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Rennanalyse GP England 2019

Zweikämpfe, wohin das Auge reicht

Lewis Hamilton brauchte ein Safety Car, um den siebten Saisonsieg einzutüten. Seine schnellste Rennrunde auf abgekauten Reifen zeigte allerdings seine Überlegenheit. Sebastian Vettel schoss Max Verstappen ab. Red Bull trauerte einem möglichen zweiten Platz nach.

Den GP England 2019 werden die Fans nicht so schnell vergessen. Es war ein Rennen vollgepackt mit Zweikämpfen. Wir analysieren den zehnten Großen Preis der 70. Formel 1-Saison.

Wieso krachte Vettel in Verstappens Heck?

Es war die Szene des Rennens. In der 37. Runde torpedierte Sebastian Vettel den Red Bull von Max Verstappen. Der Unfall erinnerte an den Zusammenprall zwischen Verstappen und Ex-Teamkollege Daniel Ricciardo in Aserbaidschan 2018.

Damals verzichteten die Sportkommissare darauf, eine Strafe auszusprechen. Dieses Mal nicht, weil der Fall anders lag. Chef-Steward Garry Connelly, Fahrer-Kommissar Vitantonio Liuzzi sowie Felix Holter und Dennis Carter identifizierten in Vettel den Schuldigen und brummten ihm zehn Strafsekunden und zwei Punkte für die Sünderkartei auf. Am Rennergebnis änderte sich für Vettel nichts. Er landete nach einem fälligen Nasenwechsel sowieso weit außerhalb der Punkte. Der Unfallpilot versuchte erst gar nicht, seinen Fehler abzustreiten. „Ich habe eine Lücke gesehen, die nicht da war. Daraufhin habe ich Max abgeräumt.“

Vettel - Verstappen - GP England 2019 - Silverstone - Rennen
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Sebastian Vettel kostete Max Verstappen ein Podest.

Vettel und Verstappen balgten sich um den dritten Rang. Der 21-Jährige hatte das schnellere Auto. Verstappen knabberte innerhalb von zehn Runden einen Rückstand von 2,3 Sekunden ab. Mit DRS und Windschatten flog der Red Bull auf der Hangar-Straight vor Kurve 15 am Ferrari vorbei. In der über 220 km/h schnellen Stowe-Kurve geriet Verstappen allerdings auf den äußeren Randstein. Vettel witterte die Möglichkeit, zu kontern. Mit Überschuss näherte er sich dem Red Bull mit der Startnummer 33. „Ich wollte innen reinstechen. Als ich gerade ansetzte, war es zu spät. Deshalb musste ich nach rechts ausweichen. Leider war es auch da schon zu spät, eine Kollision zu vermeiden.“

In dem Augenblick, als Vettel die Spur kreuzte und in Verstappens Windschatten eintauchte, traf die verwirbelte Luft den Frontflügel mit voller Wucht. Der Ferrari verlor Anpressdruck auf der Vorderachse und es blockierten die Räder. Vettel schlitterte in Verstappen und boxte ihn von der Rennstrecke. Der Heppenheimer entschuldigte sich direkt nach dem Rennen. Verstappen akzeptierte und klagte. „Er hat sich verschätzt und ich habe dafür bezahlt. Bei allen anderen Zweikämpfen war ich vorsichtig, um ja keinen Unfall zu haben.“

Wo hätte Verstappen landen können?

Red Bull fühlte sich um ein Podest gebracht. Womöglich sogar um Platz zwei. „Bottas musste noch einmal an die Box. Wir nicht. Damit hätten wir ihn auf jeden Fall vor dem Finale überholt“, erklärt Red Bulls Teamchef Christian Horner. Vor dem Unfall lag Verstappen nur zehn Sekunden hinter dem Finnen im zweiten Mercedes. Dieser Vorsprung hätte für Bottas nicht gereicht, um beim zweiten Reifentausch vor Verstappen zu bleiben. Doch Bottas hätte für den Schlusssprint frische weiche Reifen gehabt. Und Verstappen alte harte Gummis, um sich zu verteidigen. „Bottas hätte erst einmal wieder an Max vorbeimüssen.“

Der Unfall mit Vettel verhinderte einen mögliches Duell. Verstappen brachte seinen Red Bull immerhin auf dem fünften Platz ins Ziel. „Das war ein kleines Wunder“, meinte Horner. Das Schadensbild: kaputter Diffusor, gebrochener Unterboden, ausgefallene Servolenkung, ein lockerer Fahrersitz.

Lewis Hamilton - Mercedes - GP England 2019 - Silverstone - Rennen
Wilhelm
Nur durch das Safety Car kam Lewis Hamilton am Teamkollegen vorbei.

Wie half Lewis Hamilton das Safety Car?

Beide Mercedes starteten auf der Medium-Mischung in den 52 Runden langen Grand Prix. Trotzdem planten die Strategen mit zwei Boxenstopps. Die Erfahrungen des Trainingsfreitags mahnten zur Vorsicht. Da hatte der aggressive Asphalt den Gummi von der Lauffläche gefressen.

Pole-Mann Bottas verteidigte die Spitzenposition in den ersten 16 Runden. Obwohl Hamilton formatfüllend in seinem Rückspiegel klebte. Der Weltmeister attackierte mehrmals, lag sogar in der vierten Runde vor der siebten Kurve für den Moment vorn.

Doch es brauchte Glück, um den Teamkollegen an diesem Rennsonntag auszuhebeln. Bottas holte sich im 16. Umlauf neue Medium-Reifen, der Teamkollege fuhr weiter. „Wir haben vor dem Rennen gemeinsam besprochen, dass der intern Zweitplatzierte eine andere Taktik bekommt. Ansonsten wäre das Ergebnis schon nach der ersten Runde festgestanden“, erklärte Mercedes-Teamchef Toto Wolff.

