Max Verstappen vs. Lewis Hamilton - GP Brasilien 2021 Motorsport Images
Max Verstappen - Lewis Hamilton - GP Brasilien 2021 - Sao Paulo - Rennen
Max Verstappen - Lewis Hamilton - GP Brasilien 2021 - Sao Paulo - Rennen
Lewis Hamilton - Mercedes - GP Brasilien 2021 - Sao Paulo - Rennen
Max Verstappen - Red Bull - GP Brasilien 2021 - Sao Paulo - Rennen 59 Bilder

Mercedes scheitert: Freispruch für Verstappen

Mercedes scheitert mit Einspruch Freispruch für Verstappen

Es bleibt alles beim Alten. Die Sportkommissare schmettern das Gesuch von Mercedes ab, den Fast-Unfall aus Brasilien noch einmal zu öffnen. Das Weltmeister-Team hatte sich mit seinem Überprüfungsantrag ohnehin geringe Chancen ausgerechnet, wollte aber eine Grundsatzfrage klären.

Der Grand Prix von Brasilien endete mit einem Sieg von Lewis Hamilton. Der Weltmeister trumpfte in Sao Paulo groß auf, setzte sich gegen alle Widerstände durch, überholte Max Verstappen auf der Rennstrecke und verkleinerte seinen Rückstand in der WM auf 14 Punkte. Mit dem zweiten Sieg am grünen Tisch wurde es für sein Team allerdings nichts.

Zwischen dem ersten und zweiten Training in Katar verkündeten die Sportkommissare ihre Entscheidung. Das rustikale Manöver von Verstappen gegen seinen WM-Rivalen beim GP Brasilien wird nicht noch einmal näher beleuchtet. Mercedes hatte mit neuen Beweisen eine Bestrafung des Red Bull-Piloten erwirken wollen. Man brachte dafür die Onboard-Aufnahme mit der nach vorne gerichteten Kamera im RB16B ins Spiel. Diese hat zum Zeitpunkt der Entscheidungsfindung nicht vorgelegen.

Neuer Beweis, aber nicht bedeutend

Das Rennen in Brasilien wurde in Katar noch einmal nachverhandelt. In einer Video-Konferenz von insgesamt fünfeinhalb Stunden, aufgeteilt in drei Portionen auf zwei Tage, legten Mercedes und Red Bull ihre Sicht dar, und die Sportkommissare aus Sao Paulo stellten Fragen. Schlussendlich lehnten sie das Überprüfungsrecht (Right of Review) ab, um das Mercedes gebeten hatte. Der Fall wird zu den Akten gelegt.

Die Stewards erkannten drei von vier Punkten an. Der Beweis, die Aufnahme der Onboard-Kamera, sei während des Rennens nicht verfügbar gewesen. Das gehe auch gar nicht. "Es wird immer Perspektiven geben, die nicht direkt verfügbar sind, weil es die Technik oder die Bandbreite nicht zulassen." Mercedes-Teamchef Toto Wolff erwidert. "Die Stewards sollten aber sofort Zugang zum gesamten Material haben, wenn es um so wichtige Entscheidungen geht."

Auch den zweiten Punkt sahen die Schiedsrichter als erfüllt an. Es läge neues Material vor. Und es sei für den Fall Verstappen gegen Hamilton auch relevant. Damit war der dritte Punkt in der Beweiskette erfüllt. Jedoch sahen die Stewards in der Onboard-Aufnahme keinen bedeutenden Beweis.

An der Tatsachenentscheidung hätte das neue Material auch damals nichts geändert. Anders als etwa in Österreich 2020, als erst die später aufgetauchten Filme der 360-Grad-Kamera eröffneten, dass Hamilton die doppelt-gelb geschwenkten Flaggen hätte sehen müssen. "Wenn wir in Brasilien das Gefühl gehabt hätten, dass uns etwas fehlt, hätten wir die Untersuchung ausgesetzt, und den Fall nach dem Rennen intensiv behandelt."

Max Verstappen vs. Lewis Hamilton - GP Brasilien 2021
Motorsport Images
Noch drei Rennen: Der WM-Kampf wird auf und neben der Strecke ausgetragen.

Mercedes ging es um Grundsatzfrage

Mercedes ist gescheitert, und hat sich keinen Gefallen getan. Teamchef Wolff: "Wir haben uns ohnehin keine großen Chancen ausgerechnet. Wir haben ein kleines Dossier erstellt, und nicht zu viel Zeit damit verschwendet. Uns geht es mehr um den Grundsatz. Was für Konsequenzen hat ein solches Verhalten auf der Rennstrecke für die Rennen? Wir wollten darüber eine Diskussion anstoßen, damit für die letzten drei Rennen Klarheit besteht, was erlaubt ist und was nicht. Und damit die WM nicht im Büro der Sportkommissare entschieden wird."

