Lewis Hamilton - GP Belgien 2020 Wilhelm
Antonio Giovinazzi - GP Belgien 2020
Antonio Giovinazzi - GP Belgien 2020
George Russell - GP Belgien 2020
Leclerc & Vettel - Ferrari - GP Belgien 2020 39 Bilder

Rennanalyse GP Belgien 2020: Ricciardo hilft beim Doppelsieg

Rennanalyse GP Belgien 2020 Ricciardo hilft beim Doppelsieg

In der Rennanalyse beantworten wir die letzten offenen Fragen zum Grand Prix von Belgien. Warum war Renault so stark? Warum war Ferrari so schwach? Und was hat die Rennleitung zum Giovinazzi-Crash zu sagen?

Wie half Riccardo Mercedes zu Doppelsieg?

Das Rennen in Spa stellte fast eine Kopie vom ersten Silverstone-Grand-Prix dar. Ein Safety-Car zwang den Großteil des Feldes früh an die Boxen um den einzigen Reifenwechsel zu absolvieren. Danach stand für alle Piloten ein langer zweiter Stint auf dem Programm. Gerne hätte Red Bull etwas Abwechslung ins Strategiespiel gebracht. In Runde 25 betrug der Abstand von Max Verstappen zu Valtteri Bottas nur 1,4 Sekunden.

"Wir wollten da unbedingt einen Undercut versuchen. Das hätte Mercedes in ein Dilemma gebracht", verriet Teamchef Christian Horner. "Leider befand sich Daniel Ricciardo noch in unserem Boxenstopp-Fenster. Er lag 17 Sekunden hinter uns. Wären es 18 Sekunden gewesen, hätten wir es gewagt. Aber so liefen wir Gefahr, hinter ihn zurückzufallen. Und wegen des hohen Top-Speeds des Renaults wäre es schwer gewesen, wieder vorbeizukommen."

Bei Mercedes hatte man sich bereits auf den Schachzug des Gegners eingerichtet: "Wir hätten dann beide Autos sofort an die Box geholt, auch wenn Valtteri damit einen Platz verloren hätte. Wir konnten es einfach nicht riskieren, dass uns am Ende des Rennens die Reifen einbrechen", verrieten die Ingenieure. Teamchef Toto Wolff fügte an: "Dann hätte es statt dem Doppelsieg womöglich nur die Plätze eins und drei gegeben."

Weil Red Bull genau wie Mercedes mit Regen spekulierte und ein etwas höheres Abtriebslevel wählte, beanspruchten die Autos des Führungstrios die Reifen vor allem im Mittelsektor überdurchschnittlich stark. "Ein Plattfuß wie in Silverstone hat sich zwar noch nicht konkret angedroht. Aber die Vibrationen und die niedrigen Temperaturen in den Reifen waren kein gutes Zeichen", so Wolff.

Aus Angst vor einem Reifenschaden wurde vorne ein Bummeltempo angeschlagen. So holte Ricciardo gegen Ende des Rennens mit weniger verschlissenen Reifen nochmal auf die Spitze auf. Esteban Ocon schnappte sich im Schlussspurt noch den zweiten Red Bull von Alex Albon, der bei seinem Pflichtstopp überraschend auf Medium-Reifen gesetzt wurde – ein Fehler, wie Horner eingestehen musste.

Esteban Ocon - GP Belgien 2020
xpb
Esteban Ocon konnte kurz vor Schluss noch den Red Bull von Alex Albon überholen.

Warum war Renault so stark?

Vor zwei Wochen erlebte Renault in Barcelona noch eine herbe Pleite. In Spa geigten die gelben Raketen nun plötzlich an der Spitze des Mittelfelds herum. Die Erklärung liegt im Kurslayout. Der R.S.20 scheint sich auf Strecken, die nicht maximalen Anpressdruck verlangen, deutlich wohler zu fühlen. Ricciardo flog im letzten Umlauf sogar zur schnellsten Rennrunde. "Wir hatten am Kommandostand kurz diskutiert, ob wir frische weiche Reifen aufziehen lassen und etwas Spaß haben. Doch der Plan wurde genauso verworfen, wie die Idee, in einen höheren Motor-Modus zu schalten", berichtete Einsatzleiter Alan Permane. "Allerdings hat Daniels Renningenieur ihm gesagt, dass die schnellste Runde nur eine halbe Sekunde entfernt liegt. Und dann hat er einfach Gas gegeben."

