Charles Leclerc - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 30. Juni 2019 Motorsport Images

Rennanalyse GP Österreich 2019

Doppeltes Glück für Verstappen

Max Verstappen musste fast dreieinhalb Stunden warten, bis die FIA-Kommissare seinen Österreich-Sieg bestätigten. Aber hätte der Holländer nicht eigentlich eine Strafe verdient? Wir beantworten die wichtigsten Fragen in der Rennanalyse.

Warum bekam Verstappen keine Strafe?

Die Stimmung im Fahrerlager von Spielberg erinnerte nach dem Rennen fast ein wenig an Montreal. Drei Wochen zuvor hatte Sebastian Vettel durch eine Fünf-Sekunden-Strafe einen verdienten Sieg verloren. Nun drohte Max Verstappen das gleiche Schicksal. Paragrafenreiter kramten das Regelbuch hervor. Darin heißt es, dass man einem Gegener im Zweikampf eine Wagenbreite Platz lassen muss. Doch die Zeitlupen, die in Endlosschleife auf den Monitoren abgespielt wurden, zeigten deutlich, dass Charles Leclerc auf der Außenbahn neben die Piste gedrängt wurde.

„Das Reglement ist ganz klar. Verstappen hat die Kollision verursacht und er hat Charles neben die Strecke gezwungen“, erklärte Ferrari-Teamchef Mattia Binotto vor der Urteilsverkündung siegesgewiss. Sein Red-Bull-Kollege Christian Horner sah die Situation wenig überraschend etwas anders: „Schon in der Bremszone wurde Charles schachmatt gesetzt. Max lag am Scheitelpunkt vorne. Damit gehört die Kurve ihm. Charles hatte nur noch die Option zurückzuziehen und innen zu kontern. Er blieb aber außen dran und musste dann logischerweise neben die Strecke.“

Die FIA-Kommissare nahmen sich lange Zeit für die Entscheidung. Erst drei Stunden und zehn Minuten nach der Zieldurchfahrt stand das Urteil fest. „Wir mussten ja erst einmal die Podiumszeremonie abwarten. Und die Fahrer hatten noch ihre Pressetermine zu absolvieren. Deshalb begann die Befragung erst sehr spät“, entschuldigte Rennleiter Michael Masi. Mehr als eine Stunde saßen die Beteiligten mit den vier FIA-Kommissaren zusammen, um ihre Standpunkte auszutauschen. Am Ende wurde zu Gunsten von Red Bull entschieden. Keine Strafe lautete das Urteil.

Leclerc & Verstappen - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 30. Juni 2019
xpb
Bei Ferrari und Red Bull bewertete man das Duell um den Sieg unterschiedlich.

In der Begründung wurde Verstappen zugutegehalten, dass er sein Auto trotz des späten Bremspunktes stets unter Kontrolle hatte und sich nur auf den Scheitelpunkt der Kurve konzentrierte. Als Präzedenzfall wurde das Duell zwischen den beiden Mercedes-Piloten Lewis Hamilton und Nico Rosberg in der Saison 2016 als Maßstab genommen. Rosberg hatte damals eine Zeitstrafe kassiert. „Er hatte sich aber nur auf seinen Gegner konzentriert“, erklärt Masi. Im Fall Verstappen vs. Leclerc entschieden die FIA-Richter, dass kein Fahrer für die Kollision die Hauptverantwortung trug. Beide steuerten parallel durch die Kurve, am Ende ging einfach der Platz aus. Es war somit ein normaler Rennunfall.

Die zweite heikle Entscheidung zu Ungunsten von Ferrari innerhalb kurzer Zeit wurde im Scuderia-Lager natürlich mit wenig Begeisterung aufgenommen. „Wir halten das Urteil für falsch. Wir verzichten dieses Mal aber auf einen Protest, im Sinne des Sports“, erklärte Binotto mürrisch. Im Red-Bull-Lager war die Freude dagegen groß: „Wir haben aber auch nichts anderes erwartet. Tom Kristensen und seine Stewards haben absolut die richtige Entscheidung getroffen. Es war hartes, aber faires Racing. Das wollen wir doch in der Formel 1 sehen“, so Horner.

Warum war Verstappen doppelt im Glück?

Verstappen kam nicht nur bei seinem Duell mit Leclerc um eine Strafe herum. Auch am Start hätte der Holländer schon ins Visier der Kommissare kommen müssen. Das Auto mit der Startnummer 33 stand mit den Vorderrädern auf der weißen Begrenzungslinie seiner Startbox. Eigentlich müssen die Autos innerhalb des nach hinten offenen Rechtecks parken. Bei Haas-Pilot Kevin Magnussen wurde in Spielberg hart durchgegriffen. Der Däne kassierte eine Durchfahrtsstrafe, weil er sein Auto nicht richtig positioniert hatte.

Rennleiter Masi erklärt, was passiert war: „Magnussen rollte während der Startprozedur ein Stückchen nach vorne, bevor die Lichter ausgingen. Damit wurde der Sensor unter dem Auto ausgelöst und wir haben eine Meldung bekommen.“ Im Falle von Verstappen gab es keinen Alarm, weil die Sensoren nur auf Bewegung reagieren. Der Red Bull stand zwar einen Tick zu weit vorne, bewegte sich aber nicht mehr. So kam Verstappen um eine mögliche Strafe herum.

Vielleicht half dem Holländer auch die Tatsache, dass er den Start komplett verpatzt hatte. Beim Signal zum Losfahren gingen plötzlich die Drehzahlen in den Keller. Nur das Anti-Stall-System verhinderte ein Absterben des Motors. „Wir haben wohl die Kupplung etwas zu spitz eingestellt“, grübelte der 21-Jährige. Teamchef Horner nahm seinen Piloten in Schutz. „Das war ein technisches Problem, Max konnte nichts dafür.“

Max Verstappen - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 30. Juni 2019
Red Bull
Red Bull konnte die unglaubliche Pace von Verstappen auch nicht ganz erklären.