Red Bull-Teamchef Christian Horner atmete auf. "Die FIA hätte einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen, wenn sie hier zu einer anderen Entscheidung gekommen wäre." Da waren sich eigentlich alle im Fahrerlager einig. Vielleicht bis auf Mercedes.

Die Geschichte verdeutlicht einmal mehr, dass die Diplomatie in diesem Titelkampf über Bord geworfen wurde. Es wird nach Herzenslust ausgeteilt. Da stehen sich zwei Lager gegenüber, die wie Feuer und Wasser, wie Himmel und Hölle sind. Die inzwischen aber in gleicher Regelmäßigkeit die Giftpfeile aufeinander abschießen.

Mercedes verlangt nach Right of Review

Es wird mit allen Mitteln gekämpft, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Auf und neben der Rennstrecke. Am Dienstagabend hatte Mercedes vermeldet, einen Überprüfungsantrag bei der FIA eingereicht zu haben. Obwohl man den GP Brasilien für sich entschieden hatte. Obwohl man mit 25 WM-Punkten abgereist war. Es ging um einen Vorfall in der 48. Rennrunde in der vierten Kurve.

Dort hatte sich Verstappen mit allen Mitteln gegen Hamiltons Angriff auf der Außenseite verteidigt. Der WM-Führende lag bereits eine Dreiviertel-Wagenlänge hinter dem Mercedes, bremste aber so spät, dass er wieder auf gleiche Höhe kam. Zusammen rodelten die beiden neben die Fahrbahn in die asphaltierte Auslaufzone.

Verstappen hielt die Führung, Hamilton sortierte sich nach einem Ritt über einen schmalen Grasstreifen an zweiter Stelle ein. Vielleicht hätte der Titelverteidiger die Kurve ohne den Red Bull zu seiner Linken bekommen. Verstappen glaubt nicht daran. "Wir haben beide spät gebremst. Auch für ihn wäre es schwierig geworden."

Horner: Kein Vergleich zu Silverstone

Mercedes-Teamchef Toto Wolff war am Rennsonntag aufgebracht. "Max hätte dafür eine Fünfsekunden-Strafe bekommen zu müssen. Diesen Vorfall unter den Teppich zu kehren, ist einfach lächerlich." Als neuen Beweis, um nachträglich doch noch eine Strafe gegen den Gegner zu erwirken, verwies Mercedes auf die Onboard-Aufnahme im Auto des Red Bull.

Diese war zum Zeitpunkt des Rennens noch nicht verfügbar, sondern musste erst im Nachgang heruntergeladen werden. Die Rennleitung hatte Verstappens Manöver zwar notiert. Im Austausch mit den Sportkommissaren kam man während des Rennens allerdings zum Entschluss, die Szene nicht zu einer Untersuchung mit möglicher Strafe auszuweiten. Verstappen sprach von einem harten, aber fairen Zweikampf, der ihm Spaß gemacht habe. Das wiederholte er am Donnerstag vor dem GP Katar. Am Ende hatte sich Hamilton mit einem Manöver in der 59 Runde ohnehin durchgesetzt.

Mercedes machte fristgerecht innerhalb von 48 Stunden von seinem Recht auf ein Gesuch für eine Überprüfung Gebrauch. Das steht jedem Teilnehmer nach Artikel 14 des Internationalen Sport-Kodex zu. Red Bull hatte so beispielsweise in Silverstone nach dem Unfall der Titelrivalen verfahren. "Ein ganz anderer Fall. Damals waren die Konsequenzen völlig anders. Lewis hat das Rennen gewonnen. Wir standen mit einem zertrümmerten Auto, einem kaputten Motor und einem Millionenschaden da. Und unser Fahrer musste ins Krankenhaus", meint Horner.

Verstappen verteidigt sich

So setzte die FIA für Donnerstag um 17 Uhr ein virtuelles Treffen zwischen Mercedes-Vertretern, Red Bull-Teammitgliedern und den Rennkommissaren aus Brasilien an. Das waren in diesem Fall Tim Mayer, Fahrer-Kommissar Vitantonio Liuzzi, Matteo Perini und Roberto Pupo Moreno.

