Lewis Hamilton - GP Mexiko 2019 xpb
Lewis Hamilton - GP Mexiko 2019
Lewis Hamilton - GP Mexiko 2019
Lewis Hamilton - GP Mexiko 2019
Lewis Hamilton - GP Mexiko 2019 46 Bilder

Rennanalyse GP Mexiko 2019: Mercedes-Risiko wird belohnt

Rennanalyse GP Mexiko 2019 Ferrari im Reifen-Dilemma

Der Grand Prix von Mexiko wurde über die Strategie entschieden. Die Reifen verhielten sich am Rennsonntag anders als von den Ingenieuren vorhergesagt. In der Rennanalyse erklären wir warum.

Warum entschied sich Mercedes für die Risiko-Taktik?

Lewis Hamilton war nach seinem Techtelmechtel mit Max Verstappen in der ersten Runde schon auf Position fünf zurückgefallen. Doch bis auf den McLaren von Carlos Sainz musste der alte und wahrscheinlich neue Weltmeister auf dem Weg zum Sieg kein Auto mehr überholen. Die Entscheidung beim Grand Prix von Mexiko fiel an den Boxen. Hamilton wurde schon in Runde 23 zum einzigen Boxenstopp gebeten. Damit musste der Brite 48 Runden lang auf den harten Reifen bis ins Ziel überleben.

Bei Ferrari traute man sich einen solch langen Stint nicht zu. Nach den Erfahrungen der Freien Trainings befürchtete man im Lager der Scuderia, dass die Gummis vorher einbrechen. „Mercedes hatte nichts zu verlieren. Sie konnten es also mit dieser mutigen Taktik versuchen“, bedauerte Sebastian Vettel. „Es war eine Reise ins Ungewisse. Richtig daran geglaubt, dass es funktioniert, haben sie wohl selbst nicht. Sonst hätten sie Valtteri auf die gleiche Taktik gesetzt. Aber er ist mit mir draußengeblieben, um es auch sicher mit einem Stopp ins Ziel zu schaffen.“

Teamchef Toto Wolff erklärte, was am Ende den Ausschlag für die Risiko-Taktik gab: „Wir mussten einfach etwas anders machen. Wir waren aber alles andere als überzeugt, dass es funktioniert. Wir haben am Renault von Daniel Ricciardo gesehen, dass er mit den harten Reifen nicht langsamer wurde und immer weiter persönliche Bestzeiten fuhr.“ Überzeugt werden musste auch der Pilot, der immer wieder besorgt über Funk nachfragte, ob sich die Strategen ihrer Sache sicher seien. „Unser Chefstratege James Vowles war der einzige, der überzeugt war, dass es funktioniert. Er hat mit seiner Strategie-Abteilung eine tolle Arbeit geleistet“, so Wolff.

Die Frage im Mercedes-Lager lautete nicht nur, ob Hamilton mit einem Stopp über die Runden kommt, sondern auch ob Vettel im Finale mit frischen Reifen nicht die besseren Karten haben würde. Doch am Ende kam der zehnte Saisonsieg nicht mehr in Gefahr. „Ich habe am Ende immer gehofft, dass ich irgendwann aufschließen und einen Angriff starten kann. Aber auf dieser Strecke ist das Überholen besonders schwer“, erklärte Vettel. „In der dünnen Höhenluft produzieren die Autos nur wenig Abtrieb. Außerdem bietet der Asphalt kaum Grip. Sobald man einem anderen Auto zu nahe kommt, beginnt man zu rutschen. Und dann ist Lewis heute auch noch fehlerlos gefahren. Er hat sich die Reifen gut über die Distanz eingeteilt. Wir waren einfach nicht schnell genug.“

Charles Leclerc - GP Mexiko 2019
Motorsport Images
Leclerc und Albon setzten früh auf eine Zweistopp-Strategie, was sich als Fehler herausstellte.

Warum hielten die Reifen länger als erwartet?