Bei Mercedes musste man anerkennen, dass Renault Rundenzeiten in den Asphalt brannte, die selbst für die eigenen Autos außer Reichweite lagen. Deshalb machte der vierte Platz Ricciardo am Ende auch nicht ganz glücklich. "Leider wurden wir von Perez und Gasly aufgehalten, die in der Safety-Car-Phase nicht an der Box waren. Als ich sie endlich überholt hatte, war es wie ein Korken, der sich öffnete. Leider hatte ich da schon zu viel Zeit verloren. Ich denke, dass wir das Tempo der ersten Drei sonst hätten mitfahren können. Ob wir sie überholt hätten, steht natürlich auf einem anderen Blatt."

Schon im Vorjahr präsentierte sich Renault in Spa überraschend stark. Und in Monza könnte es sogar noch besser laufen. Permane warnt aber vor übertriebenem Ehrgeiz: "Natürlich würden wir gerne gegen die Autos vor uns kämpfen. Aber wir dürfen nicht versuchen zu clever zu sein und etwas Verrücktes zu machen. Unser Ziel ist es nicht Red Bull oder Mercedes zu schlagen sondern Dritter in der Teamwertung zu werden." Mit der fetten Spa-Ausbeute von 23 Punkten liegt die Equipe nun nur noch neun Zähler hinter dem angepeilten Bronzeplatz, den aktuell noch McLaren innehat.

Sebastian Vettel - GP Belgien 2020
Motorsport Images
Ferrari fuhr in Spa den eigenen Ansprüchen weit hinterher.

Warum war Ferrari so schwach?

Ferrari lieferte in Spa eine indiskutable Leistung ab. Die Plätze 13 und 14 für Sebastian Vettel und Charles Leclerc sind weit entfernt von den Ansprüchen der Italiener. Schon vor dem Rennwochenende hatten die Verantwortlichen versucht, die Erwartungen niedrig zu halten. "Am Ende lief es aber sogar noch etwas schlechter als wir befürchtet hatten", musste Sebastian Vettel zugeben.

Teamchef Mattia Binotto versuchte den schwarzen Peter auf die Reifen zu schieben, die man angeblich nicht in das richtige Temperaturfenster bekam. Um den Hauptgrund für die Misere zu finden, musste man aber nur einen Blick auf das Ergebnis werfen. Von den letzten sechs Autos im Ziel hatten fünf einen Ferrari-Motor im Heck. Nur Williams-Pilot Nicholas Latifi störte das einheitlich schlechte Bild.

Weil mit Kimi Räikkönen aber ein Kundenauto noch schneller fuhr als die Werksrenner, steckte die Antwort auf die Frage nach der Ferrari-Formschwäche nicht alleine in der fehlenden Leistung. Und Leclerc hatte ja zumindest im ersten Silverstone-Rennen gezeigt, dass der SF90 auch auf Power-Strecken gut aussehen kann. Die Konkurrenz vermutet, dass zum Leistungsdefizit auch noch die spezielle Charakteristik von Spa hinzu kam, die irgendwie nicht zum Aerodynamik-Fenster des Autos passte. Deshalb gibt es auch noch Hoffnung, dass es in Monza wieder etwas besser laufen könnte.

Warum flog das Rad vom Giovinazzi-Alfa ab?

Antonio Giovinazzi war in Runde zehn am Ausgang der Fagnes-Kurve erst der Grip und dann das Talent ausgegangen. Der Italiener verlor beim Beschleunigen das Heck seines Alfa Romeos. Mit dem Versuch, das Auto abzufangen, machte es der Youngster nur noch schlimmer. Statt nach innen über die Strecke zu rutschen, bog der C39 bei rund 240 km/h nach außen in die nahe Bande ab.

Der Einschlag war so heftig, dass sich das linke Hinterrad löste und dem Williams von George Russell direkt vor die Nase flog. Der Brite wurde von dem Geschoss getroffen und links in die Bande bugsiert. Der Youngster bedankte sich anschließend bei seinem Halo-Schutzbügel, dass er nicht von den Trümmerteilen am Helm getroffen wurde.