Warum war Red Bull plötzlich so stark?

Trotz des verpatzten Starts, der Verstappen von Position zwei auf sieben zurückwarf, konnte der Vorjahressieger am Ende erneut triumphieren. „Vor allem nach dem Boxenstopp schien unser Auto zu fliegen“, strahlte der Sieger. Teamchef Horner verfolgte die Gala-Vorstellung ungläubig von der Boxenmauer: „Nach der ersten Runde haben unsere Prognosen gesagt, dass es vielleicht noch für Platz vier reichen könnte. Mit viel Glück wäre vielleicht ein Podium drin. Und dann überholte Max ein Auto nach dem anderen.“

Mercedes war wegen starker Überhitzungsprobleme und dem Frontflügel-Bruch am Auto von Hamilton (Runde 27) an diesem Tag kein Gegner. Aber auch ein Ferrari in Bestform konnte Red Bull in Spielberg nicht aufhalten. Was die plötzliche Leistungsexplosion auslöste, konnte selbst Horner nicht sagen: „Ehrlich gesagt wissen wir auch nicht genau, warum Max so unglaublich schnell war. Er hat seine Reifen behutsam angefahren. Als er den Hammer fallen ließ, ging die Post ab. Sicher haben die Upgrades, die wir in den letzten Rennen gebracht haben, hier gut gearbeitet. Wir mussten aber drei schnelle Autos auf der Strecke überholen. Deshalb schmeckt dieser Sieg noch besser als der im Vorjahr.“

Was lief bei Vettels Boxenstopp schief?

So gute Chancen auf einen Sieg wie in Spielberg hatte Ferrari lange nicht. Doch am Ende stellte man sich wieder selbst ein Bein. Als Sebastian Vettel in Runde 21 zum ersten Stopp kam, lagen die Reifen noch nicht bereit. Der Wechsel der Gummis dauerte drei Sekunden länger als üblich. Der Heppenheimer kam auf der Strecke direkt hinter Pierre Gasly und Kimi Räikkönen raus, was zusätzlich Zeit kostete.

Weil am Ende nur sechs Zehntel auf den drittplatzierten Valtteri Bottas fehlten, war Vettel der Ärger nach dem Rennen anzumerken: „Wir hätten es vom Speed her sicher verdient, mit beiden Autos aufs Podium zu fahren. Aber dafür haben wir dieses Wochenende einfach zu viele Fehler gemacht.“ Warum beim Boxenstopp die Reifen nicht parat lagen, erklärte Teamchef Binotto nach dem Rennen: „Unser internes Funknetz war kurz ausgefallen. Wir konnten den Mechanikern nicht sagen, dass Sebastian zum Stopp kommt.“

Sebastian Vettel - Formel 1 - GP Österreich - Spielberg - 30. Juni 2019
xpb
Ferrari hatte die Pace, beide Autos aufs Podium zu bringen.

Auch bei Charles Leclerc schien nicht alles perfekt zu laufen. Hier lag es vor allem am Timing des Boxenstopps. Der Monegasse wurde schon in Runde 22 zum Gummi-Service gerufen. Verstappen hingegen wartete bis Runde 31, was ihm im Schlussspurt deutlich frischere Reifen verschaffte. War der frühe Stopp etwa eine Folge des freiwilligen Starts auf der weichen Mischung? Binotto verteidigte seine Strategen: „Die Reifen von Charles waren beim Stopp noch völlig in Ordnung. Unsere Reifen-Entscheidung im Qualifying war also richtig. Wir mussten aber früher als geplant reinkommen um auf Bottas zu reagieren und die Position abzusichern.“

Der Blick auf die Rundentabelle unterstützt diese Aussage nur bedingt. Leclerc hatte vor dem Stopp immerhin 4,6 Sekunden Vorsprung vor Bottas. Und der Finne war nach seinem Reifenwechsel nicht viel schneller als vorher. Mit etwas mehr Ruhe hätte Ferrari also noch etwas warten und den eigenen Stopp herauszögern können. Dann wäre Leclerc im Finale gegen Verstappen sicher besser aufgestellt gewesen.

Warum sollte Norris auf Ricciardo warten?

Ein McLaren-Funkspruch sorgte während des Rennens von Spielberg für Erheiterung bei den Zuschauern. Lando Norris wurde aufgefordert, dem Renault von Daniel Ricciardo nicht zu weit wegzufahren. „Halt ihn im DRS-Fenster!“, bekam der Rookie als Ansage. Der Youngster reagierte verdutzt: „Für wie lange? Etwa für immer?“ Hinter dem auf den ersten Blick etwas komischen Befehl steckte allerdings eine clevere Strategie. „Wir wollten, dass Daniel DRS aktivieren kann, damit er auf der Geraden schneller ist und Pierre Gasly, der dahinter lag, nicht so leicht vorbeikommt“, erklärte Teamchef Andreas Seidl.

Weil Ricciardo noch zu seinem Boxenstopp abbiegen musste, war nicht der Renault sondern der zweite Red Bull der eigentliche Gegner für McLaren. Am Ende hielt Norris seinen Verfolger locker in Schach. Am Kommandostand von McLaren hoffte man sogar kurzzeitig, dass der auch noch der vom letzten Platz gestartete Carlos Sainz eine Attacke auf Gasly starten kann. „Kurz vor Schluss hat sich Carlos aber leider den Frontflügel beschädigt. Da ging es dann nur noch darum, Platz acht ins Ziel zu retten“, erklärte Seidl.

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