Hamilton blieb auf der Strecke, doch seine Rundenzeiten waren nicht gut genug, um nach einem eigenen Stopp in Führung zu bleiben. Dafür die Rundenzeiten im 18. und 19. Umlauf. Bottas: 1.30,344 und 1.30,624 Minuten. Hamilton: 1.30,979 und 1.30,784 Minuten. Ein Safety Car sprang Hamilton zur Seite. Ausgelöst hatte es Antonio Giovinazzi, der in Runde 20 ins Kiesbett kreiselte. Mercedes reagierte sofort, steckte bei Hamilton von Medium auf harte Reifen um. Weil Bottas um die Strecke kriechen musste, reichte Hamiltons Vorsprung von 17,4 Sekunden aus, um sich nach dem Reifentausch vor dem Teamkollegen zu behaupten.

Wieso bekam Bottas für Teil zwei des Rennens den Medium und Hamilton den harten Reifen? Das war von Anfang an geplant. Mit dieser Aufteilung sicherten sich die Strategen gegen alle Eventualitäten ab. Es hätte auch keinen Sinn gemacht, es anders herum zu handhaben. Hamilton wäre dann bei einem normalen Rennverlauf mit den weicheren Reifen hinter dem Stallrivalen festgesteckt und hätte obendrein beim zweiten Mal früher stoppen müssen. Das wiederum hätte Bottas benachteiligt. Denn der besser platzierte Fahrer genießt für üblich den Vorteil des früheren Reifenwechsels, um einem Undercut vorzubeugen.

F1-Fotos GP England 2019: Der Silverstone-Kracher in Bildern

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Spielte Hamilton nur mit seinen Gegnern?

In den letzten Minuten diskutierten Fahrer und Ingenieure am Mercedes-Funk. Die Strategen wollten die vor dem Rennen festgelegte Taktik umsetzen, nachdem Verstappen keine Gefahr mehr war, und ein zweites Mal die Reifen tauschen. „Wir hatten genug Luft nach hinten.“

Doch nur Bottas fasste weiche Reifen auf. Der Finne fühlte Vibrationen auf seinem zweiten Satz, musste aber ohnehin noch einmal Wechseln, nach zwei Stints auf den Medium-Reifen. Hamilton hingegen weigerte sich. Der Weltmeister fühlte sich unwohl dabei, einen zweiten Boxenbesuch einzulegen. „Für den Fahrer birgt ein Stopp immer ein gewisses Sicherheitsrisiko“, erklärt Wolff. „Wir wollten uns auch im Falle eines späten Safety Cars absichern. Dann wäre Lewis verwundbar gewesen. Wir haben ihn entscheiden lassen.“

Wenn er schon nicht gewinnen konnte, dann wollte Bottas wenigstens den Zusatzpunkt für die schnellste Rennrunde ergattern. Dafür legte der WM-Zweite mit den weichen Reifen eine Rundenzeit von 1.27,406 Minuten vor. Hamilton schonte ohne Schattenmann seine Reifen und wartete bis zur letzten Runde. Dann packte der Engländer trotz 32 Runden alter harter Gummis den Hammer aus. Hamilton unterbot Bottas um 37 Tausendstel. Was zeigt, dass er in einer eigenen Liga fuhr. „Er haut einen raus und lässt damit alle dumm aussehen“, konstatierte Teamchef Wolff.

Wie hat sich die Österreich-Entscheidung ausgewirkt?

Silverstone sah zahlreiche Zweikämpfe. Vor allem die Red Bull und Ferrari balgten sich. Die Fahrer fühlen sich nach der Entscheidung von Österreich, Verstappen nicht zu bestrafen, befreit. Sie können wieder Rennen gegeneinander fahren, weil die Stewards sie lassen. Charles Leclerc fuhr direkt die Ellbogen aus im Zweikampf mit Verstappen. „Ich habe gesagt, ich fahre aggressiver und setzte es direkt um.“ Die Fans waren verzückt. „So soll Racing doch sein“, stellte Red Bulls Helmut Marko fest. Da stimmen wohl alle zu.

GP England 2019: Ergebnis Rennen

Fahrer Team Zeit / Rückstand
1. Lewis Hamilton Mercedes 1:21:08.452
2. Valtteri Bottas Mercedes +24.928s
3. Charles Leclerc Ferrari +30.117s
4. Pierre Gasly Red Bull +34.692s
5. Max Verstappen Red Bull +39.458s
6. Carlos Sainz McLaren +53.639s
7. Daniel Ricciardo Renault +54.401s
8. Kimi Räikkönen Alfa Romeo +65.540s
9. Daniil Kvyat Toro Rosso +66.720s
10. Nico Hülkenberg Renault +72.733s
11. Lando Norris McLaren +74.281s
12. Alexander Albon Toro Rosso +75.617s
13. Lance Stroll Racing Point +81.086s
14. George Russell Williams +1 Runde
15. Robert Kubica Williams +1 Runde
16. Sebastian Vettel Ferrari +1 Runde
17. Sergio Perez Racing Point +1 Runde
18. Antonio Giovinazzi Alfa Romeo Ausfall
19. Romain Grosjean Haas Ausfall
20. Kevin Magnussen Haas Ausfall
Motorsport Aktuell Pirelli - Mercedes - GP Österreich 2019 - Spielberg Schmidts F1-Blog zu den Reifen Schafft die Reifenmarkierungen ab

Der Vorschlag von Renault stößt bei Michael Schmidt auf offene Ohren.

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