Mexiko ist für Pirelli immer ein ganz besonders heikles Pflaster. Die Piloten klagen stets über den mangelnden Grip im Autodromo Hermanos Rodriguez. Die Anlage wird im restlichen Jahr kaum für Rennveranstaltungen genutzt. Entsprechend dreckig ist der Untergrund. In der dünnen Luft produzieren die Autos zudem kaum Abtrieb und verlieren deshalb schnell die Haftung. Dazu kommen noch die verhältnismäßig kühlen Temperaturen und regelmäßige Regengüsse, die neue Gummischichten schnell wieder abspülen. Das Ganze ist der ideale Mix, der das sogenannte Körnen auslöst. Dabei wird die Lauffläche wie bei einem Radiergummi abgelöst. Irgendwann ist kein Gummi mehr da und die Autos müssen an die Box.

Doch während die Piloten in den Freien Trainings noch extrem unter dem „Graining“ zu leiden hatten, war davon am Sonntag nichts mehr zu sehen. Plötzlich wurden extrem lange Stints möglich – selbst auf den Medium-Reifen, die am Freitag höchstens 20 Runden durchhielten. „Das war wohl für alle eine große Überraschung“, erklärte Red-Bull-Sportchef Helmut Marko. „Dabei hat es gestern Nacht noch wie verrückt geregnet. Ich habe keine Ahnung, warum es plötzlich anders war.“ Im Mercedes-Lager vermutet man, dass es mit den Temperaturen zu tun haben könnte. Am Renntag hatte sich der Asphalt auf bis zu 44°C aufgeheizt. In den Trainings wurden nie mehr als 36°C gemessen.

Der Fahrer, der am längsten auf einem Reifensatz aushielt, hieß Max Verstappen. Nach seinem Plattfuß in Runde fünf blieb der Red-Bull-Pilot 66 Runden auf dem Satz harter Reifen draußen. „Wir wollten ihn eigentlich noch einmal reinholen. Aber seine Rundenzeiten wurden nicht schlechter“, erklärte Teamchef Christian Horner verblüfft. „Die maximale Laufleistung, die wir dem Reifen vor dem Rennen zugetraut hatten, lag deutlich darunter.“

Max Verstappen - GP Mexiko 2019
Motorsport Images
Der Reifenschaden ließ Verstappens Träume vom Mexiko-Hattrick zerplatzen.

Was lief bei Red Bull schief?

Bei Red Bull wurde man nicht nur von der Haltbarkeit der Reifen überrascht. Max Verstappen machte sich durch einige unglückliche Aktionen auch noch selbst das Leben schwer. Es begann schon mit dem Ignorieren der gelben Flaggen nach dem Bottas-Crash im Qualifying. Die Rückversetzung von der Pole Position auf Startplatz vier sorgte dafür, dass er sich in der ersten Kurve mit Lewis Hamilton herumschlagen musste. Keines der beiden Alphatiere wollte dem anderen so richtig Platz lassen und so kam es zur Kollision und einem anschließenden Ausritt über die Wiese.

„Mit unserem Pace-Vorteil hätte Max aber immer noch um den Sieg fahren können. Doch dann kam leider der Plattfuß dazu, der ihm das Rennen komplett kaputtgemacht hat“, klagte Horner anschließend. Valtteri Bottas hatte dem Holländer nach dessen Überraschungsangriff im Stadion den Reifen aufgeschlitzt. „Da hätte Bottas etwas besser aufpassen können“, ärgerte sich Marko. Bottas sah sich keiner Schuld bewusst. „Max war so schnell da. Ich konnte mich nicht in Luft auflösen und nicht mehr ausweichen.“

Verstappen zeigte bei seiner Aufholjagd auf Platz sechs, wie stark die Pace des Red Bulls war. Auch das Schwesterauto von Alexander Albon wäre ein Kandidat für den Sieg gewesen, doch der Thailänder wurde auf die falsche Strategie gesetzt: „Wir wollten Lewis mit einem Undercut durch den Wechsel auf Medium-Reifen unter Druck setzen. Ferrari hat ja mit Leclerc das gleiche gemacht. Zu diesem Zeitpunkt erschien uns das als die schnellste Strategie-Variante“, begründete Horner die Entscheidung. „Doch im Laufe des Rennens wurde klar, dass die Reifen deutlich weniger Verschleiß zeigen als berechnet. Im Nachhinein hätten wir natürlich auf den harten Reifen gehen sollen. Das hätte uns die Option eines Einstopp-Rennens gegeben.“

Nico Hülkenberg - GP Mexiko 2019
Motorsport Images
Hülkenberg schleppte sich mit seinem beschädigten Heck noch ins Ziel.