Wegen zahlreicher schwerer Verletzungen in der Vergangenheit stehen herumfliegende Räder bei der FIA ganz oben auf der Gefahrenliste. Entsprechend ernst nimmt der Weltverband die Situation. Direkt nach dem Rennen hatte Rennleiter Michael Masi aber noch keine Antwort parat, warum das Rad abriss. Normalerweise müssen die Kevlarseile, mit denen die Räder am Chassis befestigt sind, eine Zugkraft von sieben Tonnen aushalten.

"Wir sind sehr besorgt über die Situation", erklärte der FIA-Mann nach dem Rennen. "Unsere Technik-Experten haben mit der Untersuchung schon begonnen. Wir haben die Video-Bilder gesichtet und jede Menge Fotos von den Teilen gemacht, nachdem sie von der Unfallstelle zurückkamen. Wir müssen uns die Daten jetzt ganz genau anschauen. Noch ist es aber zu früh, Vermutungen aufzustellen."

Antonio Giovinazzi - GP Belgien 2020
Motorsport Images
Wie eine Flipperkugel prallte Giovinazzi von der Bande auf die Strecke zurück.

Ist Spa für moderne F1-Autos zu gefährlich?

Nach dem Unfall von Giovinazzi gab es kritische Stimmen im Fahrerlager, die Spa-Francorchamps für zu gefährlich halten. Der Tod von Formel-2-Pilot Anthoine Hubert im Vorjahr lief ähnlich ab wie der Giovinazzi-Crash. Beide Male wurde ein Auto wie eine Flipperkugel von der Bande auf die Strecke zurückgeschleudert, was unter anderem am Mangel weitläufiger Auslaufzonen liegt.

"Wir schauen uns natürlich nach jedem Unfall an, ob wir etwas an der Sicherheit verbessern können. Das betrifft nicht nur die Strecke in Spa", betonte Rennleiter Masi. "Wir werden prüfen, ob man an der Stelle vielleicht den Weg zu den Reifenstapeln vergrößern kann."

Mercedes-Chef Toto Wolff sprach sich direkt gegen einen Umbau aus. "Natürlich ist es eine sehr schnelle Ecke, in der Giovinazzi abgeflogen ist. Aber die Formel 1 braucht diese alten Strecken, auf denen der Fahrer noch einen Unterschied machen kann. Wir brauchen eher noch mehr davon."

Eine weitere Frage lautete, warum der Unfall nicht zu einem Abbruch führte. "In diesem Fall war es nicht nötig rote Flaggen zu schwenken", erklärte Masi. "Die Streckenposten haben ein super Job erledigt und schnell einen Weg durch die Unfallstelle freigeräumt. Das Safety-Car reichte aus."

Wie gefährlich war das Duell Gasly vs. Perez?

Es war das spektakulärste Überholmanöver der bisherigen Saison. Pierre Gasly kam in Runde zwei etwas besser aus der La-Source-Haarnadel als der Racing Point von Sergio Perez vor ihm. Auf dem Weg runter zur Eau Rouge zog der Angreifer rechts neben seinen Gegner. Doch so leicht gab Perez seinen neunten Platz nicht auf. Der Mexikaner drückte Gasly immer weiter Richtung Bande, um den Franzosen zum Bremsmanöver zu zwingen. Die Fans an den Bildschirmen hielten die Luft an, als sich der Alpha-Tauri-Pilot mutig durchquetschte und sich die Position sicherte.

"Ich wusste, dass ich nicht mehr weiter nach innen an die Mauer konnte", berichtete Gasly später. Der 24-Jährige war sich der Gefahr des Manövers bewusst: "An der Stelle haben wir rund 300 km/h drauf. Ich wollte aber auf keinen Fall vom Gas gehen. Sergio ist ein harter Racer. Es herrscht ein großer Respekt unter uns Piloten. In dieser Situation war es aber grenzwertig. Mein Herzschlag ging dabei leicht nach oben. Am Ende hat es zum Glück gerade so gereicht."

Gasly wurde als Belohnung von den Fans zum Fahrer des Rennens gewählt. Die gute Leistung widmete er seinem im Vorjahr verstorbenen Kumpel Anthoine Hubert: "Das war ein sehr emotionales Rennen. Eigentlich liebe ich die Strecke von Spa. Aber dieses Jahr bin ich mit einem traurigem Gefühl angereist. Da wollte ich hier unbedingt ein gutes Rennen zeigen."

In der Galerie zeigen wir Ihnen noch einmal die Highlights des Grand Prix von Belgien.

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