Formel 1 - GP Aserbaidschan - Baku - Freitag - 4.6.2021
xpb
Die biegsamen Heckflügel stehen weiter unter Beobachtung.

5) Welche Heckflügel verbiegen sich ?

Nach Untersuchungen von Mercedes und McLaren liegen Red Bull und Ferrari mit ihren Heckflügeln weiter im roten Bereich, wenn das DRS geschlossen ist. Bei Red Bull überrascht das, denn der neue Flügel ist auf wenig Abtrieb ausgelegt. Da macht ein Verbiegen weniger Sinn. Fotos zeigen aber, dass der riesige Flap der Neukonstruktion weiter nach hinten klappt als bei der Konkurrenz. Red Bull-Teamchef Christian Horner konterte: "Mercedes muss ruhig sein, so wie sich ihr Frontflügel verbiegt."

Mercedes und McLaren lassen es offen, ob sie protestieren. Sie haben ohnehin nur Red Bull und Ferrari im Visier, also Autos, die ihnen gefährlich werden können. Aston Martin-Teamchef Otmar Szafnauer will genau aus diesem Grund nicht den wilden Mann spielen. Red Bull und Ferrari fahren nicht in seiner Liga. "Es ist zwar nicht korrekt, wenn sie mit Flügeln fahren, die auf der Strecke eine halbe Sekunde bringen, aber die FIA wird sich auf ihre Regeln berufen. Die Kröte werden wir wohl schlucken müssen." Red Bull-Sportdirektor Helmut Marko lässt sich von Protestgelüsten nicht aus der Ruhe bringen: "Wir sind für alle Fälle gerüstet."

6) Wie lange hält der weiche Reifen?

Bevor die Teams nach Baku kamen, ging die Sorge um, dass der weiche Reifen zu weich ist und als Rennreifen möglicherweise ausfällt. Trotzdem verteidigt Pirelli-Sportchef Mario Isola seine Reifenwahl. "Vor zwei Jahren haben die Teams den C2-Reifen nur einmal kurz im ersten Training angerührt. Deshalb sind wir eine Stufe weicher gegangen. Das größte Problem mit den weicheren Mischungen wird Körnen sein. Aber mit dieser Auswahl geben wir den Teams die Möglichkeit, unterschiedliche Strategien zu fahren."

Der bevorzugte Reifen am Sonntag dürfte wohl die harte Mischung C3 sein. Von dem hat aber jeder Fahrer nur drei Satz. McLaren-Teamchef Andreas Seidl kann sich vorstellen, dass sich die Teams für die Qualifikation und das Rennen je vier Sätze soft, einen Medium und zwei Garnituren harte Reifen aufheben. "Für den Fall eines SafetyCars, das einige vielleicht zu einem zweiten Reifenwechsel einlädt. Dann brauchst du einen Reifen, auf dem du attackieren kannst. Und das geht nur mit der harten Mischung."

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