Warum präsentierte sich Renault so stark?

Im Lager von Renault war nach der Japan-Disqualifikation und dem verpatzten Qualifying die Laune im Keller. Auch für das Rennen lagen die Aussichten alles andere als gut. Nico Hülkenberg und Daniel Ricciardo starteten mit einem suboptimalen Setup und Motorenproblemen in die 71 Runden. Doch dann arbeitete sich das Duo immer weiter nach vorne. „Das schlechte Qualifying war am Ende unser Glück“, erklärte Teamchef Cyril Abiteboul. „Dadurch hatten wir eine freie Reifenwahl.“

Ricciardo erinnerte sich an seine erfolgreiche Suzuka-Strategie und startete auf den harten Reifen. Mit konstant schnellen Runden konnte der Australier den Boxenstopp unerwartet bis Runde 50 hinauszögern. Am Ende hätte es beinahe noch gereicht, Sergio Perez von Platz sieben zu verdrängen. Doch wegen eines Verbremsers bei der Attacke auf den Mexikaner und der Fahrt durch die Wiese musste er sich am Ende mit Platz acht zufrieden geben.

Teamkollege Hülkenberg entschied sich für den Start auf Medium-Reifen. Um Attacken der Konkurrenz abzuwehren, wurde er schon in Runde 18 an die Box geholt, was ein Fehler war. Der Schlussstint auf harten Reifen war damit noch länger als der von Hamilton. In der letzten Kurve wurde Hülkenberg dann auch noch von Daniil Kvyat abgeschossen. „Meine Reifen waren komplett am Ende. Er hätte mich auf den letzten Metern zur Ziellinie locker ausbeschleunigt“, schüttelte Hülk mit dem Kopf. Kvyat kassierte für das Foul eine 10-Sekunden-Strafe, die den Russen aus den Punkten und Hülkenberg wieder in die Punkte spülte.

Lando Norris - GP Mexiko 2019
Motorsport Images
Lando Norris wurde von seinen Mechanikern einmal rückwärts durch die Boxengasse geschoben.

Was lief bei den Boxenstopps schief?

Gleich mehrere Piloten fielen in Mexiko mit verpatzten Boxenstopps auf. Die kurioseste Slapstick-Einlage hatte McLaren zu bieten. Lando Norris wurde nach seinem Reifenwechsel kurz vor dem Boxenausgang per Funk gestoppt. „Leider wurde die Radmutter vorne links verkantet auf das Gewinde gesetzt“, erklärte Teamchef Andreas Seidl den Fauxpas. Die Mechaniker mussten das Auto zurück zur Garage rollen, wo die Räder noch einmal nachgezogen wurden. Das Ganze dauerte so lange, dass sich der Pilot eine Runde Rückstand einhandelte. In Monza hatte McLaren beim Auto von Carlos Sainz schon einmal ein ähnliches Problem. „Damals haben wir es aber nicht geschafft, ihn vor dem Boxenausgang zu stoppen. Es ist also schon eine Verbesserung“, übte sich Seidl in Galgenhumor.

Auch bei Alfa Romeo war Stress in der Boxengasse angesagt. Als Antonio Giovinazzi in Runde 21 zum Reifenwechsel kam, rutschte das Auto vom Wagenheber, noch bevor die neuen Pneus befestigt waren. Als der Pilot dann endlich losfahren wollte, blieb auch noch die Markierung der Boxenstopp-Zone vor der Garage an den aufgeheizten Gummis kleben. „Das Ganze hat uns insgesamt 20 Sekunden gekostet“, fluchte Teamchef Frederic Vasseur. „Dadurch ist Antonio früh in die Überrundungen gekommen und sein Rennen war gelaufen.“

Bei Ferrari wird man bis zum nächsten Rennen in Austin ebenfalls noch einmal ausgiebig Boxenstopps üben. Charles Leclerc verbrachte bei seinem zweiten Stopp mehr als doppelt so viel Zeit wie gewöhnlich bei seinen Mechanikern. Eine genaue Erklärung dafür, warum sich die Radmutter hinten rechts nur schwer anziehen lassen wollte, hatte man im Scuderia-Lager nach dem Rennen aber noch nicht parat.

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