Kurz vor Verhandlungsbeginn hatte sich der Beschuldigte in der offiziellen Pressekonferenz vor dem GP Katar geäußert. Verstappen erklärte die Szene aus seiner Sicht. "Ich musste mir keine zusätzlichen Videos anschauen, weil ich weiß, was im Cockpit passiert ist. Jeder Fahrer weiß genau, was er im Auto tun kann, und was nicht. Meine Reifen waren zu diesem Zeitpunkt heiß. Wenn ich abrupter einlenke, kommt mir das Heck und ich drehe mich."

Sicher kann man über den späten Bremspunkt streiten. Nur so hatte er überhaupt eine Chance, den Angriff abzublocken. So spät hätte er mit heißen Reifen auch nicht den Anker geworfen, läge in der vierten Kurve ein Kiesbett oder stände eine Mauer. Die Onboard-Aufnahme bestätigte die Aussagen des Piloten. Der 24-Jährige führte keine Gegenlenk-Bewegung durch. Es ist zu sehen, wie er zunächst nur minimal nach links einschlägt, und nach und nach den Lenkwinkel erhöht. Erst nachdem er den Scheitelpunkt verpasste, bewegt er das Lenkrad auf einen Winkel von fast 45 Grad im Verhältnis zur Ausgangsstellung.

Toto Wolff - Mercedes - Christian Horner - Red Bull - GP Katar 2021
xpb
Die Teamchefs: Toto Wolff und Christian Horner werden in diesem Leben keine Freunde mehr.

Hamilton konzentriert auf Titelkampf

Hamilton, der unmittelbar nach dem Rennen von einem harten Zweikampf gesprochen hatte, indem er "nichts Anderes erwartet hatte", äußerte sich auch in Katar nicht vorwurfsvoll. Es klang nicht danach, dass er die Handlungen seines Teams angeschoben hatte. Im Gegenteil. Der Titelverteidiger will sich von den Diskussionen und Streitereien im Hintergrund nicht ablenken lassen. Die Konzentration gilt Auto und Rennstrecke. So beteuert es auch sein großer Rivale.

Es ist ein Schaukampf auf dem politischen Parkett, den die Teams und nicht die Fahrer führen. Hamilton: "Es ist immer schwer, ein Urteil abzugeben, wenn man nicht alle Perspektiven kennt. Erst später lagen sie vor. Das Team ist zu einer anderen Ansicht gekommen. Ich unterstütze es wie immer. Ich weiß, dass sie Einspruch eingelegt haben, bin aber kein Teil des Prozesses. Ich will meine Energie in das nächste Wochenende, in den WM-Kampf stecken."

Im Fahrerlager war die Meinung zum Zwischenfall durchaus geteilt. Manche Piloten schlugen sich auf die Seite Verstappens. Andere sahen sein Manöver kritisch. "Sie haben sich nicht mal berührt. Da war nichts Verrücktes dabei. In meiner Karriere habe ich schon weit Schlimmeres gesehen", urteilte der erfahrenste Pilot im Feld, Kimi Räikkönen.

Leclerc will sich anpassen

"Wir wissen, dass Max immer schon aggressiv im Zweikampf war. Aber er ist in dieser Hinsicht gereift. Man sieht es daran, dass die Unfälle zurückgegangen sind. Man könnte durchaus sagen, dass es zu hart war, weil beide neben die Strecke kamen. Aber es ging um den Sieg, es geht um die Meisterschaft. Da machst du alles, um eine Führung zu verteidigen. Wenn so viel auf dem Spiel steht, kämpfst du bis zum Schluss", meinte Ex-Teamkollege Daniel Ricciardo."

Sebastian Vettel befand: "Lewis saß im schnelleren Auto. Er hat das Rennen gewonnen. Es ist ein bisschen unnötig." Sein ehemaliger Teamkollege, Charles Leclerc, nimmt die Entscheidung als Referenz, wie er sich zukünftig im Zweikampf verhalten darf. "Man muss sich an jede Entscheidung anpassen, die von den Stewards ausgesprochen werden. Das ist bei jedem Fahrer ähnlich. Wir wollen immer ans Limit des Erlaubten." Der Monegasse sagte am Donnerstag aber auch: "Wenn das erlaubt ist, dann werden Überholmanöver auf der Außenbahn schwierig."

Für George Russell war der Fall klar gelagert. "Ob es im Nachhinein eine Strafe gibt, weiß ich nicht. Hätte es sofort eine Strafe geben sollen? Das denke ich. Du kannst nicht einfach 25 Meter später als auf jeder anderen Runde bremsen und den anderen von der Strecke zwingen. Das ist kein faires Rennfahren. Es ist härteres Racing, aber kein faires Racing."

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